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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
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12. Hochkirch

In dem gräflichen Witwenhause beurlaubte sich der Graf erst nach Mitternacht von den Damen. Er hatte beim Abendtisch den heitersten Wirt gemacht und selbst einen Toast auf den Sieger der nächsten Bataille ausgebracht. Die Einquartierten nannten ihn einen charmanten Mann. Auch jetzt, als er Eugenie auf den Scheitel küßte, strahlte sein Gesicht von Freudigkeit.

»Ihre Audienz bei Friedrich«, sagte die Tochter, »ist zu Ihrer Zufriedenheit ausgefallen.«

»Wie konnte es anders sein! Er ist der Monarch des Jahrhunderts, wenn ich nicht sagen darf des Universums. Was ist ihm fremd? Schlachtpläne im Kopf, agitiert dieser außerordentliche Mann in den Kabinettsintrigen von Petersburg bis Neapel. Seine Krone wankte, und er dichtete. Die Kanonade beginnt, und er spielt die Flöte. Er gewinnt eine Schlacht und überdenkt im Augenblick, wo er das Kommando zur letzten Attacke gibt, wieviel die Porzellanfabrik in Berlin abwirft. Alles ist diesem Geiste gegenwärtig, er kennt das Vermögen, die Verhältnisse der Familien – selbst für unsere interessiert er sich.«

»Der außerordentliche Mann!« rief das Fräulein.

»Er hat mich nach Berlin eingeladen, und ich denke, mein Kind, nächsten Winter mit dir dort zu verbringen. Er hat gehört, wie du für seine Heldengröße schwärmst, und ich freue mich, dich ihm vorzustellen.«

Eugenie trat zu Amalie ans Fenster. Der Garten lag dunkel zu ihren Füßen, die Wiesen dahinter waren etwas heller. Man konnte bis drüben nach den Höhen und einige der österreichischen Wachtfeuer sehen.

»Der Wind hat sich gelegt. Es könnte eine Julinacht sein, so still ist es.«

»Wenn es warm wäre, Gräfin! Wie konnten Ihre Vorfahren so töricht sein, nach Deutschland zu ziehen! Stellen Sie sich dagegen vor: wir lägen am Fenster einer schönen Villa bei Verona. Durch Reben und Ulmen fächelten die Zephire, der Blütenduft wogte uns entgegen und längs der Taxushecke schliche, die Gitarre im Arm, der Amorato, lehnte sich dort an die Pinie und strömte seine glühende Sehnsucht in einer schmelzenden Serenade aus. Natürlich, dies wäre kein Fenster, sondern ein Balkon und nicht allzu hoch. Wenn man ihm die Hand reichte und ein Auge zudrückte, schwänge der Erwartete sich herauf, spränge über das Geländer und Ihnen zu Füßen. Ich, weil ich das Knien nicht leiden kann, entfernte mich und hätte am Morgen alles ausgeschlafen. Die deutschen Freundinnen sind, wie Sie wissen, nicht so nachsichtig. Ach, und vor allem die Kettenhunde. Wie wenn unser Freund aus Ungarn auf den Einfall käme, Ihnen eine Serenade zu bringen? Da unten verirrte er sich im Labyrinth der Ställe, Scheunen, Düngerhaufen und, wenn er endlich an die Tür gekommen, fallen die Bullenbeißer über ihn her. Während er froh ist, sie sich vom Leibe zu halten, erwachen von dem Lärm die Stallmägde und Ochsenjungen mit Laternen. Es wäre ein herzzerreißender Auftritt für eine Komödie, wenn sie, ihn für einen Dieb ansehend, seine Galanterie mit Knütteln und Schaufeln belohnten.«

Es trat eine neue Pause ein.

