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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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Zweites Buch

Der Deserteur

1. Der Kammerherr

Der Abendwind regte sich in den Alleen des Parks, und die Schatten der herbstlichen Baumkronen traten immer tiefer in den Gartensaal. Die Gräfin legte das Buch weg und trat an das Fenster.

»Der arme große Florentiner!« sagte das Fräulein in etwas spöttischem Ton, das herabgefallene Buch auflangend; »hat er aufgehört groß zu sein?«

»Wer kann jetzt im Dante lesen!«

Der Wind wurde heftiger, er warf sich in die hohen Ahornbäume der Allee und schüttelte die Jalousien der Fenster. Eugenie schien einen Gegenstand zu verfolgen, so unverwandt war ihr Blick nach einem Punkte gerichtet, als sie die Freundin durch die Frage erschreckte: »Glaubst du, daß der König von Preußen ins Fegefeuer kommt?«

»Was geht mich der König von Preußen an!« erwiderte die Gesellschafterin verwundert. »Der König von Preußen hat noch weit bis dahin.«

»Wenn er nicht soweit hätte, wie du meinst!«

»Um des Himmels willen keine Ahnungen, und den Dante verschließ' ich Ihnen, denn aus seiner Hölle und aus seinem Fegefeuer steigen allein alle die trüben Gedanken auf, die sich allerwärts besser hinpassen, als für unsere schon trübe Winterquartierung!«

»Besorge Licht!« Die Gesellschafterin verstand den Wink und verließ das Zimmer. Die Gräfin ging auf und ab. Der schwere Atlas ihres faltigen Kleides rauschte durch den weiten Saal, die Zugluft warf sich in die Damastgardinen der Fenster, sie weit aufbauschend, und die Schatten der gewichtigen Goldtroddeln spielten über das Täfelwerk hin und her. Aber die Geister der Dämmerung beschwichtigten nicht ihre Unruhe. Mit untergeschlagenen Armen blickte sie hinaus auf die bewegte Landschaft. Eine trübe, gedämpfte Mondscheibe erhellte spärlich die Teiche und überschwemmten Wiesen. Wenn der Wind einen Augenblick schwieg, schallten von der Dorfschenke preußische Soldatenlieder herüber.

Eugenie drückte ihr Gesicht an die Scheibe, eine Gestalt schwebte die verwachsene Allee herauf. In dunklen Umrissen, solange es sich im Schatten bewegte, mochte man es für ein Spiel des Windes in den bewegten Gesträuchen halten; wenn es über eine mondhelle Stelle ging, wurden die Formen eines Mannes deutlicher. »Ist es ein Spiel meiner Phantasie oder wer ... Es ist Albernheit und doch – es soll nicht sein.« – Sie riß heftig das Fenster auf, aber in dem Augenblick warf eine vorüberziehende Wolke ihren Schatten auf den mondhellen Fleck, alles war verschwunden, keine Spur zu entdecken. »Ein Geist, der durch eine klirrende Fensterscheibe verscheucht wird, ist bedenklich!« rief sie und schellte. – Betroffen, etwas blaß, trat nach einer Weile die Freundin ein, das Wachs von den Kerzen des Armleuchters in ihrer Hand war heruntergeträufelt.

»Der Kammerherr ist hier.«

»Der Kammerherr!« rief die Gräfin, in raschem Übergange von gespannter Erwartung zu zürnender Gleichgültigkeit. »Was will der Kammerherr hier!«

Der Angemeldete schlüpfte herein, in einer Kleidung, welche seinem Stande nicht entsprach und ihn doch nicht verborgen hätte, denn aus dem Kittel blickte das Jabot, unter dem Ärmel die Manschette und aus der Pudelmütze, die er abzog, kam, wenn auch in Unordnung, die Frisur zum Vorschein. Leichtfüßig flog er auf die Gräfin zu und faßte, das Knie beugend, ihre Hand zum Kusse.

»Was soll diese Mummerei, Herr von Kurz?«

»Alles, nur meinen Namen nicht. Die Wände haben Ohren.«

»Mein Gott, wer kann Ihnen etwas abhören wollen.«

Die Gräfin hatte sich nachlässig auf dem Kanapee niedergelassen. Der Kammerherr ergriff ihre Hand und mit einer Bewegung, sie ans Herz zu drücken, begann er: »Sie werden erstaunen.« – Eugenie entzog sie ihm. –

»Gab es neue Polonaisen in Warschau?«

»Man tanzte im Sommer nicht.«

»Sonderbar! Aber man ließ sich doch die italienische Oper nicht entgehen. Die Sänger aus Dresden haben durch die Güte des Königs von Preußen Pässe erhalten und sind dem Hofe gefolgt.«

»Wir brauchen bald nicht mehr diese Güte!« sagte der Kammerherr, indem er den Kopf bedeutungsvoll aufrichtete.

