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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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7. Mondscheinszenen

»Sie sind ein launenhafter Mensch«, sagte Amalie zu ihrem Begleiter. »Erklären Sie einmal, was Sie von sich selbst halten.«

»Jeder Mensch ist zuweilen ein Rätsel anderen und sich.«

»Nur daß es sich bei den meisten nicht lohnt, sie aufzulösen. Wir haben aber heut' im Sande nichts Besseres zu tun. Lassen Sie uns einmal an dem Rätsel raten, das in Ihnen der Welt aufgegeben ist. Warum sind Sie mit sich nicht zufrieden?«

»Ich bin ja nicht einmal tapfer, wo ich sollte.«

»Da soll ich wohl Ihre Bravour bei Hochkirch herausstreichen?«

»Etwas für eine gewöhnliche Zeit, nichts für eine außerordentliche.«

»Worin ist sie denn außerordentlich? Daß Europas Kaiser und Könige sich nun drei Jahre herumschlagen um einen Streif Landes und, da sie nicht fertig werden, noch den Großsultan und Tartaren zu Hilfe rufen! Ich glaube, am Ende wird noch der Dalai Lama den Ausschlag geben müssen, wer Schlesien bekommt.«

»Was ich im Park getan, nennt man Verräterei, bei Hochkirch soll ich in mondsüchtiger Raserei gefochten haben und in Dresden – nun, Sie wissen, wie man das nennt.«

»Alles steht noch bei Ihnen«, sagte Amalie nach einer Pause. Er blickte lange stumm vor sich nieder:

»Sie glauben an kein Verhängnis, meine heitere Freundin. Was die Leute Glück nennen, lächelt mir dann und wann, und doch quält, verfolgt mich ein Geschick. Mein Leben ist ein Zwiespalt, ein Sehnen, Ahnen, Wollen. Ich las Ihnen einige Abschnitte aus meiner Jugendgeschichte vor. Aus allen diesen Jugenderinnerungen geht für mich hervor ...«

»Daß Sie ein liebenswürdiger Gassenjunge waren«, ergänzte Amalie.

»Meine Kinderjahre waren unglücklich, weil ich mich nicht in das finden konnte, wozu ich geboren schien. Das Haus war mir zu eng, der Himmel über Berlin zu matt und grau, die Leute zu gemein, der deutsche Ernst zu herb. Was andere befriedigte, erregte mir Verdruß, ich war schon als Kind mit der mir angewiesenen Welt zerfallen und lebte in Träumen. Ich spielte als Kind den Mann, ich wollte hinaus in die eingebildete Welt, ich pochte trotzig auf einen inneren Ruf.«

»Und darum liefen Sie davon, das wissen wir.«

»Ich kam dahin, wo die Sonne heller scheint, das Blut fröhlicher rinnt. Das Glück, was man so nennt, war mir günstig, und mitten im Genuß dessen, was ich ersehnt, fühlte ich, wie es nicht genügte. Ich hatte doch mehr eingesogen, mitgenommen von dem Blute und dem Geiste meiner Heimat, als ich dachte. Ich konnte nicht so gedankenlos dem Genusse hinleben wie die anderen, meine Zweifel nicht mit dem Glauben beschwichtigen, daß wir zu nichts anderem da wären. Die Lustigkeit einen Tag um den anderen kam mir schal vor. Sie nannten mich einen Grübler. Daß sie in mir nicht fanden, was sie suchten, ließ sich ertragen. Daß ich aber in ihnen nicht fand, was ich suchte, wer gab mir dafür Ersatz? Ich hatte keinen Freund. Nun stieg Friedrichs Meteor in die Luft. Lange suchte ich mit knabenhaften Gründen mir zu beweisen, daß es nur ein kalter Nordschein wäre. Aber wie lange reichte das aus? Die Vernunft wurde mündig. Ich sah, daß in dem großen Kampfe, den eine altersmüde Welt mit einer jungen rang, bei den Neugeborenen Licht und Leben, Wahrheit und Kraft war. Ich mußte zurück.«

