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Carl Albrecht Bernoulli: Bürgerziel - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleBürgerziel
authorCarl Albrecht Bernoulli
year1922
firstpub1922
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld
titleBürgerziel
pages275
created20140304
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Tag.

Juli 1919.

I.

»Meine Herren Schwurrichter!«

Der Staatsanwalt holte Atem. Seine linke Hand ruhte mit Fingerspitzen leicht auf dem Pultende, seine Rechte bog er hinter sich auf den Rücken, die Faust ins Kreuz gestemmt. Sein rechtes Bein war vor das linke gestellt und sein Rumpf senkrecht aufgerichtet, ja er war von den breiten zurückgestemmten Schultern etwas hinten hinübergebogen.

Draußen strahlte ein schöner Morgen. Die hohen Fenster des Gerichtssaals standen zum Teil offen. Von dem Zierbeet auf der Terrasse drang Blumengeruch herauf . . . . »Ihnen allen ist die Redensart geläufig: Das kommt in den besten Familien vor. Es gibt kaum eine Unart oder ein Laster, über das nicht durch eine solche Nachsicht der Mantel der Liebe gebreitet wird. Erst am Verbrechen pflegt die Selbstgerechtigkeit Halt zu machen – in einem traurigen Falle wie dem unsern ist auch diese Schranke 221 überschritten worden. Sogar von dem Morde kann man hier und heute sagen, er kommt in den besten Familien vor. Ich halte die Tatsache, daß der Angeschuldigte der neuesten schriftstellerischen Bewegung sein Herz zuwandte, sich von deren aufreizenden und wenig anmutenden Leitsätzen umgarnen ließ, für nebensächlich, ja für belanglos. Die Antriebe zu seiner Untat kreisten in seinem Blute.«

Der Staatsanwalt kramte eine Weile in den vor ihm liegenden Papieren, die unter seinen Händen raschelten und fuhr fort: »Ich habe auf die Erforschung der Abstammung, wie Sie gesehen haben, viel Zeit verwendet. Aber meine Mühe war, wie Sie ebenfalls gemerkt haben werden, nicht umsonst aufgewendet. Alle Vorfahren des Angeklagten waren sogenannte Ehrenmänner, keine Vorstrafe, keine üble Nachrede, nichts – satte Tugend und zahlungsfähige Moral, wie's bei Heine heißt. Indessen ließ sich im Gegensatz zu diesem Leumund in der Öffentlichkeit durch drei oder vier Geschlechter hinauf der Nachweis arger Scheinsittlichkeit erbringen. Schriftliche Belege, namentlich Briefe, zeigten uns an jedem dieser Ausbünde einen versteckten Wurmstich, den kalten Despotismus des unfehlbaren Haustyrannen, der unter dem Zepter seiner Väterlichkeit das um ihn aufsprießende Leben köpfte und ertötete. Unmenschliche Härten wechselten ab mit weichlicher Ratlosigkeit. Die Beispiele habe ich aufgezählt. Ich wiederhole sie nicht. Die Liste 222 der daraus entsprungenen Selbstmorde und unheilbaren Wahnsinns stellten diesem lebensfeindlichen Geiste die Quittung aus. Bis nun der spät erzeugte brüchig veranlagte Sohn einer fein gegliederten Mutter aus zweiter Ehe den Strich unter die lange Rechnung zog – das Ergebnis war die Kugel des Vatermörders. Die Verzweiflung zahlte dem schroffen und lieblosen Wahnwitz heim, der sich ein Jahrhundert hindurch ›Strenge Familienzucht‹ und ›Angestammter Brauch des Hauses‹ hatte schelten lassen. Die fadengerade, anmaßliche, meistens gedankenlose Befehlshaberei des jeweiligen Oberhauptes war beileibe kein Ausfluß innerer Sicherheit, vielmehr die aufgepappte Tünche eines unrühmlichen Zerfallenseins mit sich selbst.«

Die Wirkung dieser Worte war im ganzen Saale zu verspüren. Der Vertreter der Verteidigung, Fürsprech Rysold, der kürzlich seine drei Monate wegen verbotenen Nachrichtendienstes zugunsten einer kriegführenden Macht abgesessen hatte, und, in der Ausübung seines Anwaltberufes auf einige Zeit stillgelegt, diesen Fall noch zu Ende führen durfte, flüsterte dem Angeklagten auf der Bank vor ihm, über den Pultrand zu: »Wenn er so weiterfährt, bekomm ich Sie frei!« Dann sprang er vor, überreichte dem Gerichtsschreiber einen Zettel, auf den er schnell etwas gekritzelt hatte und glitzerte vor Korrektheit und Formalität.

Der Geschworene Kaufmann Dojourdhui 223 verfärbte sich auf der Stelle – seine blaßrötlichen Backenbärte begannen auf der kreideweißen Haut zu leuchten. Voll ohnmächtigen Hasses durchbohrte sein starrer Blick den Prokurator. Nur sein Unterleib rutschte unruhig auf dem Stuhle hin und her. Neben ihm saß ein Geschworener, der immer, wenn es gegen elf Uhr ging, in eine knusperige Semmel zu beißen pflegte, sodaß man es im Saale fein krächeln hörte. Auch diesmal hatte er unter dem Pulte den Proviant ausgepackt und die Papierhülle zusammengeknüllt. Aber der Hunger verging ihm ob solcher Botschaft.

Am meisten von Staunen ergriffen war freilich der Verhandlungsleiter, der sozialistische Oberrichter Deubelbeiß, dem für die Fällung des Urteils die Rechtsbelehrung der Laienrichter oblag. War denn die Staatsanwaltschaft noch bei Sinnen! Ein bürgerlicher Beamter und hieb so in die Steine! Was hatte denn das nur für eine Spitze? Ins dritte und vierte Glied hinauf dem Sündenbock nachzuspüren, wenn ja ein Staatsverbrechen schon in ein bis zwei Jahrzehnten verjährte!

Daß in der Person des Angeklagten das gesamte Bürgertum sozusagen schuldig sei – darin erblickte Präsident Deubelbeiß eine Spitzfindigkeit, deren Zweck er an diesem Ort nicht einsah. Handelte es sich denn um eine Wahlhetze, um einen parteipolitischen Umtrieb vor einer Abstimmung? Es war noch nicht überstanden, wie es schien? 224 Deubelbeiß spielte nervös mit seinem Bleistift und zeichnete eine Reihe Häuschen auf das Blatt Papier, das vor ihm lag. Der Vertreter der Anklage hatte begonnen, sich dem Angeklagten persönlich zuzuwenden. –

»Angeklagter,« Ysenschmieds Stimme erklang feierlich, »Strafjustiz ist die Notwehr der Gesellschaft vor dem verbrecherischen Übergriff des Einzelnen. Der Kerker, der Sie aufnimmt, darf sich Ihnen nicht wieder öffnen. An Ihrer nichtswürdigen Untat muß das äußerste Exempel statuiert werden: lebenslängliches Zuchthaus. Ich spreche diesen Antrag aus nicht nur mit Mitleid, sondern sogar mit Hoffnung. Gegen das Schicksal besitzt der Mensch eine einzige, aber unfehlbare Abwehr. Er kann es entwaffnen, indem er es liebt.«

Zusammengekauert, teilnahmslos, stumpf saß der Verbrecher da. Jetzt hob sich der vornübergeneigte Kopf und drehte sich in der Richtung, aus der das Wort an ihn erging. Der Jüngling hatte ein gedrungenes Gesichtsoval und eine gebräunte, sonnenverbrannte Haut, die nach der langen Untersuchungshaft an ihm auffiel. Er riß die Lider mit einem Ruck auf, und Ysenschmied mußte nun in eine schwarze abgründige Augenglut hineinsprechen, die ihm unaufhaltsam entgegenwogte. »Sie sind begabt, Angeklagter – begabt mit einer ungewöhnlichen Fähigkeit des sprachlichen Ausdrucks.« Über dieser Anrede erweiterte sich die rundliche Scheibe 225 des verdunkelten Antlitzes, der Kreis der Wange begann, so sah es aus, anzuschwellen, als ob die übermächtige Erregung sie von innen her aufbliese. Das Paar Augen wollte die Stirnhöhe heben, so mächtig rundete es sich gegen den Sprechenden hin – »Sie haben, als Sie abdrückten, nicht auf ihren Vater gezielt, sondern auf sich selbst. Ich muß hier einschalten, daß der Herr psychiatrische Sachverständige jede Unzurechnungsfähigkeit bestreitet, ja sogar die verminderte Unzurechnungsfähigkeit ablehnt. Und da halte ich es denn für möglich, mit der formgebenden Begabung, die Ihnen eigen ist, könnten Sie vielleicht so etwas wie eine Erlösung finden durch den Ausdruck dessen, was Sie vor uns andern allen – ich will einmal sagen – voraushaben. Sie sind tiefer gesunken als wir – vielleicht sind Sie auch tiefer gestiegen als wir – und es liegt in der Pflicht, wie in der Befugnis meines Amtes, Ihnen für diesen Fall zu sagen – daß dann die staatlich geordnete Gesellschaft für unvernichtete Menschlichkeit auch dem Verbrecher, gerade dem Verbrecher Verständnis entgegenbringt. An dieses Verständnis kann dann die Gnade anknüpfen, mit der ich mich als Vertreter des Rechts nicht zu befassen habe.«

