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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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2. Die Einquartierung

»Nun leugne mir noch einer, daß wir Frauen nie wissen, was wir wollen, daß wir Chamäleons sind, veränderlicher als die Wetterfahnen, nur mit dem Unterschiede, daß unser Fähnlein sich gegen den Wind dreht, aus Widerspruchsgeist«, sagte die Gesellschafterin, als sie bei ihrer Rückkehr im Gartensaal die Gräfin niedergesunken auf dem Sofa fand, die Stirn auf den Ellenbogen gestützt, Spuren der Tränen im Auge.

»Hast du gehorcht?«

»Jede Silbe. Es war das erstemal, daß mich der Kammerherr ans Schlüsselloch trieb. Mein Gott, ich nähme es übel, wenn mein Vater mir einen solchen Botschafter ins Haus schickte. Oben in die Rumpelkammer ließ er sich verschließen wie eine abgelegte Puppe, ich mußte ihn mit Betten und Matratzen zudecken, daß ich besorgt bin, er erstickt, wobei freilich nicht viel verloren wäre. Aber dabei muß man ihm lassen, schön ist er; das sah ich recht, wie ich ihn einpackte.«

»Sind denn die andern im Grunde besser, Amalie? So arm, so erbärmlich ist die Zeit, so ohne Mark und Nerv ihr Genie; wenn sie schlagen wollen, denken sie ans Geschlagenwerden, wenn sie vorrücken, an den Rückzug, wenn sie losschießen, daß die Flinte springen könnte. Sie reden vom Vaterland, und von der Neva bis zu den Pyrenäen weiß keiner, wo es sitzt.«

»Eine vortreffliche Predigt, Sie sollten sie morgen vor den Gamaschen und Perücken unserer preußischen Einquartierung wieder halten.«

»Ich will nicht predigen.«

»Was möchten Sie denn?«

»Auf dem Pferde sitzen, hin zum König und ihm sagen, was ihm droht.«

Bediente kamen und setzten die Tafeln zu dem schnell bereiteten Souper zusammen, und die erwarteten Gäste der preußischen Einquartierung fanden sich, von dem Fräulein empfangen, ein. Einige von detachierten Husarenkorps, die Mehrzahl einem Freibataillon zugehörig, das im Dorfe lag. Man arrangierte sich schnell, und die Entfernteren probierten schon die in unverhältnismäßiger Anzahl heraufgebrachten Flaschen, während die vornehmeren Offiziere sich mit dem Fräulein bekomplimentierten.

»Keine Komplimente, meine Herren! Helden müssen geradeaus sein. Wir sind schlichte Frauen, glücklich, wenn es uns vergönnt ist, Sie zu bewundern.«

»Das Bewundern ist unsere Pflicht«, entgegnete der Leutnant, aus dem hochbraunen Gesicht einen Seitenblick auf das Fräulein schießend.

»Die Komtesse wird uns nicht mit ihrer Gegenwart erfreuen?« fragte der Eskadronchef, ein blonder, hochgewachsener junger Mann.

»Meine Kusine erwartet ihren Vater, um unter seinem Schutze unter die Helden zu treten. Lassen Sie sich dadurch nicht stören; sie wünscht das Fest in voller Lustigkeit zu finden. Von den Flaschen darf nichts in den Keller zurück, ich bin verantwortlich dafür! – Ich sehe, die Söhne des Mars spielen die Schüchternen, und eine Dame muß ihnen vorangehen. Ich berühre den Rand dieses Glases auf das Wohlsein unserer teueren Gäste.«

Der Eskadronchef dankte mit dem Gegentoast: »Auf das Wohlsein der liebenswürdigen Wirtin!«

»Ei, meine Herren, und Sie, mein werter Herr von Izwitz«, hub das Fräulein an, »was kommt die Wirtin hier in Betracht! Wir feiern die Gnade Ihres Königs und die Hoffnungen auf den Frieden, den man uns ahnen läßt; da ist es Frevel, wenn die erste Gesundheit nicht ihm gilt, dem unsterblichen neuen Cäsar: Friedrich von Preußen!«

Man stieß dreimal an.

»Daß eine Dame uns an unsere Pflicht erinnern würde«, sagte der Rittmeister, »durfte der Monarch, gegen den zwei Kaiserinnen fechten, nicht erwarten!«

»Der Weiberfeind, wollen Sie sagen. Halten Sie uns denn für so befangen, die Männer zu verkennen, die uns kennen? Bei einem, der unser Geschlecht achtet, zweifelte ich an seinem Verstande. Friedrich ist ein Held, denn er hat Bataillen gewonnen, er ist Schriftsteller, Philosoph und ein heller Kopf, das sind andere auch, aber seine größte Größe, der ,einzige' Held ist er, weil er sich nie von uns hat besiegen lassen.«

»Um deswillen haben wir wohl das Unglück, daß unsere schönen Wirtinnen in uns nur ihre Feinde sehen wollen«, sagte der Rittmeister.

»Ganz richtig, weil Sie so galant sind, meine Herren. Wenn Sie doch Ihren Vorteil verständen! Kümmerten Sie sich weniger um uns, würden Ihnen die Herzen von selbst zufliegen. Die liebenswürdige Nachlässigkeit ist es, die unwiderstehlich macht. Vorigen Winter kantonierte bei uns ein alter Obrist, ein Haudegen vorzüglicher Art – ich habe seinen Namen vergessen –, aber alle seine Offiziere bis zum Fähnrich waren nach ihm geschlagen. Der lag, wenn er vom Exerzieren kam, gestiefelt und gespornt auf dem Kanapee, die Pfeife ging nicht aus, rings um ihn die andern, Wände und Boden waren schwarz von Dampf. Man konnte kaum durchsehen. Die Bierkrüge und Weinflaschen wurden nicht leer, und die Hunde knurrten zu den Flüchen und Schwüren und Geschichten von ihren Kriegsaventüren, welche sich die alten Herren zehnmal mit immer neuem Vergnügen wiedererzählten. Einem gewöhnlichen Frauenzimmer wurde angst und bange, wenn es durch den Saal mußte; aber für meine Komtesse war mir in anderer Art bange; denn alle Abend seufzte sie und sagte: Solch ein Held mit grauem Haar und zehn Narben wäre tausendmal liebenswürdiger, als alle Dichterphantasie ihre Lieblinge schildern könnte.«

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