»Das wolle der Himmel!«

»Er wird es zur Abwechslung auch einmal wollen müssen.«

Die Gräfin blickte ihn an.

Er fuhr mit sicherer Stimme fort. »Der fürchterliche Krieg, der in der Welt entbrannt und unser schönes Sachsen zu seinem wildesten, unglücklichen Tummelplatze erwählte, hat in den sieben großen Schlachten des vergangenen Jahres seine Kraft ausgetobt. Tage wie bei Prag, Kollin, Roßbach, Breslau und Leuthen können nicht mehr in ein Jahr fallen. Die nächste große Bataille entscheidet, und die Welt erfährt, ob der Monarch an der Spitze der Potsdamer Wachtparade unüberwindlich ist – und wenn er es ist, muß man sich in die Zeit schicken, und es ist Zeit, an seine Großmut zu appellieren, oder der Schlag fällt wider ihn aus, und dann sind wir es, die die Schadenrechnung schreiben, und die Großmut ist an uns.«

»Dasselbe hat man schon oft gesagt«, entgegnete die Gräfin in dem Tone bleierner Gleichgültigkeit von vorhin, »ich weiß nicht, wohin das führt und was es zwischen uns soll.«

Der Kammerherr lächelte: »Wenn man einem solchen entscheidenden Tage zuvorkäme, wenn geschickte Hände die Karten mischten vor der Bataille, wenn ein glücklicher Coup vorbereitet wäre, wenn – Ihre Augen glänzen, Ihre Lippen bewegen sich, Komtesse, Sie wissen mehr, als Ihr Vater mir vertraute – wenn ich es nun wäre, der die Karten gemischt hätte, wenn ich dann vor Ihnen niederknien, diese schöne Hand an meine Lippen drücken und ausrufen könnte . . .«

»Halten Sie inne« – rief die Gräfin aufspringend. Der Kammerherr, schon halben Weges, vor ihr auf ein Knie zu sinken, fuhr, sich ängstlich umblickend, drei Schritte zurück.

»Sie bemerkten doch nichts?« flüsterte er italienisch.

»Hat mein Vater Sie zum Vertrauten gemacht?«

»So sind Sie bereits seine Vertraute«, war die Antwort.

Die Gräfin suchte einige Augenblicke in dem von Wichtigkeit strahlenden Gesichte, dann forderte eine hastige Bewegung ihn auf, wieder neben ihr Platz zu nehmen.

»Zur Sache, Baron, was haben Sie mir mitzuteilen, was wissen Sie von Plänen?«

Der Kavalier fuhr in französischer Sprache fort, die er bei gefährlichen Stellen mit der italienischen vertauschte.

»Ihr Vater, Komtesse, dieser unermüdliche Geist in feinen Plänen, der würdige Günstling, Schüler und Freund unseres erhabenen Ministers, ist seit vorgestern im Lager des Königs von Preußen.«

»So mußte ich vermuten; ich wünschte, er wäre nie dorthin gekommen.«

»Keine Sorge für seine teure Sicherheit! Sein Ansehen steigt im preußischen Feldkabinett, wie es in Warschau durch Brühls Freundschaft fest gesichert ist. Sein Name wird nie genannt; außer mir und einem weiß niemand um seine Teilnahme, bis es gelungen ist.«

»Was?« –

»Meine Gnädigste, wie Sie mich da so wild ansehen ...«

»Zweifeln Sie, Baron, daß ich mein Vaterland liebe!« rief sie heftig. »Ich will nicht hoffen, daß jemand zweifelt! Mein Vater verschwieg mir, womit er umging, aber es handelt sich um Friedrichs Person. Ich weiß es; lernt Euch besser verstellen, schafft Euch biegsamere Larven an.«

»Was konnte vor Ihrem Scharfblick verborgen bleiben! So schwinden auch diese letzten Zweifel.«

