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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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11. Die Nacht

Die Zeilen des Briefes flimmerten wie ein chinesisches Feuerwerk vor seinen Augen. Er konnte keinen Satz niederschreiben. Er riß das Fenster auf. In der kalten Oktobernacht war ihm der Platz zu warm, die Halsbinde eine Fessel. Es duldete ihn nicht länger in der engen Kammer. Er nahm den Mantel um und stürmte hinunter.

Auf den Lippen des Burschen schwebte die Frage: »Wohin?«

»Die Posten revidieren«, rief er, ohne ihn anzublicken.

»Befehlen Sie, daß ich zusammenpacke? Der Bursche vom Leutnant Strach sagte, daß sein Herr morgen früh ...«

»Was will der Leutnant Strach?«

»Sie morgen Glock fünf abholen.«

»Mich?«

»Herr Leutnant bekommen das Fieber.«

»Er ist ein Tor. Pack Er, schnür Er ...«

»Herr Leutnant sind doch Glock fünf wieder hier«, rief der verwunderte Bursche seinem Herrn nach, der es nicht mehr hörte.

Die ganze Welt, hätte sie in einer Person vor ihm gestanden, Stephan hätte sie jetzt ans Herz gedrückt, warum nicht den Leutnant Strach? Daß die Leute sich bekriegten, kam ihm lächerlich vor; es war ja tiefer Friede auf der Welt, die schwarze Nacht rosenrot, das finstere Dorf ein Paradies, der kalte Wind ein Zephirhauch. Warum hatten nur die Füße keine Flügel, warum schlug die verdrossene Dorfuhr störend in seine Fieberträume, die Zeit und Raum überwunden hatten.

Das Dorf lag hinter ihm, und neben den Zeltreihen des Lagers schritt er hin, nur dann und wann von dem Ruf der Schildwacht um das Losungswort aufgehalten. Auch die Zelte hatte er jetzt im Rücken, und die Stille der Nacht lagerte ringsumher. So still war es, daß er jeden Schlag der Axt auf den Steinbergen, das Krachen und Niederstürzen der Bäume, den Anruf der österreichischen Patrouillen hörte. Die Wachtfeuer brannten auf der dunklen Fläche, die Sterne flimmerten hell und groß in dem reinen Herbstblau. Sie schimmerten nicht in unerreichbarer Ferne, sie tanzten um sein Haupt; so nahe, so befreundet kamen sie ihm vor, als brauche er nur die Hand nach ihnen auszustrecken.

Eine Sternschnuppe fuhr am östlichen Horizont herab. Vor dem Nachtfrost und dem Dampf der Wiese hüllte sich Stephan in den Mantel. Die Turmglocke in Hochkirch schlug an – elf langsame Metallschläge, der Weg um das Dorf war so nah, und er war doch eine Ewigkeit lang.

Im Weitergehen lockte ihn eine Gruppe seitwärts. Aus dem dampfenden Nebel der Wiese ragten zwei Husaren zu Pferde. Von ihren weißen Mänteln umschlungen, die gespannten Karabiner im Arm, hielten sie in der Richtung gegen den Feind, aber ihre Gesichter waren abwärts gekehrt nach etwas, das ihnen mehr Teilnahme zu entlocken schien. Ein Lichtschein hauchte matt herauf durch den weißen Nebel, bald ihn anleuchtend, bald von ihm bedeckt. Näher herankommend, sah Stephan ein verglimmendes Feuer und neben demselben einige Gestalten bei einer Beschäftigung, die er nicht erwartet.

Sie lagen – er glaubte drei zu sehen, um eine zerbrochene Trommel. Das Feuer leuchtete ihnen beim Kartenspiel. »Trumpf!« – »Daus!« – »Eichelkönig!« – Ein wildes Auflachen und ein noch fürchterlicherer Fluch unterbrachen dann und wann die Stille.

Stephan fragte, ob die Ronde noch nicht dagewesen, wie der Major die Spieler an so gefährlichem Orte dulden könne.

»Wie soll man sie wegbringen, die sind verbissen und kehren sich nicht um Lebendiges und Totes.«

»Dauert das schon lange?«

»Seit Mittag. Der Musketier hat 'was, um sich rupfen zu lassen.«

»He da!« rief Stephan zu dem Soldaten, der ihm den Rücken kehrte, »kannst du nichts Besseres tun?

»Trumpf!« brummte der Mensch, ohne sich zu rühren.

»Trumpf drüber!« der Husar, der andere Spieler.