»Ob das eine Schildwacht drüben auf der Wiese ist ...«

»Es ist wohl nur der Schatten eines Erlenbusches.«

»Richtig . . . Wir sind nach dem Garten zu wenig gesichert. Der Graben ist nicht breit, und unsere Bullenbeißer liegen vorn im Hofe. Von dort dringt doch niemand ein, der nicht gesehen sein will.«

»Wer sollte denn hier eindringen?«

»Je nun – wenn er auf den Einfall käme – er ist jung, phantastisch – der Gedanke an die Schlacht – Sie nie wiederzusehen, entschuldigt vieles . . .«

»Wer, Amalie?«

»Unser interessanter junger Freund.«

»Amalie, du hast ...«

»Alles ausgerichtet, wie ich Ihnen sagte. Nur nicht von dem Geld und der Börse, dazu war ich zu blöde.«

Ihre Rede wurde durch ein schneidendes Geräusch unterbrochen. Es pochte jemand gegen eine Fensterscheibe, zwar im Erdgeschoß, aber so heftig, daß die Scheiben des oberen Zimmers klirrten.

Amalie wurde blaß: »Ist er wahnsinnig?«

»Was ist das, Amalie?«

»Hier nicht«, rief diese und stürzte in den Korridor, das Fenster nach dem Hofe aufzureißen. Dort klopfte ein Feldwebel an das Fenster der Einquartierung; man hörte ihn rufen: »Herr Major – Herr Major – ich komme, Ihnen zu melden, daß die Kürassiere Ordre haben, in der Stille aufzusitzen.«

»Gott sei Dank, es ist nichts«, sprach das Fräulein mit gepreßter Stimme, als sie ins Zimmer zurücktrat. Eugenie hatte jede ihrer Bewegungen verfolgt. Jetzt fiel ihr Auge wieder auf das Tuch am Fenster, die Ahnung durchzuckte sie mit der Schärfe der Gewißheit: »Was hast du getan?«

Ohne ein Wort zu sprechen, ließ sich das Fräulein auf ihre Knie nieder. Sie ergriff die Hände der Gräfin und küßte sie schmeichelnd. Endlich sah sie verstohlen auf, und als sie mehr Angst und Bewegung als Zorn zu lesen vermeinte, lispelte sie: »Er kommt.«

»Wann?«

»Gleich.«

»Vergessene!«

»Ich habe nichts vergessen. – Er hat den Schlüssel zur Gartenpforte.«

Eugenie riß sich von ihr los: »Ich hoffe, du spielst. – Gütiger Himmel, es wäre unerlaubt! Verwegene, straft mich so meine Nachsicht? Darfst du mit anderer Ehre und Ruf dein Spiel treiben?«

»Mit der Ehre nicht, Komtesse, aber ich wußte nicht, daß Sie sich um den Ruf bekümmern, wenn die Seligkeit im Spiel ist.«

»Unglückselige, was hast du getan?«

»Ihn betrogen, aber nicht Sie. – Der Mond ist nicht unbefleckter, als Ihr Ruf bleiben soll. Er schleicht durch den Garten, dort steht nicht Mensch, nicht Hund, die Fenster der Bedienten sind durch Laden von außen verschlossen. Ich führe ihn herauf, ich ihn hinunter. Hat jemand Augen, durchs Dunkel zu sehen, so trifft mich der Verdacht. Aber er glaubt, Sie haben ihn zum Rendezvous geladen; das ist mein Verbrechen. Sie haben noch immer Zeit, ihn zu enttäuschen, und ich bin weit entfernt, zu leugnen. Ihre Ehre steht bei Ihnen, für Ihren Ruf habe ich zu sorgen.«