Der also Angeredete war seiner nicht länger mächtig. Der mittelgroße Mensch wuchs von der Bank empor, auf deren Lehne er sich stützte, dann griff er frei aufgerichtet, mit erhobenen Händen hoch über sich hinauf, tat ein paar Schritte gegen 226 die Mitte, hielt ein, öffnete mit bebendem Kiefer die Lippen: »Herr Prokurator! Herr Prokurator!« schrie er auf und plumpste in sich selber wie ein schwerer Sack zusammen. Der Polizist neben ihm und Rysold, sein Rechtsbeistand, lasen ihn vom Boden auf. Auch der irrenärztliche Sachverständige, Professor Unger, verließ seinen Sitz zu äußerst am Podium und trat über zwei Stufen vor die Anklagebank.

Der Gefallene war auf die Knie gebracht. Der Nervenarzt legte ihm den Kopf zurück und machte sich an seinen Augen zu schaffen. Mit einer beruhigenden Gebärde gab er ihn frei. Das Erschütternde dieses Auftritts lag darin, daß niemand wußte, was der Unselige eigentlich mit seinem Vorgehen geplant hatte. Wollte er danken, in Arme fallen, von denen er meinte, ein Retter öffne sie ihm? Oder wollte er einer unbefugten Einmischung Einhalt gebieten, so als sei er aufs tiefste entrüstet über die Auslegung seines Seelenzustandes, dessen stolzer Besitz, sein letzter, ihm nun auch noch durch den amtlichen Sittenrichter geregelt werden sollte?

Im überfüllten Zuhörerraum brachen jugendliche Stimmen in lauten Lärm aus. Deubelbeiß als Vorsitzender ließ den üblichen strafenden Aufblick nach dem Hintergrunde los und drohte, sofort die Tribüne räumen zu lassen. Die eintretende Stille benützte der Staatsanwalt, um auch seinerseits in die vorschriftsmäßige Amtshaltung 227 zurückzukehren. Dabei wandte er sich von dem wieder auf die Bank gehobenen Angeklagten ab und der erhöhten Schrankenburg der richterlichen Pulte zu.

 

Wenige Minuten später, da der Gerichtshof sich vertagte und die Sitzung aufhob, suchte Ysenschmied schnurstracks sein Amtszimmer auf. Die Stube lag kühl in der Helligkeit des schönen Sommermorgens.

Hatte er sich etwas vorzuwerfen? Ja doch – gesagt werden mußte das schon – aber unsinnig war es, daß es von dem gerichtlichen Katheder aus geschah. Wohl hatte er unter Notwendigkeit gehandelt – aber mit diesem innersten Gewissensdrang stand sein Amt nicht länger im Einklang. Der Rücktritt von seiner Stelle war beschlossene Sache. Er mußte sehen, wie er seine Ansichten anders fruchtbar machte als im Gewand der staatlichen Gesetzesauslegung. Am besten, man verlor keine Minute darüber! Er setzte sich, nahm einen Bogen, schrieb zwischen Anrede und Schluß nicht mehr als fünf bis sechs Sätze hin und griff zu der Büchse mit Streusand, dem Werkzeug der Väter, nasse Tinte zu trocknen. An diesem Brauch hielt er für seine Person fest. – Äschlimann war gedrillt und sorgte für reinen Goldsand. Als die winzigen Flocken auf dem Papier raschelten, klopfte es an die Türe.

Der Vorsitzende der Verhandlungen trat ein. Beschleunigten Schrittes mit ausgestrecktem Arm 228 kam Deubelbeiß auf ihn zu und schüttelte ihm derb die Hand. Ysenschmied, in seinem Stuhle, besann sich einen Augenblick, dann griff er nach dem eben beschriebenen Blatte und reichte es dem Oberrichter hin: »Hier! Lesen Sie, wie ich von meiner heutigen Leistung denke. Ja – gewiß – mein Rücktritt – unwiderruflich!« Sobald er überhaupt den Sachverhalt begriffen hatte, suchte Deubelbeiß den Beweggrund in äußern Umständen, aber Ysenschmied versicherte ihn, die Unvereinbarkeit liege ganz wo anders als darin, daß er nun in den Nationalrat gewählt sei.

Während sie sprachen, meldete Äschlimann den gerichtlichen Sachverständigen. Der Professor glitt über das Parkett weg gegen den Schreibtisch: »Aber glänzend, glänzend, lieber Herr Staatsanwalt! Ich schäme mich meiner Schwachheit! Als ich vorhin dem armen Teufel die Augen untersuchte, meinen Sie, ich habe ihm da in die Seele schauen wollen, gleich Ihnen! Bewahre! Mich interessierte die kleine Erweiterung der Pupille, die sich bei ihm sehr schön beobachten ließ. Ach gehen Sie mir weg – alles darüber hinaus ist ja Schwindel! Ich bewundere Sie! Kann man sich noch so an den Laden legen! Wozu? Wozu? Wenn ja doch mit der Seele alles auf Schwindel beruht?« 229

 

II.

Ysenschmied benützte den Rest des Vormittags zu einem Spaziergang, der ihm seine Gedanken auslüften sollte. Als er ins Wäldchen einlenkte, sprang ihm hinter einem Gebüsch hervor sein Neffe Kläuschen Manuel entgegen.

Der Dreikäsehoch triumphierte, es war ihm gelungen, den Onkel richtig zu erschrecken – er war zusammengefahren und hatte den Fuß wieder zurückgesetzt! »Papa hat einen Bären geschossen,« jauchzte er, – »und denk nur, vorher hat der Bär die Bärin noch umarmt und Adiö zu ihr gesagt –.« Aus der Wegbiegung trat der Schwager Manuel mit Stiefeln und Weidmannsjoppe, die Doppelbüchse quer über dem Rücken, die langschirmige Igelmütze über dem knappen, eckigen Stutzbarte. Als dem Jagdkönig der Stadt war ihm auch diesmal die Ehre zugefallen, einen überzähligen Bewohner des Bärenzwingers abzuschießen.

Hübsch, von ungefähr auf die Seinigen zu stoßen! Anmutiges Bild, die nächsten Angehörigen im Grünen. Die Familie fügte sich dem Gelände ein. »Nun, dann könnt Ihr's ja gleich wissen.« Er erzählte den Geschwistern den Entschluß seiner Amtsniederlegung.

»Eh – du bist nicht!« rief Frau Anna aus und betonte ihre Mißbilligung noch um eine 230 Schwebung stärker, als sie sie empfand. Anfangs der Vierzig trat man nicht in den Ruhestand – und ein Ysenschmied erst recht nicht.

Der Legationsrat hatte in letzter Zeit öfter bei seinem Schwager als Beichtvater herhalten müssen. Er äußerte sein Verständnis, daß nun »der Schuß draußen« sei. An Gelegenheit zu einer erwünschteren Beschäftigung litt ein alter Staatsanwalt von seiner Auszeichnung keinen Mangel – er brauchte es bloß zu sagen, und Bank oder Bundeshaus nahm ihn mit offenen Armen auf. Oder er tat eine Rechtsbude auf und konnte jetzt, wo Rysold schließen mußte, auf alle großen und einträglichen Fälle rechnen.

Kläuschen stolzierte gravitätisch an der Hand des Paten einher. Sein klingendes Stimmchen machte sich mit dem erlegten Bären zu schaffen. Der Zuckermutz der Lebkuchen geriet in Widerstreit mit dem Zwingerbären zu oberst auf dem Tannenstumpf, und der Onkel beantwortete die zahlreichen Fragen gründlich, indem seine Geduld die Ungeduld des Kindes noch übertraf. Aber mit halbem Ohr und Augenwinkel fing er noch nebenbei Andeutungen und Blickwechsel der Ehegatten auf. Er hätte taub und blind sein müssen, merkte er nicht, daß er halbwegs aus der geschwisterlichen Gnade fiel. Offenbar berieten sie, wie es anzustellen sei, sich nachher nicht mit ihm in der Stadt zu zeigen. So nahm er von ihnen Abschied.