»Wir müßten ihn gerade überreiten«, sagte die Schildwacht, »sonst rückt er nicht von der Stelle.«

»Schurke, von welcher Kompanie bist du?« fragte Stephan, ihm mit der Säbelscheide den Nacken berührend.

»Er kommt vom Lazarett, Herr Leutnant, weiß nicht, wo er das viele Geld her hat, aber es ist so ein Sakermenter vom Freikorps.«

Die Schildwacht war ein alter Graukopf, von jenen Gesichtern, die selbst in Reih und Glied ihren Oberen eine gewisse Ehrfurcht einflößen. Er schüttelte das narbenvolle Antlitz und beugte sich etwas zu Stephan herab. »Herr Leutnant, wir sind doch halt alle Menschen, und wenn der Kerl doch mal sein Geld partout los sein will, so gönnen Sie's immer unseren Kameraden. Zwei vor ihm haben schon mehr weg; der ist nur der dritte.«

»Bassa Manelka!« jauchzte der Spieler drüben und strich ein letztes Häuflein ein. »Willst du, Kamerad, ich sehe bei dir noch einen Blanken. Vierundzwanzig Groschen, keinen Pfennig darüber!«

Der Verlierende stieß einen Fluch aus und warf den Taler auf die Trommel.

»Schellendaus! – Schellenkönig! – Schellendame! – Bassa Manelka bist du nun ratzekahl.« –

Eine aufsteigende letzte Flamme beleuchtete die wilden, von Leidenschaft zerissenen Gesichter der Spieler. Jener drüben, von fratzenhafter Lust strahlend, hier Wut, Entsetzen, Stumpfsinn in den starren Augen, die Zähne zusammengepreßt. Ein Stöhnen aus der Brust, in der keine Hoffnung mehr lebte. Sah er dies Gesicht zum ersten Male?

»Hast keine Knöpfe mehr!« höhnte der Gewinner lachend.

»'ran, den grünen Korallenbeutel – will generös sein und 'nen Gulden gegensetzen.«

»Den Beutel – just nicht ...«

»Ich setz' einen Taler ...«

Der andere schien zu wanken, als Stephan jetzt seine Hand wie mit Eisendruck faßte: »Wo hast du die Börse her?«

Es war seine Börse, es war der nämliche Unglückliche, dem Eugenie sie zugeworfen, die Züge des verwilderten Gesichts kamen ihm bekannt vor, diese Sprache mußte er schon gehört haben. Der Soldat wollte die Börse nicht lassen. Einmal blickte er zum Offizier auf, um seine von Gier und Überwachen matten Augen schnell wieder sinken zu lassen. »Ich tu's nicht«, brummte er dumpf vor sich und hielt die Börse so fest, wie Stephan seinen Arm, man konnte sagen fest, daß kein Folterdruck sie ihm entrissen hätte.

Hätte Stephans Bursche ihm jetzt das Fieber angesehen, es wär' mit mehr Recht geschehen. Über den Stumpfsinnigen hingebeugt stand er und wollte ihm ins Antlitz blicken, er wollte ihm befehlen, das Auge aufzuschlagen, und er wagte es nicht. Der Qualm des Feuers schlug ihm ins Gesicht, die Glut überschüttete, der Oktoberfrost durchbebte ihn; er wollte den Elenden umfassen, um sich zu halten, so flog er, stieg, sank, stürzte mit dem Boden unter ihm, bis ihn eine andere Hand am Arm heftig schüttelte.

»Herr Kamerad, was tun Sie hier?« Er stand wieder auf dem Boden, er sah Licht, Nebel und Nacht um sich, aber wie lange es her war, seit er dem Soldaten in den Arm gegriffen, konnte er sich keine Rechenschaft geben. Sein Fieberkampf mußte viele Minuten gedauert haben. Er strengte das Auge an. Es war alles anders, der alte Husar, das Pikett war verschwunden, fern im Nebel glaubte er den glücklichen Spieler davongaloppieren zu sehen. Von der ganzen Szene nichts geblieben als die zerbrochene Trommel und das verglimmende Kohlenfeuer. Aber um ihn hundert fremde Gestalten, fremd hier, denn es waren Kroaten, steierische Jäger, Panduren, österreichische Mäntel, Feldmützen, wenige Preußen darunter. Der Dampf der feuchten Wiese quoll zwischendurch. Waffen blitzten, aber es war totenstill.

»Sind wir verraten?« schrie er auf, und der Säbel flog aus der Scheide.

»Noch nicht«, flüsterte ihm der Infanterieoffizier zu, dessen Arm ihn aufgehoben.