»Und Sie fanden nun etwas anderes in Friedrich, als Sie erwartet hatten?«

»Habe ich ihn denn überhaupt gefunden? – Man will mich ja nicht anerkennen; ich bin ein Fremder unter den Meinen geworden. Einige glauben mir und schütteln mir die Hand. Es geschieht aber mit einer Scheu und einem Wesen, das nicht zu ihnen gehört. Ich kann mich nicht unter ihnen zurechtfinden, und sie mögen sich nicht an mich gewöhnen. Es sind Männer, so tapfer, wie er sie braucht, aber nicht Geister, die sein Lichthauch durchglüht. Er selbst traut mir nicht, ja, er will mir nicht trauen, und wer in der Welt beugte noch Friedrichs Willen! – Freundin, ich habe mit mir gekämpft, aber war die Nacht von Hochkirch nicht ein entsetzlicher Hohn? Ich konnte ihn retten, die Sterne lachten mir zu, er lachte mich aus. Man sagt, ich habe etwas getan, und lächelt hinter meinem Rücken, denn ich soll es im Schlaf getan haben. Nun es mir obliegt, zu beweisen, daß ich im Wachen dasselbe kann, muß ich gelähmt fast ein Jahr daliegen, während er im Unglück ist! Sie, deren Neigung ich durch Taten verdienen sollte, mußte meine Krankenwärterin werden, sie mußte mich täglich in einem Zustande sehen, der wohl ihr Mitleid, aber nicht ihre Liebe rechtfertigt. Nun genese ich, will auf; da erscheint zum Unglück mein Wohltäter, und ich sehe einem endlosen Kampfe mit dem Grillenhaften entgegen.«

»Sie sind sich doch nicht so ganz unähnlich, ich meine nämlich Sie und Ihren adoptierten Wohltäter. Er will nie, was die anderen wollen, und Sie auch nicht. Er hat sich mal die Phantasie gemacht, Friedrich zu hassen, und Sie, ihn zu lieben. Was wollen Sie aber jetzt?«

»Es gibt nichts über das Vaterland.«

»Heroisch für einen Verliebten.«

»Könnte ein edles Weib einen Mann lieben, der sein Vaterland nicht liebt?«

»Für einen Preußen nicht übel gesprochen.«

»Sein bis zum letzten Lebenshauch, ob er mir dankt oder mich verspottet, dem Vaterlande treu, solange ich den Arm heben, die Zunge rühren kann, und tätig, ob vor der Front beider Heere oder in irgendeinem entfernten Winkel. Nur so kann ich ihrer würdig werden!«

»Ich meine, daß Ihnen ein anderer Kampf bevorsteht, an den Sie nicht denken, und wünsche, daß Sie dabei ebenso Mann bleiben – was ich Mannsein heiße. – Wissen Sie denn noch nicht, mein hochgelehrter Husarenoffizier, daß Weibereigensinn viel gefährlicher ist als eine Batterie mit Vierundzwanzigpfündern? Man muß Minen graben, Kriegslisten ersinnen, sich verstellen, in des Feindes Lager schleichen, scheinbar mit ihm operieren, vor allem aber nie den Mut verlieren und nicht trotzig umkehren, weil ein Sturm abgeschlagen ist.«

»Vor allem aber«, sagte Stephan, »seinem Charakter treubleiben.«

»Was ist denn Ihr Charakter? Sie sind Leutnant und ein eigensinniger Mensch; im übrigen haben Sie mir ja eben selbst anvertraut, daß Sie nicht wissen, woran Sie sind. Wenn nun der Feind den Sturm erwartet? Wenn sie ihm ein größeres Herzeleid antun als sich selbst, daß Sie kehrtmachen? Das ist Trotz, Egoismus, nicht Tapferkeit. Tun Sie mir nur einen Gefallen, Etienne, grübeln Sie jetzt nicht nach. Sie selbst sind sich immer Ihr ärgster Feind. Der Zufall baut oft Brücken, wo sich der geschickteste Ingenieur monatelang den Kopf zerbrochen, und eine Feindesmasse, die uns am Abend von drüben gedroht, wird, wenn die Sonne aufgeht, zuweilen ein Nebel, den der erste Morgenwind verscheucht. Denken Sie vor der Hand an nichts, als an Ihren Helden Friedrich. Sein Triumphwagen ist noch nicht einmal in der Remise, sondern wieder unten am Berg, so daß er den sauern Weg noch einmal machen muß. Da können Sie noch tüchtig helfen. Im übrigen denken Sie nur an das, was Ihnen der Augenblick eingibt; so paßt sich's für einen Rekonvaleszenten.«

