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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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4. Von der Kolonie

Ohne Zweifel waren die Refugiés weit gebildeter als die wackeren Brandenburger, in deren verwüstetem Lande der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm ihnen ein Asyl eröffnete. Es müssen auch geistesstarke Männer und Frauen gewesen sein, die um ihre Überzeugung den väterlichen Fluren, dem teuren Herd, Wohlstand, Freunden und Verwandten den Rücken kehrten. Es hätte keiner äußeren Bevorzugung bedurft, um sie höher, besonders zu stellen, es verstand sich von selbst, daß sie zusammenhielten. Aber man hatte ihnen nun einmal im Sinne des Zeitalters eigene Kirchen, eigene Prediger, sogar einen eigenen Gerichtsstand gegeben. Ihre Kinder und Kindeskinder sahen nun eine Notwendigkeit darin, dies ehrende Verhältnis fortzusetzen und zu bleiben, was ihre Väter waren – fremde, bessere Wesen. Man wollte nichts mehr mit dem Frankreich zu tun haben, das die Väter grausam verstoßen und auch seitdem wenig zu einer toleranten Milde eingelenkt hatte, man wird ihm von Jahr zu Jahr fremder, so daß echte Franzosen über das Kolonie-Französisch sich lustig machen – und doch wollte man kein Deutscher, kein Preuße, kein Brandenburger werden, sondern in der Kolonie bleiben. Das wäre ein unbestimmtes Wesen geworden, da ihm mehr und mehr alles Positive abging. Um nun doch etwas für sich zu bleiben, spannen sich unsere Stammverwandten immer fester in ihre Gewohnheiten, ihre hergebrachten Ansichten ein. Man sah es ungern, wenn einer von der Kolonie herausheiratete. Man verschmähte zwar nicht den Staatsdienst, der Ehrenämter abwarf, aber es schien doch, als bliebe die Verbindung zwischen dem Beamteten und seinen Stammgenossen eine innigere als die zwischen ihm und dem Staate. Man suchte das Vermögen in den Familien zu bewahren, zusammenzubringen. Daher heiratete man nur zu gern Kusins und Kusinen, und es ward wie eine Art Verbrechen behandelt, wenn ein reiches Mädchen jemandem außerhalb der Familie ihre Hand reichte, denn alle ihre unverheirateten Vettern glaubten, nach der Nähe des Grades, ein gewisses Recht auf sie zu haben, ein Verhältnis, welches die große Familienverbindung immer aufs neue verknüpft und verschlingt, doch wenig geholfen hat, uns Kraft, Ansehen, Einfluß nach außen zu verschaffen. Im Gegenteil fehlt es bei dieser immer engeren Zirkulation des Blutes an frischen Säften. Was man so häufig bei Familien bemerkt, die nur ineinander heiraten, trifft auch bei uns zu, eine gewisse physische und moralische Erschlaffung.

Genug der Abschweifung! Ich sah jetzt die Laterne vor unserer Haustür. – Da knarrte die Tür, und der Herr Pate trat aus dem Hause. Mit welchem listigen Schleicherschritt stieg er die Stufen herab, fast mich streifend, ohne mich gewahr zu werden.

Den Atem anhaltend und kaum den Boden berührend, huschte ich die Treppe hinauf und wollte im Halbdunkel warten, bis mich einer bemerkte. Es keimte in mir auch die Hoffnung, daß man mich nicht bemerken werde, denn es war viel Unruhe im Hause. Auf der Treppe nach unserer Erkerkammer scheuerte die Magd, der Hausknecht, sonst mein guter Freund, lief treppauf, treppab an mir vorüber, ohne mich zu sehen, und drinnen im Wohnzimmer ging der Vater – ich kannte seinen Tritt – mit heftigen Schritten auf und nieder. Ich guckte durchs Schlüsselloch, aber so böse hatte ich ihn noch nie gesehen. Die Hände auf dem Rücken, das Gesicht feuerrot, maß er das Zimmer. Die Mutter stand, halb verlegen, halb ängstlich, am Fenster.

