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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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7. Feindes Hand

War er so verwaist, so heimatlos, wie er sich in dem Augenblick dünkte? War Friedrichs Feldlager, seine zweite Heimat, untergegangen, waren seine Hoffnungen tot, der wunderbare Wohltäter ihm verschwunden, war die nicht mehr, deren teure Versicherungen auf seiner Brust ruhten? Und er war doch noch reich, er hatte ein Vaterland, das er liebte, einen König, den er vergötterte, teure Angehörige, deren Zuneigung er sich errungen, eine Geliebte, die, den Stolz überwindend, bekennt, daß sie ohne ihn nicht leben kann, er hatte selbst ein stolzes Bewußtsein; er war jung, gesund, kräftig, und was der Leichenstein ihm hier als verloren nannte, das hatte er ja längst nicht mehr besessen – die teure Mutter und den Glauben an sein Vaterhaus.

Er sprang auf und drückte die Hand aufs Auge, er schüttelte den Nachttau vom Rock und die Träume von seiner Seele. Was wollte er noch in Berlin? – Ein Mann sein. Der Augenblick mußte lehren, wie er zu handeln hatte; er war es seinem König, seiner Sache, sich selbst schuldig. Die bitteren Empfindungen, die er zu verwinden hatte, durften keinen Moment ihn an dem hindern, was er Pflicht nannte.

Ohne Schwierigkeit kam er mit den Marktleuten durch das Tor. Vor zwei Jahren hatte er die Österreicher verlassen, um sie heute beim ersten Schritte durch das Tor seiner preußischen Vaterstadt wiederzufinden! Nicht so ruhig, wie sie hier im nicht mehr bestrittenen Besitz dieser Torwache standen, zeigten sie sich auf den Straßen. Ihre Unzufriedenheit, daß ihnen die Russen zuvorgekommen waren, daß diese allein oder doch zum größten Teil die ausgeschriebene Kontribution erhalten sollten, sowie über die zu gelinde Kapitulation sprach sich bei den Gemeinen wie bei den Befehlshabern laut aus. Man murrte, schimpfte auf Tottleben, indes Verwegenere bereits in einzelne Häuser drangen, sich nach einer Befriedigung umzusehen, welche ihnen die Kapitulation nie gewähren konnte. Doch boten ihnen die Wohnungen der armen Weber in diesem Stadtteil die wenigste Entschädigung dafür.

Konnte Stephan noch lächeln, als er über den runden Platz am Halleschen Tore ging und auf den Mittelstein trat, von dem die Reihen der Pflastersteine in langen Radien wie Sonnenstrahlen ausliefen? Wie oft galt es hier einen Wettlauf mit seinen Spielgenossen, wer zuerst darauf stände! Lauter war der Tumult, drängender das Gewühl gegen die Mitte der Stadt zu. Ordonnanzen sprengten umher; die Kosaken ritten auf dem Bürgersteig. Wo war die Reinlichkeit hin, wo die strenge Polizeiordnung, welche Friedrich Wilhelm mit unerbittlicher Strenge aufrechterhalten hatte? Die Bänke und Tische der Branntweinschenken wurden auf die Straßen getragen, man biwakierte auf den Plätzen, überall zusammengestellte Waffen, zusammengekoppelte Pferde, aufgefahrene Kanonen, Wachtfeuer; die schöne Königsstadt war in ein Lager verwandelt. Der Siegesübermut wußte nicht, wie er sich genug Luft machen sollte.

Die Erhitzung zwischen den Befehlshabern der beiden Völker sprach sich schon deutlich aus. Lascys wütendes Gesicht drängte sich durch das Gefolge des russischen Feldherrn, und seine Augen sprühten Feuer gegen Tottleben, welcher keinen Augenblick über der Würde des Kriegers die feine Sitte des Weltmannes vergaß. Es gab hier Stürme, die abgeschlagen wurden und doch, stündlich heftiger, endlich drohten zum Ziel zu führen. Mitten unter den bärtigen, sonnverbrannten Gesichtern der Russen und Slavonen, unter den Federhüten und behängten Bärenmützen, die auf die Schädel treuer Söhne des österreichischen Vaterlandes und glücklicher Abenteurer drückten, sah man die gestickten Atlasröcke der Berliner Magistratspersonen. Ihre Rücken waren geschmeidig, ihre Zungen beredt, ihre Blicke traurig, auf ihren Brauen aber doch der Stolz, den auch der Besiegte nicht verleugnet, wenn er ein Recht hat, stolz zu sein.

Mit unermüdlicher Tätigkeit sah man einen Mann unter diesen Abgeordneten der Stadt ab und zu kommen, kein Achselzucken des russischen Generals, keine Drohungen des Österreichers schreckten ihn zurück. Er wußte sich einen Weg zu bahnen durch die Schultern und Rücken der Adjutanten, selbst durch die Kolben der Grenadiere; wo nicht seine Überredungskunst und der wohlwollende Ton und Blick des redlichen Mannes, da half das Gold, das er mit uneigennütziger Großmut für das Wohl seiner Vaterstadt spendete. Es war der edle Bürger, der reiche Kaufmann, der große Fabrikherr Gotzkowsky, ein Patriot wie wenige, der seine großen Mittel würdig und wirkungsvoll zum Besten seines Königs, seines Vaterlandes, seiner Mitbürger verwandte. Gotzkowsky hat sich mit dem Opfer seines ungeheuren Vermögens einen Platz in der Geschichte erkauft, die Dankbarkeit der Mitwelt hat ihn nicht belohnt; er starb, man sagt, gebrochenen Herzens; daß sein Vermögen zerronnen war, soll ihn nicht am tiefsten gedrückt haben.

