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Burgfriede

Emma Vely: Burgfriede - Kapitel 3
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authorEmma Vely
titleBurgfriede
publisherHermann Hillger Verlag
editorHermann Hillger
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2.

Vor der Sägemühle erhebt sich ein kleiner Eichenbestand. Niemand darf dem Sägemüller, dem alten Johann Eifert, daran rühren; die dicken Bäume sind sein Stolz; er behauptet, im Schwabenlande gäbe es nichts gleiches.

Mit seinem Sohne, der eben aus der Fremde heimgekommen ist, geht der Alte unter den Eichen auf und ab und blickt bald auf das Laub, das eben an den Bäumen hervorgebrochen war, bald auf seinen stattlichen Peter, der ihn, – ja, es war nicht mehr zu leugnen, – um einen halben Kopf überragt.

»Bub'« sagt Johann Eifert, »Bub', volle vier Jahr sind eine arg lange Zeit, und darin kann viel passieren. Hast schon wahrgenommen: zwei Eichen tun fehlen; die dicke, die dort am End' gestanden hat, die haben wir schlagen müssen; war gar zu morsch, ging nit mehr an. Und drüben ein Bäumle, ein nachgepflanztes, hat der Blitz getroffen, – Bub', in die Seel' ist mir's gegangen. Und dein' Mutter freilich, die hast auch nimmer mehr gefunden. Ja, vier, Jahr!«

Peter schaut ernsthaft darein; sein fröhliches Lachen, das vorhin so laut durch den Wald gedrungen, ist ihm vergangen. Schwerer und schwerer hat es sich auf seine Brust gelegt, je näher er dem Vaterhause gekommen, aus dem ihm die Mutter nicht mehr entgegen tritt.

»Ja, Vaterle, vier Jahr!« spricht er trübe dem Alten nach, der ihm früher so stattlich erschienen war, daß er gemeint, mit dem könne es keiner weit und breit aufnehmen, und den er nun selber überragt.

»Oftmals in dem letzten einsamen Jahr hab' i gemeint, i könnt's halt nimmer ertragen, so allein zu sein, und hab' di kommen lassen wollen,« beginnt Eifert von neuem und legt dem Sohn die Hand auf die Schulter; »aber hingangen ist die Zeit auch schon, – und da bist!«

Peter blickt auf und ab, hügelauf und talwärts: da liegt die graue Burg und dort ist der Fluß und ringsum all die Plätze, wo er als Kind gespielt. Er hatte sich umgesehen in der Welt, aber immer voll Sehnsucht der Heimat gedacht; nun ist er zurück, – ja, nirgends war es so schön.

Als habe der alte Sägemüller seine Gedanken erraten, sagt er: »Mußt dich nun vollends heimisch machen, Bub; mußt bald umschauen und mir eine Sägemüllerin heimbringen, eine saubere, die auch Batzen hat. In solch ein Wesen und Werk gehört ein Weib, das ist gewiß. Und hätt' i nit auf dich gedacht, schau, da hätt' i selber mi noch entschließen müssen, – denn mit den Mägd' ist nur halbe Sach'.«

Peter lächelt, er weiß nicht, ob zu den Heiratsgedanken, die der Vater für ihn, oder zu denen, die er für sich selber gehabt. In die kreischende Musik der großen und kleinen Sägen hinein sagt er dann leichthin: »Ja freilich, so ein notwendiges Übel sind die Weibsleut' schon, – das kann eins überall lernen.«

»Oho,« meint der Alte, »da red'st ja närrisch. Ist wohl ausländisch? Hierzulande gilt's Sprichwort:

Es ist der beste Hausrat, Der ein fromm Weib hat.

Und i mein', dagegen läßt sich nix sagen; das ist ein' alte Wahrheit. – denkst nit?«

»Ei freilich wohl, Vaterle!« entgegnet beschwichtigend der Sohn. »Und i werd's doch auch nit vergessen, daß i ein brav's Mutterle gehabt hab,«

»I mein'! Und darum sollst auch nach einer braven Dirn ausgucken, die eine gute Söhnerin gibt,« antwortet der Sägemüller und schaut dabei an einer jungen Eiche empor.

Auch Peter blickt nach dem Eichenwald hinüber, als sei da plötzlich etwas Besonderes aufgetaucht. »Sauber muß sie sein!« sagt er.

»Brav und sauber,« bekräftigt der Sägemüller, »von innen und von außen zu leiden!«

»Sauber,« denkt Peter, und das Mädchen steht vor ihm, das er im Walde gesehen; so frisch, so schmuck! Freilich war die sauber, – aber, nein, solch eine Rechthaberische, Ungute, die möchte er nicht, gewiß nicht, und es ärgert ihn, daß er sie noch immer so gar genau vor Augen hat, mit den braunen Augen und den langen, blonden Zöpfen.

