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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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Drittes Buch

Der Marquis

1. Die Kaffeegesellschaft

In der dritten Etage eines Hauses der Moritzgasse in Dresden stand ein Tisch, mit schwerem Damasttuch gedeckt; darauf geblümte Porzellantassen aus Meißen, sorgfältig gereiht, und Polsterstühle mit hohen Lehnen darum. Außer dem wohlgenährten Mops jedoch, der auf dem Kanapee schmollte, und zwei alten Katzen im Lehnstuhl hinterm Ofen zeigte sich noch nichts Lebendes; denn die Wirtin observierte im Nebenzimmer mit einem Perspektiv. Ob nach erwarteten Gästen oder etwas Unerwartetem, ließ sich aus dem Lächeln unter der spitzen Nase und dem noch spitzeren Kinn nicht entdecken. Der Hund knurrte, und die Katzen bäumten sich, daß ihre Gebieterin sie auf so ungewohnte Weise vernachlässigte; aber das Fräulein ließ sich nicht eher stören, als bis man die ersten Gäste vor der Tür scharren und über den Vortritt komplimentieren hörte.

Man hob sich auf den Schuhspitzen und küßte sich auf beide Backen, man fragte, wie man sich befände, und war erfreut, sich so wohl zu finden. Alle versicherten, das Fräulein nie so munter gesehen zu haben. »Nous sommes sauvées«, erwiderte sie komplimentierend einer jeden und führte die teuren Freundinnen mit unermüdlicher Rührigkeit an ihre Plätze. Es hatte jede etwas zu erzählen von den Schrecken der überstandenen Belagerung, jede einen abscheulichen Zug mitzuteilen von der Roheit der Preußen, von der Impertinenz der Offiziere, von der Unartigkeit des Gouverneurs, und keine einzige führte – wie es wohl in den Kriegen nach dem Siebenjährigen sich zugetragen hat – das Wort für die Einquartierung.

Der Kaffee floß nicht so reichlich aus den drei großen Kannen in die zwölf kleinen Tassen wie von den Lippen der ehrenwerten Matronen die Erkundigungen, Mitteilungen, Beteuerungen und Verwünschungen.

»Denken Sie sich, liebe Klinkauf, der Papagei der Hofmarschallin ist erschossen worden«, rief eine hagere Dame.

»Das hübsche Tier!« jammerten alle.

»O, es wird nichts vergessen werden«, klatschte das Fräulein in die Hände. »Das kommt alles auf die große Rechnung. Und nun geht's ans Bezahlen. Verlassen Sie sich drauf, nun ist's aus. Mit der Kunersdorfer Bataille ist das eine andere Geschichte als damals mit der Nachtaffäre bei Hochkirch, aus der nicht viel 'raus kam. – Nicht zehn Mann hat er mitgebracht, der Herr König von Potsdam, und die russischen Kugeln – na, man darf nicht alles sagen. Aber an der Gicht liegt er, und wie! Wenn ich sein Doktor wäre...«

»Unsere Klinkauf hat doch immer die besten Neuigkeiten.«

»Wir haben ihn zu lange respektiert, das ist es, Mesdames! Das allein! Warum haben wir nicht zugegriffen, als es Zeit war! Da zitterten der Herr Geheime Hofkriegsrat, der Herr Feldmarschall, die Exzellenzen hüben und drüben. Wenn man auf uns gehört hätte, säh' es anders aus, anders, sage ich. Gar keinen Respekt brauchte man zu haben. Warum? – Sind das überhaupt Kavaliere bei den Preußen? Waren Sie schon auf dem Wachtzimmer im Schlosse? Ich sage Ihnen, es sieht greulich aus von den schmutzigen Stiefeln, und in die Wände haben sie gekratzt, sehen Sie Figuren, daß eine sittsame Dame vor Scham in die Erde sinken möchte, in die Erde, sage ich Ihnen.«

Sie war beschäftigt, ihrer Nachbarin etwas ins Ohr zu flüstern, als die Tür aufging und ein gepudertes Haupt hereinblickte. »Ist es erlaubt?« Ein Schrei freudiger Überraschung antwortete, und eine Gestalt schlüpfte herein im fein gestickten Hofkleide, mit Degen und niedrigem Hut, mit Mienen, Armen und Beinen so geschickt sich drehend und wendend, daß alle anwesenden Damen sich zugleich und zuerst gegrüßt glauben konnten.

