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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
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4. Tottleben

Der geflügelte Pegasus wäre wohl das einzige Pferd, welches in Karriere durch den Storkowschen Kreis setzen könnte, auch ein arabischer Renner, doch an Sand gewöhnt, wird hier müde. Ein mit seiner Ausrüstung belasteter Reiter, der sein Roß verloren hat, schlägt sich daher, auch mit brennendem Willen, nur langsam durch die Wüsten, Heiden und um die langen Seen – diese Seen, die klar und blau daliegen zwischen den verbrannten Höhen und den saftlos traurigen Kiefernwäldern, die Augen der Landschaft, die doch von einer Seele sprechen.

Einen freundlicheren Anblick bot unserem Freunde nach seiner traurigen Wanderung durch die Luckauer Heide das Städtchen Wendisch-Buchholz. Wo ein bescheidenes Flüßchen einige tiefe Wiesen bewässert, hat sich der kleine Flecken seinen Krümmungen angeschmiegt. Seine Lage erscheint nach einer Wanderung durch die Kiefernheide nicht unmalerisch. Stephan hatte kein Auge dafür, er sah nicht auf die Lehmhäuser, nicht auf den Schmutz und auf den äußeren Stempel der Armut, sondern freute sich, daß er keine feindlichen Truppen fand. Die Kosaken hatten sich mit einer geringen Brandschatzung abfinden lassen, und der Bürgermeister beeilte sich, dem Offizier Vorspann zu verschaffen, ehe eine angemeldete Abteilung Österreicher einträfe. Auch tauschte Stephan hier seine Uniform mit dem Rock eines Landmanns, denn niemand wollte ihm verbürgen, daß er damit Berlin erreichte. War es ihm doch, als er das Ehrenkleid ausgezogen hatte und den schlichten Pächterrock anlegte, als werde er jetzt erst wieder Bürger seines Vaterlandes. Der Bürgermeister drückte ihm die Hand: »Ihr König wird Sie auch in dem Rocke wiedererkennen.« Die Tränen standen dem wackeren Manne im Auge. Er hatte nicht über eine Stunde in dem Städtchen verweilt, kein Mensch war ihm bekannt, und doch war es ihm in der einen Stunde so wohl und vertraut geworden, daß er dem Schuhflicker, der aus dem Fenster der letzten Hütte ihn grüßte, wie einem alten Freunde zunickte.

Von der Stellung der Feinde hatte er hier so wenig erfahren können wie von dem Stand der Dinge in Berlin. Die Zeitungen waren seit Wochen ausgeblieben. In Königswusterhausen, des ersten Friedrich Wilhelm berühmtem Jagdschloß, wußte man, daß Berlin belagert wurde, man hatte bei günstigem Wind den Kanonendonner gehört. Preußische Hilfskorps stürzten, so hieß es, von allen Seiten herbei, um des Königs teure Stadt zu retten, doch wären jetzt auch die Österreicher unter den Generälen Lascy und Brentano den Russen zu Hilfe geeilt. Einige meinten, beide Völker hätten nicht übel Lust, sich zuvor über ihren Anteil an der Beute untereinander zu schlagen.

Das Bild des toten Freundes mit dem wehmütigen Abschied trat allmählich zurück, als er meilenweit durch tiefen Sand sich fortarbeitete; es verschwand völlig, als das Bild von Berlin mit seinen hohen Dächern, seinen stolzen Kuppeln und Türmen wie eine Fata Morgana aus den Seen tauchte, an deren Strande sein Weg ihn vorüberführte. Er ging zu Fuß, ein Vorspannwagen wäre jetzt ein ebenso verräterisches Zeichen gewesen wie seine Uniform. Von Gerüchten gescheucht, vom Instinkt geleitet, wich er aus, bald rechts, bald links. Er erkannte an den Fußstapfen im Sande die Österreicher, war indes nicht so glücklich, auch einem Trupp Kosaken ausweichen zu können, von denen er sich, schnell entschlossen, mit verstelltem Widerstreben zum Führer annehmen ließ. Auf einem ihrer kleinen, raschen Sattelpferde eilte er sicherer und schneller seinem Ziele entgegen. Dem Preußen drohte das Schicksal, in der Mitte einer asiatischen Horde durch die Tore seiner Vaterstadt einzuziehen.