Eine große Empfindlichkeit bemächtigte sich 231 seiner. Die Familie zog sich von ihm zurück. Das bißchen angeborene Verbindung, das er kraft seines Blutes noch zu der Volksgemeinschaft besaß, schwand dahin?

Die helle Waldstraße war ihm von Jugend her vertraut. Er schritt sie versonnen fürbaß. Diese Biegung mit den Bäumen, hunderte Male schon von ihm begangen, erschien ihm neu. Es dämpfte und verschleierte sie etwas, das von seinem Innern aus in die Landschaft eindrang. Die Halde da mit den drei kennzeichnenden Kiefern, unter denen schon zur Studentenzeit die Gelage um ein Fäßchen Bier herum stattgefunden hatten – er bestaunte sie wie eine noch nie gesehene Aussicht. Und im weiteren Verlaufe fuhr die Straße fort, ihm durchaus neu und unbegangen vorzukommen.

Da kam quer aus dem Walde ein Kavallerieoffizier geritten. Er hielt mitten auf der Straße und schwang sich aus dem Sattel. Erst als er abgestiegen war, wandte er sich um und erkannte Ysenschmied, der ihn grüßte.

»Ah – Herr von Roll – Herr Major!«

Das Rauschen der Bäume mischte sich mit dem Rauschen fließenden Wassers. Wie nur irgend in einem Walde und irgend an einem Flusse, der nicht mehr Aare hieß und mit Bern nichts weiter zu tun hatte, dachte Ysenschmied.

Im Gehölz unten, am Ufer, veranstaltete der Arbeiterbund zu Ehren ausländischer 232 Gesinnungsgenossen einen Festmorgen. Ein kleiner Teilausstand in einem Nebengewerbe erweiterte die Werktagskundgebung der Unzufriedenen. So viel wußte von Roll.

Er warf seinem Pferde die Zügel über den Hals weg und führte es hinter sich her einen abschüssigen Pfad hinunter. Ysenschmied folgte ihm. Sie mußten mitten durch das feiernde Proletariat hindurch, an die zweihundert Schritte weit.

Von mehreren Stimmen wurden nacheinander ihre Namen geflüstert in der breiten, heimischen Mundart. Geschwärzte Gesellen säumten ihren Weg, rauchten und spuckten. Machten Bemerkungen und räusperten sich. Ausständige Schwerarbeiter.

»Ein Roß! Eine Schindmähre! Siehst du die Pistolen in der Satteltasche? Er fordert uns heraus – wir wollen nichts vom Militär wissen.«

Die Halde hinauf lagerten Gruppen. Auf dem Vorplatz des Wirtshauses schwirrte es von Gästen. Viele saßen an Tischen und füllten sie völlig. Ysenschmied erkannte und grüßte Meisterhans und Frau – auch Ursprung, auch Elisabeth Walthard. Diese trug nun ihr helles Haar hinten hinunter in einem Beutel. Ihr Blick traf ihn höhnisch, trotzig. Und plötzlich sprang sie auf.

Ihr gegenüber saß einer der fremden Arbeiterführer. Auf ihn wies sie hin. Ysenschmied hielt inne. Der Mann war nach Abbildungen in Blättern nicht zu verkennen.

233 »Der hats in Bayern gemacht,« rief sie theatralisch, »Heißt Stark – war stark – hat dem König den ungeladenen Revolver vor die Brust gehalten, bis er abdankte! Sitzt nun da bei uns und rührt mit seinem Kaffeelöffel im Fußglas.«

Ysenschmied beschleunigte seinen verlangsamten Schritt wieder und musterte die Gasse Leute, die er durcheilte. Mit seinen scharfen Augen entdeckte er abseits Tische, an denen Kinder dampfende Suppe aßen, dabei erst die Gebrüder Walthard, die überall zum Rechten sahen, und dann jenen Ingenieur Müller, der damals – nun ja, darüber sprach man doch nicht mehr. Der seines Knaben beraubte Vater schaute andern Knaben zu, die mit ihren Löffeln hantierten und sich der kräftigen Nahrung freuten. Zwischenhinein erhob sich sein Blick und irrte im grünen Zelt der Bäume.

Der Schatten der Platanen reichte nicht weit vor. Vor dem Fluß leuchtete goldgelb ein Ährenfeld. Mohn glühte darin – große, dicke Blutstropfen in Gold. Dieses Kornfeld wurde, als wäre es ein Garten, durch eine herbe Hecke aus Stangen abgegrenzt, an denen noch die Rinde saß.

Die Mittagssonne glänzte auf dem Kreuz des Pferderückens. Das Tier streckte seinen Hals. Rücken und Hals bildeten eine lange, gerade Linie. Vorne öffnete es suchend die Lippen über dem gelben Bein seiner Zähne.

Und die kleinen Stauteiche, die abgeleitetes 234 Flußwasser aufbewahrten, glitzerten weiß. Helle Enten ruderten darauf herum. Der Major von Roll stieg auf. Weg ritt er im Schritt. Als man ihn nicht mehr sah, hörte man ihn traben.

 

Bei der nächsten Haltestelle erwartete Ysenschmied den Tramwagen und fuhr mitten ins Herz der Stadt. Das erste bekannte Gesicht, das ihm entgegenlachte, war eine Enttäuschung. Nach Rysold, den er ja heute morgen reichlich genossen hatte, trug er nun wirklich kein Verlangen.

Der Fürsprech war ohne Hut unter das Glasportal eines modernen Geschäftshauses getreten und kam ihm, als Ysenschmied nicht Miene machte einzulenken, auf halbem Wege baren Hauptes quer über den Fußsteig entgegen.

»So komm doch, – drinnen ist einer, der sich vor dir moralisch zu rechtfertigen wünscht!« Und schon tauchte eine halbwegs bekannte Figur aus dem Ladeninnern auf: Severinovits in die überelegante Toilette eines hochnoblen Weltmannes gehüllt – der ausgespuckte höhere Schieber.

Was sollte das? Ysenschmied wendete sich unwirsch zur Seite, um seinen Weg fortzusetzen, aber der Fürsprech hielt ihn am Ärmel zurück: »So hör doch, – stürme doch nicht gleich weiter!«

Severinovits ließ sich gnädig auf die Stufe des Ladeneingangs hinaus: »Ich kehre eurem windigen Freiheitsstäätchen den Rücken. Der Warenzug 235 nach Jugoslawien ist mein Werk. Schweizersoldaten, bis an die Zähne bewaffnet, werden die Bedeckung bilden und zu meiner persönlichen Verfügung sein. Ich reise im Salonwagen.« Ysenschmied trat zurück und gewahrte auf dem weißgrauen Leinenzeltdach, das sich vor der breiten Ladenauslage nach der Straße senkte, die schwarzen Riesenlettern: »Dojourdhui u. Co., Lebensmittel, Südfrüchte Weine, Delikatessen.« Hinter der mächtigen Fläche der Kristallscheibe starrte das wütend verzogene, nicht zu mißkennende Antlitz des Geschäftsinhabers gleichen Namens hervor.

Das hatte Rysold eingefädelt!»Schäme dich. Rysold! Von rechts wegen solltest du Bundesrat sein und unserem Lande vorstehen als einer seiner besten Köpfe und Herzen – statt dessen verpuffst du dich als Lumpengenie an jede nichtswürdige Sache.«

Den Serben packte ein toller Nerventik und wirbelte ihm den Kopf im Kreise. »Auf Wiedersehn, Herr Staatsanwalt – recht schön auf Nimmerwiedersehn!« Daraufhin stiefelte dieser steif und knappschrittig in einem schweren Ärger, den man ihm von hinten ansah, die Spitalgasse hinunter.

Also, das mußte er sich bieten lassen! Der Abenteurer und der Leichtfuß verhöhnten ihn auf offener Straße. Dem Serben war offenbar der Triumph seines Landes in die Krone gestiegen. Einst tief im Staube – jetzt ein großer und starker 236 Staat! Untergegangen und auferstanden! Vogel Phönix aus der Asche sich verjüngend! Der Nationalrat Ysenschmied verspürte alsbald, daß ein solches Schicksal Gerechtigkeit und Bewunderung erheische. War es nicht kleinlich, sich am Übermut zu stoßen, der diesen trotzigen und wilden Burschen befiel? Eine andere Frage war es, ob er mit ihm tauschen möchte! Er lachte trocken auf bei diesem Gedanken. Und breit setzte sich der Stolz auf seine Stadt in seinem Sinn fest. »Bärn! Bärn! Bärn!« klopften seine Schuhsohlen bestätigend auf das Steinpflaster auf.