»Der schöne Kammerherr, von dem Sie wissen«, unterrichtete eine Nachbarin die andere.

»Baron Kurz, embrassez moi«, schrie ihm die Wirtin, ihm entgegenstürzend, zu. »Wo haben Sie die letzte Zeit gesteckt?«

»Verzeihung, wenn ich unangemeldet . . .«

»Ein Kavalier wie Sie braucht nie Verzeihung.«

Während die glückliche Wirtin der wißbegierigen Versammlung erzählte, wie es ihr gelungen sei, die ganze Belagerung über den Kammerherrn zu verbergen, versicherte der nicht minder Glückliche einem anderen Kreise tausend süße Dinge.

»Das war die artigste Einquartierung, meine Damen«, sagte die Wirtin, »bis er mit einem Male wie ein Dieb in der Nacht entwischte, als die Kapitulation geschlossen war, um jetzt« – dabei wandte sie sich verbindlich ihm zu – »im Schmuck eines jungen Gottes wieder aufzuwarten.«

»Und«, setzte der Baron fort, seine Knie beugend und ihre Hand an die Lippen drückend, »den Tribut des Dankes an den Stufen des Altars meiner Schutzgöttin mit dankgerührtem Herzen derselben zu präsentieren.«

»Ihr wäre wohl lieber, wenn er ihr das Herz selbst präsentierte!« bemerkte die Wohlbeleibteste unter den Damen.

»Er war immer ein Schmetterling«, sagte die Wirtin, indem sie wohlgefällig seinen himmelblauen Atlasrock musterte. »Wo waren Sie indessen, Unartiger?«

»Überall und nirgend – beim Auszug der Preußen. – Es war, als ob sie alle Spießruten liefen! Und die Kaiserlichen heizten gut! Sie wissen doch, wie der Zufall uns günstig gewesen.«

»Der Zufall!«

»Friedrich hatte Schmettau zwar einen Befehl zugeschickt, Dresden zu übergeben, aber auch ebenso schnell Gegenbefehl erteilt. Dieser Gegenbefehl dringt nicht durch, und Schmettau war schon aus Dresden, als ihm die Nachricht kommt, daß General Wunsch auf Sturmesflügeln zum Ersatz auf Dresden marschiert. Da war es zu spät.«

Die Wangen der Damen wurden unter dem Rot und den Schönheitspflästerchen blaß, und alle sahen sich fragend an, ob es auch wirklich zu spät war.

»Keine Sorgen«, sagte Kurz und hob sich etwas auf den Hacken. »Man hat den ungeschliffenen Mann nicht wieder zurückgelassen. Schade, daß er so gut französisch spricht.«

»Und es ist der letzte Mann heraus, lieber Kammerherr?«

»Der letzte, und solange ein patriotisches Herz in unserer Brust schlägt, soll keiner mehr herein.«

»Was ist mit der guten Klinkauf?« fragte eine von den Damen. »Sie ist heut immer auf den Beinen, als wäre sie ein achtzehnjähriges Ding.«

Der Kammerherr war an das Fenster gehüpft und wieder zurückgehüpft. Er warf der Sprecherin eine Kußhand zu, streichelte den Mops und sagte mit schlauem Blick: »Sie beobachtet.«

»Was denn?« erschallte es wie aus einem Munde.

»Meronis drüben.«

»Die abscheulichen Leute«, seufzte die dicke Dame.

