Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
Schließen

Navigation:

8. Die beste Welt

Man übernachtete früher, als man gewollt, in einer Fuhrmannsschenke am Wege. Die Schwadron lag hier, deren Patrouille die Reisenden eskortiert hatte. Boten wurden ausgesandt, um Nachricht vom Marquis zu erhalten. Der Graf, die Komtesse, Amalie waren beruhigt. Nur Stephan schien in Gedanken versunken, wenn er minutenlang am Fenster stand, wo ihm von unten die lauten Stimmen der Husaren heraufschallten, welche keine Lust zu haben schienen, das reichliche Geschenk der Reisenden bis morgen in den Taschen zu behalten.

Für die Bequemlichkeit war nicht zum besten gesorgt. Amalie kochte Tee, der Graf blätterte in seiner Brieftasche, und Eugenie saß, blaß und schön, auf dem Bett, ihren linken Arm leicht in einer Binde.

»Kommen Sie her, Etienne«, sagte sie freundlich und hielt ihm die Hand entgegen. »Schütten Sie Ihre Sorgen vor den Freundinnen aus. Ihr Pflegevater wird wiederkommen, und meine Wunde wird übermorgen heil sein, wenn Sie um uns beide besorgt sind.«

Er küßte die Hand. »Um den Marquis habe ich keine ernste Besorgnis. Man muß ihn kennen, um zu wissen, wie er sich aus jeder Gefahr zu ziehen versteht. Wer steht dafür, daß er nicht freiwillig verschwunden ist?«

Er setzte sich zwischen den Damen an den Tisch, und doch waren seine Gedanken in der nächsten Minute weit entfernt. Er war seit dem Vorfall stiller, als sie ihn je gesehen, fast konnte man ihn verstört nennen.

»Was ist das, Etienne? Dürfen wir es nicht wissen?« fragte Amalie.

»Es will mich ein Bild nicht verlassen ...« sprach er, mit der Hand über die Stirn fahrend.

»Mein Gott, Sie machen ein Gesicht wie damals bei dem Rückfall.«

»Es ist auch dasselbe Bild.«

»Sie sind uns noch immer die Erklärung schuldig.«

Der teilnehmende Blick der Komtesse unterstützte die Aufforderung des Fräuleins. Ein tiefer Seufzer machte sich Luft aus Stephans Brust; die Aufforderung schien ihm willkommen:

»Sie wissen so viel, warum nicht das auch? Ich hatte in meines Vaters Hause einen Bruder ...«

»Gottlieb!« fielen beide Damen ein.

»Ich habe ihn wiedergesehen. Eugenie! Es war der Missetäter, den sie im Dorf gepeitscht, den sie bei uns an der Laube vorüberschleppten, dem Sie voll mitleidigen Entsetzens meine Börse zuwarfen; ich sah, erkannte sein dunkles Bild bei Hochkirch, um ihn im nächsten Augenblick in der entsetzlichen Nacht wieder zu verlieren ...«

Eugenie und der Graf hörten mit Lebhaftigkeit zu.

»Der Unselige ...« rief die Komtesse schaudernd.

»Und er lebt noch ...«, sprach der Graf.

Ein unwilliger Blick der Tochter traf den Vater. »Es waren Fieberphantasien, Etienne, lassen Sie es dabei beruhen.« Sie bemühte sich, mit Laune Geschichten zu erzählen, wo fieberhaft Erhitzte ähnlich getäuscht worden waren. »Wie viele haben nicht tote Freunde, ja sich selbst gesehen! Ihre ganze Seele war vielleicht in dem Augenblick bei Gottlieb, kein Wunder, daß jeder blaue Rock mit rotem Kragen vor Ihrem geistigen Auge sich in den verwandelte, den Sie einmal sehen wollten. Sie werden Berlin, Ihr Elternhaus wiedersehen und auch den armen Gottlieb; aber gewiß ganz anders, als Sie es sich vorstellen.«

