Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
Schließen

Navigation:

8. Das Geständnis

»Zweifeln Sie an dem Rechte des jungen Offiziers, die Kaiserin zu verlassen?« fragte Eugenie, den Vater fixierend.

»Er wird seinen guten Grund haben.«

»Sie halten seine Aussage für unwahr.«

»Warum denn? Er hat uns mit gehörigen Blumen vorgetragen, was ihm gut dünkte, daß wir wissen sollten, und was ihm nicht gut dünkte, hat er verschwiegen.«

»Nach jenem, dünkt mich, hat er gehandelt, wie ein Mann von Ehre handeln mußte.«

Der Graf rieb lächelnd seine Dose. »Wenigstens wie einer, der avancieren will. – Dazu gehörte wohl nicht der Verstand meiner Eugenie, um aus dem, was der brave Husar nicht mitzuteilen für gut fand, herauszulesen, wie man ihn bei den Österreichern nicht mochte. Man hat ihn übergangen. Er ist Protestant, Ausländer, nicht von Familie. Genug, er avancierte nicht, wie er selbst gestand, er wurde ein paarmal übergangen, und das war ein Ehrenpunkt, dem seine Verehrung für die schöne Maria Theresia nicht gewachsen war. Da über Nacht schoß der Enthusiasmus für den König von Preußen auf. Voilà le miracle!«

»Lieber Vater, ich wünschte, der König von Preußen wäre bei dem Gericht zugegen gewesen. Er hätte anders geurteilt.«

»Der König von Preußen, liebes Kind, ist so klug, daß er auf den ersten Blick herausliest, was an jemandem ist, und Friedrich hat, wie du weißt, dem Menschen den Rücken gekehrt.«

»Wenn der König einem solchen Manne den Rücken kehrt, verdient er, daß ihm das Glück den Rücken kehrt.«

»Die armen Könige, wenn jeder Husarenleutnant über ihr Recht urteilen will, wenn jeder Subalterne prüfen darf, ob die Sache seines Monarchen, dem er Treue und Gehorsam schwor, eine gerechte ist, und nachdem sein poetisches Gewissen ja oder nein sagt, bleibt oder davonläuft.«

»Er war ein Preuße«, rief die Tochter. »Der Mann ist ein Sohn seines Vaterlandes.«

»In unserer gebildeten Zeit hat niemand ein Vaterland, als wer mit Gütern ansässig ist. Darin besteht das Vorrecht des Edelmannes. das niemand mehr als der große Friedrich anerkennt. Das übrige rangiert sich, wo das Metier Unterkommen und Verdienst findet. Wo solche Leute ihr Brot essen, da ist ihr Vaterland. Weil des Herrn Stephan Vater, gegen dessen Ehrlichkeit ich nicht den geringsten Zweifel hege, nun zufällig in Berlin mit dem Pfriem oder mit der Schere Kundschaft fand, darum hat sein Sohn, dem das Glück ein kaiserliches Offizierpatent zuwarf, das geborene Recht, seiner gnädigen Kaiserin aus dem Dienst zu laufen.«

»Was wissen Sie von seinen Eltern?«

»Daß es mit seinen Ahnen nicht weit her ist, mußt du selbst, liebes Kind, aus der verblümten Art, wie er von seiner Geburt sprach, erraten. Im pathetischen Teile seiner schönen Rede sprach er von bürgerlichen Eltern, aber er schwieg, als er ihren Namen nennen sollte. Warum das, wenn es ehrliche Berliner Bürger waren? Einer von den vielen preußischen Offizieren würde sie doch gekannt haben. Ich werfe ihm kein Verbrechen vor, indessen in das Mysterium seines Glückes einen Blick zu tun, dürfte nicht schwerfallen. Ohne Kränkung seiner Tapferkeit sei das gesagt. Wer in den hohen Zirkeln der Kaiserstadt gelebt hat, weiß, meine teure Eugenie, daß eines so schönen Mannes Glück dort gemacht ist. Mich wundert allein, daß er es nicht weiter als bis zum Leutnant gebracht hat. Siehst du nicht, wie er den Sieger im Blick und Schritt trägt, und mich dünkt, man merkt es ihm an, er ist etwas verdrießlich, daß man ihm bei uns nicht so mit offenen Armen entgegenkommt.«

Bis hier konnte man Eugeniens Selbstüberwindung sehen. Aber ihr Teint rötete sich, und die Augen glänzten dunkler. Der Vater war sichtlich betroffen. Er hatte gehofft, durch ein scherzendes Vorpostengefecht Sieger zu bleiben, sobald Eugenie zur Schlacht heraustrat, gab er sich jederzeit gefangen.