»Morgen – morgen sehen wir uns zum letztenmal.«

»Und wenn auch, Freundin«, sprach Amalie ernster und heiterer als sonst, »ich bereue nichts. Würde heute noch einmal gestern, ich ginge wieder zu ihm und brächte ihm wieder die süße Lüge. Ich liebe Sie heiß, herzlich, ich liebe Sie, wie Sie mich nicht lieben. Sie sollen nicht leiden, Sie sollen glücklich werden wider Ihren Willen. Ich hab's mir geschworen. Aber wer den günstigen Augenblick versäumt, verspielt das Leben, und ein Tor nährt sich von der Hoffnung, daß die Sterne wieder geradeso zusammenkommen. Oh! Den Vater werden Sie überwinden, die Verhältnisse verspotten, aber Ihr Stolz ist mächtiger als Ihr Herz. Da schien mir's die Stunde, wo einmal das arme Herz lebendig sprach, wo meine Eugenie Weib war, ein fühlendes Mädchen. Die Seligkeit schwebte auf dem Sekundenzeiger. Morgen, wer weiß, was morgen ist, ob er am Rhein steht und Sie in Polen, ob er noch so glüht und Sie noch so fühlen, und wenn Sie wollen und er will und alles will, ob's mit dem Willen noch getan ist; auch der Stern der Hoffnung kann untergehen. – Wenn sein scheues Pferd den blutenden Freund aus der Schlacht trägt, wenn er niederstürzt vor Ihren Augen, wenn der brechende Blick Sie sucht, wenn er die Hand ausstreckt nach Ihnen – dann überwinden Sie – ich weiß es – Ihren Stolz, Sie stürzen, Sie drücken ihn an die Brust, Sie schreien's vor aller Welt aus: daß Sie ihn lieben, aber dem Sterbenden fristen Sie damit keine Sekunde Leben, er sieht es nicht mehr, er erfährt nichts mehr davon, und er schiede doch vielleicht zufrieden von der Welt, wenn er es noch wüßte.«

Eugenie hatte, als Amalie zu reden anfing, das Tuch vom Fenster gerissen. Den Kopf gegen die Scheibe gedrückt, hörte sie ihr zu; es entging ihr keine Silbe. Umgewandt, mit starrem Blick hörte sie die letzten Worte.

»Wo gehst du hin?« fragte sie, als das Fräulein mit derselben Ruhe einen Leuchter ergriff, um das Zimmer zu verlassen.

»Ich will den Riegel vor die Gartentür schieben.«

Sie war bis zur Zimmertür, sie hatte schon aufgeklinkt, als ein schwaches, zitterndes »Bleibe!« ihr Ohr traf. Eugenie wankte, blaß, mit unsicherem Blick sah sie nach der Freundin, ob sie doch ginge. Rasch sprang diese zurück und schloß die Wankende mit Heftigkeit in die Arme.

Das Tuch hing wieder an seiner Stelle. Die Frauen saßen still, Hand in Hand, auf dem Kanapee, so still, daß man das Nagen des Holzwurms hörte. Nur Amalie schlich dann und wann ans Fenster, bis Eugenie sie bat, wiederzukommen. »Es hilft nichts, Liebe. Wir müssen uns zwingen, gar nicht daran zu denken.«

»Dann kommt er, meinen Sie. – Ich glaube, ich werde bald sterben, da mir die Lust zum Spaßen ausgeht – selbst über den Aberglauben.«

»Still – ich höre etwas ...«

»Es war nur der Kater auf der Bodentreppe.«

Sie hörten die Mäuse auf dem Flur rascheln, der Morgenwind stöhnte im Kamin und knarrte in den Angeln einer halb offenen Tür. Aber kein Schlüssel in der Gartentür – kein Tritt im Garten ... Es schlug vom Kirchturm drei Uhr – vier Uhr – ein viertel – halb ... Eugenie atmete tiefer und tiefer, sie zitterte, ein Frost fing an, sie zu schütteln. Amalie wurde besorgt vor einem Fieberanfall.

»Horch, Liebe! ...«

Es schlug dreiviertel. Die Natur wollte ihr Recht. Ein Tränenstrom brach aus den Augen der Gräfin, so heftig, so ununterbrochen, als wolle der Schmerz, seit Jahren in der festen Brust zurückgehalten, auf einmal heraus. Sie umschloß die Freundin und weinte an ihrem Busen, bis auch die Kraft zum Weinen aus war. »Er kommt nicht«, sagte sie mit erstickter Stimme.