Der Aufbruch der Husaren zwang auch die Reisenden, schon am frühen Morgen ihr Nachtquartier zu verlassen. Nach ihren Gesichtern zu urteilen, mochte niemand von der Gesellschaft geschlafen haben. Der Graf bemühte sich umsonst, durch Geld und Versprechungen von dem Detachement eine Eskorte zu erhalten, die Angst trübte seine Laune; Amalie und Stephan waren sehr still, Eugenie, die Mutigste, am wenigsten Aufgeregte, besorgte allein die Geschäfte. Der Leutnant hatte nur die Freude, seinen Burschen, der mit einem Husarentrupp über Nacht angekommen war, wiederzufinden. Die Dienerschaft des Marquis folgte, weniger als der Graf bekümmert, dem Freunde ihres Herrn; es war nicht das erstemal, daß er sie plötzlich verlassen, ohne Anzeige, ohne Grund, und, ebenso plötzlich wieder erscheinend, ihnen nicht im geringsten die Mühe gedankt hatte, die sie sich gegeben, ihm auf die Spur zu kommen. »Der Mann gehört einer vergangenen Zeit an, er hat sich selbst überlebt«, urteilte der Graf. »Seine Phantasien führen ihn auf geradem Wege ins Kindesalter zurück.«

Die weitere Reise war nicht ohne Aufenthalt und Gefahr. Verwüstete Felder, ausgeplünderte Dörfer, Armut, Mangel, roher Soldatenübermut überall, und nur die diplomatische Gewandtheit des Grafen – so glaubte er – brachte sie glücklich durch die Parteigänger der kriegführenden Mächte; wohingegen auf jeder Station, von jedem Kommando, das ihnen Schutz gewährte, seine Angst durch die Warnungen vor den Marodeuren gesteigert wurde. Auch die Nachrichten vom großen Kriegsschauplatz beruhigten keinen Teil der Gesellschaft. Die preußische und die sächsische Armee schienen in einzelne Korps aufgelöst, und in der allgemeinen trostlosen Verwirrung war keine Gewißheit gebende Entscheidung zu erhoffen. Für Friedrich lauteten sie insgesamt trüb, aber die drohende Ankunft der Russen konnte nicht einmal seine erklärten Feinde befriedigen.

Eugenies Herz blutete bei den Leiden des Landvolkes, aber ihre Börse war schon auf den ersten Stationen geleert. Kaum hielt man sie, daß sie sich nicht aus dem Wagen stürzte, als sie einmal einen Bauern mißhandelt sah, der sich geweigert hatte, seine Pferde auszuspannen. »Was hat der arme Mann gesündigt, was hat mein Vaterland verbrochen? Drei Jahre haben Freunde und Feinde sein Brot gegessen, seine Kühe geschlachtet, ihre Pferde haben in seinem Hafer gewühlt; er hat liefern müssen, was ihm übrigblieb, sie haben gebrandschatzt, geplündert, seine Kornfelder zerstampft. Bei Nacht, im Sturm, Regen hat er, gestoßen, geprügelt, ihnen den Weg zeigen müssen, sie zwangen ihn, zu schanzen, während die Kugeln um ihn summten, und jetzt muß er froh sein, daß sie ihm nur die letzten Pferde und nicht das Leben nehmen.«

»Ändern wir's?« sagte Amalie.

»Es läßt sich leiden«, fuhr die Gräfin fort, »wenn uns eine auch wie geringe Schuld drückt, auch wenn die Strafe in keinem Verhältnis dazu steht.«

»So trösten wir uns damit, liebe Freundin, daß den guten Bauer gewiß auch eine Schuld drückt. Wenn er auch nicht mit geholfen, Schlesien zu nehmen, hat er doch vielleicht seinen Bruder bei der Erbschaft übervorteilt, den Vater im Altenteil gekränkt, seine Frau geprügelt. Wer weiß, ob er sein Gut nicht selbst vertrunken hätte, wenn ihm nicht die Soldaten zuvorgekommen wären.«

»Glaubst du denn an eine bessere Welt?«

»Sie liegt am Ende in uns selbst.«

»Wir, Liebe, träumen uns vielleicht eine Vollkommenheit zusammen – aber der arme Bauer! Zieht ihm die Phantasie den Leiterwagen fort? Wenn sie ihm seine Hütte niedergebrannt, seine letzte Kuh geschlachtet, seinen Pelz vom Leibe gezogen haben, kann er sich warmträumen? Wenn er dasitzt auf dem rauchenden Schutt und, die Arme verschlungen, den ersten Schneewolken entgegensieht, tröstet ihn da der heulende Wind?«