Immer lebhafter wurde es auf den Landstraßen. Artillerieparks, Bagagewagen, Getümmel von ab- und zusprengenden Streifen; er hörte Gewehrfeuer, Kanonendonner. Hier jauchzte die rohe Lust der Sieger, hier überschlugen Offiziere die Mittel und Wege oder schon die Beute. Dort mußte er Zeuge der Mißhandlungen sein, die seine Landsleute trafen. Er mußte schweigen, auch wenn sein Blut sich empörte, die Hand sich ballte, er durfte ihnen nicht einmal ein Wort des Trostes zurufen.

Die Gegend hatte sich verwandelt. Der lockere Boden wurde fester, ein Rasenteppich breitete sich aus, und statt der Kiefernbüsche erhoben sich aus den feuchten Gründen weiße Birkenstämme. Durch diesen Birkenwald führte der meilenlange Weg bis Berlin, so erfuhr er aus einem zufälligen Gespräch. »Auf den Seiten sind Moräste«, rief ein Offizier dem anderen französisch zu, »dahinter eine ausgebreitete Wiese. Es führt nur der eine Weg durch das Holz.«

»Es wäre doch verdammt«, sagte ein anderer, vorübersprengend. Schon längst hatte Kleingewehrfeuer aus der Ferne geknallt, einige Kanonen brummten dazwischen. Die Kosaken spitzten, wie im Instinkt eins mit ihren Rennern, die Ohren. »Die Sache wird ernsthaft, wer hätte das gedacht!« rief ein Offizier. Das Getümmel vermehrte sich, der Staub wirbelte hoch auf, die Wagen fanden keinen Platz, die Pferde drängten sich, Trompetenstöße, Feldgeschrei, Wiehern der Pferde, Flüche, Kommandoworte. Die Stockung dauerte nicht lange, plötzlich kam ein Gegenstoß, die vor ihnen machten kehrt. »Die Preußen kommen!« rief es in so viel Sprachen, wie zwischen Ural und Seine gesprochen werden. Die noch hielten, wurden mit fortgerissen und mußten sich auf die hinter ihnen werfen. Der Weg war nicht breit, an den Seiten Sumpf und Wald, und die Trommeln wirbelten in ihrem Rücken. Prinz Eugen von Württemberg, der der Garnison mit seinem kleinen Korps zu Hilfe geeilt war, hatte einen Ausfall gemacht und drängte Tottlebens Russen durch die Hohlwege der Köpenicker Heide bis nach diesem Städtchen zurück. Stephans Herz schlug der wohlbekannten Fanfare, dem Wirbel der Trommel zu. O, daß es so schwach herüberdrang und daß kein Säbel an seiner Seite klirrte! Er hoffte jeden Augenblick, es würde sich hinter ihm lichten, die braunen Husaren würden pfeilschnell in die Kolonnen dringen, einbauen, die Kosaken versprengen, ihn befreien, er sah sich als Retter unter ihnen zurückkehren. Vergebens. Das Waldecho hallte die preußischen und russischen Schüsse wider, aber soweit er sich umsah, Kopf an Kopf, nur die Mützen und Hüte der Asiaten und Sarmaten, kein preußischer Federbusch.

