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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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7. Spießruten

Der Offizier durchkämpfte zwischen Schlaf und Wachen eine unruhige Nacht. Alle rauhen Auftritte in seines Vaters Hause traten nach der Reihe ihm vor die Seele, alle Schläge, die er empfangen oder austeilen gesehen, klangen ihm ins Ohr; blutige Striemen, verzerrte Gesichter, kreischende Stimmen, ein buntes Gewirr widerwärtiger Erinnerungen und Ahnungen – es übermannte ihn, er sprang auf, riß die Fensterflügel auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen:

»Ein Soldat Friedrichs darf nicht träumen.«

Durch den Morgennebel eines heiteren Oktobertages drang von Osten her der erste Sonnenstrahl. Er eilte hinaus. Im Korridor des Erdgeschosses begegnete ihm das Fräulein, beide schienen etwas betroffen über die frühe Begegnung; rings im Schlosse war es noch totenstill.

»Es ist mir lieb, daß Sie kommen«, begann Eugenie, »ich habe Sie gewissermaßen erwartet. Ihre Geschichte, ich gestehe es Ihnen, hat mich gerührt, aber es blieben mir einige Zweifel, nach denen Ihre Generale nicht gefragt haben. Forschten denn Ihre Eltern Ihnen niemals nach? Haben Sie niemals von ihnen Nachrichten empfangen? Daß Sie einmal davongelaufen sind, ist nichts Wunderbares, aber Sie vergeben mir, mich quält es, wie es möglich, daß in achtzehn Jahren weder von Ihren Eltern noch von Ihrer Seite etwas geschehen ist, sich wieder näherzukommen. Leben sie denn noch?«

»Sie leben.«

»Das wußten Sie, und nie in so langer Zeit zog es Sie hin, Ihrer Mutter in die Arme zu stürzen?«

»Wohl tausendmal drängte es mich hin, zu der teuersten, besten Mutter zurück. Aber ich hatte auch... Erlassen Sie dem Sohne, den Ankläger eines überstrengen Vaters zu machen. Ersparen Sie ihm das Bekenntnis, daß er noch heute eigentlich mehr Scheu als Reue empfindet, wenn er an den Mann zurückdenkt, der seinem Herzen immer fremd blieb. Zudem wollte eine seltsame Fügung, daß ein zweiter Vater mir so vollständig den ersten ersetzen sollte, daß jener, selbst bei größerer Güte, in den Schatten getreten wäre. Mein Wohltäter war in allem das Widerspiel meines Vaters. War jener ernst, unerbittlich, immer derselbe, so konnte man von diesem sagen, daß er jeden Moment ein anderer war. Doch trotz aller Eigenheiten, die aus einem bizarren Charakter hervorgingen, mußte seine großmütige Teilnahme, seine Herzensgüte, seine Wärme und Empfänglichkeit den Sinn des Knaben ganz gewinnen.«

»Das Schicksal hat wunderbar mit Ihnen gespielt. Wie kamen Sie zu ihm?«

»Der entlaufene Knabe irrte durch den tiefen Sand einer der traurigen Kiefernheiden, welche die Mark von Sachsen trennen. Die Mittagshitze brannte auf den Hungernden und Dürstenden, er hatte den Weg, den Mut und den Entschluß verloren. Er wäre gern zurückgekehrt und dachte in dem Heidekraut zu verschmachten, in das er sich weinend geworfen, denn ringsum in der öden Gegend mit ihren spurlosen Holzwegen zeigte sich kein lebendes Wesen. Da, wo ich schon glaubte, der Tod rufe mich, knarrten die Räder eines stattlichen Reisewagens, ein Postzug hatte sich so gut wie ich in den Sandwegen verirrt, und der Herr im Wagen, welcher mich für einen Schäferknaben hielt, den er nach der Richtung fragen will, ist mir eine wohlbekannte Respektsperson aus meiner Eltern Hause und kommt geradeswegs dorther. Ich weiß nicht, wessen Freude bei der Wiedererkennung größer war. Er nannte mich seinen Sohn und herzte und küßte mich.«