»Er wurde vielleicht kommandiert.«

»Ich sehe ihn nie wieder ... Ich hätte ihn so gern gesprochen, für mein Leben gern – nur einmal – nur ein einziges Mal noch ...«

»Kommen Sie zu Bett – ich will zu ihm ...«

Es schlug fünf Uhr vom Hochkirchener Turm, am 13. Oktober 1758. – Die Glocke hatte noch nicht ausgeschlagen, als ein Musketenschuß fiel – ein zweiter – ein dritter – Schuß auf Schuß – Säbelklirren – darauf ein fürchterliches Gebrüll von tausend Kehlen. Wenn es einen Moment verstummte, brach es gleich darauf fürchterlicher und schrecklicher aus, wie die Würgengel auf neue Opfer stießen – ein Schrei barbarischer Mordlust, von dem die Berge widerdröhnten und das Dorf erschütterte.

Jetzt wirbelte die erste preußische Trommel aus dem Lager – sie verstummte; ein feindliches Bajonett hatte vielleicht den beherzten Tambour niedergestoßen. Die österreichische Musik spielte von den Bergen her, Regimentschöre im Triumphmarsch, verkündend, daß es kein Vorpostengefecht, kein leicht gemeinter Husarenanfall war, daß das ganze kaiserliche Heer zur ernsten Schlacht anrückte, und sein Ziel war: Vernichtung der Preußen. Aber nun wirbelten hier zehn Trommeln zugleich – zwanzig Trommeln antworteten; als sollten sie zum letztenmal dienen, schlugen die preußischen Tamboure drauf. »Der Feind!« – »Wir sind überfallen!« Kommandoworte, Flüche – doch keiner der Verzweiflung – drangen durch die Luft. Türen wurden zugeschlagen, Fenster aufgerissen, eingeschlagen, Treppen und Böden dröhnten von den Tritten der schrecklich geweckten, der hinausstürzenden Soldaten. Die Stalltore wurden gesprengt, die Pferde herausgerissen. Dazwischen schmetterte eine Trompete. Hier Hufschläge der Husaren, welche durch die enge Straße galoppierten, dort riefen die Pauken die Dragoner zusammen. »Lichter ans Fenster!« schrie es, denn der Oktobermorgen war noch dunkle Nacht.

Wie durch einen Zauberschlag war die Totenstille aus dem Hause verscheucht, die Wände selbst schienen belebt, denn sie zitterten. Der Kürassiermajor war aus dem Fenster gesprungen und kommandierte im Hofe vom Pferde herab. Sie warteten, bis Platz wurde auf der Straße, um hinauszusprengen.

Jetzt fiel der erste Kanonenschuß in der Nähe. Keine Minute war vergangen, und eine Batteriesalve folgte. Es war, als empfände man den Luftdruck in dem verschlossenen Zimmer. »Pestilenz!« fluchte der Major. »Das sind preußische Kanonen; die Hunde richten sie auf uns, und ich muß hier halten!« – Ein Geheul der Verwundeten und Sterbenden drang durch das Getöse. Ein Gebrüll von Wut und Ingrimm antwortete ihm. Das dauerte lange Minuten, und nichts gab Licht in dieses Chaos von Nacht, Mord und Entsetzen als die Blitze der Kanonen.

Es schlorrte die Treppe herauf, und der Graf, halb angekleidet, trat ein. Die Angst auf seinem leichenblassen Gesicht ließ ihn nicht zur Verwunderung kommen, die Damen noch im Abendanzug zu finden. Er drückte stumm und ausdruckslos der Tochter und dem Fräulein die Hand.

»Wir können nicht mehr fort«, flüsterte er, »die Wege sind versperrt – Gemetzel von allen Seiten. – Du hast doch kein schwarz und weißes Band am Leibe?« fragte der Graf, erschöpft auf einen Sessel niedersinkend. »Das ist die preußische Farbe.«

»Bei Nacht ist alles schwarz«, rief Amalie, wie instinktiv zusammenpackend in Schachteln und Koffer, was umherlag.

