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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
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9. Die Verschwörung

Die Reisenden sahen, als sie weit genug gekommen waren, um die Turmspitze des ihnen wohlbekannten Dorfes drohende Dampfsäulen am Horizont. Allein der Rauch kam nur von mehreren auf dem Stoppelfelde angezündeten Feuern. Das Blitzen der Bajonette, der schwere, taktmäßige Auftritt von hundert Füßen, die Kommandoflüche der Unteroffiziere sagten ihnen, daß hier exerziert werde. Alles Regelrechte erfreute das Herz des Grafen, er nickte taktmäßig dem Exerzitium zu, bis ein Offizier salutierend den Gruß erwiderte. Es war der Kapitän Sternbald, der vor der Hochkirchner Attacke bei der Familie in Quartier gelegen hatte.

»Ist das Dorf ganz besetzt?« fragte der Graf.

»Mit nichten, Herr Graf. Außer meiner Kasse, zehn Kavalleristen und meiner eigenen Person, die ich mir die Freiheit genommen, in Dero Schloß zu legen, ist keine militärische Seele darin.«

»Und weshalb kampieren Sie mit Ihren Leuten hier draußen unter schlechten Baracken? Es ist schon kalte Jahreszeit.

»Meiner Leute wegen, Herr Graf«, sagte Sternbald, indem er schmunzelnd seinen Bart strich. »Sie sind so überaus freiwillig, daß ich fürchte, wenn ich sie nicht unter einer Schußlinie hätte, sie liefen mir alle über Nacht davon. Hier kann ich meine Rinaldos besser zusammenhalten. Die Unteroffiziere stecken beim Schlafengehen ihre Stöcke in die vier Enden, und dann läuft keiner davon.«

Es war ein wehmütiges Gefühl, mit dem sie das wüste Schloß betraten. Zertretenes Stroh, Heu, Ziegelsteine, abgerissene Planken lagen im Hof und Erdgeschoß umher. In der Vorhalle, wo Stephan als Verwundeter sein erstes Verhör überstanden, fand man Brandstellen auf dem Fliesenboden, indem der Mutwille es bequemer gefunden hatte, in der Mitte des Zimmers das Kaminfeuer anzulegen. Eine Schwadron hatte Lust daran gefunden, durch das Erdgeschoß ihre Reitübungen anzustellen; daher waren die Türen ausgehoben, der parkettierte Boden zerstampft, und der Pferdemist trocknete noch in den Paradezimmern. Fensterscheiben und Spiegel waren eingestoßen, ausgeschlagen und die Wandgemälde mit Säbelhieben von den Vorbeigaloppierenden zerhackt. Doch hatte man hier noch gnädig gewirtschaftet im Vergleich mit dem ganz verwüsteten Gartenflügel. Dort waren sogar die Fensterrahmen und Dielen ausgebrochen, das Dach abgedeckt und die Tapeten mit systematischer Zerstörungswut zerrissen. Dieser Flügel, in modernerem Stil als das alte Schloßgebäude, zu August des Starken Zeit angebaut und bisher der Lieblingsaufenthalt der Familie, war für jetzt unbewohnbar.

»Wir müssen uns in dem alten Schloß einzurichten suchen«, sagte der Graf, der verdrießlich von seiner Besichtigung zurückkehrte, und die Bauerndeputation, die sich bei ihrer Ankunft um sie versammelt, folgte mit abgezogenen Hüten und denselben niedergeschlagenen Gesichtern, mit denen man die Herrschaft empfangen hatte.

»Gnädiger Herr, geplündert sind wir eigentlich gar nicht, sie haben uns nur alles weggenommen«, antwortete der Schulze auf des Grafen Fragen.

»Wer war denn der Schlimmste?«

»Das nahm sich nichts zwischen Kaiserlich und Königlich. Es nimmt schon jeder, was er findet; wenn's nur nicht ärger wird!«

»Wenn ihr schon alles verloren habt!«

»Die Kosaken, gnädigster Herr Graf, die sollen doch immer noch was finden. Wenn uns nur der liebe Herrgott vor den Russen bewahrt.«

»Die Preußen draußen werden bald abziehen, wie mir der Kapitän sagte...«

»Das ist eben das Schlimmste«, sagte der Schulze, sich hinter den Ohren krauend.