Jetzt gewannen sie eine freie Stelle, die Kosaken, nie gewohnt, im Troß mitzuziehen, sprengten seitwärts ab. Er ersah den günstigen Augenblick, es ritt ihm niemand zur Seite. Er riß seinen Klepper rechtsherum und war schon fünfzig Schritt in den Wald, ehe es bemerkt wurde. Die Hallos hinter ihm spornten ihn an. Er setzte die Hacken in die Weichen des Pferdes: »Friedrich kommt! Friedrich kommt!«, und das Pferd trug ihn bis an einen Wassergraben. Noch verließ ihn das Glück nicht, und Friedrichs Name half. »Friedrich kommt!« war sein Sporn und seine Peitsche. Das Tier, an solche Hindernisse gewöhnt, trug seinen neuen Herrn leicht hinüber, ehe seine Verfolger das Ufer erreichten. »Nun zu, mein Tier, und du sollst den Hafer aus goldener Krippe fressen!« Das Pferd gehorchte, solange es konnte, aber der Fliehende hatte das Moor nicht beachtet, in das er gerade hineinlenkte. Er wollte fliehen und das Tier Boden suchen. Er war noch nicht in der Mitte des Morastes, als es schon bis über die Knie im Wasser stehenblieb. Von hinten schallte ihm ein lautes Gelächter nach. Er schlug mit den Hacken in die Seiten, das Pferd blieb stehen; er beschwor, er flehte, das Tier rückte sich nicht. Jetzt pfiff ein Kosak, und das Tier spitzte die Ohren. Er pfiff zum zweitenmal, und es machte kehrt. Einige zehn pfiffen, die Pferde wieherten ihrem verlaufenen Kameraden zu, und keine Sporen und keine Stahlkette und kein Name »Friedrich« hätten es länger gehalten. Durch dick und dünn trabte das Tier zurück, seinem Reiter nicht einmal Zeit lassend, abzuspringen. Mit einem Satze war es zurück über den Graben, den zu passieren seine Verfolger sich nicht erst die Mühe gegeben hatten, und wollte, als wäre nichts geschehen, wieder mittraben. Die Söhne des Urals schienen indes nicht einer Meinung des Vergebens und Vergessens. Ein derber Faustgriff riß ihn von hinten herab. Im Moment blinkten drei Pikenspitzen auf den unsanft in den Sand Gestreckten; doch das grinsende Gesicht eines vierten – es mochte eine Art Offizier sein – hielt sie zurück, und er kreischte ihnen etwas zu, was Stephan nicht verstand. Sie lachten, und statt der blanken Waffen griff man nach den Peitschen. Stephans Blut siedete, er wollte aufspringen, doch ein alter Kosak hielt ihm kaltblütig die Pike vor die Brust, ihm mit der Spitze ums Gesicht kitzelnd: »Bis ruhig! Tut nix!« Zähneknirschend riß Stephan ein Terzerol aus der Brust und richtete es dem grinsenden Kalmückengesicht entgegen, das ihn jetzt beinahe berührte, indes sein Gegner, fest im Sattel, obgleich dreiviertel des Leibes überlagen, mit dem Kantschu ausholte.

Mochte er losdrücken, den Kosaken treffen oder nicht, sein Los schien nun ein anderes zu werden. Friedrichs Botschaft schien bestimmt, in einem Wassergraben zu modern oder im Sande der Köpenicker Heide verscharrt zu liegen. Schnalzend, halb Erstaunen, halb Lust, fuhren die rohen Natursöhne zurück und schwenkten die Piken um ihn, wie um einem gehetzten Wild den Garaus zu geben, als im rechten Augenblick ein Trupp Offiziere heransprengte. Ein »Halt!«, einige Flüche und Stöße trieben die allzu heftigen Exekutoren auseinander. Der Vornehmste unter den Offizieren fragte nach der Ursache des Auftrittes. Man meldete. Das Terzerol war noch in der Hand unseres Freundes, der sich jetzt halb erhoben hatte. Ein Wink des Anführers hieß ihn ganz aufstehen. Mit einem scharfen Blick hatte der General ihn gemustert. Auf deutsch rief er ihm zu:

»Kein Bauer?«

»Ich bin ein Preuße.«

»Wohin?«

»Nach Berlin. Man griff mich auf, um Führer zu werden.«

»Wozu die Waffe?«

»Man wollte mich ...« Stephan sprach das Wort nicht aus, aber ein wütender Blick, die bebende Miene vollendete die Rede, und die Peitschen in den Kosakenhänden bestätigten sie. Des Generals Blicke verweilten einige Sekunden auf der trotzigen Gestalt.