»Es wird eine fürchterliche Nacht. – Warum ließ ich mich überreden, herzukommen!«

Kammerdiener und Jäger überstürzten sich, hereintretend: »Gnädigster Herr, die Panduren sind schon im Dorf, sie klettern über die Zäune und brechen die Wände ein...«

»Euer Gnaden täten wohl«, setzte der Kammerdiener hinzu, »sich mit den Damen zu retirieren, durch den Erker des Pfarrhauses sind schon drei Haubitzen gedrungen.«

»Mein Gott«, rief der Graf und sprang auf, »man wird doch nicht friedliche Einwohner...«

»Das Fachwerk hier oben hält den Teufel aus. Wenn eine Kartätsche 'ranklatscht, liegt's da«, fluchte der Jäger, dem Fräulein im Geschäft des Einpackens beispringend. »Ob wir friedlich sind oder...«

»Meine Kinder«, sagte der Graf, zwischen die Damen tretend, »Ihr kennt meine Gesinnung. Wenn es dem Vaterlande nützen könnte, wie gern... Barmherziger Gott, das Dorf stürzt ja zusammen... Eugenie, mein geliebtes Kind, du hast doch keine Geschenke vom Rittmeister angenommen?–Du warst immer meine Tochter! Dem gütigen Himmel Preis und Dank für ein solches Kind, das sich niemals selbst vergißt.–Steh' nicht so blaß und starr da.«

Sie drückte sich die Stirn: »Was ist zu tun?«

»Ich fürchte nichts«, murmelte das Fräulein, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken.

Durch die immer weiter verbreitete Kanonade hallte jetzt das Mord- und Jubelgeschrei slawonischer Bataillone, welche über Blut und Leichenhaufen mit dem Bajonett die Dorfgasse heraufstürmten.

»Dort ist nichts«, rief Eugenie, die im Fluge ans Saalfenster geeilt war. »Aber hier ...«–sie hatte das Fenster nach dem Garten geöffnet–»sind unsere Pferde nicht requiriert?«

»Was sollen die Pferde uns?«

»Man zieht sie durch den Flur–die paar Stufen zwingt man sie, mein Falber voran, durch den Garten–in die Hecke schnell einen Durchgang gehauen – über den Graben setzen wir...«

»Wohin soll das?«

»Die Wiese ist noch frei.«

»Gewesen«, sagte der Kammerdiener achselzuckend. »Sehen Sie, es blitzt und pafft. Und wenn wir auch durchkämen...«

»Maria und Joseph!« schrie der Kammerdiener, »da stürzen sie gerade auf den Garten los.–Ein Kroatenschwarm! Sei uns gnädig!«

»Öffnet ihnen, reißt die Türen auf!« rief der Graf wie inspiriert. »Es sind unsere Freunde.–Wir übergeben uns ihnen, sie werden uns schützen.«

Ein Scharmützel begann vor und in dem Garten. Den Panduren, welche das Dorf umgangen hatten und durch die Gärten in das noch immer hartnäckig verteidigte Dorf dringen wollten, kam eine Partie preußischer Musketiere, abgeschnitten von der Straße und dem Gros der Armee, entgegen, indem sie sich durch Hecken und Scheunen einen Weg brachen. Ein erbittertes Scharmützel entspann sich, die hintere Dorfseite entlang.

Die preußischen Truppen bliesen, lang ausholend, ununterbrochen, es war wie ein Wetterstrahl durch die Nacht.

»So ist nur da Rettung«, rief Eugenie. »Wir schließen uns den Preußen an.« Sie stürzte an das Saalfenster.

»Die Pferde aus dem Stall!« schrie Amalie.

Der fast willenlos gewordene Graf wankte Eugenie nach, schwenkte das Taschentuch, das doch niemand sah, und rief: »Vivat der König von Preußen!«

Ein verwundeter Offizier hatte den Augenblick benutzt, in den Hof zu kommen. Im Erdgeschoß verband ihn sein Bursche, während die Bewohner des Hauses, von Angst und Unruhe getrieben, ihre Habseligkeiten in den Keller schleppten. Es war des Kammerdieners Vorschlag, daß die Herrschaften sich selbst während des Schießens hinunterflüchten möchten.

