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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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3. Der Ungar.

Dem Obristen, den der Punsch doch nicht gefesselt, trat im Vorzimmer die Gräfin entgegen. Sie war in Unruhe, und der Anblick des gerüsteten Offiziers minderte sie nicht.

Der Obrist verneigte sich tiefer, als er gegen Damen pflegte, schärfer das Auge auf sie gerichtet, als er Frauen sonst ansah. Der scharfe Blick sprach die Frage aus: »Was sucht Komtesse hier?«

»Mich dünkt, ich hörte vorhin schießen ...«, sie riß das Fenster auf, das nach den Wiesen ging.

»Komtesse erwarten ...?«

»Meinen Vater. Es kam von jener Seite.«

»Der Sturm in den Bäumen wird Sie getäuscht haben.«

»Stehen dort Vedetten?«

»Ei! Eine zarte Dame so mit dem Lagerdienst vertraut! Unsere Vorposten stehen weit hinaus. Sie wagen kein Gefecht.«

»Und eben wieder – ganz deutlich! – Wenn die erwartete Schlacht unerwartet begonnen hätte, wenn«, setzte sie hinzu, »auf unser Dorf die Massen sich würfen.«

»Ich darf Sie beruhigen, meine Gnädigste. Soweit nur Subalternen ein Urteil zusteht, kommt es in der ersten Woche zu keiner allgemeinen Bataille.«

»Wenn aber eine plötzliche Attacke ...« »Auf wen?«

»Ihr König setzt sich oft, im stolzen Gefühl seiner Sicherheit, persönlicher Gefahr aus.«

»Seine Majestät sind nicht hier. Woher ahnen Komtesse ...?«

»Friedrich ist überall. Zittern Sie nie für ihn?«

»Niemals.«

»Das Glück könnte ihn verlassen.«

»Sein alter Alliierter bleibt bei ihm.«

»Wer ist das?«

»Der da oben.«

Der alte Offizier nickte mit dem grauen Kopfe. Mit ernster Stimme fuhr er fort: »Es war nicht das erstemal, daß ihm in Dresden ein Pülverchen gerührt ward und wird nicht das letztemal bleiben, solange es Pfaffen und Italiener gibt, solange tückische alte Weiber und giftige Nattern an einem deutschen Fürstenhof zischen. Aber wie der große Alliierte dem Kammerdiener Glaser das Gewissen rührte, daß ihm die Tasse aus der Hand fiel, und wie derselbe Gott den Kanzlisten Menzel durch Gold blendete, daß er den höllischen Verrat wieder verriet, so wird er jede Tücke zuschanden werden lassen und wäre sie zehntausendmal pfiffiger eingebrockt als ein ehrlicher Deutscher, ein braver Soldat und ein guter Protestant sie riecht. Komtesse pardonieren, wenn ein alter Soldat mißtrauischer ist, als die Galanterie gutheißt. Ich muß das Schloß durchsuchen lassen, ich muß, ob ich nur Gespenster finde oder was Schlimmeres.«

Er wollte fort, als ein heftiger Windstoß beide Fensterflügel aufriß. Man hörte deutlich drei, vier Schüsse. Der Obrist lehnte sich hinaus, die Gräfin verbarg das Gesicht in beiden Händen:

»Mein Vater ... oder Er ...«

»Es wird Ernst!« sagte der Graukopf rasch ...

»Eilen Sie, um Gottes willen eilen Sie ...« schrie die Gräfin.

»Höll' und Teufel, Rittmeister, wer hat die Ronde bei den Husarenpiketts ?«

Die rascher, deutlicher aufeinanderfolgenden Schüsse hatten im Moment die Gesellschaft vom Punsch aufgeschreckt, Säbel und Degen klirrten; es war der Geist der Disziplin, der jeden andern verscheuchte. Der Hauptmann stand kerzengrad und nestelte den Ringkragen, der Major prüfte schwingend den verwundeten Arm; im nächsten Augenblick blies der Trompeter die Fanfare, die Sekunde darauf wirbelte der Tambour auf der Treppe, und ehe die nächsten Worte gewechselt waren, schlugen die Trommeln von der Dorfgasse.

»Und kein Rapport von den Husaren!« Der Obrist stampfte die Degenscheide auf die Diele. »Sind wir im Winterquartier oder auf Vorposten?« Der Rittmeister, den sein zorniger Blick traf, trat, den Säbel in der Linken aufhaltend, als Kommandierter heran: »Ihre Befehle, Obrist?«

»Vors Standrecht den Offizier, der die Ronde hat; sonst zum Teufel!«

»Dazu wird Zeit sein, wenn es vorüber ist«, erwiderte der Rittmeister und stürzte hinaus.