»Führte Sie der Mann nicht zurück?«

»Ich erwartete es, ich bat ihn schluchzend, ein Wort für mich einzulegen, denn, mit meinen Eltern vertraut, wohl auch ihr Wohltäter, übte seine Gegenwart allemal einen milden Einfluß auf die Strenge im väterlichen Hause. Er schalt mich zwar und sagte, ich habe einen dummen Streich begangen, da er bald nach meinem Fortgehen ins Haus gekommen und alles ausgeglichen hätte. Als ich aber nun vom Rückkehren sprach, sagte er, es sei Gottes Fingerzeig, daß ich davongelaufen, und nun möchte ich nur weiterlaufen.«

»Seltsam!«

»Es war alles seltsam an meinem Wohltäter. Ich beruhigte mich sehr bald, als er mir versprach, mich in eine Erziehungsanstalt im Kaiserstaate zu bringen, wo die Eleven keine Schläge bekämen und ich zu meinem schönen Tressenkleide vielleicht einen Degen erhalten könnte, etwas, das von meinem Vater mir einst versagt, nicht wenig mich zu Hause gekränkt hat.«

»Aber der Galanteriedegen konnte Sie unmöglich trösten, als die Jahre kamen, wo der Geist reifte. Weckten die Erinnerungen keine Sehnsucht?«

»Meine neue Erziehung war nicht geeignet, diese Erinnerungen zu wecken. Mildere, gefälligere Lehrer prägten mir Grundsätze und Ansichten ein, nach denen ich in meines Vaters Hause wie nach verbotenem Gute geschmachtet.«

»Aber Sie wurden Jüngling. Gefühl und Verstand wurden frei. Daß da nicht die Sehnsucht nach dem Vaterhause, nach der Mutter erwachte!«

»Die Liebe, sagt man, spinnt einen Zauberkreis um den Gefangenen. Ach, Komtesse, die traurige Macht der Gewohnheit tut dasselbe. Es ging mir wohl, mein neuer Vater sagte mir, man sei in Berlin damit einverstanden, daß ich in Österreich erzogen würde, und die Briefe, die er mir von meiner Mutter brachte, bestätigten das. Sie schrieb, ich sollte in allem dem Willen meines Wohltäters folgen, Gott vertrauen, der alles zum Besten fügen werde, und wenn es dessen Wille sei, würden wir uns wiedersehen. – Meinem kindischen Geiste schwebte eine andere Mutter vor, und die lebendigste Sehnsucht trieb mich, diese zu sehen. Es war die Mutter eines ganzen Volkes: Maria Theresia! Unter ihr dachte ich mir alles Schöne und Edle, ja, wenn Sie es so nennen wollen, ich war in die Kaiserin verliebt, ehe ich sie gesehen und vielleicht noch lange, nachdem ich sie gesehen.«

»Bis mit unbewußter Macht das Vaterlandsgefühl Sie überkam«, sagte die Gräfin. »Es war ein Blitzstrahl, der durch Ihre Seele zuckte.«

»Wohlan, Gräfin, ich liebe den Mann in Friedrich, den Mann, der sich selbst genug ist. Was fragt er umher, was sie von ihm denken, was nach den Regeln für die Kinderjahre der Menschheit? Er ist der Geist, der sich selbst Gesetze gibt, in sich fühlt das Höchste wie das Tiefste. So fand er die Welt, ihre Ordnung gefiel ihm nicht, er gibt ihr eine neue, er drückt ihr seinen Stempel auf, und der Titan fragt in die Wolken, wer was dagegen hat? Dieser kecke, unverzagte Geist, der stolz auf sich selbst dasteht, zu dem das Gefühl mich reißt, den meine Vernunft anbetet, dieser Friedrich ist mein Gott, weil er sich selbst Gott ist.«

Schon seit längerem waren Trommelschläge vom Dorfe herüber geklungen. Sie hatten nicht darauf gehört oder nicht darauf geachtet.

»Mein Gott, was ist das!« rief Eugenie plötzlich.

