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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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2. Der Hungrige Wolf und der Tote Mann

Der Himmel umzog sich gegen Nachmittag, die Heide wurde immer trauriger, der Luftzug, der vorhin eintönig die Wipfel bewegte, wurde zum Sturm, der sich in das düstere Nadelmeer der Büsche warf. Auch die Reiter zogen die Mäntel dichter um und ließen die Augen vorsichtiger umherschweifen, denn der in den Waldschluchten gefangene Wind konnte wie ein Signal, wie ein Hurraruf oder wie eine galoppierende Schwadron klingen. Die Pferde waren angegriffener, als man gehofft, der Sand, immer lockerer, kostete ihre wiedergewonnenen Kräfte, und die Anstrengung, die spärlichen Flecken festeren Bodens an den Seiten aufzusuchen, ermüdete auf die Dauer. Stephan glaubte, sie hätten sich verirrt. Der Kamerad schüttelte den Kopf: »Die Irrung liegt wohl in uns. Die Heide ist verrufen, seit man von Sachsen und Brandenburgern weiß. Es ist die Wüste, die beide Kurfürstentümer trennt, damit keines Geschmack am anderen bekommt.«

An einen freien Fleck gelangt, warf sich ihnen ein heftiger Windstoß entgegen, daß die Tiere selbst sieh geduckt an die dichte Waldseite lehnten. Die dunklen Wolken jagten am Horizont, eine große Kiefer, einsam in der Mitte des Haues, kämpfte mit ihren knorrigen Ästen gegen den Orkan.

Ihr Bursche, der immer voraufritt, meinte nach einer Weile, sie erreichten doch nicht mehr den Marktflecken Buchholz vor Nacht.

»Ist keine Hütte, keine Köhlerwohmmg in der langen Heide?« fragte Stephan.

»Es ist schon!« antwortete der Bursche. »Wir könnten beim Toten Mann ansprechen oder beim Hungrigen Wolf. Da müssen wir rechts und da links.«

»Was ist das?« fuhren beide Freunde auf.

»Man tut's sonst nicht gern«, antwortete der Diener. »Zu beißen und zu brechen haben sie beim Toten Mann nichts und beim Hungrigen Wolf noch weniger, und wie's mit dem Trinken aussieht, weiß Gott im Himmel, aber es ist doch schon besser beim Hungrigen Wolf als hier im Freien.«

Die Kameraden erfuhren von dem der Gegend kundigen Burschen, daß die ominösen Namen den beiden bewohnten Gehöften angehörten, welche die einzigen Stationen in der großen Luckauer Heide bilden. Als Heidekrüge zwischen dem Preußischen und Sachsen, wurden sie doch von den Reisenden und Fuhrleuten gemieden, teils, weil nichts zu finden war, teils, weil sie im Ruf schlechter Herbergen für allerlei Gesindel standen.

Man entschied sich für den Toten Mann. »Der Tote Mann hat doch gefunden, was wir alle suchen«, sagte der Kamerad, »während der Hungrige Wolf nach dem noch immer sucht, wonach uns jetzt vor allem verlangt.«

Sie trabten in der einbrechenden Dunkelheit fort, doch war es bereits völlig Nacht, als sie vor dem Heidekrug vom Pferde sprangen. »Küsse die Schwelle«, sagte der Kamerad, als ihnen nach langem Pochen geöffnet ward. »Es ist die erste preußische Diele unter dir.«

Wäre unser Freund auch dazu geneigt gewesen, der Anblick des häßlichen Kindes im groben Hemd, wie es, eben aus dem Bett gesprungen, verschlafen und verdrossen ihnen mit dem Kienspan ins Gesicht leuchtete, der Schmutz, die verdorbene Luft, das Schnarchen der Schlafenden verdarb ihm die Lust. Er spürte sogar eine Regung, umzudrehen und sich im Freien eine Schlafstelle zu suchen. Der Freund riß ihn lachend herein: »Es ist das Vaterland, Stephan.«