»O, zweifeln Sie, Ihnen erlaube ich, soviel zu zweifeln, als Sie wollen.«

Der Kammerherr ließ sich nicht stören. »Die holde Laune sagt mir alles; ich darf Ihnen alles vertrauen. Ja, Komtesse, seit vorigem Winter arbeiten einige Stillverbündete an einem Schluß des Krieges, der Sachsen volle Genugtuung für alles Unglück, für das grausame Unrecht verspricht. Man weiß, wie Friedrich seine Person exponiert, er hält das unerhörte Glück für seine eiserne Leibwache. Wie leicht wäre es längst den ungarischen Parteigängern geworden, ihn zu fangen, hätte man Winke gehabt, und wäre unter den Österreichern noch ein Genie wie Trencks. Man hat mancherlei Verbindungen in Berlin und Potsdam, was konnten sie aber voraussagen, wohin es an dem und dem Tage dem Könige gefallen würde, auszureiten, wieviel er mitnehmen, wann er umkehren würde. Ein ganz zufälliger Umstand soll uns aber auf den feinsten Plan leiten. Unsere tätige Freundin in Dresden, das alte Fräulein Klinkauf, hat Freundschaften und Bekanntschaften, die bis in die äußersten Winkel der Erdgeschosse des Berliner Schlosses dringen. Jede Äußerung des Königs im letzten Winter kam uns von da zu Ohren.«

»Ganz gewiß«, schloß die Gräfin rasch, »wie Voltaire sagt, daß kein großer Mann es vor seinem Kammerdiener ist. Was schlägt das aus? Die Politik hat nichts mit Kammerdienern zu tun.«

»Doch, Gnädigste, ein Kammermädchen hat im Zimmer etwas zu tun, als der König mit seiner Schwester sich über eine Schilderei streitet. Es ist die Skizze eines Wandgemäldes im Brühlschen Schlosse ... Die Prinzessin Amalie behauptet, Kupido könne im Original nur im blauen Hintergrunde stehen, der König will auf grauem. Sie geraten in einige Heftigkeit, wobei die Prinzessin im Ärger das Schnupftuch auf die Erde wirft. Der König notiert sich etwas und sagt, das könne entschieden werden. Prinzeß Amalie entgegnet ihm spöttisch, das sei unmöglich, da er das Schloß habe niederbrennen lassen, etwas, woran Friedrich nicht gern erinnert ist. Er erwidert, die Mauern würden doch noch stehen, und verläßt in einer Art Ärger das Zimmer. Das wußten wir schon im Dezember, doch nur ein phantastischer Kopf, wie unseres wunderbaren Marquis konnte schon damals auf so schwachen Schattengrund eine Intrige bauen. Jetzt bin ich in Dresden und steige die drei schweren Treppen zu der Klinkauf in die Höhe, als mir der kleine Marquis die Tür öffnet und um den Hals springt: »Er kommt, er kommt!« »Wer kommt?« frage ich. »Friedrich kommt«, war die Antwort. Ich denke, hat sich der Marquis anders besonnen, und denke schon eine geschickte Retirade, als die Klinkauf mir zehn Tassen voll Kaffeegrund zeigt und versichert, von allen Plänen, die wir nur je entworfen, lächle keinem so das Glück als dem jetzigen. Und genug, sie wissen, Friedrich ist gekommen und in seiner Riesenkeckheit steht er im Begriff, sich unter Dauns Kanonen zu lagern.«

»So kommt es zu der gefurchteren Schlacht?«

»Wenn nicht diese Nacht sie unnötig macht. Der Marquis schwebt in tausend Verkleidungen im preußischen Lager, Dauns Hauptquartier und Dresden. Auch hier könnten Sie ihn gesehen haben, so gut wie mich, wenn man uns nicht für Geister passieren läßt, um alle Aufmerksamkeit zu täuschen. Die Klinkauf schlief die ganze Zeit nicht, und ihre Boten durchstreifen das Land weit und breit, aber der König bekam keine Lust zu Exkursionen. Da begibt sich Ihr Herr Vater ins Lager, schon vorgestern wird er zur Tafel geladen, und stellen Sie sich unsere Überraschung vor, die erste Frage an den Grafen ist nach dem Wandgemälde im Schlosse ... Trotz der Retraite von Olmütz, trotz der blutigen Schlacht von Zorndorf hat der König den blauen Hecht nicht vergessen und fragt Ihren Vater: ob er sich aus seinem früheren Aufenthalt bei Brühl entsinne, ob der Kupido im Putzzimmer auf grün oder blau stehe? – Was der Graf geantwortet, mögen Sie denken, es käme auf den Augenschein an, eine Besichtigung wäre tunlich, wenn die österreichischen Piketts aus dem Park verjagt würden; die Wände im Palais wären noch wohl erhalten. Der König antwortete: Er habe nicht so heißes Blut und wolle lieber abwarten, bis sie sich freiwillig aus der Linie zurückgezogen, und der Marquis war schon am Nachmittage von allem unterrichtet. Jetzt, teuerste Komtesse, sendet mich Ihr Vater …«

»Die Piketts haben sich zurückgezogen!« rief Eugenie aufspringend.