Auf der blassen Stirn des Kapitäns schien der Tod zu stehen, aber nicht die Todesfurcht. Es war etwas von Lächeln, das über seinen Mund flog, als er den vorübergehenden Grafen anrief: »Wollen Sie sich mit Ihrer Familie lebendig begraben, mein Herr?«

»Sie meinen ...«

»Die Flamme ist ein schlimmerer Feind als die Kugeln.– Drüben brennt's schon an zwei Ecken.«

»Lebt Ihr König noch?«

»Er kommandiert.«

»Sie geben aber Ihre Sache verloren?«

»Verloren oder gewonnen, kein glorwürdigerer Tag für den preußischen Waffenruhm ging jemals auf. Das taten die Römer und Mazedonier nicht, was heute unsere Linie. In stockpechfinsterer Nacht, geweckt von Flintenkugeln und Bajonettspitzen, viele halbnackt, so formierten sich unsere Braven. Bei anderen Heeren wäre von keiner Bataille mehr die Rede gewesen. Von den Unseren floh keiner. Eine Schlachtordnung ist mitten in der Nacht unterm feindlichen Kugelregen aufmarschiert, und Friedrich kommandiert und greift an. Das heiß' ich Taktik.«

Es hatte sich durch Zufall ein Feldscher eingefunden, er erklärte die Wunden nicht für gefährlich und verordnete, ihn ins Haus zu tragen.

»Nur nicht in den Keller«, rief der Verwundete. »Sterben – sei's, aber hören und sehen will ich bis zum letzten Atemzug, wie Friedrich siegt.«

Der Feldscher zuckte mitleidig die Achseln. Seit langem schon tönte nur österreichische Musik, und die Bärenmützen der kaiserlichen Grenadiere folgten im Sturmschritt dicht gedrängt aufeinander, das Bajonett nach vorn, über Leichenberge und Blutbäche. Wo noch einzelne preußische Blechmützen – Verspätete aus den Quartieren – sich gezeigt, waren sie niedergestoßen worden. Man befühlte sich, solange noch die Dunkelheit herrschte, und Blech und Bärenfell auf der Stirn entschied, ob man sich beisprang oder würgte.

Allein durch das chaotische Getöse klangen die Trommeln und Trompeten von weither, ein ordnender Ruf. Pelotonfeuer knallte schon in regelmäßigen Intervallen, und der Kanonendonner hallte über die Erde. Es war draußen eine Schlacht. Friedrich war noch nicht besiegt. Rückwärts wälzten sich wieder in wilder Unordnung die kaiserlichen Bajonette durch die Dorfstraße, und das preußische Feldgeschrei drang wieder in das Dorf, wo Blut und Flamme miteinander kämpften.

»Viktoria!« schrie der Verwundete, und die braven Kompanien, welche mit beispielloser Wut den zur Festung umgeschaffenen Dorfkirchhof verteidigten, jauchzten ihren Kameraden entgegen, die als Retter kamen.

Der Graf ging sprachlos treppauf, treppab, er trug eine Schatulle hinauf und einen Korb hinunter, er riegelte ein Fenster zu, daß die Kugeln nicht hereinschlügen, er verklagte den König von Preußen, daß er sich nicht gefangengebe, und drückte seines Jägers Hand an die Brust: »Es ist ein großer König, ich sagte es immer«, und in den Lehnstuhl sich werfend, fragte er, ob denn der preußische Kapitän noch nicht sterben wolle.

»Gott sei Dank, es wird Tag!« rief er und lehnte den Kopf über.

»Aber welch ein Tag!« rief der Kammerdiener. Es kam von West und Süd das Morgenrot in feurigen, sausenden Strömen. Ein Flammenzug leckte drüben über die Strohdächer, und wo er sie berührte, loderten ihm die Feuergeister entgegen, knisternd flogen die bemoosten Dächer auf, und das Sparrenwerk glühte und stürzte um die einsamen Schornsteine. Ein mächtiger Gluthauch wehte Rauch und Asche weit über das Schlachtfeld, und in der engen Dorfgasse brauchten die Grenadiere sich nicht mehr an den Mützen zu fühlen. Preußische Infanterie stürmte, glutrot die Gewehre, glutrot die bärtigen Gesichter, begierig, die Schmach zu verlöschen in Feindes oder im eigenen Blut. Die Kavallerie gönnte ihr nicht den Ruhm. Kürassiere, Säbel, Generalsfederbüsche, Marschallsbänder drängten sich durch die ergrimmten Scharen, Freund und Feind kämpfte hier auch um die persönliche Ehre. Die Häupter von Prinzen und Herzögen, glücklich, unter Friedrich um Ruhm zu dienen, beleuchtete die Flamme, viele zum letztenmal, alle »Vorwärts!« auf der Zunge und im Blick. Wie ein Hohn klang zu diesem Sturme der feierliche Dessauer Marsch, von den Tambouren geschlagen.

