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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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10. Was ist ihm Preußen?

Es waren mehrere Tage in trüber Einsamkeit vergangen. Aus den verdrießlichen Blicken der Väter, aus der Einsilbigkeit bei Tische hätte man schließen mögen, daß sie von dem gewußt, was zwischen Eugenie und Stephan vorgefallen. Die Anspielungen blieben aus.

Eines Tages traf Stephan den Marquis auf seiner Stube, während sein Husar verlegen sich fortstahl. Inmitten des Zimmers lagen die Offiziersuniformstücke auf der Erde.

»Was soll das, mein Vater?« fragte Stephan.

»Du sollst sie zum letztenmal getragen haben.«

Mit Heftigkeit nahm Stephan den Dolman auf und küßte den gestickten Namenszug des Königs. Es war eine vollkommene Antwort für den Marquis.

»Wozu das nun, mein Vater?« fuhr er ruhiger fort, nachdem er die anderen Uniformstücke sorgsam an den Nagel gehängt und den Staub abgeklopft hatte. »Wir kennen uns doch, Sie kennen mich wenigstens und wissen, wie mich selbst damals keine Drohung zurückhielt, als mich noch kein Eid an Friedrich band.«

»Ich drohe auch nicht; ich will vernünftig mit dir reden. – Es ist aus mit ihm. – Bei Hochkirch ward er geschlagen. Bei Kay verlor er eine Armee. Bei Kunersdorf wurde er vernichtet. Torgau und Glatz sind über, Wittenberg ist über. Dresden ist über, Kolberg fällt, er selbst liegt in Glogau, in Betten eingehüllt, er stirbt an den Füßen und kann die Arme nicht rühren...«

»So lebt doch sein Kopf.«

»Um ihn an die Wand zu stoßen. ›Varus, gib mir meine Legionen!‹ ruft er...«

»Doch wohl noch nicht! Sein Geist fuhr in seine Generäle. Finck...«

»Hat sich mit dreizehntausend Mann kriegsgefangen bei Maxen ergeben...«, rief der Marquis und hielt ihm einen erbrochenen Brief hin, den vor einer halben Stunde ein Eilbote aus Dresden, gebracht hatte.

Stephan entfärbte sich, indem er ihn durchflog. »Die Götter sind neidisch auf den größten Sterblichen.«

»Wo ist nun der Glorienschein, vor dem das blinde Volk auf die Knie sank? Es ist nicht mehr eine verlorene Schlacht, die durch eine zweite repariert wird. Er ist nicht mehr der Unüberwindliche in Europa.«

Stephan riß den Säbel von der Wand, zog ihn halb aus der Scheide und drückte den Metallgriff an die Lippen. »So wird er nicht alleinstehen in seiner letzten Stunde, wenn sie kommt.«

Die Bewegung schien dem Marquis nicht zu mißfallen. Er nickte ihm zu: »Ich ließ dich streng erziehen, damit das Eisen aus der Schmiede käme, wenn ich es brauchen will. Es ist gut, aber vernünftig. Etienne, laß uns ruhig die Sache überlegen.« –

Er setzte sich und lud den Offizier ein neben sich. »Du siehst, es geht zu Ende. Seine Bewunderer und Neider, auch seine eigenen Generäle, die hartnäckigen Degenknöpfe wie die Erleuchteten, glauben es. An Frieden ist nicht zu denken, es gibt keiner nach. Wer weiß, ob ein rascher, ehrenvoller Schlag es ausmacht, man wird ihn sich aufreiben lassen, und er wird verglimmen wie der Docht einer Lampe, denn das Öl fehlt. Willst du so mit auslöschen? Was ist dir Friedrich?«

»Was mir Friedrich? O, mein Vater, fragen Sie jenen gemeinen österreichischen Soldaten, einen guten Patrioten für seine Kaiserin, der in die Hände klatschte, als der Geschlagene, Verfolgte, Umringte wie ein Blitz durch seine Feinde fuhr und gerettet war. Was war ihm Friedrich? – Was ist Friedrich ganz Europa, das mit ihm jubelt, wenn er siegt, zittert, wenn er verliert? Gellt Ihnen nicht der Jubelruf der Freude noch ins Ohr von dem fabelhaften Roßbach? Warum, fragte ich mich oft, als ich noch für Theresias Sache glühte, warum zwingt er auch seine Feinde zur Bewunderung? Weil es nur der eine ist, weil er so hoch fliegt, weil er so kühn will, weil er so klarsieht, daß sie alle zuschanden werden und in Neid und Furcht zusammenschrumpfen vor dem Helden des Lichtes. – Vater, Sie können ihn hassen, aber auch Sie müssen ihn bewundern.«

»Gut, Etienne«, fuhr der Marquis im ruhigen Tone von vorhin nach einigem Besinnen fort, »ich lasse das Licht gelten. Doch wo einmal ein solches Licht geleuchtet hat, wird es nicht wieder finster. Wo einmal ein hellerer Geist durch das Dunkel vergangener Jahrhunderte sich Bahn gebrochen hat, da weiß man, wie es aussieht, es bleibt hell. Er war kein Zauberer, er war nur das Werkzeug eines mächtigeren Willens. Laß dich nicht blenden vom Namen. Ist er tot, so ersetzt ihn ein anderer...«

