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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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6. Der Kirchhof

Ein Kastellan oder Verwalter des Schlosses trat am Morgen zu dem Gefangenen ins Zimmer und richtete an ihn die ihm seltsam dünkende Frage, was denn aus ihm werden sollte.

»Ich bin ein Gefangener«, entgegnete Stephan.

»Ja, von wem denn?«

»Der Russen.«

»Die sind abgezogen. Ihretwegen kann der Herr frei passieren, wohin es ihm beliebt, und mir hat man keine Verhaltungsbefehle gelassen. Was ist denn überhaupt viel zu befehlen, wo nichts geblieben ist?«

»Abgezogen?« rief Stephan auffahrend. »So ist Berlin gerettet?«

Der Verwalter zuckte die Achseln.

»Gestürmt? Sag' Er!«

Mit derselben Bewegung sagte der Verwalter: »Es kam nicht dazu, was für die Stadt eine Wohltat ist.«

»Hat Hülsen, der Württemberger, kapituliert?«

»Nein, wie ich vernehmen konnte aus der buntscheckigen Unterhaltung, haben sie sich in den Schanzen verteufelt geschlagen. Aber dieweil ihrer doch zu wenig waren, um eine Schlacht zu riskieren, und man die schöne Residenz keinem Bombardement oder gar einem Sturm aussetzen wollte, so haben sie sich mit Kanonen und Bagage nach Spandau salviert. Die Stadt hat dann kapituliert.«

Stephan fuhr mit der Faust gegen die Stirn.

»Ja, das hat sich wohl, lieber Herr! Wenn die Generäle drinnen nur ein bißchen Wind gehabt hätten, daß Seine Majestät, unser allergnädigster König, im Anzüge sind, so war's auch anders gekommen. Was ich so abkriegte von den Redensarten der fremden Herrschaften, da munkelte es stark davon.«

Der Kastellan wußte nicht, was es zu bedeuten hatte, als Stephan in stummem Schmerz sich auf die Matratze niederwarf und den Kopf im Kissen verbarg. Doch hielt jener sich für befugt, ihn beim Abschied zu warnen, damit er den Weg nach Berlin vermied, denn wenn er sich nicht sehr irre, sagte er kopfschüttelnd, blühe jemandem, wie ihm, dort kein Weizen. »Wenigstens«, flüsterte er noch am Tore ihm ins Ohr, »schneiden Sie den Bart besser ab und setzen eine Perücke auf, denn der Preuße läßt sich nicht so leicht verstecken. Gott erhalte den König!«

Stephan mochte ihn auch nicht verstecken. Gewissermaßen stolz auf diesen gefährlichen Gruß, schlug er die Berliner Straße ein. Der Gedanke, ein Märtyrer zu werden, war ihm nicht peinlich; führte es ihn ins Verderben, so dünkte es ihn, er könne damit seine Schuld sühnen. Die Straße war geräuschvoll, mehr von Landleuten, die nach einer lange gesperrten Zufuhr zu Markt und zur Lieferung fuhren, als von Soldaten. Doch wurde sie hier und da von nachziehenden Kanonen und Bagagewagen verstopft, und Nachzügler von Russen und Kroaten drängten sich mit allem Übermut des Siegers durch die Landleute. Die Hast nach Beute, guten Quartieren und den Lüsten der Hauptstadt trieb die Marodeure zur Eile an, was vielleicht ein Schutz für so manche auf dem Wege dahin wurde.

Ungefähr in der Mitte des Weges nach Berlin durchschneidet ein langer Sumpf den Wald und die Straße. Auf der Brücke, welche die damals durchbrochene Straße verband, war eine große Anzahl Menschen zusammen, auch einige Wagen hielten, und die Blicke folgten dem Zeigefinger eines Mannes, der von den Heldentaten einiger preußischer Infanteristen an dieser Stelle Auskunft gab.