 

Vor dem Käfigturm sah er Herren stehen, unter denen er gleich seine treuesten Wahlmänner erkannte. Topograph Benteli dröhnte: »Da ist er ja!« Es war kein Freudenruf – in drohender Haltung eilte er auf ihn zu und der ganze stattliche Schwarm von Bürgern hinterher. »Ist es wahr, daß Ihr für die Aufhebung des Artikels 51 der Bundesverfassung zu haben seid? Mit der Jesuitenfrage steht und fällt die Eidgenossenschaft. Ihr seid uns Aufklärung schuldig!« Der Nationalrat schüttelte kurz und bündig sein Haupt: »Herr Benteli und ihr allesamt – wer wissen will, wie ich denke – dem steht die Tribüne unentgeltlich offen, in der Abendsitzung. Guten Appetit!« Damit griff er nach seinem Hutrand und bedeutete ihnen mit der Stockspitze, ihm einen Durchpaß zu schaffen durch ihren Knäuel.

237 Vor dem Zeitglockenturm sah er seinen Schwager Manuel stehen, wie er ihn im Wald getroffen hatte, den Waidmann mit Flinte und Igelmütze. Um ihn und Travolet herum stand gemessen eine Anzahl Herren, denen Manuel mit sprechenden Handbewegungen etwas angelegentlich auseinandersetzte. Sie sahen ihn herankommen.

Tatsächlich sagte der Legationsrat zu seiner Umgebung in diesem Augenblick: »Ich versichere Euch, es kann Euch nicht peinlicher sein, als es mir als Schwager ist –« – Ysenschmied sah seine eindringliche Gebärde, erkannte auch die einzelnen Glieder des Ringes, diese Versammlung von hellen Stroh und weichen Filzhüten – alles seine guten Freunde und Duzbrüder aus dem weißmützigen Studentenvereine, lauter Leute, die er wie seine Tasche kannte, die ihm auch bei seiner Wahl wirksamste Gefolgschaft gehalten hatten – dem Stande nach vornehmer als er freilich, wie ja sein Schwager auch – aber Freunde, wirkliche Freunde – ah, mit denen da ließ sich ein menschlicher Gruß tauschen, ein Blick, ein Lachen, das bis auf die Seele hinunter reichte!

Beschleunigten Schrittes steuerte er auf sie zu. Sie regten sich nicht!

»Bon jour!«, begann der lange Travolet, sein ehemaliger Leibbursche und Fuchsmajor, zurzeit Rektor der Universität, »es ist kein angenehmer Auftrag – aber die da sagen mir, ich solle dir klaren 238 Wein einschenken. Wir finden alle dein öffentliches Verhalten höchst bedauerlich – du mußt endlich wissen, wie sehr du uns enttäuschest. Wenn ich dir heute abermals die Biertaufe erteilen müßte, wie vor bald fünfzig Semestern, würde ich dich wahrlich nicht mehr ›Cato‹ nennen – sondern ›Sturm‹ – ja wohl, mein Lieber! Unglaublich, was du alles anstellst! Heute früh hast du dir vor dem Schwurgericht die beispiellose Taktlosigkeit geleistet, die Vergangenheit einer ehrbaren Burgerfamilie zu durchschnüffeln und hast – mehr als das – mit einem ans Verbrecherische grenzenden Leichtsinn einen Zusammenhang zu erpressen versucht zwischen der Untat eines verkommenen Individiums und seinen schwer betroffenen Angehörigen.«

Ysenschmied, körperlich klein gegen seinen langen Ankläger, öffnete sprachlos den Mund. Und ihn erwischte jetzt ein überwältigendes Gefühl, in dem sein Bewußtsein auf eine Weile traumhaft ertrank – ein fassungsloses, unaussprechliches Vergnügen, das ihn erfüllte und alle seine Begriffe überstieg. Er kam zu sich an seiner eigenen lautgewordenen Heiterkeit! Ein urweltliches, homerisches Lachen! So wie es einst auf der Kneipe erscholl aus Anlaß einer überwältigenden Blamage oder Zote. Dieses Lachen trieb ihn mechanisch den Nachhauseweg entlang – er erkannte nichts – wußte von nichts, und sah endlich, daß er sich auf dem Waisenhausplatze befand. Erst hatte es nur im Zwerchfell rumort, 239 kichernd, schütternd. Nun schüttelte es ihn wach. Er mußte stehen bleiben.

So fand ihn Zeerleder. Er trat ihm unter die Augen. »Ja, in aller Welt – sag mir – was hast du?« Ysenschmied erholte sich von dem Lachsolo und nahm seinen Schritt mit ihm auf; »Edgar, ich will dir sagen, was ich habe – ich habe Hunger. Mir ist noch nie so öde und blöde zu Mute gewesen in der Magengegend. Den armen verlorenen Sohn gelüstet es seinen Bauch mit Träbern zu füllen.« Und er erzählte ihm, während sie die Staffeln des Bahnüberganges nach der Großen Schanze emporstiegen, die verwunderlichen Schicksale seiner letzten Stunden.

»Siehst du!« rief Zeerleder erleichtert, »stimmt es nun wieder einmal – mein altes Rezept von den Variabeln und der Konstanten? Meine Konstante heißt Gonda. Sie kommt heute gleich nach dem Essen zu mir. Glotz mich nur nicht so an, Herr Vormund! Ihro Weisheit hat eben ein kurzes Gesicht in Liebesangelegenheiten. Wir sind längst ein Herz und eine Seele!«

 

III.

Nach dem Essen trieb es ihn, mit einem ihm besonders lieben Goethebande sich in den Ledersessel zu werfen. Als er sich daran zu erbauen 240 anfing, stieß vom Flur her Zeerleder die Türe auf, und auf der Schwelle, dicht vor ihm, stand im schwarzen Priesterkleide der Jesuitenpater Sebastian Stuckishaus-Luternau.

Seit Bernhard Ysenschmied lebte, war seiner Seele Gleiches nicht widerfahren. Er sah mit einem Schlage klar und schrieb, ehe er sprechen konnte, mit dem ausgestreckten Zeigefinger seiner Rechten zwei Buchstaben in die Luft – der erste ein römisches S, der zweite ein römisches Jod. Dazu fand er wenige Worte: »Aber natürlich – Societatis Jesu – das ließ sich eigentlich an den Fingern abzählen!« Dieses und das Folgende sagte er, ohne sich aus seinem Ledersessel zu erheben, in dem er tief versunken lag.

Wohl stieß ihn eine elementare Kraft vorwärts, um aufzufahren und dem Eindringling die Türe zu weisen! Ein militanter Jesuit in seinem Zimmer! War er denn nicht, trotz genommenem Abschied bis auf weiteres noch öffentlicher Ankläger! Die Berufspflicht trieb zur Maßregel der Amtsperson. Nötigte sie ihn nicht geradezu, zur Verhaftung zu schreiten? So rief er denn zunächst:

»Prinzipiell, Wilhelm, weißt du, prinzipiell – das wirst du doch begreifen!« Er verstummte mitten im Satze.

Und das Andere, was ihn ebenso stark zurückriß, also, daß er sitzen blieb und mit scheinbarer Fassung im ungestörten Gleichgewichte schwebte, war 241 der ehrlich bewundernde Anteil am Schicksal des Jugendfreundes. Mochten die Beweggründe Verzweiflung, ja Wahnsinn heißen, in dem gewaltsamen Schritte selbst lag Größe – und Ysenschmied fühlte sich unfähig, der in ihm aufsteigenden Hochachtung zu steuern. Zwanzig Jahre der Vorbereitung, um sich selbst loszuwerden, doch nicht etwa um sich im freigewählten Tode wegzuwerfen, vielmehr um mit ausgebildeten Fähigkeiten und gesteigerten Kräften weiter zu leben im geistigen Gehorsam, als ein Stück Holz und ein Leichnam – das macht eben doch die Entpersönlichung zu einer Art stilisiertem Kunstwerk. Und dann war der Prokurator überdies gebildet genug, um den gewaltigen Hintergrund nicht zu würdigen, über dem dieser Einzelvorgang sich vollzog! Die neue Ausgabe des Corpus Juris Canonici tauchte auf dem Büchergestell neben der schwarzen Gestalt des Priesters ins Gesichtsfeld – teure schwere Halbfranzbände mit vergoldetem Titel! Zugleich traten weitere Worte ihm über die Lippen:

»Aber menschlich, Wilhelm, verstehst du – menschlich – das steht dann wieder auf einem andern Blatte!« Und auch diese Äußerung entschwebte unvollendet in der Luft, ohne eine Fortsetzung zu finden.

Aber etwas mußte doch nun geschehen! Er mußte seinen Besuch ordentlich begrüßen! Da spürte er das Buch in seiner linken Hand, und wurde sich 242 bewußt, daß es ein Band Goethe war – und die gelesenen Seiten waren noch um den einen Finger geklappt! War es Zufall, daß er über der Lektüre eines der Logengedichte überrascht worden war – unterbrochen durch eben diesen Besuch? Wie lauteten die herrlichen Verse?