»Der Graf bleibt immer ein scharmanter Kavalier«, entgegnete ihre hagere Gegenfüßlerin. »Es ist Verleumdung, daß er es mit den Preußen gehalten hat!«

»Die ganze Familie ist mir ein Greuel«, fuhr die Korpulente fort. »Man möchte sich ja die Ohren zuhalten, was man da erfahren muß! Die Komteß, um nichts Schlimmeres zu sagen, ist ein altkluges Geschöpf und die arme Kusine die boshafteste Kreatur unter der Sonne. Wenn der Alte es auch nicht mit ihnen gehalten, die Komtesse hat es ja in die vier Winde geschrien! Es ist ein Skandal! Nein, sage ich doch, für eine solche Familie danke ich … Meines guten Bruders Sohn, was wäre aus dem geworden, wenn er ein solches Ärgernis ins Haus gekriegt hätte!«

»Daß sie den alten Papa so an ihrem Schnürchen tanzen läßt«, warf eine Dritte ein, ein Vorwurf, der wie Vermittlung klingen sollte.

»O, der Graf verdient es nicht besser«, fuhr die beleibte Kammerrätin fort. »Ich weiß nicht, wie die Kavaliere heutzutage denken, daß sie mit ihm umgehen, als wäre gar nichts vorgefallen. Kommt mit dem zerschossenen Husaren nach der Hochkirchner Bataille in die Stadt, als wäre es unser verwundeter Kurprinz. Und wär' er nur von Familie. Nein, mit einem preußischen Abenteurer, von der Straße aufgelesen – es weiß kein Mensch, wo er her ist. Den hätscheln sie und pflegen sie, o, ich will nichts Ärgeres sagen, aber die Stadt hätte dagegen aufstehen sollen.«

»Die Preußen waren aber in der Stadt.«

»Was Preußen, wenn der Anstand im Spiel ist. Man hat sie an des Menschen Bett sitzen gesehen und ihm vorlesen gehört.«

»Nicht möglich!« rief alles, und eine Mutter hielt ihrer Tochter den Fächer vor. Man drang in den Kammerherrn, der schlau dazu gelächelt hatte, mitzuteilen, was er wisse.

»Man brauchte sich wirklich nicht aufs Lauschen zu legen, so wenig versteckte man sich dort. Wir wissen, daß der Husarenleutnant bei Meronis vorigen Sommer im Quartier gelegen, wir wissen, daß sich schon von daher ihr – Einverständnis, wenn ich es so nennen darf, herschreibt. Der Graf machte große Augen, mußte aber schweigen, denn die Komtesse drohte ihm wegen seiner kleinen Unterhandlungen, die Preußen lagen auf seinen Gütern, und Sie kennen den – sonst hochverehrungswürdigen Grafen.«

»Wir kennen ihn!«

»Indessen wurde es ihm mit der Zeit doch zu arg, weil es herauskam, daß der Mensch ganz ohne Familie war …«

»O, es wäre ihm schon recht gewesen!«

»Er untersagte daher der Komtesse ernstlich allen Umgang mit dem Offizier. Das machte aber das Übel nur ärger, sie steckte ihm alles Geld zu, was sie aufbringen konnte; er kam zu ihr als kassubisches Bauernweib verkleidet, und die böse Welt will auch von einer Verkleidung wissen, in der sie zu ihm geschlichen.«

»Um Verzeihung«, brach hier eine Vierte oder Fünfte, die noch nicht zu Wort gekommen, los: »Um Verzeihung, das ist uns bekannt, Herr Kammerherr. Sie waren schon bis zur Entführung fertig, und das gerade in der Nacht, als voriges Jahr die Hochkirchner Bataille losgehen sollte. Das erfährt ein preußischer Offizier, der auch ein Auge auf die Gräfin hatte und den, wie man meint, der Herr Graf sehr protegiert hat. Er tritt ihm in den Weg, sie geraten aneinander, und der Liebhaber haut ihn nieder. Der König, dessen Liebling der Offizier gewesen, läßt den Täter auf der Stelle arretieren und schließen. In seinem Verhaft aber bricht er in ein hitziges Fieber aus, wütet und schreit, und als der nächtliche Überfall alles in Konfusion gebracht, zerbricht er in der Raserei die Kette, springt auf ein Pferd und haut sich durch Freund und Feind bis in das brennende Gehöft der gräflichen Familie. Dort wartet die Komtesse schon auf ihn in Mannskleidern und will mit ihm auf und davon reiten, als ein Schuß ihn zu Boden streckt.«