Die Kienfackel, in eine Lehmritze gesteckt, ließ jetzt die Stube und ihre Bewohner besser erkennen. Verschiedene Gesichter und nackte Beine wurden sichtbar auf den Ofenbänken und in zwei großen Himmelbetten. Der kleine Gnom, der ihnen geöffnet hatte, war schnell wie der Blitz, ohne sich um die Gäste zu kümmern, wieder in das eine Bett gekrochen, während jetzt aus dem anderen eine noch häßlichere Alte den Kopf vorstreckte und von den Fremden Notiz nahm. Sie rüttelte den Ehemann neben sich: »Es sind Offiziere!« Ein schielendes Gesicht blinzelte durch die Vorhänge, drehte sich aber wieder verdrossen um, und auch das Weib schien geneigt, dem Beispiel zu folgen, und die Gäste wären sich selbst und Haus und Hof ihrem Schicksal überlassen geblieben, wenn nicht der Chevalier seinen Säbel klirren lassen und mit einigen kräftigen, kurzen Worten ihr Begehren zu verstehen gegeben hätte. Die Frau war aufgesprungen, nicht sehr bekümmert, mit welcher Grazie, vor welchen Zeugen es geschah, und ohne mehr für ihre Toilette zu tun, als den Friesunterrock um die Hüften zu binden. Die Arme, auf deren müden Augen noch der gestrige Arbeitstag schwer lagerte, hatte eine immer wiederkehrende Arbeit, den alten Träumer munterzuschreien, die erwachsenen Buben aufzurütteln, diesem die Schlüssel zum Haferboden aufzudringen, jenem zum Keller, Feuer anzumachen, den Kessel aufzusetzen, in den Schränken zu suchen und dabei das graue lange Haar aus dem Gesicht zu streichen. Stephans Freund schien dem Kameraden ein Schauspiel bereiten zu wollen. Er forderte bald dies, bald jenes und munterte die Frau auf, rüstig gegen die Verschlafenen zur Hand zu sein. Der Mann wurde wirklich nur durch eine letzte Gewaltanstrengung der kräftigen Ehehälfte aus den Federn gerissen; bei den Kindern, die vier zusammen das andere Bett teilten, halfen jedoch nicht einmal die Schläge. Zwei wollten durchaus nicht den süßen Schlaf und das weiche Kissen fahren lassen und beantworteten die Aufforderung der Mutter: »Krabben, die Offiziere wollen darin schlafen«, durch zerreißende Laute zwischen Lust und Weh; Stephan rief dem Kameraden auf französisch zu, ob er denn darin schlafen wolle.

»Sprich nur gutes Deutsch«, entgegnete dieser, »wenn du nicht verstanden sein willst. Ob ich darin schlafen will, steht dahin, ich muß mir wenigstens erst das Terrain besehen, aber man muß bei den Leuten nicht die Meinung schwächen, daß dem Soldaten alles gehört.«

»Bauer, wie heißt dein Nest?«

»Der Tote Mann.«

»Hast du einen Reisenden totgeschlagen?«

Der Bauer schüttelte mit dem Kopf.

»Dein Vater?«

Es kam dieselbe Antwort.

»Wie hieß dein Vater?«

»Der hieß just wie ich.«

»Und der Großvater?«

»Das weiß ich nicht.«

»Du empfängst hier Erläuterungen zur brandenburgischen Geschichte«, wandte sich der Kamerad zu Stephan. »Der Kossäte hat mit seiner Familie unter den vaterländischen Kiefern gesessen und gehört, wie ihm die Erinnerung aus der Vorzeit zugerauscht hat. Wo liegt nun der Hund begraben?«

»Ich habe keinen begraben«, murrte der Wirt.

»Aber einen toten Mann!«

»Das müßte noch kommen.«

»Wer ist dein toter Mann?«

»'s ist mancher heut' noch frisch und rot, und morgen liegt er schon im Leichentuch.«

Der Offizier hielt plötzlich in seinem Kreuzverhör inne. Als er sich neben Stephan am Tisch niedergesetzt hatte, glaubte dieser eine ungewöhnliche Blässe auf seinem Gesicht zu bemerken. »Es ist nichts«, äußerte der Kamerad, »eine Anwandlung von Schwindel – vom Hunger vielmehr.«

Ihr Abendessen war inzwischen fertig geworden. Der Hunger würzte eine Kost, die Soldatenmagen eben nicht Kräfte gibt. Stephan prüfte das schwarze Brot, die schmacklose Grütze und die Blicke der Kleinen, die noch darauf gierig hafteten. Der Kamerad wiederholte, indem er die Kartoffel in das Leinöl tauchte, sein: »Du bist im Vaterlande.«

»Unmöglich kann dies ihre tägliche Kost sein. Der Krieg hat sie nur verarmt.«

»Es fällt wohl, Teuerster, an Sonn- und Festtagen eine verdorrte Speckseite aus dem Rauchfang, aber entwöhne dich von dem Gedanken, unsere Bauern mit den steirischen zu vergleichen. Vom Wein bekommen sie einmal im Jahre in der Kirche einen Geschmack, Weizenbrot sehen sie bei Hochzeiten, und vom Fleisch hören sie, wenn ihnen der Prediger von den Töpfen Ägyptens predigt. Im übrigen aber siehst du, daß dies den Lebenstrieb nicht schwächt, zähle, wie es von blonden Köpfen und bloßen Beinen wimmelt! Kleider gibt, wenn es not tut, der König, Verstand brauchen sie nicht, um die Grube zu füllen, die Kugel trifft den Dummen so gut wie den Klugen, und der Patriotismus wird von Kartoffeln und Hirsebrei so gut genährt wie vom Tokaier und Rinderbraten.«

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