Stephan hatte ungehindert bis zum Abend die Stadt durchlaufen; er mochte in jeder Straße, auf jedem Platze gewesen, jedes Haus angestarrt haben; nur von dem einen Hause, von der einen Straße hielt ihn ein Etwas ab. O, wie anders hätte es ihn zu anderer Zeit ergriffen, die Fahnen der Feinde in der teuren Stadt seines Königs zu sehen, wie hätte der österreichische Zapfenstreich, der eben aus dem Schloßportal kam, sein Ohr verwundet; das Berlin war aber nicht mehr sein Berlin. Er war im Traume in der Residenz seines Königs, in der Stadt, wo er erzogen; es mochte alles ja wieder wie ein Traum verschwinden! Er hatte gehört, daß die Preußen sich nach Spandau zurückgezogen hätten, er hatte gesehen, wie man Gewalt übte, Geiseln herbeischleppte, wie die Kontributionsforderungen sich mehrten, wie man Fabriken und Magazine erbrach, verwüstete, die Waffen der Bürger einforderte, um sie zu verbrennen, er sah, übermüdet auf dem Strohlager niedersinkend, das er den Kosaken abgebettelt hatte, wie sie mit preußischen Wappenschildern das Feuer anfachten, das sie vor der Nachtkälte schützen sollte. Ein Laut des Schmerzes entfuhr ihm, als der schwarze Adler auf dem weißen Schilde brach, doch nur ein »Ach«. Dann zog er die Mütze über den Kopf und hüllte sich in den Mantel, den der Kosak ihm gegen ein Geldstück für die Nacht abgetreten hatte, und überließ die Linderung seines Schmerzes dem Sorgentöter Schlaf, der schnell seine lang vorenthaltenen Rechte ausübte.

Gestärkt, frisch und mutig stand er auf, ließ dem Kosaken den Mantel zurück und machte sich auf den Weg. Noch schienen auch Sieger und Besiegte zu ruhen, er stieß nur auf einzelne Reiter, Schildwachen, Boten, Milchverkäuferinnen. Er trat in eine Straße, die er gestern nicht berührte, er trat vor ein Haus, zu dem niemand ihm den Weg gewiesen, und er hatte ihn doch in zwanzig Jahren nicht vergessen. Die Fensterläden waren geschlossen, Spinnweben überzogen die Kellerlöcher, und das Gras drängte sich durch die Ritzen der steinernen Stufen. Die Tür war zu, doch steckte der Schlüssel von innen, also war das Haus bewohnt, aber wie er auch das Ohr anlehnte, es war totenstill darin. Niemand atmete mehr in dem Hause, das seinem Herzen teuer war, aber es schlief etwas darin, mehr als ein lebendes Wesen, ein Geheimnis, und er zitterte, es durch den Klopfer zu wecken. Wie oft hatte er gestanden wie jetzt, wie oft mit gepreßtem Atem gehorcht, ob es die Treppe herunter-, den Flur heraufkam, wie oft die Schwelle verflucht, weil seine Sohlen daran klebten, wenn er in Todesangst entfliehen wollte – ach, immer nur im Traum, heute stand er wirklich, lebendig, wachend auf dieser Sandsteinschwelle, an der braun angestrichenen Eichentür, er hielt den stählernen Klopfer gefaßt und wagte nicht anzuschlagen.

Es kamen zwei Leute die einsame Straße herauf, beide alt, beide strengten sich an, schnell zu gehen. Es bedurfte nicht seines Scharfblickes, um in dem einen den Mann zu erkennen, der ihm bis jüngst noch als Vater galt. Auch der Mann neben ihm war ihm nicht ganz unbekannt, denn zwanzig Jahre hatten nicht den alten Stadtphysikus, der ihm und dem Bruder manches Loch im Kopfe hatte verbinden müssen und alle Monate die Mutter zur Ader ließ, nicht so umgewandelt wie die Stadt, in deren Dienst der Mann gestanden hatte. Die alten Männer lenkten ihre Schritte quer über den Fahrweg nach dem Hause. Jetzt mußten sie ihn sehen. Der Doktor kicherte aus seiner heiseren Brust und zeigte mit dem langen Rohrstock nach ihm. Stephan mochte, er konnte ihnen jetzt nicht entgegentreten. Das Blut stieg ihm zu Gesicht, die Pulse stockten. Er ließ den Drücker los, sprang die Schwellenstufen herab, und erst an der Ecke, als es zu spät war, schämte er sich und wollte umkehren. Die Tür aber schlug eben zu, und der Schlüssel wurde umgedreht.

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