»Trommeln!«

»Nein, ein Schrei, ein entsetzlicher Schrei.«

Auch Stephans Ohr traf der Ton, als der Tambour mit seinem Wirbel innehielt. »Es ist nichts«, sagte er, und doch beugte er sich über das Laubengeländer, um nach dem Dorfe zu sehen oder seine Bewegung zu verbergen.

»Es ist kein Lärmzeichen, Sie mögen ruhig bleiben, es ist nichts«, wiederholte er mit ruhiger Stimme, als sie ihn heftig unterbrach:

»Nichts, nichts als die Stimme eines Verzweifelnden! – Hören Sie doch! – Hören Sie. Sie ruft vielleicht zum letztenmal. Was entfärben Sie sich, Sie werden blaß?« – In Unterbrechungen fuhr sie mit anschwellender Heftigkeit fort: »O, es ist nichts als ein Todesgekreisch, ein Mensch stößt es aus, ein Unseliger, der über den Schmerz die Disziplin vergißt. Während wir so süß schwatzten, so vernünftig uns stritten, schwangen sie ihre Ruten über seinen nackten Leib. Wir hörten nicht seine stillen Seufzer, wir sahen nicht seinen blutigen Schweiß, sein Todesgeröchel weckt uns erst unangenehm. Eilen Sie fort, eilen Sie, ich bitte Sie, ich beschwöre Sie zu retten, was zu retten ist, bitten Sie, daß man ihn schont. Es wäre zu entsetzlich, wenn er stürbe, stürbe gerade in dieser Stunde.«

Ihre Brust hob sich, der ganze Leib bebte, der Arm zitterte und Rot wechselte mit Totenblässe auf ihrer Stirn.

Stephan hatte nur halb auf die Ausbrüche ihrer Leidenschaftlichkeit gehört. Sein Gesicht war nach der Wiese gekehrt und dem Feldweg, der sich unterhalb der Terrasse vom Dorfe herzog. Plötzlich faßte er die Hand der Gräfin, sie hinausziehend. »Ja, fort, fort, Sie dürfen hier nicht bleiben.«

»Tot!« rief sie, »ist er tot?«

»Er hat es überstanden.«

»Glauben Sie, ich habe noch keinem Toten ins Gesicht gesehen. Sehen will ich, wie er seine Richter anklagt.«

Sie drückte seine Hand zurück, er fühlte, jede Überredung war gegen den erweckten Trotz vergeblich. Die Musik fing nicht wieder an, aber schwere Tritte, dumpfes Gemurmel kam näher; sie zogen mit dem Gestraften des Weges vorüber. Er war nicht tot. Von zweien umfaßt und mit den schlaffen Armen auf ihre Schultern sich stützend, ward er geschleppt. Man hatte die Montur ihm um den Hals gehäkelt, aber sie verdeckte nicht die Spuren der erlittenen Behandlung. Er konnte, oder er wollte auch vielleicht nicht weiter; gerade unter der Laube warf er sich nieder in den Weg.

»Barmherziger Gott!« schrie Eugenie. Mit aller Kraft faßte sie der Offizier, sie von dem Orte fortzuziehen. Er hätte eher eine Marmorbildsäule fortbewegt. So erwiderte ihre Hand den Druck der seinen. »Ist er tot?« fragte sie hinab.

Er sah nicht viel besser aus als einer, der nichts mehr mit dieser Welt zu schaffen hat. Die Montur war ihm abgerissen. In seiner blutigen Blöße lag der Riesenleib im Staube, und die Athletenarme streckten sich noch drohend umher, wie die Glieder eines getöteten Insekts, die noch nicht sterben wollen. Stumpf blickten seine Führer, die Soldaten auf ihn nieder, Landvolk, Kinder und Weiber, standen ringsum scheu, halb Mitgefühl, halb Furcht im Blicke.

»Ist er tot?« wiederholte Eugenie.