»Licht an die Fenster! Fackeln auf die Gasse! Die Ausgänge besetzt! Das Bataillon auf die Dorfgasse, die Husaren sprengen auf die Straße nach ...«

So kommandierte der Obrist wieder mit völliger Ruhe. Es war, als ob alles ausgeführt wurde, ehe es ausgesprochen war. Es wurde licht in den Schloßflügeln, Pechfackeln flackerten im Hofe auf, vom Dorfe her, Trommeln wirbelten ohne Unterlaß. Die Hufe der Husarenpferde dröhnten auf dem gepflasterten Schloßdamm. Der Obrist stand auf der Rampe der Hoftür, alle im Saale waren ihm gefolgt.

Ein Reiter im weißen Mantel sprengte auf den Schloßhof zu. Der Tressenhut sagte jedem, der nicht sofort an der Haltung den Grafen, den Besitzer des Schlosses, erkannt, daß er kein Militär war. Noch in den Steigbügeln rief er: »Um des Himmels willen, meine Herren! Sie legen noch die Hände in den Schoß? Ihr König, Ihr teurer König ist angegriffen. Auf, auf, meine verehrten Herren, sein Leben ist in Gefahr!«

Nur der Obrist blieb ruhig. Die Degen der Offiziere funkelten im Scheine der Fackeln. Während man den bejahrten Edelmann vom Pferde hob, war aber schon ein zweiter Reiter, in dem man einen Adjutanten des Königs erkannte, in den Schloßhof geritten.

»Herr Graf«, rief dieser, »Ihr Eifer führt Sie zu weit. Für das teuerste Leben brauchen wir nicht mehr besorgt zu sein.«

Der Ton der Freude, für welche die Laute fehlen, ging durch die Versammelten.

»Kann man allzu besorgt sein für eines solchen Königs Leben!« sagte der Graf, der, von der Tochter geführt, auf eine steinerne Bank sich erschöpft niedergesetzt. »O, meine Herren, wie freue ich mich, wenigstens der erste gewesen zu sein. Herr Obrist und Sie alle, würdige Offiziere des erhabenen Monarchen, ruhen Sie doch nicht – wer weiß denn – gehorchen Sie nur dies eine Mal der Stimme Ihres Herzens. Es gilt Ihrem Palladium, dem Stern Ihrer Ehre ...«

»Die Pandurenschufte sind niedergehauen oder zerstreut; der Weg hierher frei, der ungarische Überläufer bürgt dafür«, so sprach der Adjutant. »Es ist daher unnötig, daß alarmiert wird, und gegen des Königs Willen. Ein Überfall«, setzte er, zum Obristen gewandt, hinzu, »so unerwartet als unbegreiflich. Verrat war im Spiele, aber die Hand der Vorsehung hat wunderbar über Seiner Majestät Haupt gewaltet.«

Der Graf hatte seine Tochter feierlich in die Arme geschlossen. »Was würde mein Kind gesagt haben, wenn es hieße, daß sein Vater den König von Preußen seinen Feinden überliefert hat.« Indem er ihr die Stirn küßte, flüsterte er: »War der Kammerherr hier?«

»Beruhigen Sie sich, Herr Graf«, sagte der Adjutant. »Wenn auch das Schlimmste eingetroffen wäre, Sie haben nicht mehr getan, als der König von Ihnen verlangte.«

»Doch, mein werter Herr«, sagte der Graf mit Betonung, »doch würde der Leumund geschäftig sein, und – wäre es geschehen – wem anders als mir würde die Welt die Schuld aufbürden. Ich bin der Untertan eines Fürsten, der in offenem Kriege mit Preußen lebt, dem Friedrich bitter, ich darf sagen grausam mitgespielt hat. Ich verehre den königlichen Herrn, meinen Kurfürsten, seine Huld überschüttete mich, ich weine über das Unglück, das ihn traf, über die schwere eiserne Hand des Helden, die auf meinem armen Vaterlande unbarmherzig ruht; auch mich hat sie gedrückt, mein werter Herr, aber noch schwerer würde der Vorwurf mich drücken, wenn man mit Fingern auf mich wiese und sagte ... erlassen Sie mir, es auszusprechen.«

Der Obrist wandte sich an den Adjutanten: »Wie aber war es möglich, daß Seine Majestät ...«

»Überlassen Sie das mir«, nahm der Graf schnell das Wort. Der Obrist schien nicht damit zufrieden.