»Und wer ersetzt ihn für Preußen?«

»Was ist dir Preußen? Du weißt kaum mehr, wie es aussieht.«

»Aber ich weiß, was es geworden! Tausend Stimmen der Weltgeschichte rufen mich hin und rufen mir zu: Preußen in Europa! In dem altgewordenen Weltteil, wo das reiche, üppige Italien, das stolze Spanien, der schwedische Norden untergingen, in sich selbst zerfallend, da stampfte auf angeschwemmtem Sande, am dürftigen, kalten Meere, zwischen düsteren Kiefernwäldern, trägen Flüssen und monotonen Seen der Fuß eines Königs ein Volk aus dem Boden, dessen Namen man kaum gehört, und auf Sandschollen gründete Friedrich einen Staat, der der Welt in seinem Jünglingsalter schon Gesetze gab. Und lebte kein Friedrich mehr, hätte ich keine Mutter, keinen Vater mehr in Berlin, doch priese ich mich glücklich, daß ich als Preuße geboren wurde...«

»Eigensinniger Bube!« rief der Marquis, der schon während der Rede aufgesprungen war. Die Arme verschränkt haltend, fuhr er fort: »Was ist dies Preußen? Eine große Lüge. Eine schwindsüchtige Gesundheit, eine geschminkte Schönheit, ein massives Schloß von übertünchter Leinwand. Wer hält den stolzen Bau ohne soliden Boden? – Nur der eine, der ihn gemacht hat. Wenn er tot ist, sinkt der künstliche Staat von selbst zusammen, und der erste Wind aus Ost oder West stürzt ihn und weht den losen Staub über die glänzenden Trümmer. Throne muß man fester bauen als in Ufersand, wo kaum Schilfgras gedeiht.«

»Das sind Fragen für die Zukunft.«

»Heda, wenn Friedrich zehn Enkel hat, wird der elfte sich nicht betten wollen auf dem alten Ruhme, wird er nicht vergessen wollen, daß er Tag und Nacht fort arbeiten muß, um zu erhalten? – Herr Sohn, was dann?«

Stephan schwieg.

»Wär's dann nicht aus mit dem Preußen, das wir lieben? Antwort, Herr Sohn!«

»Dann hat es doch gelebt, Vater, und es war ein schönes Leben, und was gelebt hat, lebt ewig fort für die Geschichte.«

»Etienne, ich drohe nicht, ich bitte dich. – Ich habe große Hoffnungen auf dich gebaut. Wenn ich dir auch nicht nahe war, du warst mir immer nahe. Unsere Schiffe fuhren auseinander, der Wind trennte sie auf der hohen See; doch verlor ich dich nie aus dem Auge. Ob der Ozean stürmte oder spiegelglatt silbern flimmerte im Sonnenlichte, dein weißes Segel sah ich am fernen Saum des Horizontes oder auf dem Schaum der turmhohen Wellen, und mein Herz folgte dir stolz und bang. Etienne, mein liebstes Kind, steuere nicht eigensinnig gegen eine Klippe, du bist es nicht allein, auch meine Hoffnung führt das stolze Schiff.«

»Vater, Sie haben keine Gründe, die mich bewegen könnten –«

»Auch nicht, wenn ich dir sage, daß du kein Preuße bist, daß dein Vaterhaus nicht in Berlin steht, deine Voreltern nicht in den Kirchen dort beteten, ihre Gebeine nicht in den Grüften ruhten, wenn ich dir sage...«

»Halt!« rief Stephan. Eine Totenblässe hatte sein Gesicht überzogen, doch dann kehrte das Blut verdoppelt zurück. Er faßte des Marquis Arm, und seine Augen hafteten scheu auf den Lippen des Angeredeten, indem er mit bewegter Stimme, aber tonlos sprach: »Wenn Sie etwas aussprechen wollen, was meine Mutter kränkt, schweigen Sie. Ist es, was die Ahnung mir aufdrängt, lassen Sie den Schleier über dem Geheimnis, und wenn es mein Glück verdeckt. Ich habe kein teuereres Erbteil aus dem Vaterhause als diese Erinnerung.«

Der Marquis blickte ihn eine Weile stumm an, die Tränen drängten sich zwischen den grauen Wimpern hervor. Plötzlich flog er an seine Brust:

»Du kannst mit Ehren an deine Mutter denken, und du wirst der Stolz deiner Mutter sein.«

Sein Herz war bewegt. Er schien mit etwas zu kämpfen, auf den Lippen schwebte eine Mitteilung, zu der er nur die Aufforderung abwartete. Doch Stephan kam ihm nicht entgegen. »Lassen Sie ruhen, was solange geruht hat – es ist jetzt nicht die Zeit, an sich selbst zu denken. Erlaubt es mir das Kriegsglück, eile ich nach Berlin...«

»Und du nimmst meinen Segen mit«, rief der Marquis und küßte ihn zum Abschied noch einmal auf die Stirn.

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