»Doch warum führen Sie Waffen?«

»Es sind Kriegszeiten, Herr General.«

»Ihre Geschäfte in Berlin sind dringend?«

»Dem Besitzer kann jede Minute in solcher Zeit unersetzlichen Verlust bringen.«

Der General schien mehr gehört zu haben, als die Antwort besagte, aber der Blick sagte auch, daß es ihm leid tue, seine Pflicht erfüllen zu müssen. Er beorderte die Offiziere, diesen Besitzer aus Wasserburg in sicheren Verhaft zu bringen. »Bis Berlins Schicksal sich entschieden hat, wird Ihr dringendes Geschäft Aufschub erleiden müssen«, sagte er achselzuckend. Er sprengte davon, nachdem er ein Wort von Wiedersehen hatte fallenlassen.

Die unerwartet gnädige Verwendung des Generals rettete Stephan aus einer doppelten Gefahr, und doch fühlte er sich unglücklich in der Köpenicker Wachtstube, wohin man ihn gebracht hatte, zwar nicht so, wie so viele andere Unglückliche, die an den Schweif eines Kosakenpferdes gebunden waren, doch nicht viel besser als ein eingefangener Verbrecher. Man bewachte ihn streng, aber kümmerte sich nicht viel um ihn. Er litt am Nötigsten Mangel, niemand war um ihn, der ihn verstand, er konnte nicht einmal erfahren, wer der General gewesen war, der auf diese Weise für ihn gesorgt hatte. Er mochte ihn längst vergessen haben, daran lag auch nicht viel. Und hätte er ihn auf Rosen gebettet, die Rosen wären zur Folter geworden, solange er nicht die Erlaubnis erhielt, nach Berlin zu gehen. Ein Feuerbrand war in ihm, Friedrichs Wort, und es konnte nicht heraus, nicht leuchten, brennen, es zehrte an seinen Eingeweiden. Konnte er es nicht den Wolken zuschreien, die nach der Stadt zogen? Hingestreckt an den feuchten Boden, das Gesicht in den Armen, durchzuckte ihn jeder Kanonenschuß. Das wilde Hallo, der Jubel der Kalmücken am Wachtfeuer sprach von Siegen. Es verging eine Nacht, ein Tag, vielleicht noch mehr, er hätte Wochen herausgezählt, und es war vielleicht schon geschehen, was ein Wort ändern konnte. Die Eilboten sprengten hin und her über den gepflasterten Hof, es gab Streit, Zwistigkeiten, er hörte zuweilen die österreichische Mundart, man klagte über die Russen. Ein Franzose rief unbesonnen und laut einem anderen zu: »Die russischen Starrköpfe wollen nicht, Friedrichs Name steckt ihnen in den Hosen oder Friedrichs Geld in der Tasche.« – Also war Berlin noch nicht genommen, die Hoffnung ließ ihn eine unerträgliche Last ertragen.

Unerwartet trat ein Offizier in die Wachtstube, um ihn in eines der oberen Schloßzimmer zu führen, das zu seinem besonderen Gefängnis bestimmt war. Welcher Veranlassung er dies verdanke, war nicht herauszubringen, da der Offizier weder Deutsch noch Französisch verstand. Man hatte ihn also doch nicht vergessen.

Er erhielt Wein und Speisen, die nur aus der Küche der Generalität kommen konnten, eine Matratze und mehr Bequemlichkeit, als worauf Kriegsgefangene Anspruch machen dürfen, war zu seinem Dienst. Doch ließ sich niemand sehen. Das Fenster war nicht vergittert, und er hatte die freie, weite Aussicht über den breiten, schönen Spreestrom.

