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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
projectidbcf691ea
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11. Mollwitz

Vierundzwanzig Trompeter schmetterten den Jubelruf des ersten großen Sieges der preußischen Waffen durch die hellen, breiten Straßen der neuen Stadt. Der Staub saß fingerdick auf den hohen Stiefeln des Kuriers, den sie nach dem Schloß einholten. Wie flog er keck im Sattel, wie glänzten die Augen über den von der Sonne hochgebräunten Backen! Ein Jubelruf schallte durch die ganze Stadt, und der Name eines dürftigen schlesischen Dorfes: Mollwitz, sollte von heut' an unsterblich werden.

Das war ein Tag, wo sich auch in einem Spießbürger das Unterste zuoberst kehren, wo er von Rechts wegen aus seiner Haut fahren durfte. Die Ausgelassenheit, je seltener sie kommt, um so seltsamer gebärdet sie sich. In Wien sieht man an jedem Tag so viel Lustigkeit wie in Berlin an jenem einen, und doch hält sich jeder bei uns verpflichtet, sich erst noch dazu zu zwingen, weil, was von selbst kam, gar nicht das nötige Maß zu erreichen schien. Einen äußerst nüchternen Mann sah ich in einem Weinladen ein Gläschen ums andere leeren, bis er auf den Knien schwach wurde. Mein Vater trällerte sich ein Lied. Er mußte seine Freude auch vor andern laut machen und lud die Verwandten zum andern Mittag ein. Es ward ein Gastgebot, wie es in unserem stillen Hause noch nicht vorgekommen war. Auch Signor Caseri war nicht als Politiker und Sprachlehrer, sondern als Koch und Kuchenbäcker gerufen. Eine Torte mit einem Vivat-Fridericus- Guß stand schon am frühen Morgen zu unser aller Bewunderung aus.

Die Herzlichkeit, die allgemeine Freude kürzte selbst die nötigen Komplimente ab, und wir saßen schon um ein Uhr um den dampfenden Suppennapf. Der hohe, schöne Glaspokal mit dem hineingeschliffenem Friedrich Wilhelm Rex und der Königskrone ging von Hand zu Hand, von Lippe zu Lippe, und füllte sich immer wieder, und die kleine Stephanie neben mir sagte, ich tränke zuviel, ich aber sagte, es geschähe alles zu Ehren König Friedrichs, und der hätte es zu verantworten.

Nur ein einziges Geschöpf nahm nicht so von Herzen Teil an der Lust. Der Herr Pate suchte zwar den Mund zu einem breiten Lächeln zu verziehen, wenn eine neue Gesundheit kam – und der Vater war darin unerschöpflich – aber der ganze Mann war nicht minder geschlagen als die Österreicher. Es war nun einmal gegen seine Natur, sich da wohl zu befinden, wo man einig war. Er sagte grinsend »ja, ja« zu allem, aber er verschluckte vielmehr, als er sagen durfte, und das bekam ihm übel. Es mußte wieder heraus auf irgendeine Weise.

»Was suchen Sie da in der Westentasche, Herr Gevatter?« fragte der Vater über den Tisch.

»Es fällt mir nur gelegentlich etwas bei. Ist aber nur eine Kleinigkeit.«

»Heraus damit, heraus!«

Der Vater war etwas enttäuscht, als drei graue Marmorkügelchen zwischen den dürren Fingern des Advokaten zum Vorschein kamen. Wie flimmerten die grauen Augen, wie traten die drei Hauer aus dem breiten Munde, als er sie mir vorhielt: »Kennen wir das wohl noch, mein junger Herr?«

Ich wurde blass und der Vater fragte: »Was soll das?«

»Nichts, Herr Gevatter, werden ja nicht einen so frohen Tag durch Erinnerungen an kindische Bosheit trüben wollen! Nichts als pure Kinderei!«

Aber das Wort Bosheit fordert eine Untersuchung. Der Konsistorialvogel duftete schon auf dem Tische, als ich aufstehen musste, indessen der Advokat die Sache vortragen sollte. Mir kam es vor, als nähme er die Art, wie mein Vater den Puter tranchierte, zum Maßstab. Er tranchierte mich auch so, Schnitt für Schnitt, bis er ans Herz kam.

»Er hat sich unterstanden, nach Ihnen zu werfen«, rief der Vater, innehaltend.