Ein wohlgefälliges Schmunzeln zieht um den Mund des Sägemüllers: »Da herum wären genug, die hier in der Mühl hausen möchten!«

»Sell glaub' i!« meint Peter, mit berechtigtem Stolz auf sein Elternhaus, »sell glaub' i gern! Und,« fügt er in dem früheren verächtlichen Tone hinzu, »die Weibsleut schauen vorerst immer aus, ob's Nestle warm ist!«

»Dein' Mutter hat mehr einbracht, als i gehabt hab. Die Mühl', das ganze Anwesen war in Schulden, und der Gant hat gedroht,« bekennt Eifert.

»O, die Mutter auch!«

Der Alte reibt sich die Augen. »Sie sollt' mi nit haben,« fährt er fort, »absolut nit. Sie hat aber nit von mir lassen wollen. Schau, unter der Eich', da hat sie mir's zugeschworen; hat keins etwas dagegen tun können, nit der Pfleger und nit die Stiefmutter; wir haben gewartet, bis sie volljährig gewesen ist. Ja, die!«

Es tritt eine Pause ein. In der Ferne ruft unermüdlich der Kuckuck. Peter lauscht darauf; der Alte legt die Hände auf den Rücken.

»Ja, 's war harte Zeit. Und nur einer hat zu mir gehalten, der Dieter da oben auf der Burg. Ist freilich damals noch nit oben gewesen; der hat uns voneinander zugetragen, was wir wissen mußten ... erinnerst dich noch an des Häsle's Päule?«

»Nit gar genau. Was ist's damit?« antwortet Peter

»Nix ist's.« Aber umsonst hat der Alte das doch nicht gesagt; bedächtig setzt er hinzu: »Die ist sauber und brav.«

»So,« gibt der Sohn gleichgültig zurück.

»Die wär' mir recht gewesen zur Söhnerin!« meint der Vater nach einer kurzen Pause wiederum.

»So?«

»Und dem Dieter Häsle wär' für sein' Einzigst sicherlich keiner lieber, als du!«

»Meinst?«

Der Müller hustet und legt eine Hand in die andere, als zähle er Geld: »Und Batzen gibt's da auch.«

Peter lacht: »Nun, Vaterle, hast aber alles vorbracht, was gut ist an der Dirn. Und nun muß sie selber einmal angeschaut werden, was?«

Da schüttelt Eifert aber den Kopf: »'s ist nit alles! Das Päule hat auch eine Mutter!«

»Sell sollt i meine!« ruft Peter lustig. »Das passiert am End' jedem!«

Aber der Sägemüller stimmt in die Heiterkeit nicht mit ein; er stößt einen Stein fort, der ihm gar nicht im Wege, und sagt: »Ein brav's Weib ist eben was arg Gut's, – und ein widerwärtig Frauenzimmer, damit kommt selbst der Teufel nit aus. Das steht fest!«

»Oho, oho!« macht der Sohn, als wollt er zu verstehen geben, daß er sich vor nichts fürchte, am wenigsten vor einem zornigen Weibe.

»Ja, ja,« nickt Eifert, »da ist dem Dieter sein Weib, die Ginele! Georgin, hört sie sich freilich lieber rufen, weil's städtisch ist, – weil's einmal Kammerjungfer oder Hausmagd bei der Herrschaft drüben gewesen ist. Nu, das möcht noch sein! Zuweilen hat sie nur die Müllerin aufbegehren gemacht, daß sie ein neues Gewand möcht, oder dergleichen. Weißt ja selber, wie sie gut miteinander gewesen sind; da ist nix in der Mühl' passiert, kein' Metzelsupp' gewesen, kein Kälble jung worden, daran die Ginele nit ihr Teil gehabt. I hab nix dawider gehabt; nur daß dein' Mutter ein Getu' gehabt hat, als gäb's nix Klügers auf der Welt, als dem Kastellan sein Weib, das hat mi zuweilen verzürnt. Sie konnt' schon neben ihr aus und saß auf ihrem Grund und Boden, und war weit herum bekannt und im guten Leumund als die Eichenmüllerin, – und die Ginele und der Dieter, die aßen doch Herrschaftbrod. Nein, i bin nie stolz gewesen und hab der Ginele ihren Stolz gönnt, – aber da war's mit dem Fest!«

Er holt tief Atem, und sein Gesicht ist finster geworden; die Tabaksdose gleitet aus einer Hand in die andere. Peter gibt nicht acht darauf; er schaut umher und freut sich des Anblicks der alten Plätze, auf denen er als Knabe gespielt, als Jüngling geträumt.