»Um Vergebung«, rief eine Fünfte oder Sechste, die auch bisher hat schweigen müssen, »das weiß ich besser. In Husarenkleidern ist die Komtesse auf dem Pferd gesessen gewesen und ist mit ihm in der Bataille umhergeritten. Denn das will ich nicht glauben, was böse Zungen meinen, daß sie selbst die Pistole in der Hand gehabt hat. Husar ist sie freilich genug. Nachher hat sie den Vater gezwungen, den verwundeten Leutnant in seinen Staatswagen zu nehmen. So sind sie in der Neustadt einkutschiert. Die Kusine meines Stubenmädchens, die im Wilden Mann dient, hat sie mit ihren eigenen Augen gesehen.«

»Er ist ein Deserteur«, ereiferte sich die Korpulente, »mit einer kaiserlichen Kasse ist er durchgegangen, es stehen große Summen auf seinem Kopfe; aber es wurde alles vertuscht. Warum hätten sie sonst so viel Aufhebens und Wesens gemacht, um den wundkranken Leutnant fortzuschaffen, wo so mancher Major und Hauptmann zurückbleiben mußte?«

»Was haben sie denn getan?«

»Ich glaube, eine halbe Kompanie wurde gestern geschickt, um ihn auf Matratzen und Stroh zu verpacken, und eine Schwadron eskortierte den Wagen des Grafen. Wem's nicht an den Hals geht, um den macht man nicht soviel Umstände.«

Eine Mutter schauderte: »Das muß man sagen, in Meronis Hause wird eine saubere Moral gelehrt. In Sodom und Gomorra ist es nicht so hergegangen.«

»Die Komtesse hat gut die Tugendhafte gespielt, aber hinter dem steckt etwas, sage ich Ihnen.« Diese letzten Worte der Kammerrätin waren mit der ganzen Kraft zürnender Überzeugung betont.

»Es steckt etwas dahinter«, riefen sieben zugleich, und der Kammerherr, den Finger auf dem Munde, wiederholte: »Es steckt etwas dahinter.« Da öffnete sich die Seitentür, und das Fräulein rief, den Kopf vorsteckend: »Herr Kammerherr von Kurz!«

Der Baron war verschwunden.

Ein gekrümmter Marmortisch, zum Spiel bestimmt, stand in der Mitte des tiefen Zimmers. Auf diesen setzte die wohlbeleibte Dame, mit Gewicht vom Sofa sich erhebend, mit Gewicht hinschreitend, mit eben dem Gewicht ihren Pompadour nieder, und ihre Muscheldose hervorziehend, sprach sie: »Das finde ich sonderbar.«

Die hagere Dame fragte spöttisch, ob sie ihre Partie anfangen wollten.

»Ich finde es impertinent«, fuhr die erstere fort und schlug den Dosendeckel zu, »ich finde es impertinent, uns hier stehenzulassen. Ich finde es über alle Maßen impertinent.«

»An ihrer Gesellschaft wäre uns freilich wenig gelegen«, setzte die Hagere hinzu, »denn sie wird mit den Jahren immer zerstreuter, man könnte sagen kindischer.«

»Wer ist sie denn?« fuhr die Dame fort, welche das Signal zur Empörung gegeben. »Ich bitte Sie, wer ist denn diese Klinkauf, daß sie sich dergleichen erlauben darf? Ihr Vater war Kammerherr bei dem höchstseligen August dem Starken, aber was für ein Kammerherr!«

»Ihre vornehmste Bekanntschaft ist der Marquis.«

»Wo bleibt aber der Marquis?« fuhr die erhitzte Dame fort.

»Hat er sich seit Jahr und Tag bei ihr sehen lassen? Und wer ist der Marquis am Ende?«

»Er ist sehr reich.«

Die verschämte Tochter der besorgten Mutter hatte durchs Schlüsselloch gesehen. Die Mutter fragte und neun Stimmen mit ihr: »Was gibt es?«

»Sie sehen mit einem Fernrohr über die Straße«, flüsterte die Tochter.

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