Auch von dieser Dorfseite loderte die Flamme. Die Mehrzahl steinerner Gebäude leistete ihr zwar länger Widerstand, aber die Kugeln, welche durch die Dächer sausten und in die Wände brachen, halfen der Verbreitung. Eugenie warf einen mitleidsvollen Blick auf den Vater; es war an ihr, zu handeln. – Was Arme hatte, mußte vom Brunnen zum Boden. Das Dach ward mit Wasser getränkt, indes die Pferde aus dem Stall gezogen, gesattelt, die Kutschen bepackt wurden. Jedem Diener wies sie seinen Platz an. Man wollte den günstigen Augenblick abwarten, wo draußen Luft würde, dann, soviel es anging, sich zusammenhaltend, nach einer Richtung sich wenden. Preußen oder Österreicher, jedes Korps, das nicht im Gefecht stand, würde ihnen behilflich sein.

»Er will nicht«, rief das Fräulein aus dem Fenster von oben. Eugenie flog die Treppe hinauf, Jäger und Kammerdiener bemühten sich, den Grafen aus dem Armsessel aufzureißen.

»Ehe es zu spät wird, Vater«, rief die Gräfin. Der Graf blickte sie an und sprach nicht, er ließ sich ziehen und regte sich nicht.

»Zu Pferde, mein Vater–die Preußen haben Luft gemacht. Es ist die einzige Rettung...«

»Ich fürchte, es ist zu spät«, schrie Amalie am Fenster. – »Jesus, schnell! – Die Preußen weichen, das Gemetzel kommt wieder her.«

Man riß ihn auf. Es war, als sähe er jetzt zum erstenmal das Flammenmeer, dessen wirbelnder Rauch mit dem Morgengewölk stritt, zum erstenmal das zusammenbrechende Gebälk, die schwarzen Schornsteine, als höre er zum erstenmal das Sausen der Kugeln, das Klirren der Bajonette, das Krachen der Kolben, das Wimmern der Sterbenden. Sieger und Besiegte schrien nicht mehr, die Erbitterung war stumm geworden.

»Das ist das Regiment Lobkowitz«, rief er, »ich kenne es an den Litzen.« Die Flut ging rückwärts. Nur einzelne Haufen Preußen wurden dazwischen mit fortgerissen wie bunte Flicken in dem neuen Siegeskleid der Kaiserlichen. Dann und wann staute der Strom. Die toten Brüder unter ihren Füßen – und es waren Fürsten und Feldherren darunter – sahen aus ihren blassen Gesichtern zürnend die Fliehenden an, und zum letztenmal hoben die Vereinzelten ihre müden Arme, sich durchzuhauen. Was half der Mut der Verzweiflung gegen die Flammen und den Wald der Bajonette? Sie sanken zu ihren Brüdern, die Leichenhügel wurden Berge.

»Sieh weg, sieh weg!« schrie Amalie und stürzte an die Brust der Freundin.

Durch die lichten Flammen sprengte ein Haufe schwarzer Husaren. Noch einmal brachen ihre Säbel sich Bahn, ihre Pferde strauchelten nicht über die Leichen, die ihr Huf zerschlug; ihre Augen glühten, ihre Nüstern sprühten Schaum und Feuer, als trügen sie auf ihren Rücken Unsterbliche. Der Name »schwarzer Husar« hatte einen furchtbaren Klang. Die Feinde stutzten vor fünf Totenköpfen, vor fünf geschwungenen Säbeln, vor ein paar Reitern, die, verwundet, abgemattet, nicht vorwärts und nicht rückwärts konnten. Es wagte keiner anzugreifen, keiner denen Pardon anzubieten, von denen es hieß, daß sie keinen gäben und nähmen. Zwei Offiziere waren dabei. »Mir nach, Kamerad, hier ist der Tod wohlfeil!«, so rief der eine dem anderen, ein feindlicher Obrist fiel, getroffen von seinem weit ausholenden Arme; es war vergebens. Einen Augenblick stäubten die Andringenden auseinander, im nächsten waren die wenigen zurückgeworfen, umzingelt. Sie fochten, den Rücken gegen die Mauer des Meierhofes, den letzten Kampf.