»Wer sind die Leute?«

»Überläufer – aber trau ihnen einer, wenn sie zu Hunderten desertieren – schon zehnmal mehr als unser Posten, und auf den anderen ist's ebenso – ich steh' auf Kohlen um Sukkurs und Ordre. Gerechter Himmel, da kommen noch mehr.«

Stephan sah von dem feindlichen Lager her ganze Scharen herbeilaufen, die alle von fern das Zeichen der Unterwürfigkeit machten.

»Sie haben noch die Waffen«, rief er erstaunt den Offizier an, welcher die Husaren in diesem Posten abgelöst hatte.

»Nimm sie ihnen einer ab! Es kann ja ihr Signal sein, daß sie auf uns losstürzen. Deserteure sind allezeit schlechte Kerls.«

In dem Augenblick trabte eine starke Husarenpatrouille heran. Der Infanterieoffizier atmete freier auf: »Gott sei Dank! Das ist der verfluchteste Posten, wo man nicht weiß, was man tun soll.«

Es hieß, die Überläufer sollten an der Hauptwache sich sammeln. Die Husaren kamen, um sie zu eskortieren. Die Mehrzahl folgte denselben, die anderen, noch immer in stärkerer Zahl als die Wache, streckten sich scheinbar ermüdet um das Feuer, indem sie erklärten, sie könnten nicht weiter. Es waren meist ungarische Grenadiere. Auf ihren trotzigen Gesichtern war kein Grund zu lesen, weshalb sie desertiert waren. Die großen Augen suchten sich, und der herabhängende Schnurrbart verbarg nicht ein Lächeln, das um ihre Mundwinkel schwebte.

War die Erscheinung vorher Traum, oder war er zu einem neuen erwacht? Noch tanzten vor seiner heißen Stirn die Gestalten von vorhin wie verflossene Phantasiegebilde im Nebel, als er schon, in seiner Pflicht als Offizier, die großen ungarischen Grenadiere zählte, die, ihre langen Flinten im Arm, da hingestreckt lagen, wo vorhin der lauernde Husar gekniet, die Trommel vom Aufschlag der Trumpfenden dröhnte, die Flamme zückte, die Hufe der graubärtigen Husaren stampften. Etwas doch war Wirklichkeit gewesen – der Soldat mit der Börse. Vor dem Gericht hätte er es beeidigen können, daß er ihn gehalten, festgehalten. Er hatte sich losgerissen, als Stephan den Säbel zog, jetzt war auch er in Nacht und Nebel verschwunden.

Ein breitschultriger magyarischer Riese schrie ihm etwas ins Ohr. Stephan lachte nicht wie die Kameraden des Ungarn, er horchte aufmerksam, immer aufmerksamer, bis er plötzlich die Hand des wachthabenden Offiziers verstohlen drückte:

»Achtsamkeit! Oder Sie sind verloren. Ich eile ins Hauptquartier. – Verrat ist im Spiele. Sehen Sie sich nicht um.«

Hinter dem Offizier glitt Stephan die Höhe hinab. Gebückt, damit er durch den Abhang verborgen bleibe, schlüpfte er einige Schritte weiter, bis er entfernt genug war, um, ohne Verdacht bei den Ungarn zu erregen, aus Leibeskraft weiterzueilen. Der Zufall war ihm behilflich. Eine Dragonerpatrouille, die von einer Eskortierung zurückkehrte, um neue Überläufer in Empfang zu nehmen, konnte ihm ein lediges Pferd abtreten. Der Offizier, dem er etwas leise mitteilte, schlug mit der Faust gegen die Stirn.

»Es mußte so kommen«, und ließ Stephan durch einen seiner Leute nach Ziethens Quartier führen. Es war totenstill, als sie durch das Lager galoppierten. Das tiefe Schnarchen von Tausenden Übermüder glich einem Meere dumpfer Töne.

»Hab ich es nicht gesagt«, sprach Ziethen zu den Umstehenden, als Stephan dem Veteran seine Mitteilungen gemacht, »aber er glaubte es doch nicht, weil er's einmal nicht glauben will. – Leutnant, Er muß mit mir zum Könige.« – Sie eilten in das Hauptquartier. Doch hier herrschte nicht die Totenstille des Lagers. Die Adjutanten, Ordonnanzen und Lakaien standen gerüstet. Eine Name wie Ziethens sprengte ohne Anmeldung auch die Tür eines Königs.