»Wart ihr mit ihnen zufrieden?«

»Ach, daß Gott erbarm'! Es ist ein schlechtes Volk. Seit die draußen bei uns liegen, flattert nichts Lebendiges auf zwei Beinen im Hofe, und was liegenbleiben sollte im Hause, tut not, daß man's festnagelte. Sie sind noch nicht lang im Dienst, allerlei Volk, zusammengerafft vom Reich, aus Dänemark und Polacken; aber sie tragen doch Montur und haben geschworen, wenn's auch danach ist. Aber wenn sie fort sind, steh' uns der liebe Himmel bei vor dem Gesindel, was keinem Herrn pariert und herumschweift zwischen den Armeen. Man sieht sie nicht, man hört sie nicht, nur mit einem Male ist der Himmel rot, und dann sind sie da. Vor denen hilft kein Beten und kein Fluchen.«

Es fand sich bei einer näheren Erkundigung, daß denn doch nicht so buchstäblich alles genommen war und noch Gegenstände zur Plünderung auch für andere als Kosaken geblieben waren. Auch im Schlosse sah es nicht ganz so übel aus, wie es zunächst den Anschein hatte. Der zerstörende Mutwille war nur wenig in die oberen Stockwerke gedrungen. Man hatte sich begnügt, hier eine Pistolenkugel durch die Fensterscheibe zu schießen und dort der Diana in der gewirkten Tapete einen Schnurrbart zu machen. Die wurmstichigen Möbel wurden zusammengetragen, die Fenster verklebt und so viel Zimmer, wie die vergrößerte Familie brauchte, leidlich eingerichtet.

Der Hauptmann war, wie sich von selbst versteht, der Gast der Familie. Es war ein erträgliches Zusammenleben, wie es die Umstände eben erlaubten.

»Es grenzt an ein Wunder, Herr Hauptmann, wie Friedrichs Heere, nachdem ein Sommerfeldzug sie vernichtet hat, im Winter wachsen«, hatte der Graf gesagt.

»Wir haben allezeit etwas Geld und noch mehr Versprechungen im Beutel.«

»Ich weiß, man verspricht den Abenteurern jeden militärischen Grad, den sie sich wünschen; allein wie hält man sie fest, wie bringen Sie ihnen die Ausdauer für eine Sache bei, die nicht die ihre ist?«

Der Hauptmann hob lächelnd den Stock des Grafen in die Höhe. »Herr Graf glauben nicht, was dies einfache Instrument für Wunder tut, wenn es in den rechten Händen ist. Widerbeller macht es gehorsam, Nachlässige prompt, Dumme klug, Kranke gesund, und einen Stock von Kerl macht der Stock in vier Wochen zu einem perfekten Soldaten.«

»Holz wächst aber nicht allein in Preußen.«

»Es kommt darauf an, wie man's menagiert, und meine Korporale sind danach. Wenn Seiner Majestät Armeen in jeder Kampagne bis auf den letzten Mann blieben, so nur die Unteroffiziere restieren, prügeln wir Ihnen bis zum Frühjahr ein neues Heer ein.«

»Mit derselben Kriegserfahrung und demselben Vertrauen auf Friedrichs Glück?«

»Für die Russen, mein Herr Graf, sagt man, ist kein Festungsgraben zu tief; sie drücken so viel Kompanien 'rein, bis er voll wird. Ist nun der ganze Krieg nicht ein großer Festungsgraben, wo einer über die Köpfe der anderen fortgeht? Womit man die Lücken füllt, das ist am Ende gleichgültig, dazu braucht es keinen Patriotismus.«

»Friedrichs kolossales Glück ist über den Wendepunkt seiner Sonnenhöhe – wir müssen uns darüber klar sein...«, sagte der Graf.

»Bin kein Sterngucker, Herr Graf ...« antwortete der Hauptmann und hakte den Rock zu.

»Wir sind alte Freunde, Herr Kapitän, und werden uns verstehen. Was hilft eine längere Täuschung? Glauben Sie, daß ein preußisches Armeekorps noch einmal und dauernd die Lausitz besetzen könnte?«

»Das weiß der Teufel, Herr Graf, aber ich stehe nicht mit ihm in Korrespondenz.«

Stephan sah aus dem Fenster den abziehenden Preußen nach. Der Wind jagte Staub und welke Herbstblätter hinter ihnen her, während die Dorfbewohner in Gruppen, die Arme gekreuzt, als schweigsame Zeugen standen.