»Freiwillig!« nickte schelmisch der Bote.

»Friedrich ist auf dem Wege nach …!«

»Und wir auf dem Wege, unseres Todfeindes ledig zu werden. Eilboten sind zu Daun geflogen. Sollten sie ihn nicht erreichen, sind doch Kroaten und ungarische Husaren in der Nähe postiert. Während wir sprechen vielleicht ...«

»Gott schütze ihn!«

»Jesus, Komtesse! Was ist das?« fuhr der Kammerherr auf und schwebte zurück. Die rasche Bewegung, das Feuer in den schwarzen Augen der Gräfin brachte ihn aus Fassung und Besinnung, daß der Hofmann über ein Stuhlbein stolpernd gestürzt wäre, hätte er sich nicht rasch an der Lehne gehalten.

Die Gräfin durchschritt aufgeregt das Zimmer. »Gott, und mein Vater!« rief sie plözlich und bedeckte mit beiden Händen das Gesicht.

»Um Ihren Vater darf Komtesse nicht sorgen, ich kann mir allein es zum Verdienst anrechnen, daß wenn der Plan umschlägt, es uns nicht allein nicht stürzen, sondern noch heben soll. Sie erstaunen, aber der Graf ist auf alle Fälle gesichert. Man hat nämlich an einer schmeichelhaften Vorstellung für den preußischen König gearbeitet: wie das eroberte Sachsen seinen Erbländern einzuverleiben und die höchsten Kontributionen zu erpressen seien, ganz im Sinne des Monarchen, unter dem Vorschützen, für des Landes wahres Wohl dadurch zu sorgen. Ein Schriftstück, von eigener Hand durchkorrigiert, trägt Ihr Herr Vater bei sich. Im schlimmsten Fall der Kompromittierung beweist er sich dadurch als einen Anhänger Preußens, wie der König es nur wünschen kann, und er müßte bei einem noch schlaueren Machiavell, als gegen den er geschrieben, in die Schule gegangen sein, wenn er hinter diesem Licht ein anderes wahrnähme.«

»Vortrefflich!« sagte die Gräfin. »Haben Sie noch sonst etwas auszurichten?«

»Mein erster Auftrag vom Grafen war, Sie auf ein Ereignis vorzubereiten, das Sie überraschen könnte. Wenn ich mehr mitteilte, als ich sollte, schreiben Sie es meiner eigenen Überraschung zu, Sie unterrichteter zu finden, als ich hoffen durfte.«

»Ihr zweiter Auftrag ...«

»Lautet: Sie, meine Gnädigste, zu bewegen, die einquartierten Offiziere in seinem Namen heut' zu einem Abendessen zu invitieren. Er befiehlt die alternden Schätze seines Kellers nicht zu schonen. Man braucht irgendeinen Vorwand, eine besondere, ihm vom preußischen Monarchen wiederfahrene Gnade, günstige Berichte aus Pommern, Friedensaspekte. Sollte es im ... schen Park zu einer Attacke kommen, liegt äußerst viel daran, die hiesige Besatzung einzuschläfern. Der Wind ist uns günstig. Und hörten wir auch Schüsse, dürfen doch die Offiziere nichts davon hören. Bei der Einladung im Namen Ihres Herrn Vaters, verspricht er selbst vielleicht einzutreffen. Sie, Komtesse, entfernen sich nach der Bewillkommnung, und dem Durst der Offiziere überlassen Sie das übrige.«

»Ich spiele nicht mit!«

»Komtesse, ich begreife Sie nicht. Es hängt ungemein viel davon ab, die Schwadronen der Ziethenschen Husaren hier und das Freikorps zu beschäftigen.«

»O, ich weiß, was davon abhängt, sogar Friedrichs Leben!«

»Auch das Ihres Vaters, der Graf ist in der Suite des Königs. – Sie erblassen. – Um des Himmels willen, was tun Sie?«

Die Gräfin schellte; das Fräulein trat ein. Sie sprach einige Worte leise mit ihr. Der Kammerherr wechselte die Farbe, er schwankte, sollte er dem Fräulein nacheilen, sich der Gräfin zu Füßen stürzen, selbst zur Tür hinausspringen!