»Einen Augenblick,« rief daher Bernhard auch jetzt ohne sich zu erheben, »Wilhelm – wir sprechen dann über alles! Es ist zwar von einem Freimaurer – aber von einem feinen – höre!« Er las laut vor.

Als er aber vom Buche aufsah, bemerkte er, daß sein Besucher zwar noch unbeweglich vor ihm stand, aber nicht zuhörte, sondern mit höchstem Eifer sein rotbeschnittenes, schwarzledernes Brevier las. Dabei wandte er sich halb von ihm ab. An dem wohlbekannten, beinahe versteinerten Knabenprofil bewegten sich einzig und allein die Lippen, in aller Stille lispelten sie mit einer Geschwindigkeit, wie man es nicht für möglich halten sollte und die auf eine unaufhörliche tägliche Übung zurückzuführen war. Nun warf Bernhard den Goethe von sich und sprang auf: »Ach so, du zerstreust dich anderweitig – ich habe nicht die Absicht, dich zu langweilen. Ich dachte nur, weil das doch etwas so Schönes ist. Es ist gut – ich bin fertig. Aber so nimm doch Platz. Hier wäre noch Kaffee. Ich kann eine reine Tasse kommen lassen. Ich sehe, du willst keinen. Wie geht es dir?«

243 Der Jesuit saß, in dieser Tracht eine überschlanke Gestalt, fast ohne Schwergewicht auf der Ecke eines Stuhls mit Strohgeflecht. Er sah sich im Zimmer weiter nicht um und musterte nur immer seinen ehemaligen Freund mit großer Ruhe, wobei er sprach: »Ich bin zu dir beordert, weil doch in euerm Rate heute Sturm gelaufen wird gegen das fluchwürdige Verbot, das uns von den Grenzen des Landes fernhält. Du wurdest als geeignet ausersehen, um aufklärend zu wirken – in Kreisen, deren Ohr wir nicht besitzen.«

»Ich verstehe!« ermunterte Bernhard, »in partibus infidelium – fahre nur weiter.«

Der Pater dankte mit leichtem Kopfneigen. »Dein Gerechtigkeitsgefühl muß dir die Augen öffnen für die krasse Sinnwidrigkeit, die darin besteht, daß Gegner der Landesverteidigung und damit Gegner der vaterländischen Gesinnung überhaupt in den Räten und Regierungen unbehindert mitwirken. Soll denn unserer Gesellschaft die Ausübung des geistlichen Amtes untersagt bleiben, weil wir als unser Höchstes nicht den schweizerischen Bundesrat anerkennen? Der Kommunist, der Anarchist hat Wortfreiheit. Uns Vätern Jesu wird sie vorenthalten.«

Ysenschmied begleitete diese Erklärung mit einer Gebärde der Zustimmung, erhob aber alsbald verwahrend die flache Hand: »Gewiß, Wilhelm. Es kommt indessen etwas hinzu, das dreht 244 den Zeiger wieder nach der andern Seite. Ausschlaggebend ist der erklärte, ausgesprochen kriegerische Charakter eurer Vereinigung. Euer letztes und höchstes Ziel ist doch die schonungslose, unerbittliche Bekämpfung des Protestantismus – also einer Religion, die durch die Bundesverfassung geschützt wird. Würde eine Vereinigung protestantischer Herkunft bestehen, deren Aufgabe es wäre, den Katholizismus auf Schweizer Boden auszurotten, so müßte diese zweifellos ebenso verboten werden. Das hohe Ideal der Glaubensduldung und Gewissensfreiheit verträgt sich nicht mit irgend einer Beeinträchtigung in Dingen des Bekenntnisses, welches immer es betreffen mag. Siehst du das ein?«

»Ich sehe ein,« erwiderte der Pater mit einer geringschätzigen Senkung des einen Mundwinkels, »daß du nicht übel zum Staatsmann taugst. Du bist also gegen uns?«

»Ja, ihr seid staatszersetzend,« bekannte Ysenschmied und bot dem Pater die Augen offen dar, – »so lange unser öffentliches Leben staatlicher Grundlagen nicht entbehren kann, werde ich kaum dafür einstehen, daß der Artikel fällt. Darf ich noch etwas beifügen?«

»Bitte –« versetzte der Pater im Sitzen. Aber wie sagte er es? Er erweiterte das Gewölbe seiner Augenbrauen und erhob die Handflächen, ließ sie aber nicht erhoben, sondern veränderte sie zu streichenden, glättenden Bewegungen, als wollte er 245 einen Zauber bannen. Etwas Dämonisches war nun im Spiele.

»Warte, ich will dir, du möchtest mich einschläfern,« fuhr es Ysenschmied durchs Gehirn. Er fühlte: Nun galt es! und reckte sich, und sprach so biderb wie möglich: »Ich weiß nicht, erinnerst du dich noch – mein Vater kannte doch den alten Landammann Munzinger von Solothurn, und aus dessen eigenem Munde habe ich es. Wenn irgend ein Streit auszubrechen drohte, ging der Bischof Fiala selber schnell aufs Rathaus hinüber und fragte: ›So, Oskar – wie ist jetzt das – was machen wir da?‹ Notabene – mitten im lodernden Kulturkampf – stelle dir das vor! Das waren eben Menschen, der Landammann, wie der Bischof!«

»Zu Anekdoten wollen wir lieber unsere Zuflucht nicht nehmen,« meinte der Geistliche enttäuscht und erhob sich. »Was heißt Mensch – was heißt Unmensch. Ich kenne nur Sünder und Erlöste. Euer Staat ist die Hölle. Lebe wohl!«

»Eh, nein –« rief Bernhard gemütlich und winkte in seinem Sitz zurückgelehnt lebhaft ab, »bleibe doch noch fünf Minuten!«

Er langte nach einem zerlesenen, abgegriffenen Buche in grünem Bibliothekseinband – es trug ein Schildchen mit einem Buchstaben und einer Nummer auf dem Rücken und lag neben ihm auf dem Tischchen: »Sieh,« sagte er, »das hab' ich bereit gelegt – mir ahnte, du werdest kommen. 246 Ein verschollener Schweizer, in Berlin ein Freund Gottfried Kellers – hat es über euren Orden geschrieben.« – Hier war es nicht zu vermeiden, daß der Regungslose zusammenzuckte – aber schon glitt es vorüber – die schwarze Säule wankte nicht mehr. »Ich lese dir die eigentlich interessante Stelle daraus – es sind wenige Zeilen – du mußt sie kennen lernen.« Ysenschmied, der solches sprach, saß immer noch im Lehnstuhle, und nun geschah, als er das Buch bei der aufgeschlagenen Seite ergriff und an sich heranzog um vorzulesen, das profane Wunder, daß die zur Faust geschlossene Hand, die den Band hielt, auf wundersame Weise zu erglühen begann, als wäre sie aus flüssigem Golde gebildet. Alles übrige lag in Dämmerung, der Stuhl und die Gestalt des darin Sitzenden sowie die Möbelstücke rings um ihn nebst Decke und Fußboden, am dunkelsten die Säule der Priesterfigur – ein glühender Fleck nur erleuchtete das Halbdunkel: die Linke des Lesenden, die das Buch hielt.

Ysenschmied pflegte an heißen Tagen zur Mittagszeit sein Zimmer vor Sonnenglast zu schützen, indem er die Rolläden des einen Fensters so weit herunter ließ, daß Schatten und Kühle vorherrschten. Nun war draußen an diesem Fenster, das nach der Straße schaute, ein eiförmiges Spiegelchen, ein sogenannter ›Spion‹ angebracht. Aus dem Nachlaß einer auf dem Lande wohnhaften Großtante 247 war Bernhard dieses altväterische Ausstattungsstück zugefallen, er hatte Spaß daran gefunden, dieses Wahrzeichen vergangener Umfangsformen sich vors Fenster zu stecken. Nun begab es sich, daß von irgend einem Widerschein her sich in dem Glas Sonnenlicht sammelte und es nun durch die schmale Lücke, die der gesenkte Laden über dem Sims frei ließ, ins verschattete Zimmer warf und die hoch gehaltene Hand traf . . .