Die Letzten der Kolonne waren ihm schon aus dem Gesicht, als der Graf zu Stephan trat: »Sie dürfen uns wenigstens nicht verlassen, bis wir Gewißheit über den Marquis haben.«

»Ich hielte mich schon deshalb, solange meine Pflicht erlaubt, verbunden, bei Ihnen zu bleiben, weil Sie meinetwegen den sicheren Aufenthalt in Dresden verließen.«

»Ich erwarte mit peinlichem Verlangen Nachricht von Ihrem Pflegevater.«

»Er kann nicht weit sein, ich habe meine gewissen Zeichen dafür. Er gehört zu den Personen, denen Fährlichkeiten nichts anhaben.«

Der Graf erwähnte, daß man drei Feuer diese Nacht am Horizont gesehen habe. »Es verging seit vierzehn Tagen, wie der Schulze berichtet, kaum eine, wo nicht ein solches trauriges Feuerzeichen an unseren bedenklichen Zustand mahnte, und zehn Meilen im Umkreis finden doch keine militärischen Operationen statt ...«

Sie wurden hier auf einen Lärm am anderen Ende des Dorfes aufmerksam. Man schleppte jemand herbei, der augenscheinlich nicht gutwillig folgte. »Wir haben ihn«, rief man, und der Widerspruch desjenigen, der keine Lust empfand, im Besitz der anderen zu bleiben, wurde übertönt von dem noch lauteren Geschrei: »Der Mordbrenner, der Straßenräuber!«

Beide stürzten die Treppe hinunter, doch der Graf nicht eher, als bis er sich versichert hatte, daß keine Bande hinter dem Ergriffenen im Anzuge sei. Wie groß aber war ihr Erstaunen, als sie in letzterem eine Person, zwar in schlechtem Bauernkittel, erkannten, die aber nichts weniger als ein Mordbrenner und Straßenräuber war.

»Retten Sie mich aus den brutalen Händen«, rief der unsanft Angegriffene.

»Leute, um des Himmels willen, was tut ihr? Ihr habt euch getäuscht.«

»Gnädiger Herr Graf, ich habe auch Augen«, sagte ein strammer Bursche, der den Gefangenen in der Halsbinde gefaßt hielt, nicht ohne Gefahr, ihn durch einen kräftigen Ruck zu ersticken, »ich täusche mich nicht, denn ich bin ihm seit gestern auf der Spur. Kannst du's leugnen, Kujon, daß du, wenn es duster wird, ums Dorf schleichst, daß du gestern über den Heck sprangst, als ich dich anrief, daß du kreuzbeinig in den Wald liefst, als ich hinter dir drein war, kannst du leugnen, daß du jetzt im Heuschober stecktest und gottserbärmlich schriest, als ich dich 'rauszog? Tu's doch, untersteh' dich! – Sehen Sie, Herr Graf, er kann's nicht, das ist ein echter Räuberhauptmann,«

Es lag etwas in dem Ton des Burschen oder in der Art, wie der Marquis ihn anhörte, das vielleicht auch vor Gericht für Wahrheit gegolten hätte.

»Ich bitte, erklären Sie sich, Herr Marquis!« sagte der Graf.

»Es hat alles seine Richtigkeit«, antwortete der Marquis, sich schüttelnd, »aber ein Räuberhauptmann bin ich nicht.«

»Weshalb kamen Sie nicht zu Ihren Freunden?«

»Ich stand ja im Begriff, aus dem Heuhaufen zu kriechen, als mich die Kerle faßten. Warum blieben die Preußen solange im Dorf? Konnte ich ihnen in die Arme stürzen, solange die im Quartier lagen?«

»Die Räuberbande hatte Sie nicht in die Wälder geschleppt?«

»Was Räuberbande!« rief der Marquis, vom Druck seines Peinigers erlöst. Er atmete noch nach Luft, als er schon seiner verwunderten Vorstellung Luft machte. »Wo gibt es eine? Wissen Sie, was Räuber sind, in einem Lande ohne Gebirge, Felsen, in einem Sandlande, wo keine Höhlen, Schluchten sind? Hier wird gestohlen, simpel gestohlen, geraubt, geplündert, aber Räuberbanden existieren nicht. Wo sollen sie sich hier verstecken, wo herkommen, wo hinfliehen, wo sind die Hirten, die Boten und Unterhändler machen? Wo können sie die Geißeln hinschleppen, wo läßt man sich in Unterhandlungen mit ihnen ein, wo stecken sie im Winter – das frage ich euch, dumme Bauern, die ihr an Räuber glauben könnt, wo bleiben sie, wenn der Schnee liegt?«

Der Bursche, der schon verdrossen seine folternde Hand losgelassen hatte, sah sich nun noch genötigt, die Mütze zu ziehen. Es war nicht einer unter dem Zusammenlauf, den nicht die Auflösung verdrossen hätte.