»Junkerchen! Junkerchen!« rief mit einem Male die Scheuermagd, die mich jetzt erst bemerkte, von oben herab. »Da drin ist nichts Gutes für Sie; machen Sie, daß Sie fortkommen.«

Darüber hatte ich überhört, was weiter drinnen gesprochen wurde, und schreckte nur zurück, als der Vater jetzt barsch herausbrach: »Wo ist Etienne?«

»Ich will ihn suchen«, sagte die Mutter und öffnete schnell, wie froh, mit guter Art fortzukommen, die Tür. Die Mutter riß mich rasch vom Treppengeländer, wohin ich retirierte: »Für dich ist hier nichts zu suchen«, und statt mich mütterlich in ihre Arme zu schließen, eilte sie mit mir nach der oberen Treppe. Christel, die Scheuermagd, mußte die alte Kinderfrau, die Susanne, rufen, der mich die Mutter ohne Abschied übergab. »Bring' ihn schnell ins Bett«, sagte sie auf französisch, »er darf ihm heut nicht mehr vor Augen kommen.«

Also aufgeschoben war die Exekution. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Die alte Susanne keuchte mit mir die Treppe hinauf und stöhnte und hielt inne bei jeder dritten Stufe.

»Ja, mein guter Junker, ja, mein Junkerchen, du hast wohl recht, zu zittern und zu beben. Was wird nun alles über uns kommen? Sie glauben's nicht, aber Sie werden's sehen, morgen am Tage. Morgen am Tage, da wird man's sehen auf heller Gasse. Alte Leute verstehen das.«

»Auf heller Gasse?« rief ich erschreckt, denn was konnte man anders sehen, was anders denken, als wie der Vater mich schlug?

»Ja, ja, auf heller Gasse, es kommen wieder die bösen Zeiten. Sieben Habichte hinter einem Adler, ach, du meine Zeit, das kommt davon!«

Man wußte also von mir.

»Das bedeutet Krieg, sagen sie, ja Krieg«, fuhr sie fort, »aber was für einen Krieg! Ach, der gute protestantische König, sie haben unsern König umgebracht, das war ja vorauszusehen, das war alles abgekartet, die Jesuiten kommen wieder ins Land, die Dragoner reiten schon durch die Straßen, morgen klopfen sie ans Tor, und ehe die Sonne untergeht, gib acht, müssen wir aus den Toren 'raus, wir alle, wie wir stehn und gehn, wir alle, es wird keiner geschont, und die Susanne kann nicht mehr laufen.«

»Warum kannst du denn nicht hierbleiben, Susanne?« fragte ich.

»Der gute König Wilhelm ist tot, der gute protestanische König! Sonntags und wochentags ging er in die Kirche und duldete nichts Katholisches um sich. Da waren wir sicher. Darum haben sie ihn vergiftet. O, alte Leute merken so was.«

»Dann kriegen wir einen jungen König«, fiel ich ein.

»Ja, aber was für einen! Der wohnt in Rheinsberg und geht nie in die reformierte Kirche. Hat lauter Männer aus Paris, alles römische Katholiken, um sich. Alle Wochen, das weiß man –- der gottselige König wußt' es aber nicht – , alle Wochen kriegt er Schriften und Bücher aus der gottlosen Stadt. Da stehn die Anweisungen drin geschrieben, wie man uns wieder katholisch machen soll. Was hätte denn der große Adler bedeutet? Und die Raben hinter ihm her? Es setzt wieder eine Verfolgung.«

Mit gefalteten Händen saß ich im Bett und betete, was mir aus Bibelsprüchen und Kirchenliedern in den Mund kam. Dabei sah ich unverrückt, denn ich wagte mich nicht umzukehren, auf die Wand, wo zufällig ein Bild des Kronprinzen hing. Die Blitze beleuchteten es, und die Erschütterung des Donners bewegte das Porträt mit dem kühnen Gesichte des Knaben. Es kam fast heraus, als betete ich zu ihm: »Mache du mich nicht katholisch«, und mein wunderlicher Heiliger nickte dazu. Es mischte sich zwar damit unwillkürlich immer noch eine andere Bitte: »Mache es morgen mit mir gnädig«, aber auch dazu nickte der Kronprinz, der seit gestern nicht mehr Kronprinz war. Es kam mit einem Male ein sehr starker Donnerschlag, und etwas fiel mit einigem Geräusch zu Boden. Als ich inne ward, daß dies die drei spanischen Röhrchen waren, welche man hier auf dem Ofensims verwahrte, wurde mir leichter ums Herz, als wäre die Bitte schon halb gewährt.

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