Sie waren längst von dem großen Wege rechts abgebogen, die Sonne war untergegangen, und der aufgehende Mond beleuchtete eine jener Steppengegenden der Lausitz, wie sie in der Richtung nach der Mark sich immer weiter ausdehnen. Der Sandboden mit kümmerlichem, vergilbtem Gras zeigte nur hier und da feste kleine Erhöhungen, wo die Wagenräder, das Geschütz oder die Hufe der Kavalleriepferde den Weg nicht aufgewühlt hatten. Der Abendhauch schien Stimmen zu wecken in dem verkrüppelten Nadelgebüsch, das erst am Saume des nächtlichen Horizontes einem hochwipfligen Kiefernwalde sich anschloß. Der Wagen fuhr langsam durch die tiefen Sandgeleise. Es wiegte und schaukelte angenehm, beide schwiegen.

»Was starren Sie so auf die Steine da?« fragte Amalie.

»Der Mond mag täuschen. Es war, als bewegte sich etwas.«

Stephan griff unwillkürlich nach den Pistolen in der Wagentasche.

»Es hat jeder Mensch seine schwache Stunde, lieber Freund, und den bösen Feind muß man nicht necken. – Die Wagen bleiben doch zusammen? Was lehnen Sie sich wieder hinaus?«

»Es ist nichts.«

»Mein Gott, was war das, Etienne, ich bitte Sie ...«

»Das Wagenrad wird nicht geschmiert sein.«

»Schon wieder. Es pfeift.«

»Beruhigen Sie sich, Gespenster pfeifen niemals«, sagte Stephan, den Hahn der Pistole langsam aufziehend. Aber der Ton wiederholte sich. »Zugefahren!« donnerte Etienne plötzlich, das Kutschenfenster niederreißend. »Zugefahren, was das Zeug hält!«

»Ich bin auf alles gefaßt, mein Freund, auf alles«, sagte Amalie. »Ihre eine Pistole geben Sie her ...«

Es war bis da totenstill draußen gewesen, selbst die Pferde schienen von der Bangigkeit ergriffen, sie wieherten nicht, ihr Hufschlag erstarb im Sande. Da schrillte eine Pfeife, aber im nämlichen Moment krachte, brach, stürzte etwas hinter ihnen, und ein vielfältiges Geschrei unterbrach plötzlich die Stille der Nacht. Was hier vorging, war das Werk eines Augenblicks. Etienne stieß den Kutschenschlag auf, er feuerte die Pistole ab, Pulverdampf, Staub, Pferdegewieher, zehn Pfeifen, ein dumpfes Hurra, alles wie ein Traumwirbel.

Amalie hatte die Augen fest zugedrückt, aber aus allen Leibeskräften schrie sie – sie wußte nachher nicht, was – unartikulierte Laute oder »Hilfe, Mörder!« Aber sie wußte bestimmt, was sie sich damit erschrien hatte: Mut. Denn als jemand sie am Arm zupfte: »Kommen Sie nur heraus und helfen«, sprang sie mit der Pistole aus dem Wagen und war vielleicht ebenso angenehm wie vorhin unangenehm überrascht, da ihre Hilfe zu nichts anderem angesprochen wurde, als der Gräfin aus der umgestürzten Kutsche zu helfen. Nicht unverletzt arbeitete sich Eugenie aus den polternden und klirrenden Kästen, Schachteln, Flaschen; ihr Arm blutete, und sie lag erschöpft im Arm der Freundin.

»Sind sie fort?« fragte sie nach einer Weile.

»Wer?« fragte das Fräulein und fuhr doch zusammen bei der unbestimmten Entgegnung.

Sie blickten auf, wie aus dem Schlaf erwachend, was wahr sei und was nicht. Der Mond schien auf einen öden Kiefernwald, auf eine traurige Heide, auf den sandigen, breiten Weg, in dessen Mitte der Wagen des Marquis lag. Der Postillon und der Kammerdiener stritten sich bei den Pferden; der Postillon schwor, das Pferd hätte gescheut, der Kammerdiener schalt ihn eine Schlafmütze.