Der Marquis teilte die zärtlichen Gefühle nicht, mit denen die Familie ihn begrüßte, weil er seine Abwesenheit als keinen Grund ansah, daß man um ihn besorgt sein könnte. »Sollte ich wie eine Pagode stehenbleiben, als die braunen Husaren uns auf den Leib kamen? Es war doch sicherer unter den Wegelagerern als unter den preußischen Totenköpfen.«

Der Marquis begrub sich in den nächsten Tagen im Schloßarchiv. Eugenie ließ sich nur bei den Mahlzeiten sehen, Amalie kaum öfter. Bei Tisch setzte man Stephan mit Eugenie zusammen, man richtete die Worte an beide zugleich, man erwartete von dem einen Antwort, wenn man den anderen fragte. Beide waren sehr freundlich zueinander, aber still und gemessen höflich. Man schien dies als ein Zeichen eines Verständnisses anzunehmen, und man hatte recht, denn beide verstanden sich, wenn auch anders, als die Väter glaubten.

Eines Mittags wurde das Gespräch von beiden Vätern auf den Wert großer Familienverbindungen geleitet. Rede und Gegenrede klappten so wohl zusammen und vervollständigten sich zu einer bildnerischen und erschöpfenden Durchführung, daß es den Verdacht des Verabredeten erregte. Die Partien schienen verteilt und die Stichworte gegeben. Der Graf sprach, wie rührend es sei, alte Familienbande wieder neu zu knüpfen. Der Marquis behauptete, sie seien eigentlich alle schon geknüpft, wenigstens wäre die Schleife da, wenn auch nicht der Knoten. Wie es gewisse Kreise in den fürstlichen, so gebe es eben dergleichen in den hochadeligen Familien, die bestimmt seien, durch Heiraten, wenn auch lange fremd, immer wieder zueinander zu kommen. Oft schwirrten die Kreise im Kometenlauf in Säkularbahnen, sie träfen aber stets nach ewigen Gesetzen in einem Punkt zusammen. »Der dunkle Wegweiser, der doch zum Richtigen führt, ist die Sympathie, welche sich um so weniger unterdrücken läßt, je mehr die, welche sie nicht verstehen, sich Mühe geben, durch Spott ihren Wirkungen entgegenzuarbeiten«, sagte der Graf. Er verwickelte sich aber in der Durchführung, und um ihm Luft zu machen, nahm der Marquis rasch das Weinglas: »Auf eine glückliche Erneuerung unseres Familienbundes!«

Der Graf stand auf: »Von Herzen!« Die Gläser klangen hell. »Eugenie! Etienne!« riefen die Väter. »Ihr zaudert?« sprach der Graf.

»Warum sollen wir nicht anstoßen auf das Wohl unserer Väter?« rief Eugenie mit klarer Stimme. »Stoßen Sie an, Etienne!«

Aber als der Marquis den Grafen umarmte in der sichtbaren Absicht, daß die jungen Leute nachfolgen sollten, hatte sich nur Amalie rasch Eugenie um den Hals geworfen und auf ewige Freundschaft ihr einen Kuß gegeben.

Sobald man das Zimmer verließ, trat Eugenie zu Stephan, der in das tief gewölbte Fenster sich zurückgezogen hatte. Sie waren allein. Ihre Stimme klang so freundlich und heiter:

»Lieber Stephan, wollen wir das Spiel länger dulden, das man mit uns spielt? Sie sind ein Mann und ich ein Mädchen, das man so wenig zum blinden Gehorsam wie zur Verstellung erzog. Kein weinerliches Gefühl soll uns abhalten, das auszusprechen, was nur Wesen verschweigen, die sich keine Kraft zutrauen. Zuerst ließen wir uns beide hinreißen von einem Gefühl – genug davon, Sie sehen, ich erröte nicht, es zu bekennen. Als sie glaubten, wir liebten uns, verschwor man sich gegen uns. Jetzt ist ihnen etwas in den Kopf gefahren, und sie wollen, daß wir uns lieben. Ich meine, wir verstehen uns, wir sind beide stolz, und sowenig damals ihr Widerstand, so wenig soll jetzt ihre Grille unseren eigenen Widerstand zwingen. Nicht wahr?«

Es war im Glockenton ihrer Stimme, in dem Glanz ihres von Aufrichtigkeit strahlenden Auges ein Etwas, das wie ein Blitz zündend ihm in die tiefste Seele drang und alle schlummernde Seligkeit ins Leben rief. Und doch klang die Stimme zugleich wie eine Totenglocke. Ein Sieg lag in dem Blicke, doch es war der Sieg der Entsagung. Er drückte die Hand, die sie ihm reichte, an die Lippen. Sie fuhr fort:

»Für das Spiel müßiger Galanterie, nicht wahr, sind wir beide zu gut. Sie liebten mich, doch das ist nun vorüber. Sie sahen ein wie ich, daß das Ziel ein anderes ist, als wir dachten. Damals, als die Flammen loderten in Hochkirch, da träumten, schwärmten wir. Die Flammen sind nun gelöscht. Der tüchtige Mensch soll nicht immer träumen, schwärmen. Wir lernten uns kennen – in einer langen Krankenstube; da lernt man sich kennen! Unsere Augen sprachen es längst aus, daß wir uns von nun an – achten wollten, Freunde bleiben, recht innige, gute Freunde. Friedrich, Ihr Held und König, wartet auf Sie, und was würde er sagen, wenn es hieße, daß ein sächsisches Mädchen Sie nur einen Augenblick zurückgehalten hätte? Geben Sie mir die Hand, Sie wollen ganz Mann ein!« Er würgte einen schweren Kampf. War es der Stolz, der in ihm siegte?

»Des Mannes erste Pflicht ist es, den Standpunkt zu erkennen, auf den die Geburt, das Geschick ihn stellten; dann den anderen, den er sich selbst errungen. Die Hochgeborene mochte den Niedrigen zu sich erheben, vergessen wollen, welcher Schatten eines Bruders an seiner Ferse klebt. Wie aber sollte ich der Reinen, die hoch über ihrem Geschlechte steht, mutig ins Auge schauen, der ich noch nichts tat, was ihre Liebe erobern, verdienen konnte? Noch bin ich ein Verräter, ein Überläufer, noch haftet der Verdacht auf mir; noch tat ich nichts, was mich in den Augen der Welt, in Friedrichs, in Ihren, Eugenie, über den Abenteurer erhebt. Ich wäre ein Verworfener, baute ich meine Hoffnung auf das Gold, das mir ein Sonderling zuwerfen will, und wie ich nicht aus Mitleid Ihre Gunst geschenkt haben möchte, so will ich verdammt sein zur Verachtung, wollte ich Ihren Besitz Familienverhältnissen verdanken und einer Grille, die heute mit mir spekuliert, den höchsten Satz auf meine Karte setzt, um morgen vielleicht mich zerrissen unter den Tisch zu werfen!«

»Sie haben da häßliche Dinge gesprochen«, sagte sie nach einer Pause, »über die ich mit Ihnen rechten könnte, wenn Sie es im Ernst gemeint hätten. Doch wozu das? Es ist vorüber; fragen wir nicht, warum. Über Ihrem Krankenlager legte ich das Gelübde ab, daß wir uns trennen müßten. – O, was zittern Sie? Keine Träne! Sie gönnen doch nicht den anderen den Triumph? – Fest, fest, mein Freund, wir wollen uns auch verschwören gegen sie, uns nicht umgarnen lassen. Schlagen Sie ein zu dem Bunde ...«

Halb reichte er sie hin, halb nahm sie die Hand und drückte sie fest. Ein freundlicher, heller Blick zum Abschiede aus dem großen Auge, und sie verschwand. Sie durfte es keinen Augenblick später tun, denn vor der Tür brachen die Tränen um so ungestümer, je länger sie mit ihnen gekämpft hatte, aus dem Auge, das kaum noch Heiterkeit erlogen hatte. Die Heroin war ein schwaches, trostloses Mädchen.

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