Nach wenigen Augenblicken wurde Stephan hereingerufen. Er fand den Monarchen auf seinem Feldstuhl, Ziethen stand vor ihm, der Tisch mit der Karte zwischen beiden.

»Er tut's nicht, sag' ich Ihm«, sprach der König.

»Er kann's doch aber tun, Euer Majestät.«

»Ziethen, kann Er ein französisch Gedicht machen?«

»Nein, Euer Majestät.«

»Kann Er die Flöte blasen?«

»Nein, Euer Majestät.«

»Kann Er aus seiner Haut 'rausfahren?«

»Majestät, ich möchte keine andere finden, die mir so gut passen tut.«

»Sieht Er, so wenig fährt Daun aus seiner 'raus. Er kann's, aber er tut's nicht, denn er ist Daun.«

»Euer Majestät, da ist der Leutnant Stephan, der den Diskurs der Ungarn behorcht hat.«

»Na, was hat Er denn gelauscht?« fragte der König, »Sire, sie sprachen ...«

»Ungarisch, nicht wahr?« unterbrach ihn der Monarch.

»Euer Majestät, eine Sprache, die ich während meiner Garnison in Siebenbürgen erlernte.«

»Wieviel Deklinationen gibt's da?«

»Sire«, fuhr Stephan fort, ohne sich irren zu lassen, »ich hörte und verstand ein Gespräch der Überläufer, aus welchem mir klar wurde, daß der Feind einen Angriff beabsichtigt, daß die starke Desertation eine Kriegslist ist, daß die Überläufer auf mehr warteten, um die Vorposten zu überwältigen.«

»Da haben wir's, es ist ein Coup auf die Vorposten«, rief der König, »und Seine Husaren werden's mit ihnen abtun. Nicht wahr, Ziethen?«

»Euer Majestät«, sagte Ziethen, »die Deserteure haben von einem Generalangriff gesprochen.«

»Was sprachen sie denn? Ihre Worte, aber nicht ungarisch, sondern deutsch.«

»Dich werden unsere Kanonen nicht wecken, sagte der eine, einen toten Preußen schüttelnd. Wenn alle deine Landsleute so ratzenfest schlafen, hat unser Feldmarschall leicht Spiel.«

»Und dem Grenadier«, rief Friedrich auffahrend und ärgerlich zu Ziethen, »dem gemeinen Grenadier wird Daun seinen Kriegsplan aufbinden, Daun, der nie Pläne macht, der, wenn er einen Gedanken hat, ihn nicht wagt vor sich auszusprechen. – Hat er schon nach Wien rapportiert und die Erlaubnis vom Hofkriegsrat auf Papier und untersiegelt? He!«

»Er hat also satteln lassen?« fragte der König nachdenklich.

»Die Husaren und die Dragoner.«

»Das ist genug; man muß die Leute nicht ohne Not um den Schlaf bringen.«

Es entstand eine Pause. Ziethen lächelte: »Euer Majestät sind sonst kein Freund vom Schlaf, nannten selbigen au contrair einmal eine Angewöhnung.«

»Es ist auch nur eine Schwachheit. Hat Er Naturgeschichte studiert, Ziethen?«

»Ich weiß nur, Euer Majestät, daß wir allesamt Kreaturen Gottes sind.«

»Aber es sind nicht alle gemacht, um zu wachen.« Der König war, die Hände auf dem Rücken, auf und ab gegangen, als sein Blick auf Stephan fiel.

»Warum hat Er nicht geschlafen? Man sieht's ihm an. Er ist noch jung. – War Er kommandiert?«

»Nein, Euer Majestät – ich besichtigte nur die Vorposten ...«

Mißtrauisch, sah ihn der König an: »Aus freien Stücken! – Er legt sich wohl ordentlich darauf, Konspirationen zu decouvrieren. – Damit ist bei uns nichts zu verdienen. – Er ist jung; laß Er alte Leute wachen, und wenn's Ihm nicht befohlen ist, so leg' Er sich aufs Ohr und schlaf Er aus.«

Ziethen schüttelte den Kopf, und es schien, als wollte er ein Wort für den jungen Offizier einlegen, als Friedrich ihn mit der Hand zurückwies und mit leiser Stimme zu Stephan sprach: »Es sind Klagen gegen ihn geführt, das geht mich nichts an. Aber nehm' Er sich in acht und woll' Er nicht höher hinaus. So was soll Er sich nicht einfallen lassen. Es fliegt kein Hahn über den Zaun.«

In dem Augenblick trat ein rapportierender Offizier ein und meldete:

»Euer Majestät, die Leibhusaren sind zurück vom Rekognoszieren. Es kommen wohl noch immer Überläufer an; der Feind jedoch verhält sich ganz ruhig. Die Wachtfeuer brennen wie gewöhnlich, man hört die Ablösungen und die Soldatenlieder wie alle Nacht.«

Friedrich richtete sich auf. Seine großen Augen glänzten, als hätte er eine Schlacht geschlagen:

»Was sagt Er nun, Ziethen? Daun wird nicht angreifen! – Laß Er absatteln.«

Ziethen ließ den Säbel nicht ohne Geräusch fallen und ging.

