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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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6. Die Gesellschaft

Der ungarische Überläufer war eine neue Sonne, die im Alltagsleben des Schlosses und seiner militärischen Bewohner aufging. Noch am selben Abend hatte ein Husar sein Anstellungspatent überbracht und seine Krankenstube wurde nicht leer von Offizieren, welche dem neuen Kameraden die Hand schütteln wollten. Hatte doch selbst Prinz Heinrich beim Durchmarsch den patriotischen Deserteur sich vorstellen lassen und, wie zur Entschädigung, daß Friedrich ihm den Rücken gedreht, ihm auf die Schulter geklopft und geäußert, er solle wegen der entgangenen Lorbeeren unbesorgt sein, denn um den Siegeswagen seines unsterblichen Bruders in die Remise zu ziehen, brauche es bei den immer schlechteren Wegen noch gute Zeit und tüchtige Arme.

Die Besuche und Komplimente wurden dem schnell Genesenen lästig; schon am folgenden Tage exerzierte er mit dem Arm in der Binde.

Er kam eben von einem Ritt um die Vorposten zurück, als er am Saum des Fichtenwaldes auf eine reitende Dame, die Gräfin, traf. Beide hatten seit jenem Abende nicht zusammen gesprochen. Dennoch erröteten sie, als die Begegnung beide zwang, sich zu grüßen und ein Gespräch nicht zu vermeiden war.

»Ich nehme Ihre Begleitung an«, sagte Eugenie, als er sie vor einsamen Spazierritten gewarnt in einer Gegend, welche von Marodeuren beider Teile durchstreift werde. »Man dürfte uns schon beim Abendessen erwarten.«

»Und ich, Komtesse, benutze den Moment zu einer seltsamen Frage. Etwas Eigenes ist mir vorhin begegnet.«

Gefällig den Kopf neigend, brachte sie ihr ungeduldiges Pferd in Schritt. Langsam ritten sie zusammen über die Heide, welche sie noch von den Wiesen des Parks trennte.

»Ich besichtigte am Nachmittag die Vorpostenreihe, als ein Düngerwagen mit vier Pferden in Trab durch die Pikettlinie fahren wollte. Der Unteroffizier wollte ihn nicht durchlassen, weil das Fuhrwerk nach Äckern fuhr, die in des Feindes Bereich liegen; der Kutscher meinte nach Witzart der Leute, wenn er den Österreichern nichts anderes zuführte als Mist, so könnten sich die Herren Preußen das gefallen lassen. Während der ehrliche Brandenburger mir ehrerbietig auseinandersetzte, daß auf seines Vaters, des Schulzen, Gute nur im Frühjahr gedüngt werde, benützte der Mensch die Zeit, peitschte seine Pferde an und war, einige derbe Flüche zurücklassend, mit seinem Mistwagen jenseits der Brücke. Mich trieb nach einer Weile die Neugier nachzusprengen, und just kreuzte ich dem Gespann den Weg, als ein Mann sich daraus hervorarbeitete, über die Räder sprang, und querfeldein ins Buschwerk lief. Ich rief halt!, und er hielt nicht – ich setzte ihm nach – er warf den Oberrock fort – ich hätte ihn doch eingeholt, hätte ihn nicht ein Busch von Knieholz aufgenommen und drüben zeigte sich ein feindliches Pikett. Als ich zurückkam, war das Fuhrwerk verschwunden. Den Kutscher aber hatte ich erkannt, er trägt sonst Ihre Livree ...«

Er hielt einen Augenblick inne: »Sie finden mich auf dem Wege nach dem Schloß, um zu rapportieren. Es freut mich, Komtesse, ehe jemand etwas davon erfahren, Sie, Gnädigste, fragen zu können, ob es meine Pflicht ist?«

Sie ritt schweigend den Blick zu Boden, eine Weile neben ihm, dann hielt sie ihr Pferd still und fragte rasch: »Haben Sie sich des Namens entsonnen, den Ihr Wohltäter Ihnen schrieb?«

»Ich habe«, entgegnete er.

»Und Sie achten nicht für Pflicht, ihn dem preußischen Befehlshaber zu entdecken?«

»Nein, Komtesse«, sagte er nach einigem Zögern.

»Wenn Ihnen dies unnütz scheint, so versichere ich Sie auf mein Wort, es verlohnt sich nicht, von diesem Vorfall Aufhebens zu machen. Der Entsprungene ist ein ganz unbedeutender Mensch und sucht nur seine Haut zu retten. Ihr König hat von ihm nichts zu fürchten.«

»Sie beruhigen mich«, entgegnete der Offizier, und das kaum begonnene Gespräch schien wieder zu Ende, während noch ein langer Weg vor ihnen lag und doch keiner das Pferd in Trab brachte, ihn schneller zurückzulegen.

Sie waren ans Hoftor gekommen. Die Gräfin ritt etwas vor.