Der Graf wankte heran und schloß seine Tochter in die Arme: »Gott sei Dank, daß ich dich wiederhabe!«

»Um Gottes willen, sprechen Sie, was war das?« drang Eugenie in ihn.

»Das wird uns dein Bräutigam – dein Freund, unser Freund am besten sagen. Dort steht er, wie in Gedanken verloren, am Baum. – Sie schossen – wonach schossen Sie?«

»Nach Gespenstern.«

Der Streit zwischen den Postillonen und dem Kammerdiener wurde lauter. Jene wollten wissen, es sei in der Heide nicht geheuer, der Kammerdiener behauptete, sie hätten alle geschlafen, der Jäger schüttelte den Kopf, es seien Kerle hinter den Büschen gewesen, der Herr Leutnant hätte nicht nach Luft geschossen.

Da mußten – zum Schrecken des Grafen – die Postillone aus Leibeskräften ins Horn stoßen. Er fürchtete, es könne das Raubgesindel aufs neue locken; die Postillone erklärten, es sei nur, um Hilfe zu bekommen. So mußte es auch wohl sein, denn ein freudiges »Hallo« aus dem Walde antwortete, und preußische Husaren zeigten sich mit ihren weißen Mänteln zuerst vorsichtig am Waldrande, dann, als sie sich überzeugt hatten, wer hier ihre Gegenwart wünschte, preschten sie heran.

Die Freude der Gesellschaft war größer und ihre Bewillkommnung herzlicher, als die Husaren erwarten durften, welche, auf einer Patrouille begriffen, durch den Lärm über ihre Grenze hinausgelockt worden waren. Man schenkte ihnen zu trinken ein, man erzählte, was man wußte und nicht wußte, und sie halfen den umgeworfenen Wagen aufzurichten und das gebrochene Rad festzubinden.

»Ich rate den Herrschaften«, sagte der Unteroffizier, »sich fix auf den Weg zu machen und an uns zu halten; denn die Gegend steckt voll von Schnapphähnen, was nicht hüben und nicht drüben pariert. Es sind Ausreißer von Blau und Gelb, und niemand weiß, ob die Kaiserin oder der König morgen hier das Regiment haben.«

Der Rat war so einleuchtend, daß es nicht der Geneigtheit des Vornehmsten unter den Reisenden bedurft hätte, um ihn sofort ins Werk zu setzen. Wir sagen, des Vornehmsten, denn falls der Marquis dem Grafen diesen Vorzug streitig machte, so ließ sich doch jenes Stimme bei dem in der Eile gepflogenen Rate gar nicht vernehmen. Selbst als man seine Kutsche aufgerichtet und das Rad gut genug befestigt hatte, um das schwere Fuhrwerk bis zur nächsten Dorfschmiede zu schleppen, ließ er sich nicht hören und sehen. Man rief seinen Namen, er antwortete nicht. Man suchte, vergebens. Man rief durch die hohle Hand, Husaren tummelten sich durch die nahen Büsche, alles umsonst.

Man geriet auf den Argwohn, wenn es Marodeure gewesen, so sei der rührige alte Mann unter sie geraten und von ihnen mit fort in die Heide geschleppt worden. Die Damen drangen darauf, daß die Husaren nachsprengten. Allein der alte Unteroffizier schüttelte den Kopf.

Sein Kommando bestand nur aus sechs Mann. »Für meinen König und, befiehlt's der General, alles«, sagte er. »Aber mit sechs Kavalleristen verspreng' ich mich nicht bei Nachtzeit in einen Wald, wo hinter jedem Baumstamm ein Ausreißer lauern kann – wenn auch der vornehme Herr unseres Generals Ziethen bester Freund wäre, es täte doch nicht gut für ihn. Haben sie ihn mitgeschleppt, dann macht ein Wort in Güte und ein Lösegeld mehr aus als unsere Säbel und Pistolen. Aber halten darf ich hier nicht fünf Minuten mehr.«

Wenn auch die Rede nicht für alle so einleuchtend war als schlagend, so war sie doch bequem. Und das Gewissen fügt sich gern der Notwendigkeit, wo die Bequemlichkeit auf seiner Seite ist.

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