Alles das Werk weniger Augenblicke. »Wär' nur die Tür offen!« Da hatte sich in dem Moment, da beide Damen auf einen Antrieb die Treppe hinunterflogen, der ältere Offizier vom Sattel auf die Mauer geschwungen, dem anderen zurufend: »Nur einen Moment halt' sie dir vom Leibe!« Von der Mauer herab stieß er den Riegel mit dem Fuß zurück, das Tor flog auf.

»Passier'«, Kamerad, wir – schlagen uns doch nicht mehr.« Es waren seine letzten Worte. Eine Kugel traf ihn im Genick, der Leutnant Strach stürzte tot von der Mauer in den Hof, in dem Augenblick, da Stephan sein Pferd rückwärts hineinriß. Keinen seiner tapferen Leute ließ er draußen im Stich, er war der Letzte. Die Mütze war ihm vom Kopf geschlagen, Dolman und Kollett zerfetzt, der linke Arm hing schlaff herunter, von der Stirn floß das Blut in drei Strömen, und vom ganzen Körper schien nur der rechte Arm heil geblieben. Er hob den Arm noch einmal, er hob sich im Sattel – wozu? Ihm war kein Feind gefolgt – oder sah sein umdüstertes Auge eine Luftgestalt?– sank, von keinem Stahl berührt, er sank in dem Moment, da sein treues Tier unter ihm niederstürzte. Der Säbel entglitt nicht seiner Hand, aber der Fuß dem Steigbügel, er stürzte langsam, als wollten die starren Sehnen noch nicht nachgeben. In Eugenies Armen fiel er sanft zu Boden. Ein letzter Blick der starren Augen hatte sie getroffen, und mit einem fürchterlichen Schrei war sie, den bewußtlosen Körper in den Armen, über ihn niedergesunken.

Als sie die Augen aufschlug, verhandelte ihr Vater mit einem leichtverwundeten kaiserlichen Offizier. Der General salutierte mit dem Degen und befahl mit lauter Stimme: »Der Graf Meroni ist sächsischer Untertan, unser Verbündeter; man lasse seiner achtbaren Familie eine Wache, die sie vor jedem Exzeß schützt.« Ein Blick des Adjutanten auf Stephan sollte fragen, ob dieser mit zur Familie gehörte. »Das überlassen wir dem Himmel«, sagte der General halblaut und drückte verbindlich dem Grafen die Hand. »Sie mögen unbesorgt sein, jetzt endlich ist die Schlacht entschieden, das Gefecht kommt nicht wieder zurück, und der Flamme wird man Meister werden.«

»Er ist tot, Eugenie«, flüsterte der Graf ihr zu, bemüht, sie fortzubringen.

»Er ist nicht tot, er soll nicht tot sein!«

Amalie hatte sich neben ihr hingekniet: »Wenn er nun doch tot wäre!«

»So müßten uns beide die Flammen verschütten. – Kannst du auch weinen?«

Das Fräulein, ihr Gesicht im Tuch verbergend, wies auf den von der Mauer gestürzten Toten: »Es war mein Freund.«

Eugenie hatte keinen Sinn dafür. »Er atmet!« rief sie plötzlich, ein Klang, als wären Mord, Schlacht, Brand nicht da, kam aus der Brust. Den himmelhohen Flammen, die kein Windzug mehr bewegte, folgte ihr Blick, das Feuer leuchtete in die großen, freudehellen Augen, in die frische Glut ihrer Wangen, und so herzlich hatte sie nie des Vaters Hand gedrückt, als sie mit dem Tone seliger Zuversicht wiederholte: »Er atmet!«

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