Er maß die Höhe, er berechnete die Hilfsmittel: zusammenzubindende Tücher, Stricke, Möbelbezüge, um sich herunterzulassen. Vor zehn Jahren hatte er sein Meisterstück in der Schwimmkunst abgelegt, und die breite Spree war ein Bach gegen die Donau bei Semlin. Aber die Tiefe war zu beträchtlich, und wenn er selbst seine Kleider zu Hilfe nahm, hätte das Seil doch nicht gereicht. Er sprang wieder von der Matratze auf, ein Gedanke durckzuckte ihn: Warum hatte er nicht in der Wachtstube, auf dem Hofe, wo Tausende von Zuhörern waren, sein Geheimnis ausgeschrien? Es waren gewiß gute Patrioten, vielleicht Lauscher für die Berliner Garnison darunter. Man hätte ihn vielleicht auf der Stelle niedergestoßen, so starb er den Tod eines Märtyrers. Hätte auch keine Zunge das inhaltschwere Wort nach Berlin getragen, doch erschreckte es vielleicht die Feinde, sie zauderten, sie zogen sich zurück. Blieb ihm nicht noch immer dieser Ausweg? Sein Herz schlug vor Lust, es schlug gegen seine Brieftasche. Er riß sie heraus, wie unglaublich, daß er sie noch besaß. Wie kam das? Betrachtete man ihn wie einen Gefangenen, wie einen Spion, warum hatte man ihm denn nicht alles genommen, warum ihn nicht durchsucht, warum behandelte man ihn mit der seltsamen Auszeichnung?

Da ging plötzlich die Tür auf, und eine Ordonnanz forderte ihn zum General Tottleben. Es war derselbe General, der ihn aus den Händen der Kosaken gerettet hatte, ein Mann mit einem gebildeten, wohlwollenden Gesichtsausdruck. Er ging im Zimmer mit einem Adjutanten auf und ab. Stephan konnte bemerken, daß er ihn während des Gesprächs fixierte. Als der Adjutant sich mit einem Auftrag, der ihm in russischer Sprache erteilt worden war, entfernte, redete ihn der General in französischer Sprache an: »Sie sind Besitzer in Wasserburg?«

Stephan verneigte sich; er mochte nicht die Unwahrheit durch ein »Ja« bekräftigen.

»Der Schein sprach wider Sie«, fuhr der General fort. »Ihre Haltung ließ einen Militär des Königs von Preußen in Ihnen vermuten, und das setzte Sie der unangenehmen Behandlung durch meine Leute aus. Es ist mir lieb, daß ich nun die Versicherung habe, daß Sie es nicht sind.«

»Euer Exzellenz, jeder Preuße ist Soldat, sobald sein König ruft.«

»Schon gut! Sie werden mir in Berlin Ihre Legitimationsdokumente vorlegen. Vergessen Sie, was Ihnen auf der Landstraße begegnete. Es ist im Kriege nicht zu vermeiden.«

»Euer Exzellenz Ruf als menschenfreundlicher General...«

»Der Krieg ist noch ein rohes Handwerk, aber auch er wird edler werden. Meine erhabene Gebieterin, die Kaiserin Elisabeth, führt nicht mit den Untertanen des Königs Krieg. Es wird meine nächste Sorge sein, das traurige Los der Armen zu mildern, die der Ehrgeiz Ihres Herrschers dem Verderben opfert.«

»Euer Exzellenz werden den Dank des Menschengeschlechts ernten, und die Achtung des erhabenen Monarchen, den seine unversöhnlichen Feinde fälschlich des Ehrgeizes beschuldigen, wird Ihre Anstrengungen belohnen.«

»Sie reden sehr warm für Ihren König.«

»Fanden Euer Exzellenz einen Preußen, der anders von ihm sprach?«

»Sie sind kein geborener Preuße ...«

Stephan blickte betroffen auf: »Exzellenz, ich glaubte Ihnen gemeldet zu haben...«

Der Blick des Generals war unverändert, als er ihn unterbrach: »Lassen wir das; ich kann mich geirrt haben. Eine Verwechslung. Ich bedaure Ihr Land, wahrhaftig, ich bedaure es. Ich lebte lange in Berlin, ich kenne, ich schätze die Kultur, die Wissenschaften, die Geselligkeit. Klagen Sie nicht darum?«