»Mein Vater, warum mir das alles?«

Der Vater faßte ihre Hand: »Ich hoffe, daß meine Tochter sich nicht selbst vergessen wird!«

»Nein, gewiß nicht!« entgegnete die Gräfin. »Aber ebensowenig wird mein Vater vergessen, daß er seine Tochter sich selbst erziehen ließ, daß sie keinen Rücksichten folgen und nur einen Mann lieben wird, der sie zur Achtung und Bewunderung zwingt.«

»Ich würde aber keine Unbesonnenheit dulden«, sagte er mit einer Miene, die imponieren sollte. »Ich würde mein Vaterrecht geltend machen...«

»Ich glaube nicht, daß Sie es würden, ich hoffe es nicht. Sie würden nicht vergessen, daß meiner Mutter ausdrücklicher Wille mir freie Wahl ließ. Gewiß nicht. Doch was ist ein Wille auf Pergament gegen das Recht des Herzens! Laßt das Testament nicht geschrieben sein, die Archive verbrennen, Sie können nur hemmen, verzögern, unmöglich machen allenfalls, aber darum will ich doch. Mein Vater, er war der erste, der mich sein Geschlecht achten ließ. Er war ein Mann. Was zähl' ich's Ihnen auf, was bei mir für ihn sprach, Sie verstehen die Sprache nicht. Sie sind arm, ach unsäglich arm. Und wär' er des niedrigsten Tagelöhners Sohn, ausgestoßen hier und drüben, ist er der, den ich in ihm gesehen, und wenn die Verwandtschaft Zeter schrie, man mit Fingern auf mich wiese, der Hof mich verstieße als eine Entartete, dann, mein Vater, sparen Sie Ihre Worte, ich liebe ihn, ich will ihn lieben, und je länger die Welt schreit, um so stolzer wird Ihre Tochter sein.«

»Heute noch!« rief Eugenie. »Heute noch, und er kommt nicht zurück?«

»Das Hauptquartier kommt nicht weit zu stehen. Es soll drüben nach Hochkirch verlegt werden.«

»Amalie, wenn er nicht wiederkäme, nie, nie – die Schlacht. Wir gingen zürnend auseinander, ich habe ihn beleidigt...«

»Horch!« rief Amalie. Eine Trompete blies auf dem zweiten Hofe, die Pferde wurden aus den Ställen geführt. Die Tränkeimer klapperten, die Husarensäbel klirrten auf dem Pflaster. »Sie brechen auf.«

Beide eilten ans Fenster. Mitten im Hofe stand in der neuen Uniform der Offizier, der noch heute früh mit dem ungarischen Dolman durch das Dorf geschritten war. Ihnen den Rücken zugekehrt, teilte er Befehle aus. Die Mütze mit dem Totenkopf saß trotziger auf der Stirn als der bunte Kaipak. Seine Befehle waren gemessen, nichts überflüssig, nichts wiederholt, als wäre er längst in dem Dienst bewandert, mit den Leuten befreundet.

»Er wendet sich nicht um!«

»Dort bringt der Bursch sein Pferd, just wo er gestern Ihres hielt.«

»Amalie!«

»Noch nicht. Ihr Herr Vater kommt mit dem Rittmeister. Sie wollen erst Abschied nehmen. – Es ist doch gut, daß er ihm so freundlich die Hand drückt, er ladet ihn gewiß ein, uns bald wieder zu besuchen.«

»Er faßt den Zügel...«

»Und der Graf scheint Lust zu haben, ihm den Steigbügel zu halten, aus purer Freude, daß er fortgeht, 's ist am Ende doch ein Edelmann...«

Es bliesen die Trompeten der draußen vorüberziehenden Husaren. Eugenie atmete tief auf und drückte ihr Gesicht an Amaliens Brust.

»Arme Freundin!« lispelte diese, in einem Tone, wie ihn Eugenie auch noch nicht gehört, und machte sich hastig von ihr los. Sie war in einem Augenblicke die Treppe hinunter, und im nächsten stand sie neben dem Offizier. Als führe sie der Zufall vorbei, nickte sie ihm zu und drohte schelmisch mit dem Finger.

»Ohne von den Damen Abschied zu nehmen!«

»Man treibt mich hinaus!«

»Wer ist der Mann? Ein Ritter ist mehr als ein Mann. Es hat nicht solche Eil', Ihr Araber holt zehnmal die Bauernpferde ein. Ich habe noch ein Wort mit Ihnen zu sprechen.«

Sie führte ihn am Parkgitter hin. Graf und Rittmeister hatten sich schon entfernt, und der Bursche hielt das Pferd.