»Ich weiß«, sagte der Graf, »Ihr Vertrauen, mein würdiger Veteran, den ich so lange das Glück hatte, meinen Gast zu nennen, ruht auf festeren Stützen als der Unglaube unserer Zeit, Seine Majestät, um mich kurz zu fassen, begehrte bei einer Rekognoszierung heut' vor Sonnenuntergang die Ruinen des Brühlschen Schlosses in ... zu besichtigen. Ich wagte es, dem König abzuraten, indem noch vor wenigen Tagen feindliche Vorposten im Park daselbst zu sehen waren. Der König bestand darauf, und als die letzten Sonnenstrahlen auf die zerstörten Mauerwände fielen, ritten wir in kleiner Eskorte nach den Ruinen. Kaum dort – Seine Majestät ritten an den Wänden hin und besahen lächelnd die Wandgemälde, als ein Geschrei draußen entsteht. Der König geruht eben zu mir im Scherz zu bemerken: ›Ihr Gönner Brühl hat auch nicht gedacht, daß Sie einmal an meiner Seite mit Pferdehufen sein Täfelwerk zertreten würden‹, als ein ungarischer Husar, ein junger Offizier zu Pferde, durchbrechend durch die Suite, hereinprescht und des Königs Schimmel am Zügel faßt: ›Sire! Sie sind verloren, jede Minute gilt Ihr Leben. Fort, König von Preußen, man weiß, daß Sie hier sind ...‹ So, oder ähnliches sprach er. Wir, die wir schon nach den Pistolen gegriffen, ihn niederzuschießen, gehen aus einem Erstaunen zum anderen über, als der junge Mann von der Position der österreichischen Streifpartien berichtet, daß Panduren und Kroaten uns in Zeit von zehn Minuten umzingelt haben müssen; er gibt Rat, wohin wir uns wenden, welchen Rückzug wir einschlagen müssen, als schon das Kroatengeschrei am anderen Ende des Parks gehört wird ...«

»Hölle und Teufel!« knirschte es.

»Ein ungarischer Kavallerieoffizier und ein Verräter!« rief der Obrist aus.

»O, meine Herren, ich sah nicht auf den Verräter. Ihren König sah ich an; ja, Friedrich ist der einzige, es ist nur ein Friedrich, der in einem so entscheidenden Augenblick die Ruhe behalten kann. Die untergehende Sonne, durch das zerstörte Fenster, beleuchtete gerade sein Heldenantlitz. Sein helles Auge auf den Fremden gerichtet, prüfte er, ohne sich zu regen, dessen Worte. Er las Wahrheit, er war überzeugt, er konnte trauen, und den Hut festdrückend, herrschte er: »Er führt uns zurück.« So entkamen wir, durch die dichtesten Partien des Parks, fast nur durch Fußpromenaden uns fortwindend, den Kroaten; durch eine entgegengesetzte Wendung auf dem freien Felde den plänkelnden Husaren. Schien doch eine Hetzjagd auf das königliche Wild losgelassen; so hallten die Signalrufe um uns. Erst gegen Nachtanbruch, als wir den Weg hierher gefunden, stießen wir auf Panduren – ich will hoffen, durch Zufall und nicht durch Treulosigkeit des Überläufers ...«

»Gewiß nicht«, fiel der Adjutant ein, »seine Bravour bei diesem kurzen, unvorhergesehenen Gefechte beweist, daß er es ehrlich meinte. Er ist verwundet, und wenn ich nicht irre, kommt er dort schon mit den rückkehrenden Husaren. Aber Sie, Herr Graf, werden sich erinnern, daß der gerettete König Quartier für die Nacht in Ihrem Schlosse machen wollte.«

»Was Mauern und Tore verschließen, ist längst sein. O, könnte ich als Schildwacht stets vor seinem Schlafzimmer wachen!«

In der bunten Verwirrung des Saales kam der Obrist zu einem Verhör, welches man in der Eile und unpassend, denn keiner der zufällig Anwesenden war entfernt worden, mit dem fremden Offizier vorgenommen hatte. Die Besorgnis, er könne plötzlich sterben, hatte den Adjutanten dazu bewogen. Ein Regimentsquartiermeister führte das Protokoll, während die gespannteste Teilnahme auf den Gesichtern der Zuhörer sich aussprach.