»Wir ersparen uns die Klage und vertrauen dabei auf unseren König.«

Tottleben lächelte, indem er sich an das Schreibpult lehnte: »Wird diese preußische Begeisterung ausdauern? – Doch sei es, mein junger Mann, sie überdauert den Krieg, denn hier findet sie auf jedem Schlachtfeld Nahrung; wird sie aber im Frieden dauern, wenn Friedrich, alt und grämlich, nicht mehr das Idol derer ist, welche eine Wiedergeburt der Welt von ihm erwarten, wenn sein Mißtrauen mit den Jahren wächst und keine Hoffnung mehr die hellen, großen Augen des einsamen Geistes belebt? – O, halten Sie mich nicht für unempfindlich gegen den Zauber, den seine Nähe einflößt. Ich lebte auch an seinem Hofe in Potsdam, ich geizte auch nach einem Blick von ihm, und wenn sein Auge mich traf, ein verbindliches Wort meine Zunge löste, verschwand vor mir der graue Wintertag, es wurde hesperischer Himmel, Sommer, es tanzte wie die Planeten um eine Sonne. Seine Unterhaltung riß hin, sein Witz sprudelte, die Dummen selbst bekamen kluge Gesichter, wenn er mit ihnen redete. Der Himmel kam herab, oder die Erde erhob sich zum Himmel, so angenehm war es in diesem vergnügten, witzigen, glänzenden Kreise. – Aber mit jedem Jahre strahlte diese Sonne weniger Licht aus. Sein Blick wurde ernster, stierer, abgebrochener seine Rede, sein Witz bitterer. Selbst das Glück konnte ihn nicht jovial machen, sein Mißtrauen verletzte, und sein Eigensinn war unerträglich. Lassen Sie ihn siegreich aus diesem Kriege hervorgehen, lassen Sie ihn um zehn Jahre älter werden, es kommt eine Zeit, wo er die, welche um ihn sind, nicht mehr für wert hält, eine witzige Bemerkung aus seinem Munde zu hören. Wenn er dann mit sauren Blicken, von Podagra geplagt, auf seine Krücke gestützt, in dem stummen, ehrfuchtsvollen Kreise wie ein Gespenst aus einer anderen Welt umhergehen wird, wenn auch sein Günstling, wenn sein Lieblingshund und seine Flöte ihm kein Lächeln mehr entlocken, wenn der muntere Scherz verschüchtert schweigt und es in Potsdam stumm ist wie im Grabe aus Scheu vor dem alten, verdrießlichen Könige und die monotone Glockenuhr dort die einzige Musik sein wird, dann wollen wir weiter sprechen, mein junger Freund, ob Ihre Begeisterung noch Stich hält.«

Was soll das? fragte sich Stephan betroffen und richtete sein Auge auf den General der Kaiserin von Rußland, der hier einem ihm völlig Fremden Ansichten offenbarte, die nur aus eigener tiefer Bewegung hervorgehen konnten.

Tottleben fuhr ruhiger, mit einem freundlichen Blick, fort: »Ich habe offene Gesichter gern und lese lieber darin als in besiegelten Dokumenten. Ihres spricht Wahrheit.«

Stephan fühlte wieder eine Röte in den Wangen.

»Bei allem Witz an Friedrichs Hofe, Gesichter der Art vermißte man. Sie bekamen alle einen Zuschnitt nach Friedrichs eigenem, Nase und Kinn wurden spitz, selten das Vollmondgesicht eines Lebemannes, an dem sich ausruhen ließ vor den scharfen Zügen und Blicken. Sie wollten insgesamt klug aussehen, was nicht jedem wohl steht, der es nicht ist. Etwas Wohlbehagliches, zum Herzen Sprechendes, ein Gesicht, das Brief und Siegel an der Stirn trägt und dem man getrost darauf die Hand reicht, suchten Sie vergebens. Ein Auge, wie Friedrichs, und ein solches Auge verstanden sich nicht, wenn sie sich begegneten.«

»Wer möchte die Sonne schmähen, Exzellenz, weil sie einmal im Jahr sich verfinstert? Den irrenden Ritter aus der Fremde mag dies abschrecken. Er hat das Recht zu wählen. Dem Untertanen gibt es kein Recht, an seinem König zu zweifeln.«