»Den Leutnant laß Er hier bei der Wache«, rief Friedrich ihm nach, »und die Ungarn schick Er her. Mit Tagesanbruch wollen wir verhören, und er soll Dolmetscher sein.«

Einige Subalterne spielten im Flurzimmer des königlichen Hauptquartiers. Es mochte eine verbotene Beschäftigung sein, denn sie waren still, und nur der matte Schein einer Laterne fiel auf die vergriffenen Karten. Einer verlor bedeutend, ohne die Miene zu ändern: »Was sind zehn verspielte Friedrichsdor, wo Friedrich Lust hat, eine Krone zu verspielen.« »Still!« sagte ein anderer, nach dem Ofen blinzelnd, wo Stephan mit verschränkten Armen, den Kopf auf der Brust, die Beine eingezogen, auf einer Bank saß.

»Der geniert uns nicht«, sagte der Chirurg, die Karten gebend, »der laboriert an einem hitzigen Fieber«. – »Ihn friert, das sieht man«, bemerkte der andere. »Ausgespielt, meine Herren, wenn ich bitten darf«, forderte der Feldscher auf.

Es schlug gerade ein Uhr, als die Karte des Solospielers auf dem Tische lag – der Klang dröhnte in der feierlichen Nachtstille lang nach –, die andern zauderten. Nur der Feldscher hatte seine Miene gar nicht verändert. »Die Geisterstunde ist aus«, sagte er lächelnd, als sie alle durch eine heftige Bewegung des am Ofen Sitzenden aufgeschreckt wurden. Stephan war aufgesprungen: »Ein Uhr«, rief er mit glühenden Augen, »sie erwartet mich.«

»Wer?« sprach der Chirurg, der ebenso schnell die Karten weggelegt und den Fieberkranken gefaßt hielt. »Eine Liebschaft, nicht wahr? Kann warten.«

»Nicht warten«, schrie Stephan, aber schon hatten ihn acht Arme gefaßt und drückten ihn zurück auf die Bank. »Laßt mich los, die Seligkeit liegt auf der Goldwaage.«

»Leutnant, Sie sind im Dienst. Die Seligkeit hat Zeit. Sagen Sie ihr das morgen«, sprach der Feldscher. Die unerschütterliche Ruhe in dem Auge des Mannes schien den Kranken zu beherrschen. Die Worte mochte er kaum verstanden haben.

Plötzlich riß er die geschlossenen Augen wild auf und stieß ein entsetzliches Angstgeschrei aus der Brust: »Laßt mich, ich muß meinen Bruder retten.«

»Wo steht Ihr Herr Bruder?«

»Am Abgrund der Hölle.«

»Da lassen Sie ihn ruhig stehen, sonst fallen Sie selbst mit 'rein«, sagte der feste Mann.

Seine Worte wirkten wie vorhin, der Kranke verlor den Faden des Gedankens, sein Kopf sank zurück, bis ein zufälliges Geräusch draußen ihn aufs neue weckte. »Laßt mich!« schrie er und stieß mit aller Fieberkraft die Umstehenden zurück – als ihm der Wundarzt von hinten geschickt in den Arm stürzte: »Wo wollen Sie hin?«

»Ich bin gestellt.«

»Wer ruft Sie?«

»Die Ehre. Ich habe weiter nichts, beim allmächtigen Himmel, ich habe weiter nichts als die Ehre, lassen Sie mich. – Er erwartet mich.«

»Sie sind zu einem Duell bestellt?«

»Er hat mein Wort darauf.«

»Mein Herr, so verlassen Sie sich darauf: Ihre Ehre sollen Sie behalten. Ihr Gegner hat Ihr Wort, Ihr König befiehlt Ihnen, hierzubleiben, also tritt Ihr König in Ihre Verpflichtung, er nimmt Ihr Wort auf, und Sie können sich ruhig schlafen legen, der König wacht für uns alle, also auch für Sie.«

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