So las er denn: »Mag jetzt der einzelne Eifrige noch so demütig sein bei seinem Eifer, er eifert nicht mehr bloß für eine zu stiftende oder schon gestiftete Kirche – er wird vielmehr von ihr selbst als von seiner Mutter, seiner mächtigen Mutter, gleichsam einer neuen geheimnisvollen Kybele getragen. Sie erzeugt ihn, sie erhält ihn – in ihr geht sein volles Hochgefühl auf. Er, selbst zwar demütig, scheut sich nicht, für sie doch hochmütig zu sein.« Als Ysenschmied nun die verblassende Hand unter die Lichtbahn sinken ließ und den Blick des Priesters suchte, sah er diesen auffahren. Aus geduckter Haltung einen Sprung nehmen mit erhobenen Händen! Aber die Hände schlugen nicht – sie strichen abermals durch die Luft, wie vorhin – jedoch diesmal spürbar, als ob knisternde Funken aus den streichenden Fingerspitzen auf ihn übersprängen! Ysenschmied war sich sofort klar: kein Attentat, wohl aber ein Angriff auf seine Nerven, damit er seiner Sinne nicht mehr mächtig 248 sei. Er erhob sich endlich aus dem Lehnstuhl. Zugleich mußte er lachen über die Lage, in die er sich unversehens versetzt sah.

»Halt, halt, was soll denn das bedeuten?« rief er hastig und wich um zwei Schritte zurück. Der Jesuitenpater drang ihm nach und übte tatsächlich murmelnd und gestikulierend einen Betäubungsversuch auf den Staatsanwalt aus, indem er ohne irgend welches Gewaltmittel, wären es Faustschlag oder Waffe, Streichübungen vornahm und Beschwörungsformeln murmelte. Er ermattete an Bernhards Rufen und Lachen und sank denn erschöpft auf den nächsten Stuhl.

»Wehe dir!« seufzte er bitter, »du willst mir keine Gewalt über dich zugestehen? So wirst du teuflischer Magie verfallen. Ihr Bürger bildet euch ein, frei eures Weges zu ziehen. Eure einzige Rettung wäre doch: euch bände und löste die heiligste Kirche!«

Ysenschmied, der die Anspielung zu verstehen meinte, versicherte ruhig: »Nein, Wilhelm – ich habe nicht die geringste Beziehung zu einem Geheimbund.« Der Mönch schwieg. Aber sein Antlitz überströmten Tränen. Er stand auf und wandte sich zum Gehen.

»Was hast du? Du weinst? Ich habe dich verletzt? Ich wollte dich nicht kränken.«

Pater Sebastian bewegte abwehrend sein Haupt. Seine Gesichtshaut war weiß. »Ich lasse meiner 249 Schwachheit den Lauf,« hauchte er in redlicher Verzweiflung. »Unten – an deinem Gartentor – da bin ich mit dem Mädchen zusammengetroffen, dessen Dasein ich verursacht habe. Wird sie heiraten? Und einen Ungläubigen?«

»Wilhelm!« rief Bernhard überwältigt aus und eilte auf ihn zu. Der Pater hob die Handflächen gegen ihn. Er weinte heftiger: das erschütternde Bild des Knaben, der sich zum hilflosen Schutz vor die geschändete Mutter stellt . . . Als Bernhard zu sich kam, sah er sich allein. Durch eine Glastüre trat er auf die Altane hinaus, die in das hinter dem Hause prangende Gärtchen hineinragte. Er berührte das Geländer und spähte vorgebeugt hinunter.

 

Der kleine hofartige Ziergarten lief in ein Hügelchen aus, eingebettet in die grauen Zementmauern der Nachbargrundstücke. Der altväterische lauschige Tannenwinkel trug eine dunkelgrüne Gartenbank. Auf ihr saßen Gonda und Edgar vor dem sorgfältig gehegten Zierstück des Hausgärtchens: dem fremden, seltenen Rosenbusch im lichtgrünen, frisch angesäten Rasen. Der Rhododendron stand mit dem stumpfen Wachsglanz seines Laubes und den daraus aufragenden sieben Kugeldolden im vollen blaßrötlichen Flor. Die buschige Pflanze gedieh üppig, weil sie in einer breiten eingesenkten Steintasse von anderthalb Metern 250 Durchmesser wurzelte. Die graue Schale war angefüllt mit tiefschwarzer, reiner Krümelerde . . . Pater Sebastian trat aus der Haustüre.

»Mein Vater! mein Vater!« schrie Adelgunde und eilte auf dem feinbestreuten gelben Kieswege gegen den Hausplatz hinunter. Das Gesicht naß vom Glanz der Tränen, ohne den geringsten Seitenblick, schritt der Mönch vorüber und betrat durch das eiserne Gitterpförtchen die offene Straße, auf der er alsbald hinter dem nächsten Vorgarten verschwand. Die Wände der Häuser, die Büsche, die Wege – alles leuchtete hell.

 

IV.

Die alte Bäckersfrau Frau Marianne Rohr wog im Ladenstübchen der Gerechtigkeitsgasse mit Schere und Briefwage die Schnippel der abgetrennten Brotmarken für den laufenden Monat. Da nun hundertsechs bis hundertacht Gramm Marken einen prallen Mehlsack vorstellten, so konnte mittelst der Briefwage der von der Behörde geforderte Ausweis zuverlässig und um vieles handlicher beschafft werden. Bald zwei Jahre buk man nun dieses ›Brot der Not‹ – unter der täglichen Aufsicht von Behörden, nach der Vorschrift des Bundesrates – Bogen mußten beschrieben, Tabellen ausgefüllt und jeden Monat der 251 Gemeindebrotkartenstelle eingesandt werden. Das war nun demnächst überstanden! Kamen mit dem Frieden bessere Zeiten? Aß man dann weißeres, billigeres Brot?

Ysenschmied sah durch das Ladenfenster die Muhme dort hinten sitzen und mit der Schere hantieren. Er trat ein. Sie stiegen zusammen die steile Treppe in die Bäckerei hinunter. Ein warmer wohlriechender Qualm hüllte Ysenschmied ein, eine Wolke Geruch und Dunst, der nach Butter und Teig roch und das Wasser im Munde zusammenzog. Es ging hinunter in eine Unterwelt, die kein dunkler Hades war, vielmehr sauber und reinlich aussah und von vielkerzigen Lampen erleuchtet war. Ein feiner Mehlstaub schwirrte um die brennenden Beleuchtungskörper, in dem noch schräg durch die Kellerluke einfallenden Sonnenstrahl tanzten Mücken. Und vor ihm her wandelte der breite, gekrümmte Rücken einer betagten Mutter, der eingehüllt war in ein gekräuseltes Tuch aus schwarzer Wolle. Die Spitzen der Haube krönten immer noch dunkles Haar.

Mit Ehrfurcht folgte ihr Bernhard. Unendliche Vorsorglichkeit schien ihm in ihr verkörpert: »Wer weiß,« wischte es ihm durch den Sinn, »vielleicht steigt da vor mir eine leibhaftige Mutter Helvetia in ihre Kornkammer hinab, eine wahre und richtige alte Landbäckerin, um ihre Kinder mit Brot zu versorgen.« Dieses trockene, hausbackene, unpoetische Wesen einer alten Verwandten – heute mutete es ihn auf einmal nahezu mythisch an.

252 Sie führte ihn vor die beiden großen eingemauerten Brotöfen. Der Meistergeselle zog die schwarze Eisentüre auf – man sah zeilenweise die schimmernden Brötchen, wie sie über dem Brande sich golden färbten. Gegenüber stand die altmodische Holzfeuerung, weiter hinten der Dörrofen und um die Ecke der Herd für den Mürbeteig des Zuckerwerks. Dann geleitete sie ihn in den vorderen, auf die Straße zu gelegenen Raum. Ein hohes Gestell aus weißem Tannenholz war errichtet – da lagen die Vorräte: langes und kurzes Steckenbrot, die sogenannten Pariser Bengel, Hausbrot in Vier-, Zwei- und Einpfündern. Dazu auf reingehobelten Brettern die Semmeln und Hörnchen und Kipfel. »Aber nun noch die Maschinen – kommt mit – Vetter! – Hört Ihr das Geklapper!«

Sie schritt abermals zwischen den Backöfen hindurch und öffnete eine hintere Türe – vier Gesellen und ein Lehrjunge hantierten da herum. Zwei große eiserne Tiere rasselten in der Mitte – an Treibriemen wie von breiten Zügeln geleitet: die Teigmaschine mit ihren knetenden Armen und Händen und die Teilmaschine zum Abtrennen der Brötchen. Der eine mehlbestaubte Mann wälzte mit einer hölzernen Rolle Kuchenteig dünn, der zweite stach mit dem blechernen Modell Formen aus, der dritte verlas Rosinen, der vierte schälte Mandeln, die ihm der Lehrjunge händeweise aus dem Sack langte und aufbrach . . . Hier wurde also Brot gebacken – 253 ja Brot, das unentbehrliche Nahrungsmittel, ohne das ein Mensch verhungert. Brot – aus Mehl – wie schon vor fünftausend Jahren – Brot – aus Mehl – wie über den ganzen Erdball weg in allen Ländern! . . . Versonnen stieg er nach oben.