»An der Fichte da, sehen Sie, wurden sie eingeholt von den Kosaken. Nun gilt's auf die Brücke zu retirieren; sie hätten aber besser getan, alle gleich ins Schilf zu springen. Dort an dem Stein stürzte der erste von ihnen, die Pike fuhr ihm gerade in den Nacken. Nun waren's noch drei auf der Brücke. Einmal schossen sie ihre Musketen ab, und zwei Kosaken stürzten. Als die anderen aber einen Anlauf nahmen, war's zu spät zum Laden. Nun schlugen sie mit den Kolben drein, kreuz und quer ...«

Der Andrang von hinten trieb auch jetzt die Zuschauer von der Brücke weiter. Sie kamen über die ausgebreiteten Wiesen, welche rechts nach Treptow und der Spree, links nach dem böhmischen Dorfe Rixdorf sich hinziehen. Doch versperrte sich am Schlesiscfaen Tore dergestalt der schmale Weg, daß ihnen schon viele entgegenkamen, welche, um dem Getümmel zu entgehen, den Umweg längs der Mauer nach dem Halleschen Tore vorzogen. Auch hier kündigte sich ihnen ein Hindernis an, ein unerwartetes. Die wirbelnden Trommeln, die donnernden Kommandoflüche, Bajonettgeklirr, wilde Hurrarufe, in die sich einzelne Schüsse mischten, weckten in dem träumerisch mit der Menge ziehenden Stephan zuerst die täuschende Hoffnung, Berlin sei doch noch nicht verloren, man leiste noch Widerstand. Mächtig schlug das Herz, bei den Seinigen zu stehen, als ein beleibter Bürger mit Mund und Armen die Andrängenden zurückhielt:

»Zurück, zurück, meine Landsleute, ich danke meinem Gott, daß ich hindurch bin. Sie schlagen sich, als ob's gottsmörderliche Feinde wären ...« Man fragte, wer.

»Österreicher. Der grausame Lascy ist wie toll, daß die Russischen ihm zuvorgekommen sind. Er will absolut die Wache am Halleschen Tore haben. Sie sind schon mit den Bajonetten aneinander; die Kroaten schlagen noch die Russen tot, die nicht beizeiten Platz machen. Für uns ist nichts dabei zu holen, liebe Freunde, als Malheur.«

Der Augenschein bestätigte es. Der Staub wirbelte dicht auf, man trug Verwundete beiseite. Doch verriet sich bei den Bürgern, wenn hier von Parteinehmen die Rede sein konnte, mehr Teilnahme für die Russen. Sie waren ja nur Hilfstruppen der erbitterten Feinde, und man lobte die Stadt- und Militärbehörden, sich auf Kapitulation den Russen ergeben zu haben, ehe die Österreicher ankamen. Die Bedingungen, die man sich mitteilte, waren für die Umstände gelind. »Wenn sie nur gehalten werden«, sprach der eine zum anderen mit bedenklicher Miene.

Wie ganz anders sollte sein Eintritt in die Vaterstadt sein, als Stephan ihn sich vorgestellt hatte! Immer hatte ihm vor Augen geschwebt ein stiller, feierlicher Sonntagnachmittag, die Straßen waren reingefegt, von den Kirchtürmen läutete es, und die geputzten Kirchgänger kamen, die silberbeschlagenen Gesangbücher in der Hand, langsam dahergezogen. Andächtige Blicke, ehrsame Tritte, nur hier und da schlug man verstohlen ein Auge auf nach dem gebräunten Fremdling, auf dessen Antlitz es ja geschrieben stehen mußte, daß er aus Berlin fortgelaufen war ... Und der Zufall hatte ihn wieder nach dem Tore geführt, aus dem er einst davongegangen war, aber wo war der Sonntag, wo der Friede, wo die Stille? Die Glocken von den Kirchtürmen schlugen, aber der Klang verhallte unter dem tobenden Geräusch. Er sah nur ängstliche Gesichter aus den verschlossenen Läden hervorblicken, übermütige Soldaten auf den Straßen, betrunkene Weiber, Karren, Kanonen, zusammengestellte Gewehre und Wachtfeuer.