Der Überläufer lag, mit seinem Mantel bedeckt, den Kopf auf dem Ellenbogen gestützt, und gab Antworten, wie sein Zustand sie erlaubte, während ein neben ihm kniender Feldscher die Wunde am linken Arm verband. Eine Fackel, in die Wand gesteckt, beleuchtete das blasse Gesicht, beschattet von dem ungarischen großen Schnurrbarte und den von Schweiß oder Blut gefeuchteten über die Stirn fallenden Haaren. Er sprach im reinsten Deutsch, wie man es in den Feldlagern nicht zu hören gewohnt war.

»Ihr Name ist Stephanek, wie Sie angeben? Sind Sie von ungarischer Familie, in Ungarn geboren?« fragte der Adjutant.

»Über meine Person will ich dem Könige antworten ... das hat doch keine Eile ...«

»Was bewog Sie, die kaiserlichen Dienste zu quittieren, mitten im Felde zu desertieren, auf die Gefahr hin, die Ihnen bekannt sein muß?«

»Mein Gott«, sagte der Ungar nach einiger Zögerung, »daß ich darauf hier antworten soll! – Friedrich – alles wäre verloren gewesen . . .«

»Sie sind Protestant?« fragte, rasch darauf eingehend, der Adjutant.

»Ich bin es ...«

»Wie empfingen Sie, oder die erste Frage, wenn Sie uns darüber Auskunft geben können, ist, wie erhielt man bei den Feinden Nachricht von des Königs Rekognoszierung?«

»Ist denn dies so eilig?« fragte der Überläufer und blickte umher. Man legte es aus, als scheine ihm die große Versammlung nicht passend, seine Bekenntnisse anzuhören.

»Er scheint doch sehr erschöpft«, bemerkte der Graf.

»Ich habe den Auftrag Seiner Majestät«, entgegnete offiziös der Adjutant.

»Sie kennen die Person nicht ...« hub der Ungar nach einer Pause an. »Und wäre dies auch, und ich nennte sie Ihnen, Sie zögen keinen Vorteil daraus, denn sie befindet sich außerhalb Ihrer Macht, im kaiserlichen Hauptquartier.«

»So haben wir es mit einem Diplomaten zu tun«, äußerte ärgerlich der Offizier, »und nicht mit einem Deserteur, der bei uns Dienst und Avancement sucht. Ich versichere Sie, Herr Stephanek, der König schenkt seine Gnade nicht dem, der mit ihm unterhandeln will, sondern nur dem, der sich ihm ganz hingibt.«

»Ich habe, was ich hatte, hingegeben, vielleicht meine Ehre für ihn eingesetzt«, fuhr der Fremde auf. »Mehr fortzugeben, bin ich nicht berechtigt; die – Dankbarkeit verbietet es mir.«

Der Adjutant steckte die Brieftasche ein, wandte dem Verwundeten den Rücken, und hieß den Regimentsquartiermeister das Protokoll schließen.

Schon an der Türschwelle, rief ihn jedoch die Stimme des Verwundeten zurück: »Halten Sie es für möglich, daß Spione aller Art um des Königs Person sind? – In Dauns Lager weiß man täglich, was Friedrich unternimmt; selbst seine Tischreden kommen bis zu den Subalternen.«

»Es war unmöglich, mein Herr, daß man ohne besonderen Verrat von diesem Ziele seiner Rekognoszierung wußte.«

»Gewiß. Das Billett meines Gönners nannte mir auch den Namen.«

»Wo ist das Billett?« rief der Adjutant; im Saale herrschte Totenstille.

»Zerrissen und verbrannt; des Namens will ich mich jedoch wohl entsinnen ...«

»Das wird eine schwache Denunziation«, flüsterte der Graf zum Adjutanten.

»Hieß er Baron von Kurz?« rief plötzlich die Komtesse.

Der Graf sprach erschrocken: »Eugenie, was ist dir?«

»Wie kommen Sie auf den Namen, Komtesse?« fragte der Adjutant.

»Ich traue dem Kammerherrn diese unbesonnenen Intrigen zu.«

»Nein ...«, sagte der Fremde, die Gräfin fixierend. Sie stand ihm so zugekehrt, daß nur er den vollen Ausdruck ihres Gesichtes lesen konnte. – »Nein, so hieß er nicht ...«

»Dann war es ein polnischer Familienname ...«

»Sie mögen Recht haben – aber des Namens entsinne ich mich nicht. – Ihr König ist gerettet, seien Sie damit zufrieden, meine Herren; das übrige findet sich«, sagte er, scharf den Adjutanten anblickend, und die Gräfin faltete die Hände.

In dem Augenblick schmetterten vom Hofe her die Trompeten, die Wache rief ins Gewehr, Vivats folgten aufeinander, und Friedrichs Ankunft schloß dieses Verhör.

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