Der General schien nicht unzufrieden mit der Antwort zu sein: »Ja, wer Untertan ist!« Er blätterte in den Papieren auf dem Pult, indem er fortfuhr: »Seine Soldaten sind zu drei Viertel Gepreßte aus der Fremde, seine Offiziere zur Hälfte Abenteurer. Sie hält nichts an ihn als das Band der Ehre. Seltsam, ich habe hier einen Auftrag an einen derselben. Ein merkwürdiges Vertrauen. Sie brauchen sich daher über meines nicht zu wundern.«

Stephan horchte, während Tottleben in einem Briefe las: »Ein besorgter Vater bindet mir das Schicksal seines Sohnes auf die Seele. Der junge Mann ließ sich im jugendlichen Enthusiasmus verleiten, die Fahnen seiner Kaiserin zu verlassen und zum König von Preußen überzugehen. Der Vater, höchst unwillig darüber, hat jetzt erfahren, daß der junge Offizier sich zu einem Unternehmen hergegeben hat, welches einen schmählichen Ausgang haben kann. – Ich kenne den Vater flüchtig, doch er ist der Freund eines Freundes und mir dringend empfohlen. Es ist indes ein Auftrag, der den russischen General in einige Verlegenheit setzte. Sie kennen vielleicht die betreffende Person, einen Leutnant Stephan von den schwarzen Husaren.«

»Den Pflegesohn des Marquis von Cabanis?« fragte mit pochendem Herzen Stephan.

»Denselben. Wenn der Zufall Sie zusammenführt, warnen Sie ihn vor mir. Bei Gott, wenn man ihn mir nennt, muß ich ihn arretieren und, einer doppelten Pflicht gehorchend, am Ende den Österreichern ausliefern.«

»Man sagt mir, Herr General, man habe ihm nachträglich einen Abschied bewilligt, auf den er ein Recht hatte.«

»Wenn ich aber, mein Herr, zwar nicht offizielle Beweise, doch Anzeigen habe, daß er als preußischer Spion sich durch das verbündete Heer schleicht, wenn er mit geheimen Aufträgen des Königs nach Berlin eilt, einen Coup – den glücklichsten in diesem Kriege für die alliierten Mächte – zu hindern, so werden Sie selbst, wenngleich nicht Militär, einsehen, daß er gefährlich ist und nach welchen Gesetzen man über ihn richten muß, wenn man seiner habhaft wird. Nun besitze ich zwar kein Signalement, um, wenn der Zufall ihn mir in die Hände spielte, seine Identität zu erkennen, aber ich versichere Ihnen, es wäre meine traurige Pflicht, den Sohn meines Freundes einem gewissen Verderben zu übergeben. Träfen Sie daher irgendwo den jungen Offizier, teilen Sie ihm alles mit, was Sie von mir gehört haben. Ich bin und bleibe russischer General. Er soll sich zurückziehen, sobald die Ehre es ihm erlaubt. Und, wenn er meinen freundlichen Rat hören will, ganz die Karriere verlassen, die er ergriffen hat. Ehe er Friedrich von seinem Vorurteil überzeugt, spalten Sie einen Granitfels mit einem Galanteriedegen. Ich kenne ihn.«

»Herr General«, hub Stephan nach einer Pause an, »und wenn mein Freund, voll Bewunderung für Ihre Großmütigkeit, dennoch ein Preuße bliebe?«

»Ich würde ihm meine Achtung nicht versagen«, sprach rasch Tottleben. Eine Ordonnanz unterbrach die Unterhaltung.

»Darf ich mich unterstehen«, sprach Stephan, schon einige Schritte zurück und mit Ton und Stellung, welche dem Verhältnis zwischen dem kaiserlichen General und dem Besitzer in Wasserburg zukam, »Euer Exzellenz zu fragen, was Hochdieselben über mich beschlossen haben?«

»Ihre Geschäfte in Berlin dürften sich verzögern müssen, bis wir Ihnen daselbst Sicherheit durch unsere Garnison gewähren können. Alle Verbindung mit der Hauptstadt ist bis dahin abgebrochen, und ich vertraue, daß Sie sich vor jeder Verbindung hüten werden. Ich vertraue darauf«, wiederholte der General mit Nachdruck, indem er freundlich herablassend ihm zum Abschied zuwinkte.

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