»Ich wünsche, daß Sie bald zur Schwadron kommen«, sie nickte dem jungen Offizier zu, was einen gnädigen Abschied, und daß er zurückbleiben solle, bedeuten mochte, gab ihrem Pferde einen Gertenschlag und sprengte in den Hof. Dort war indessen kein Bedienter zu sehen. Sie ritt noch ungeduldig auf dem Pflaster umher, als der Begleiter, so langsam er sich auch gezwungen ihr zu folgen, durch das Tor kam. Indessen hatte man sie jetzt in den oberen Zimmern bemerkt, und Offiziere stürzten die Treppe herunter. Im Augenblick wandte sie ihr Roß zum vorigen Begleiter. Er war wie der Blitz aus dem Sattel, half der Gräfin aus dem Steigbügel und wollte sich ehrerbietig beurlauben, indem er beide Pferde am Zügel faßte.

Der Rittmeister war so nahe, um der Gräfin seinen Arm anzubieten, aber sie hatte sich schnell zu Stephan umgewandt: »Ich ersuchte meinen Begleiter schon, mich in die Gesellschaft zu führen.«

Die Offiziere folgten ihrer Wirtin die Treppe hinauf. Der Rittmeister setzte sich verstimmt unter die Trinker am Ende, während die Gräfin ihren Begleiter neben sich Platz nehmen hieß. Sie war aufgeräumter als gewöhnlich, sie wußte die Stabsoffiziere, den Grafen, Stephan in ein leichtes Gespräch zu verwickeln. Eugeniens Vater faßte begierig das Thema, worauf die Tochter das Gespräch nicht ohne Absicht gelenkt hatte, auf und ergoß sich mit dem Feuer weltmännischer Beredsamkeit in Lobeserhebungen der Regententugenden des Königs von Preußen.

»Ich habe ihn als Jüngling gesehen«, sagte der Graf, »an dem Tage, wo der goldene Reif ihm durch die Hand der Vorsehung auf die Stirn gedrückt wurde, welche jetzt der immergrüne Lorbeer schmückt, ich sah den Augenblick, wo zum ersten Male diese großen, geistreichen Augen vom Schloßaltan herab das Volk musterten, welches er zur Unsterblichkeit führen sollte.«

»Sie waren beim Thronantritt Seiner Majestät in Berlin?« fragte der General.

»Auf einer außerordentlichen Mission. Ich sah Ihren König jetzt wieder als Mann, als Helden. Ich sah ihn wieder, und es waren dieselben großen Augen wie vor achtzehn Jahren; ich darf sagen, wäre es keine Blasphemie, es war derselbe wieder.«

»Unser junger Landsmann wird seine Vaterstadt sehr verändert finden«, bemerkte der General; es war der jüngere, der sich ihm so geneigt beim Ehrengericht gezeigt hatte. »Sie bleiben uns für ein andermal Ihre Jugendgeschichte schuldig. Wie alt waren Sie, als Sie Berlin verließen?«

»Neun Jahre.«

»Ich erinnere mich«, sagte der Graf, »daß besonders die Gassenbuben in Berlin von einer Unverschämtheit ohnegleichen sind. Es ist eine Brut, die wie Kletten aneinander hält, mit Sottisen bereit anzufangen, und mit Trotz und Drohungen zu enden. Ich hatte selbst eine Affäre auf den Straßen Ihrer Residenz, welche einem Fremden eine schlechte Vorstellung von der Polizei geben könnte, wenn nicht Friedrich seitdem eine bessere eingeführt hätte.«

»Doch liebt der König das Wesen der Jugend«, bemerkte der General, »ihn freut es, wenn sie vor seinem Schimmel herlaufen, schreien, die schmutzigen Mützen schleudern und sich an seine Stiefeln hängen.«

»Aus Berlin«, bemerkte Oberst Klippfisch, »kommen meine besten und meine schlechtesten Leute. Durchgelaufenes Gesindel, Kerls, die über einen glimmenden Balken klettern, um einen vergessenen Scheuerwisch zu holen, Marodeure, Räsoneure, aber auch Burschen, mit denen sich was anfangen läßt, die habe ich alle von den Berliner Straßen aufgelesen.«

»Nicht auch aus den Zuchthäusern?« fragte der Kürassiermajor.

»Ich frage nicht nach Taufschein und Stammbaum.«

»Der morgen laufen wird, scheint mir auch eine Berliner Nase zu tragen. Nicht, Klippfisch?« sagte der General.

»Er soll guter Eltern Kind sein, wie seine Kameraden sagen. Aus dem tückischen Kerl ist nichts herauszukriegen.«

»Ein fatales Gesicht.«

»Sobald es vorwärts heißt, Herr General, ist er doch frisch darauf.

»Schon wieder eine Exekution!« sagte die Gräfin.

»Es trifft sich gut, daß unser junger Kamerad morgen gleich ein Exempel von unserer Disziplin bekommt«, bemerkte der Major.

»Spießruten!«

»Wenn sie nur nicht falsch zuschlagen«, sagte der Hauptmann.

»Er hat eine Art Ansehen bei der Kompanie.«

»Aber auch ebensoviel, die's ihm gönnen«, entgegnete der Obrist.

»Lassen Sie nur die Ruten vorher visitieren, daß die Kerls sie nicht über dem Daumen einknicken.«

Ein Blick des alten Obristen sagte, daß er dafür sei. Man forderte den Neugeworbenen auf, nicht zu fehlen.

»Ich ersuche Sie, mich zu dispensieren«, entgegnete dieser. »Ich habe einen Absdieu vor Exekutionen. In meiner Eltern Hause wurde, nach der Sitte jener Zeit, allzuviel zum Besten der Erziehung geprügelt.«

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