Er lenkte seine Schritte um. Bei dem bewaldeten Höhenzuge, der den Tempelhofer Berg mit der Hasenheide verbindet – ein Platz, der so oft die Arena für die Kinderspiele seiner Jugendgenossen gewesen war –, wollte er die Entscheidung des Kampfes am Tor und den Abend abwarten. Er wollte, wie man nicht gern aus dem Gewühl des Marktes in die stille Kirche tritt, nicht ohne eine Stunde mit sich selbst allein der Erinnerung gelebt zu haben, die Stätte derselben betreten. Aber ein anderer, geeigneterer Platz zum stillen Nachdenken winkte ihm ganz in der Nähe, Es war der Kirchhof am Halleschen Tore. Die Pforte stand offen. Die Akazien und Platanen schüttelten ihr welkes Haupt auf die noch grünenden Rasenhügel, auf die schwarzen Kreuze, auf die Marmorsteine mit der goldenen Schrift, den langen Versen und den eingemeißelten Todesengeln mit der umgekehrten Fackel. Es war still und leer auf dem weiten Gottesacker. Nur einen alten Mann sah er im fernen Winkel auf einem breiten Marmorsteine sitzen. Er stand jetzt auf und ging gebückten Hauptes nach dem Ausgang. Sein Gang war unsicher, und doch trat er fest auf, die Gestalt zusammengefallen, und doch verrieten die starken Glieder einen einst festen Riesenbau, der schwarze Rock war abgetragen, und doch schien durch die Dürftigkeit eine gewisse Würde, die er festzuhalten wußte. Der Eintretende und der Fortgehende mußten sich begegnen. Der Ort, welcher Könige und Bettler gleich macht, bringt auch Fremde, die sich nie sahen, einander näher. Der Jüngling grüßte den Alten, Stephan zog die Pelzmütze, und der Mann lüftete den kleinen dreieckigen Hut. Er sprach kein Wort, sein Blick fiel nicht auf Stephan, und wenn es geschah, so kehrte das Auge gleichgültig zurück, wie es gleichgültig hinauf geschaut hatte. Er ging weiter.

Stephan ging nicht weiter. Er lehnte sich an eine Ulme, er preßte den Arm um den Stamm, und sein starrer Blick folgte dem Alten, bis er durch die Pforte verschwunden war. – Der alte Mann war sein Vater.

Sollte er ihm nacheilen, seinen Namen rufen, ihm zu Füßen stürzen, ihn an die Brust drücken? – Nein, das paßte alles nicht. – Es mahnte ihn keine Stimme, dem alten Manne nachzugehen, ihm den Arm zu bieten, ihn nach Hause zu geleiten durch den Tumult. Warum drängte ihn nichts dazu? – Ihn überlief ein eiskalter Schauer. – Dem alten Manne, antwortete er sich, wäre alles gleichgültig geworden, die Überraschung könnte ihn töten. – Indem er es dachte, schämte er sich über die Lüge. Dem alten Manne war nicht alles gleichgültig. Der Schmerz lagerte unter dem Auge, in den eingefallenen Wangen, in dem zitternden Knie. Der Schmerz hatte ihn hierher geführt. – Wen beweinte der arme alte Mann?

Auch Stephans Knie zitterten, auch seine Beine wurden schwer, seine Schritte, sein Atem kurz, als er auf den fernen Winkel zuging und der neue weiße, breite Marmorstein ihm entgegenblitzte, auf dem der alte Mann, der sein Vater war, solange gesessen hatte. Die Platanen rauschten um ihn und schüttelten so viel welke Blätter auf den Stein, daß er die Schrift nicht lesen konnte – oder waren es die Tränen, die in seinem Auge standen, und die Nebelbilder, die davor auftauchten und verschwanden? Als er die Blätter mit dem Ärmel fortgewischt hatte, stand auf dem gesprenkelten Marmor eine kostbare Platte mit Buchstaben, deren Gold noch kein Regen verbleicht und die Witterung noch nicht mattgebeizt hatte, eingegraben:

»Hier ruhet in Gott, ihre bessere Urständ erwartend, Anna Sophie Stephanie ..., geboren am 3. Mai 1712, gestorben am 1. Mai 1760, zuletzt verehelicht gewesene Bohm. Ihr einziges Kind mit dem Königlichen Inspektor Bohm, Carl Julius, ging ihr am 1. Januar 1745 in die Ewigkeit voran, allwo die fromme Dulderin, eine rechtschaffene Ehegattin und treue Mutter, aus der Hand ihres Herrn und Heilandes Jesu Christi den Trost und Lorbeerkranz erwartet für die Leiden, weldie sie bis an ihr seliges Ende mit Standhaftigkeit und musterhafter Treue als gläubige Christin ertragen hat. Sanft ruhe ihre Asche. Ihr hinterbliebener Ehegatte Carl Gottlieb Christian Bohm.«

Stephan weinte nicht, sein Auge war trocken, es brannte ihn. Er las immer wieder und wieder, bis die Zeilen ineinanderflössen und alle Buchstaben sich ähnlich sahen. Was war ihm Berlin jetzt? – Alles war ein Traum, Täuschung, auch seine Jugend, sein Leben hatte keinen Anfangspunkt, er wünschte sich auf sein Roß und mitten in das Getümmel einer Vernichtungsschlacht. Die Vernichtung hier war schrecklicher.

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