»Im Kriege gibt's Schlachten, in der Schlacht kann man sterben, ehe man sich's versieht, und wenn man stirbt, ist's aus, wenigstens für diese Welt. Haben Sie das wohl bedacht, Herr Leutnant?«

»Sonst wäre ich nicht Soldat geworden.«

»Halten Sie's für recht, Schulden zu bezahlen?«

»Ich habe keine.«

»Und sind ein Leutnant!«

Sie lenkte durch das Gittertor in den Garten. »Gar keine Schulden! Das ist merkwürdig. Ist Ihnen auch niemand etwas schuldig?«

»Fräulein, wenn Sie mir nichts anderes mitzuteilen haben...«

»Eigensinniger Mensch, wenn Sie einmal Söhne haben, schärfen Sie ihnen vor allem ein, daß die Eitelkeit und der Stolz die unerträglichsten Eigenschaften eines Mannes sind, der bei Frauenzimmern sein Glück machen will ... Sie sollten sich schämen. Gehen Sie in den Tod, oder wohin Sie wollen, aber seien Sie wenigstens artig und grüßen meine Gräfin, die eben ganz zufällig dort aus der Tür tritt. – >Teuerste Kusine<, rief sie dieser zu, >denken Sie sich, unser Gast bricht auf und wollte fort, ohne von uns Urlaub zu nehmen.< Reden Sie doch... Ich glaube, die Todesfurcht oder das Gefühl seiner Unartigkeit macht Ihn so beklommen, daß Er kein Wort vorbringen kann.«

Es war ein kostbarer Augenblick, die Trompete schmetterte, immer dringender rief sie. Doch standen beide, als das Fräulein entschlüpft war, noch wie versteinerte Gestalten sich gegenüber, aber wie Bildsäulen, in denen der Lebensfunke mächtig ringt mit der Kraft des Zaubers. Bei der Gräfin siegte er zuerst, eine helle Träne brach aus dem Auge.

Er preßte die dargereichte Hand an die Lippen, sprachlos, und wäre niedergestürzt ihr zu Füßen, wäre nicht in dem Augenblick der Rittmeister mit dem Grafen an der Pforte erschienen.

»Wir sehen uns wieder«, sprach sie. Wie fieberhaft drückte ihre Hand die seine.

»Noch hier, Herr Leutnant!« sagte der Rittmeister mit lauterer Stimme, als es nötig schien. »Bei den Preußen, müssen Sie wissen, reitet der Offizier vor der Schwadron. Ist es Ihnen bequemer dahinter, hätten Sie bei den Österreichern bleiben sollen.«

Stephan entgegnete: »Ich glaube, die Sitte gelte bei den Preußen wie bei den Österreichern.« »Die Sitte, wo sie hingehört«, antwortete der Rittmeister. »Der Mann nimmt bei den Preußen den Lohn erst nach der Tat.«

Stephan sagte, einen Schritt dem Rittmeister näher tretend: »Männer wissen sich indes zu finden, bei den Preußen, hoffe ich, wie bei den Österreichern.«

Eugenie, die den Arm des Vaters bei des Rittmeisters Worten ergriffen, daß er sie fortführe, wandte den Kopf um, und ein Strahl ihres Auges billigte Stephans Frage.

»Die sich suchen, sollen sich finden«, entgegnete der Eskadronchef. Beider Augen hafteten eine Weile so fest aufeinander, als die Linke beider bedeutungsvoll am Säbelgriff. »Wenn es Zeit ist«, murmelte der Rittmeister. Es ward leer. Auch Eugenie und der Vater blieben nicht länger zusammen, als sich beide mit Anstand trennen konnten. Sie hatten sich nichts zu sagen. Der Graf aber eilte mit schnelleren Schritten, als seinem Alter und seiner Würde angemessen, dem Fräulein nach, welches er in der Laube entdeckt hatte: »Ein Wort, Fräulein!« rief er ihr zu.

»Gnädigster Herr, wie schrecklich würdig Sie heute aussehen!«

»Hüten Sie sich, mich näher kennenzulernen. Das war Ihr Werk vorhin. Es wird nimmermehr etwas daraus. Verlassen Sie sich auf mein Wort.«

»Worauf sollt' ich mich lieber verlassen«, sagte sie und bückte sich, seine Hand zu küssen.

»Find' ich Sie noch einmal im Spiel, so seien Sie versichert, es handelt sich um Ihre Existenz.«

Während sie, den Blick zu Boden, mit einem tiefen Knicks antwortete, entfernte sich gravitätisch der Edelmann. Doch hörte er noch hinter sich mit Honigstimme: »Der Gütige, er will mich wohl verheiraten.«

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.