»Sie stellen, sich das wie eine Gräfin vor, deren zarter Fuß nie in andere als seidene Strümpfe fuhr und die den Winter sich nicht denken kann ohne gefütterten Zobelpelz. Sind unsere Voreltern in Wäldern und Höhlen nie glücklich gewesen? Denken Sie an unseren Ochsenjungen, der nie einen Strumpf auf den braunen Beinen gehabt und nie anders geschlafen hat als auf bloßem Stroh, und haben Sie je bemerkt, daß es dem drolligen Burschen an Trost gebrach? In Ungarn soll's Hirten geben, die nie unter einem Dach, im Winter gar im Schnee schlafen, wo er am tiefsten liegt! – Ist das nun nicht recht vornehm stolz von Ihnen zu glauben, daß der Bauer keine Phantasie hätte? Er denkt nicht an Italien und Petrarca, dafür aber an eine rauchende Biersuppe, an einen Schnaps und ist so glücklich wie wir, die selbst eine Leberpastete gleichgültig läßt, weil wir immer einen verdorbenen Magen haben. Überhaupt, Kusine, wir sind schlechte Wirtschafterinnen mit dem Gute, das uns der Himmel gegeben. Wieviel Glückseligkeit ließe sich aus Ihrer einen für hunderte, ja für tausend Geschöpfe bereiten, und Sie sind nicht einmal selbst damit zufrieden.«

»Sind die Leiden nicht die größten, Amalie, wo man für andere mitleidet?«

»Ich meine, für andere mitleiden, wo man ihnen nicht helfen kann, sei unnütze Quälerei. Man quält nicht allein, was einem niemand verbieten kann, sich selbst, sondern auch die anderen mit. Ich meine, die Guten könnten alle glücklich sein, wenn nicht der Stolz und Eigensinn wären. Ein Mann zum Beispiel will nicht um die Hand seiner Geliebten anhalten, weil sie reich und er arm ist; er dünkt sich ein entsetzlich tugendhafter Held und bedenkt nicht, daß das Mädchen, das ihn wirklich liebt, sich über seine Tugend zu Tode grämt, oder Sie zum zweiten Beispiel, Komtesse ...«

»Erinnere dich unseres Abkommens!«

»Fürchten Sie nichts, Kusine, ich muß mir ja Ihre neue Glückseligkeit gefallen lassen. O, ich will Sie auch bewundern, und wenn das nicht abgöttisch wäre, wollte ich Ihnen einen Tempel bauen, und allemal, wenn ich mir etwas nicht versage, was ich mir versagen sollte, wollt' ich meiner Göttin Weihrauch opfern und sie recht sehr um Verzeihung bitten, daß ich gar keine Lust verspüre, ihr nachzuahmen. Über die Tür des Tempels schriebe ich: ›Sorgen ohne Not.‹«

»Dafür gibt es auch Not ohne Sorgen. Hältst du das für besser?«

Eugenie schauderte unwillkürlich zusammen.

»Der arme Gottlieb!« fuhr Amalie fort. »Und ich sage doch, er ist glücklicher als Etienne. Die Eltern haben ihn fortgejagt aus dem Hause, sie haben ihn unter die Soldaten gesteckt; die Soldaten haben ihn wahrscheinlich auch fortgejagt. Es will ihn niemand haben, alle stoßen ihn aus, fangen mit ihm Krieg an. Nun weiß er, woran er ist, er stößt sie wieder, er fängt auch Krieg an mit aller Welt, er ist etwas – ein Räuber. Was ist denn der arme Etienne? Den haben sie auch gestoßen und geneckt, aber etwas säuberlicher. Sie zwangen ihn nicht gerade fortzulaufen, aber sie nötigten ihn doch. Die Geschichte im elterlichen Hause hat sich bei den Kaiserlichen wiederholt. Sie gaben ihm nicht den Laufpaß mit Schimpf und Schande, aber er konnte mit Ehren nicht bleiben. Weiß er jetzt, wie er bei den Preußen dran ist? Sie sagen, er wäre ein braver Soldat und weisen ihm doch den Rücken. Und hier bei uns! Wenn er fort wollte, würden wir uns die Augen ausweinen, aber wenn er uns den Arm bietet, uns in den Wagen zu führen, nehmen wir ihn nicht an. Ein Straßenräuber weiß jeden Augenblick, was er zu tun hat, wer sein Freund ist und wer sein Feind, und das Mädchen, das ihn erst einlädt und dann ihm vor der Nase die Tür zuschlägt, schlägt er bestenfalls tot.«

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.