Der Korporal blickte in die Höhe: »Er ist nur trotzig.«

Eugenie suchte hastig nach etwas. Sie fand es nicht! »Ihre Börse«, rief sie zu Stephan, »Ihre Börse, schnell!«

Stephan zog sie heraus. Der Inhalt war nicht unbedeutend, die Börse selbst hatte noch mehr Wert für ihn, eine Reliquie aus der Kinderzeit, ein Geschenk seiner Mutter. Ehe er wußte, wie ihm geschah, hatte sie ihm Eugenie aus der Hand gerissen und dem Unglücklichen zugeworfen. Sie mochte auf Stephans Gesicht Betroffenheit lesen.

»Und schenkte ich ihm alles, was ich besitze«, rief sie, »wer schenkt ihm die Stunde wieder.«

Und doch, wie instinktartig, hatte der Mensch im Staube die Bewegung wahrgenommen, den Leib aufgerichtet und mit einem lauten »Juchhei!« fing und griff seine Hand den Beutel. Eine Riesenkraft schien in dem Leibe zu wohnen, als er sich wieder ganz aufschwang, auf den Füßen stand und zähneschnalzend die Gabe denen umher wies: »Ich bin nicht tot!« sagten seine funkelnden Blicke, und die weißen blitzenden Zähne murmelten hervor aus dem geschwärzten Gesichte: »Euch will ich's nicht vergessen.« Jeder Mund blieb stumm, es war kein Auge unter den Bauern, auf dem sich nicht der Schreck abgespiegelt hätte. Er hatte sich den beiden Führern wieder angehängt und im Vorübergehen nickte er einmal der Geberin des Geschenkes zu. Der wilde Blick bewirkte, was das peinliche Schauspiel nicht vermocht. Eugenie faßte Stephans Arm, als suche sie bei ihm vor dem fürchterlichen Anblick Hilfe: »Auch einer, der sich selbst Gott ist.«

So eilte sie fort. Die Gespräche der Offiziere hatten ihn genug von dem seltsamen, leidenschaftlichen Charakter der Gräfin kennengelehrt, um noch einen Versuch zu wagen. An den Pfeiler gelehnt, blickte er ihr nach, bis sie verschwunden war.

Als er durch die Dorfstraße ging, fand er noch alles in Aufregung. »Den Kerl will ich wiederkennen nach dreißig Jahren«, sagte ein alter Bauer. – »Glück uns, wenn wir ihn nie wiedersehen«, antwortete ein anderer. »So ein tückisches, verbostes Gesicht!« – »Und doch«, bemerkte ein vierter, »als meines Vaters Knecht drüben krank war und die Frau darnieder lag, half er ihm aus freien Stücken und fuhr sein Heu ein. Wo tut das eine Einqartierung!«

Stephan erfuhr: Der Soldat hatte sich einmal im Dorfe verspätet, als feindliche Avantgarde schon durchsprengte, und ein Bauer war so unbesonnen gewesen, die kaiserlichen Husaren auf den Heuboden zu führen, wo er sich versteckt. Seine Gefangenschaft dauerte nur kurz, da bald darauf preußische Nachzügler ihn befreiten. An ihrer Spitze wenige Stunden Herr im Dorfe, hatte er sich durch die ärgsten Exzesse an der Bauernschaft gerächt. Dies war vor einem Jahre vorgefallen. Der Schrecken der Marodeurherrschaft war aber noch lebendig im Gedächtnis, als vor einigen Wochen das Freibataillon einrückte und man darin den gefürchteten Marodeur erkannte. Man brachte, wiewohl nicht ohne Gegenvorstellung besorgterer Hauswirte, die Sache zur Sprache, und die Strafe war nach einem ordnungsmäßigen Standrechte diktiert und vollzogen worden. Mitten im schmerzvollen Laufe hatte der Mensch vor dem Hause seines ersten Angebers stille gestanden, den blutigen Arm aufgehoben und geschrien: »'s ist nicht das letztemal!«

Stephan fühlte eine Teilnahme, er wußte nicht woher, für den Unglücklichen. Er nahm sich vor, bei Gelegenheit ihn im Feldlazarett aufzusuchen, um ihm die Börse wieder abzukaufen.

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