 

Im Wohnzimmer des ersten Stockwerkes fand er Mathilde Rohr, wie sie neben Beate von Diesbach auf dem schwarz und rot gewürfelten Ruhebett am Fenster vorne saß. Er setzte sich auf einen Stuhl in gleichem Abstande den beiden gegenüber. Die junge Witwe hatte die Tieftrauer abgelegt und trug ein leichteres Sommerkleid aus Halbseide in der Farbe von dunklem Silber. Desgleichen war Beate, deren zarte Gesundheit den Anstrengungen des Berufes nicht gewachsen gewesen war und vor kurzem die Probe einer schweren Erkrankung kaum noch überstanden hatte, statt der Diakonissentracht mit einem ganz ähnlichen tulafarbenen Stoffe angetan, so daß die beiden fünfunddreißigjährigen Frauen vor ihm saßen wie zwei für den gleichen Verlust leidtragende Schwestern. Sie waren seit Rohrs Sterbebett in aufrichtiger Freundschaft verbunden.

Zunächst brachte er die Ursache von Beatens Anwesenheit in Erfahrung. Ihr Schwager Travolet, bei dem sie zu Tisch gebeten war, hatte über ihn losgezogen, daß ihr für seinen guten Namen angst und bange wurde. Da hatte sie sich 254 nicht mehr zu helfen gewußt und flüchtete zu Mathilde.

Er faßte sich rasch. »Desto besser!« rief er aus.

»Kommt nachher mit in die Sitzung! Ihr könnt zuhören – vielleicht muß ich das Wort verlangen. Heute geht es vielleicht um die uralte Freiheit unseres Landes. Wer will sie? Wer versteht sie? Und wozu würde sie mißbraucht, wenn wir Freiheit schon besäßen?« Die Zuhörerinnen auf dem Sofa ließen das gelten, wünschten indessen Aufschluß zu erhalten über die peinliche Sonderstellung, in der er sich immer mehr befinde – er gehöre zu keiner Partei und stoße sogar seine eigenen Wähler vor den Kopf. Und ob denn seine Redeweise immer von der nötigen Vorsicht eingegeben sei – manchmal drücke er sich doch sehr auffallend aus.

»Nur um deutlich zu sein!« verwahrte er sich, »ohne den Holzschlägel kann man sich nicht verständlich machen. Es ist zum Verzweifeln, wie dumm die Welt ist. Und dabei sind die Leute dann handkehrum wieder so schlau! Man muß auf der Hut sein, sag ich euch. Es gibt zu wenig anständige Leute auf der Welt, als daß diese dann auch noch Dummköpfe sein dürfen.« Solcherlei trumpfte er heraus, beinahe patzig, und er ließ bei diesem letzteren Sprüchlein seine Augen prüfend wandern – erst zu Beate, dann zu Mathilde und dann wieder zu Beate zurück.

Diese fühlten sich einig im Widerspruch gegen 255 diese Grundsätze. Sie behüteten und besegneten sich einhellig. Ihre Kleider schillerten wie silberne Fischhäute auf dem behaglichen Hintergrunde der einheimischen Wappenfarbe, diesen schwarz und rot gewürfelten und gehäuselten Polsterkissen des Kanapees. Er ließ sie beide reden und über ihren lebhaften und zutraulichen Äußerungen verglich er sie im stillen und schätzte sie gegen einander ab. Was für eine grenzenlose Hingabe sprach aus Beatens Leben! Aber auch welch eine Müdigkeit und Enttäuschung! Sie erzählte von den Schwerverwundetenzügen, die sie begleitet hatte.

Und dann war es die empörte Aristokratin, die sprach: »Es ist für mich traurig, das Schicksal der Welt nun an Menschenbanden ausgeliefert zu sehen ohne Glauben und Gesetz. Der Beruf, den ich erlernt habe, die christliche Krankenpflege, wird Laien und Dilettanten in die Hände gespielt und so der sicheren Verpöbelung überantwortet. Der armen Kranken bemächtigt sich ein Mietlingsdienst, allwo die Hingebung nicht den obersten Platz einnimmt. Bald werden wir alle verbraucht sein.« Und immerfort die Sache des allmächtigen Gottes führend, in dessen Hand sie sich wußte, fing sie an über die Verblendung der europäischen Gebildeten zu spotten: »Um das Christentum soll es geschehen sein? Zum Lachen! Eine Verlegung des Aufenthaltes – das ist alles! In dem Maße, als die gebildete Hälfte der Erdkugel verwildert, öffnet 256 sich Asien und Afrika der göttlichen Botschaft.«

Bernhard empfand die Echtheit ihrer Empfindung. In dieser zähen Frömmigkeit wuchs keine falsche Spur. Aber ihre Zeit war um. Auf Nimmerwiederkehr blieb die überkommene Anhänglichkeit an das Bibelamulett aus der Reihe der jetzt noch wirksamen Lebensmächte ausgeschaltet. Etwas Moderndes und Selbstmörderisches haftete diesem Erbstück an, ein Stück Vergangenheit, an dem man sich zu Tode würgte.

Etwas wie Reue schlich sich ihm ins Herz: Ihn hätte sie genommen – er, jetzt Junggeselle, hätte bereits begabte, verheißungsvolle Kinder im halbwüchsigen Alter! Als Mutter wäre Beate für das Leben gerettet worden, während sie nun den Truggebilden ihres Glaubens anheimfiel, die ihr das Temperament aussogen.

»Ich habe Freunde gefunden, die mich in die himmlischen Zelte aufnehmen –« Bernhard hörte als Unterton mitschwingen: nachdem kein irdischer Freund mich an sein Herz zog! Mit spitzem Ohr horchte er weiter. »Sich aufbrauchen im Nächstendienst – und namentlich für die Armen, das gibt Mut!«

»Mut nennen Sie das?« warf er ein, und bei sich selbst fügte er hinzu: Ja, der Mut der Verzweiflung! Und er kehrte sich von dem adeligen Fräulein der Bürgerin zu, die sich erhoben hatte und am offenen Fenster stand.

257 Mathilde entzog sich dem Gespräch, die selbstquälerische Grauseherei der Freundin war auf die Dauer nicht zu ertragen. Gesunde Eifersucht regte sich und befreite sie von der Dumpfheit. Obschon neben ihr geredet wurde und zwar ziemlich laut, wurde sie nun plötzlich eines Geräusches inne, dessen sie sonst nicht achtete, obschon es in ihr tägliches Dasein gehörte. Der große Renaissancebrunnen vor dem Hause mit der Bildsäule der Gerechtigkeit auf dem Brunnstock sandte unaufhörlich Wasser in dickem Strahl in den vollen Trog. Sie mußte danach sehen, deshalb war sie ans Fenster getreten – und sah nun das volle schöne Becken und die bunte Statue im blitzblauen Mantel – und nahm sich vor, dem Freunde zu sagen: die Gerechtigkeit dürfe nicht bunt angestrichen sein – vielmehr müsse sie grau sein und hart wie der erdene Stein, aus dem ihr Bild ausgehauen war. Und das sollte eine der Bemerkungen sein, aus denen er ihr Verständnis für ihn erraten konnte, wenn er wollte. Ja, nun wußte sie wer er war, und außer ihr wußte es wahrscheinlich niemand in dem Grade.

Er kehrte sich ihr zu – ihr, Mathilden. Sie sah er, nur noch sie, von innen her über dem Ausschnitt des Stadtbildes, das im Fenster sich öffnete – den Raum der Gasse – Häusermauern – Dächer – darüber ein Rand Himmelsbläue, so schön wie der Tag war. Und davor nun also diese starke geschmeidige Frau, sechs Jahre jünger als er selbst. 258 Auf dem freien Grunde der Luft schimmerte das Silbergrau ihres Kleides, und doch war alles körperhaft und gegenständlich an ihr gestaltet. Die Frau wußte was sie wollte. Vielleicht würde er es demnächst zu seinem Segen erfahren, was ihr im Willen lag. Denn vielleicht, es ließ sich nicht leugnen, ›wollte‹ sie ihn! Diese Möglichkeit lockte ihm ein Lächeln auf den Mund, und er gelobte sich selber Vorsicht.

Dann griff er in die Weste und klappte seine goldene Uhr auf: »Wenn's euch recht ist, könnten wir jetzt aufbrechen – wir brauchen dann nicht zu stürzen!«

 

V.

Über dem blau strahlenden Sommerhimmel flatterten die beiden roten Schweizerfahnen mit dem weißen Kreuze auf dem Dache des Bundeshauses. Ysenschmied wies seine beiden Begleiterinnen nach dem Seitengang und verabschiedete sich von ihnen. Vor ihm und hinter ihm betraten Abgeordnete durch das stattliche, mit Gittern gezierte Hauptportal die hohe, dämmernde Halle.