»Jugendlicher Mut! Herr Gevatter! Die Zeit schreitet vor. Unser Etienne wollte auch einmal Krieg spielen und wartete das Angreifen nicht ab, just wie unser König. Du lieber Gott, unsere Jugend soll man säuberlicher anfassen, als man uns angefaßt hat. Jugend hat keine Tugend. Andere Zeiten, andere Sitten; wir sollen uns anfassen lassen, das wollen sie. Die Kinder werden bald Präzeptoren der Eltern werden.«

Dem Vater war die Geschichte verdrießlich. Er wünschte eine günstige Wendung, er ließ deshalb noch nicht sein Minosantlitz leuchten, als er den Paten fragte: »Also die Sache ist vorbei, Herr Pate?« So gnädig hatte der Vater nie gefragt.

»Ja, der Kopf ist mir nicht eingeschmissen. Will denn hiermit das Corpus delicti in elterliche Hände abliefern, nicht verhoffend, man werde selbige Steinkugeln dem Junker noch einmal zuwenden, um sie einem reputierlichen Bürger an die Schläfe zu praktizieren. – Oder Frau Advokatin«, wandte er sich zu seiner Gattin ihm gegenüber, »hat man damit etwa nachhero auch Ihnen Scheiben eingeschmissen, als Sie nach der Polizei zu rufen sich gemüßigt sahen?«

Ach, das böse Wort: Polizei! Nun mußte alles heraus und die Advokatin, die nicht so böse war wie der Advokat, gab das Ihrige zur Geschichte zu.

Es war übergenug, mich zu verderben. Die Autorität des Hausvaters war angerufen.

»Etienne!«, hieß es. »Hinaus! In vornehmer Gesellschaft ist kein Platz für Straßenjungen.« Es war noch eine milde Strafe.

Wer dachte, dass das Schicksal eines Menschen mit dem einen Wort »Hinaus!« gesprochen war. Und es war doch eine tiefe Stille, eine Bangigkeit. Die Mutter sah unter den Tisch, selbst die Frau Advokatin murmelte etwas, das eher wie Mißbilligung mit dem Vater als mit mir klang. Die Tante Rätin wagte allein ein Wort für mich einzulegen: »Wollen Sie denn den schönen Tag nicht in Frieden ausgehen lassen?«

Doch ich war rasch aufgesprungen und nach der Tür geeilt, wobei die Absätze meiner Schuhe etwas geklappt haben mögen.

»Sehen Sie, wie der Trotzkopf Ihnen dankt?«, entgegnete der Vater; jetzt erst stieg der Zorn in ihm auf. »Aus der Tür!«

»Ei du meine Güte, Herr Gevatter«, sagte der Pate, »doch nicht vor dem Braten! Ich dächte, wir geben dem Kinde einen Teller voll mit.«

»Ein Stück Schwarzbrot«, rief der Vater. »Etienne!«

Ich blieb an der Türe stehen, machte aber nicht kehrt. Da donnerte seine Stimme: »Hergekommen!« Auf der Spitze des Bratenmessers reichte er mir über den Tisch das Stück Schwarzbrot; ich ritzte mir den Daumen, als ich zugriff. Vor einem solchen Blicke verging der Mut: »Aus dem Hause, Taugenichts! Und vor morgen komm' Er mir nicht unter die Augen. Dann sprechen wir zusammen.« Wir haben nicht mehr zusammen gesprochen! Es sind die letzten Worte, die mein Vater mir zugerufen. Sie klingen mir noch in die Ohren, noch sehe ich den harten Mann zuweilen im Traum, wie er, Zorn im Auge, mit dem Tranchiermesser dasteht, die Ärmel aufgekrämpelt, ich sehe die Mutter, wie sie, von einer überwallenden Ahnung ergriffen, aufspringt, mich an der Tür zurückhalten will, wie der Vater sie zurückruft. »Lassen Sie ihn doch; jeder geht seinem Schicksal entgegen. Es ändert das niemand.« Ich weiß nicht, was dem Vater die prophetischen Worte eingab. Ich weiß auch nicht, wie es kam, dass mir selbst so weh zumute war. Ich war wütend und ich warf doch nicht die Tür hinter mir. Ich sah noch einmal zurück – durchs Schlüsselloch. Ich sah sie mir alle nach der Reihe an, wie sie still, verstört um den Tisch saßen. Mir war, als hätte sich Gottliebs Verstoßung wiederholt. Das war dasselbe Putzzimmer, fast dieselben Personen, die nun um den Tisch, hatten auch beim Familiengericht gesessen. Durch dieselben Fenstervorhänge, dieselben kleinen Scheiben hatte das Tageslicht auf die roten Damasttapeten geschienen. Und ich war ja auch verstoßen. Ein Festtag ist dem Kinde ein Leben wert. Morgen wollte der Vater mit mir abrechnen – aber ich wusste im Voraus, er hatte nichts zugut' und ich alles.

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