»Was taten Sie?« stammelte er.

»Ich ließ die Offiziere herbescheiden.«

»Rätselhaftes Wesen! Ich lege es zum Guten aus – aber wenn es nicht wäre, wenn . . .«

»Armer, betrogener Mann!« redete ihn die Gräfin an, nachdem sie ihm eine Weile sprachlos ins bleiche Gesicht geblickt. »Da hüpfen Sie mit Tänzerschritten und sehen nicht den Abgrund, an den man Sie lockte. Wie ein so kluger Mann so leichtsinnig handeln kann! Vom flüchtigen Wort eines Weibes, von einer Silbe, die den Lippen eines Kindes entschlüpft, hängt Ihr Wohl und Wehe ab. Und an solchen Riesenplan haben Sie sich gewagt! – Wenn es verunglückt, wenn es herauskommt – glauben Sie, daß Ihre Freunde in Warschau und Dresden einen Finger rühren werden, Sie aus den Klauen des Löwen zu reißen?«

Dem Kammerherrn war bei der halb feierlich, halb persiflierenden Anrede unwohl geworden. Er atmete wieder auf: »Gräfin! Ihre Teilnahme ist mir schmeichelhaft, aber seien Sie versichert, ich handle nicht ohne nötige Vorsicht. Sollte es zum Ärgsten kommen, trage auch ich ein Dokument bei mir, eine vollständige Angabe der Dresdener Machinationen. Auch ich könnte vor Friedrichs Gericht beweisen, daß, was ich getan, in seinem Interesse geschehen ist. Einige werden geopfert, aber weder Ihr Vater noch ich. Der Marquis wahrscheinlich, der Sonderling, wenn es vorbei ist, hat alles zu verantworten, geht doch alles von ihm aus, und, Sie werden mir zugeben, daß wenn Schmettau auf meine Aussage die Klinkauf ein paar Stunden auf die Hauptwache bringen läßt, unsere Rettung damit nicht zu teuer erkauft ist. Sie sehen, ich bin nach beiden Seiten gewaffnet.«

»Ihr Minister Brühl wird Ihnen dafür dankbar sein.«

»Komtesse! Ich rede vom äußersten, lassen Sie uns sagen, vom schlimmsten Fall. Tritt dieser ein, und Friedrichs Sonne soll über uns leuchten bleiben, dann wird der neue Monarch schwerlich den Grafen Brühl in sein Konseil rufen.«

»Friedrich wird einem so geschickten Unterhändler den Verdienstorden nicht verweigern.«

»Komtesse, Sie sind grausam!«

»Sie nannten mich eine Patriotin.«

»Bin ich es nicht auch?« Er senkte sich auf ein Knie. »Wenn der fürchterliche Feind gedemütigt ist, das gedrückte Vaterland triumphiert, wenn es dem aufrichtigsten Verehrer seiner glühendsten Patriotin einen Teil und nicht den kleinsten dieses Triumphes zuschreibt, darf der Glückliche dann hoffen ...«

»Kein Liebhaber auf den Knien soll hoffen!« rief sie zurückweichend. »Selbst vor einem Friedrich, selbst vor einer Maria Theresia, auch nicht für das Vaterland, soll der Mann knien.«

»Wie soll er vor seiner Dame erscheinen?« fragte er aufstehend.

»Den Küraß um den Leib, den Pallasch an der Seite, die Locken grau vom Pulverdampf, an der Spitze der treuen Sachsen, die unter Soubise fechten; wenn Sie so über die Bresche dringen in das wieder eroberte Dresden ...«

Der Kammerherr zwang sich zu lächeln.

»Verstecken Sie sich, schnell, schnell; ich höre Fußtritte. Wollen Sie den Gästen begegnen! Amalie wird Sie verbergen, im Heuboden oder in der Garderobe, denn beim Himmel, Ihnen wünsche ich kein Märtyrertum.«

Der Kammerherr zögerte keinen Augenblick, dem Winke zu folgen, und war fort wie der Wind, der galante Hofmann, ohne Abschied zu nehmen.

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