»Ja, das Missionsfest!« erzählt der Alte weiter. »Weißt, Bub', Missionäre haben sie drüben im Kirchlein eingesegnet, und weit her sind die Leut kommen; geschmückt haben sie alles, und jedes hat sich geregt, und gesammelt haben sie auch, und von der Eichenmühl da haben sie nit das Wenigst forttragen; dein' Mutter selig und i haben allzeit ein' offene Hand gehabt. Schau, Bub', dabei ist's passiert mit dem Streit!«

Peter hebt den blonden Kopf: »Gestritten haben sich die Leut?«

»Dein' Mutter selig und die hoffärtige Ginele! Und um nix Geringeres, als den gläsernen Kirchenstuhl, der für die Burgherrschaft ist. Dein' Mutter, hat gemeint, an solch einem Fest, wo sich die Leut drängen, da säß es sich arg gut dadrin, neben Ginele, die sich immer dort spreizt. Und das ist unrecht gewesen von deiner Mutter selig, daß sie nit hat zufrieden sein können mit ihrem Platz, wo sie die vielen Jahr die Predigt gehört hat, und der der Mühl eigen ist. Schau, hat's besser haben wollen vor all den Leuten und geht an der Ginele ihren Glaskasten, wo's drin gesesse'n wie ein Pfau, und meint: ›Rück auch ein wenig, i möchts so gut haben, als du! Was meinst, Bub?‹ Die Ginele dreht sich nur so herum, wie eine Schraub', und ruft überlaut mit ihrer kreischigen Stimme: ›'s ist wohl nit dein Ernst, Eichenmüllere! Daher willst sitzen, in dem Herrschaftsstuhl? Ja, das ist ein Spaß!‹

»›Ein Spaß gerad nit‹, hat dein' Mutter arglos gesagt. ›Eins sieht da besser!‹

»Die Ginele aber ist aufgesprungen und hat mit beiden Händen die Tür gehalten und geschrien: ›Von Amt und Brot käm' mein Dieter; der Platz ist nit für jedereinen! Und wenn das die Herrschaft erfahren tät! 's ist mir arg leid, Müllere, aber soviel sollst selbst wissen, daß du da nit hergehörst, wo die Burgleut sitzen.‹

»Jedereien' hat's zur Eichenmüllerin gesagt, das wüste Ding, und wenn die Gräfin selber drin gesessen hätt' in dem Stuhl, solch ein Geschrei hätt' die nimmer vollführt. Weiß, wie die Speis' vom Maurer, ist dein' Mutter worden, nix hat sie dagegen gesprochen und ist ganz still aus der Kirch gegangen. Unterwegs, da hab i sie angetroffen, weil i nachkommen bin zum Gottesdienst. ›I hab'n argen Kopfschmerz, i muß mi niederlegen;‹ hat sie gemeint. Wie denn die Geschicht vorbei war, da hab i gehört, daß die Einele die Ursach gewesen ist, warum mein Weib aus der Kirch geblieben ist, und hatt' sich doch so unbändig zuvor gefreut gehabt! Und die Einele ist an mi 'ran getreten: ›'s war mir arg leid, Müller, arg leid, aber das muß eins doch selbst wissen, mit dem Platz.‹ Nun, feine und schöne Kompliment hab' i nit gemacht, ist nit mein' Sach, wenn i verzürnt bin. Und so ist aus der Freundschaft eine Feindschaft geworden und ist's geblieben. Ist mir leid um den Dieter, und wenn i sein Päule seh', das so sauber geworden ist, da kommen einem allerhand Gedanken.«

»Ei, Vaterle,« ruft Peter, dessen Lustigkeit bei der von dem alten so ernsthaft genommenen Geschichte zurückgekehrt ist, »laßt das Einele und den Dieter und sein Päule zusammen sich spreizen in dem Glaskäfig! Ihr müßt nit just ein' Söhnerin von der Burg herunter holen wollen; 's gibt sicher talabwärts auch Mädele genug, sollt i meinen. An Frauenzimmer ist nie Mangel; das kann eins auch in der Fremd' sehen. Und denkt nur auch, Vaterle, 's gibt nit ein Hand voll, 's gibt ein ganz' Land voll, – sell ist auch ein alts Sprüchle.«

»Recht hast, Bub', recht hast freilich!« nickt der Alte. »Aber dein' Mutter hat das Päule arg mögen, gar arg, und hat's immer gelobt.«

»Drum, Vater! Und laßt's auch nur jetzt gut sein! 's wär' ja immer noch die Frag, ob i 's Mädel hätt' mögen!« sagt Peter heiter.

Den Alten steckt seine Sorglosigkeit an: »Da hast erst recht, Bub', bist ein Gescheitle; solch einer bin i nit, der die Leut zwingen tut, und das hätt' dein' Mutter selig auch nit tan; dabei kommt nix Gut's 'raus.«

Er reibt sich die Hände und sieht dem Sohne nach, der einige Schritte voran eilt, auf einen Mann zu, der den Müller zu suchen scheint. Wie der Bub' tüchtig zugriff, gleich, in der ersten Stunde! Ja, nun konnte er es gut haben, und wenn erst ein junges Weib im Hause schafft, dann muß alles recht werden. Was braucht er noch an das Päule zu denken? »'s gibt nit ein' Hand voll, 's gibt ein ganz' Land voll!« spricht er dem Sohne nach. »O, der hat's studiert; der weiß, wie's in der Welt ist.«

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