Noch immer nicht vermochte Bernhard der Abneigung zu wehren, so oft er das Gebäude betrat. Das Innere des schweizerischen Parlamentsgebäudes gefiel ihm nicht. Viel zu viel Zieraten und Kugeln und Rollen und Buchtungen! Und diese Geländer mit Formen wie Flaschen und Krüge! Die 259 hineingestellten Figuren besserten wenig. Er stieg die linke Treppe hinan.

Oben im Wandelgange lief er dem Katholikenführer in die Hände! Er erschrak über dessen Aussehen – matt und gelbsüchtig, mit schlaffen Schultern und versteckten Augen kam ihm der ehemalige Kraftturner entgegen. »Ich muß Sie unbedingt sprechen, Herr Ysenschmied – Pater Sebastian war soeben noch bei mir. Sie sehen, ich weiß Bescheid. Sie sind ein sehr merkwürdiger Mensch – Sie könnten mich alten Draufgänger noch zur Kappeler Milchsuppe bekehren.« Ysenschmied nahm einen willenlosen Händedruck entgegen und erklärte sich bereit, sofort sich auf einen der rotsamtenen Sitzgelegenheiten zurückzuziehen – aber der Kollege erwiderte: »Wenn mir nur wohler wäre. Es ist zu fatal. Denken Sie doch, meine Motion. Ich bin's nicht imstande.« Ein Jammer – dieser Anblick! Wie hatte sich den der altväterische Glaube aus guteidgenössischem Holze gezimmert – derb, unerschrocken, hanebüchen! Bernhard hatte ihn bekämpft, bewundert, gemieden, herausgefordert – aber nie von ferne daran gedacht, daß man einmal entwaffnet vor ihm stehen könnte infolge seiner Schwachheit. Ein so urwüchsiger Hellebardenschwinger schwach! So ließ es Ysenschmied bei ein paar teilnehmenden Worten bewenden und machte sich zum Eintreten fertig.

260 In der Rundung der Preßtribüne hatte Werner Walthard seinen angestammten Platz eingenommen. Seit Jahren stand er der öffentlichen Berichterstattung vor, die über Arbeiten der eidgenössischen Volksvertretung das Land auf dem laufenden hielt. Jetzt hatte er sechs Bleistifte gespitzt neben seinen unbeschriebenen Blättern liegen, und betrachtete von seinem erhöhten Balkon den Saal als ›physiognomische Landschaft.‹

Die Sitzung nahm mit den üblichen Formalitäten ihren Anfang und die Mehrzahl der Sitze war auch bereits von den Inhabern eingenommen. Das mäßige Summen der Privatgespräche und das Hin- und Hergehen auf den breiten Plätzen und Zugängen machten aus dem hellen strohgelben Anstrich des mit seinen Pulten und geflochtenen Sitzen sich dehnenden Saales so etwas wie einen Bienenkorb in voller emsigster Tätigkeit. Werner Walthard mit seinen abstrakten Gesichtszügen und seinem blonden Ziegenbärtchen fand indessen in diesem naheliegenden und sinnenfälligem Vergleiche sein Genügen nicht. Er stöberte nachdrücklicher und geriet, die Augen aufwärts gerichtet, auf den merkwürdigen Einfall, sich nicht so sehr im Arbeitsraum als in der Nervenzentrale des Landes zu befinden. Dieser Vergleich war in der Tat um vieles treffender als der erste. Ja – ganz recht unter der Decke dieses Saales befand er sich mitten in der Hirnschale der schweizerischen Republik! Das waren die 261 Ganglienzellen der öffentlichen Arbeit, was hier zusammenlief! Hier wurden die Außenreize aufgenommen und in Bahnen umgeschaltet, auf denen sie dann zu ausdrückenden Handlungen, zu Leistungen wurden! Aber das Blut, der eigentliche Lebensträger, welche Rolle fiel ihm zu – in diesem Entwurfe einer eidgenössischen Gehirnanatomie?

Als Werner seinen Blick wieder senkte, blieb dieser auf Bernhard haften. Eben öffnete der Abgeordnete mit dem Falzbein einen gelben Geschäftsumschlag und entfaltete eine Eingabe im Aktenformat, in dessen Inhalt er sich vertiefte . . . Ah ja, den wenigstens kannte er gründlich! Und Werner Walthard wurde sich über Bernhard Ysenschmied klar. Er hatte allen Anlaß dazu. War es ja sogar nicht ganz ausgeschlossen, daß er sich demnächst als sein Schwager entpuppte! In diesem klugen, zähen Berner war ein Wille am Werk, der nicht von Interessen, sondern von unmittelbaren Gewissenseingebungen gespeist wurde. Das mußte ihm auch der Neid lassen . . . Der Depeschenagent zupfte sich am Ziegenbärtchen und lächelte mit stillem Wohlwollen im Bewußtsein besonderer Gönnerschaft auf Bernhard Ysenschmied hernieder, der lesend mit ausgelegten Armen auf seinem Pult lag.

Das Aktenstück, das er studierte, eine Eingabe seiner ehemaligen Wahlmacher, mit etwa einem Dutzend Unterschriften versehen, legte einige beanstandete Fälle in sachlicher Weise dar, worauf dann 262 der Schluß sich mehr ins Allgemeine verbreiterte: der schönste Stern des Schweizerlandes – bald sein Morgenstern und bald sein Abendstern – sei ja die Gerechtigkeit nun durch alle die Jahrhunderte hindurch immer schon gewesen. Und da unter den Unterzeichneten ein Pfarrer prangte, nämlich Jakob Wahrmund, so konnte auch ein Bibelspruch nicht überraschen – des Inhalts: »Es sprudle aber Recht wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein unversieglicher Strom!« Nachdem Ysenschmied von der gesamten Kundgebung mit Freuden Kenntnis genommen, stimmte ihn dieses Wort aus der Heiligen Schrift vollends dankbar. Der lautere Wasserstrahl der Gerechtigkeit. Er las es mehrere Male. Da war die Bibel nicht starrer Talisman, da blitzte ein Lebensfunke. Als er vorhin mit seinen beiden Freundinnen die Stadt hinaufgewandert war, hatte ihm Mathilde ihre Betrachtung mitgeteilt, in die sie beim Anblick des schönen Gerechtigkeitsbrunnens verfiel!

Früher der Hausknecht des Staates, das Recht wie einen Knüttel schwingend – durfte er Schelmen einsperren, auf Spitzbuben Jagd machen. Das Recht war seine geflochtene Peitsche gewesen – das hatte sich nicht ändern lassen. Nun lag es bei ihm – und er wurde, wie er einmal irgendwo gelesen hatte, aus dem Schergen der Gerechtigkeit ihr freier Künstler. Ja, der Sessel, auf dem er saß, berief ihn, verpflichtete ihn zu einer solchen Künstlerschaft. 263 Zehntausend stimmfähige Aktivbürger hatten sich die Mühe genommen und zur selben Stunde seinen Namen auf den Zettel geschrieben und schenkten ihm Vertrauen und Wunsch, »es möge Gerechtigkeit einherströmen wie ein Bach.« Ihm flimmerte vor den Augen. Er schloß sie und ließ für einen Augenblick den Kopf vornüber in die gehöhlten Hände fallen, den die auf dem Pult aufgestützten Ellenbogen trugen. Demokratie war möglich! Als das große feierliche Gebilde, als das sie ihm, dem Enkel republikanischer Eidgenossen, vorschwebte, war sie möglich und zwar möglich in der Schweiz und durch die Schweiz! Und damit öffnete Ysenschmied die Augen wieder, ließ die Hände vom Gesicht fallen, legte den Kopf in den Nacken zurück und sprang von seinem Sitz auf.

 

Es schien ein großer Tag werden zu wollen. Vier Bundesräte saßen auf ihren Plätzen. Der alte Vater Schauensee, immer gleich ehrwürdig mit seinem gelichteten grauen Haupthaar und der schmalen schwarzen Schleife um den niederen Stehkragen, erstattete Bericht über die Schicksale der Schweizer im Kaukasus, von denen ein paar hundert, jeglicher Mittel entblößt, heimgekehrt waren. Er flocht rührende Einzelzüge ein – ein Greis hatte sich an der Grenze zu Boden geworfen und mit ausgebreiteten Armen die Erde der Heimat geküßt! Ysenschmied wollte zuhören – allein um ihn herum 264 wurde eine gedämpfte Nachricht herumgeboten – offenbar eine Hiobspost, da sie sich auf nachdenklichen Gesichtern spiegelte. Er fragte einen der Bundesweibel nach der Ursache. »Herr Nationalrat Schnyder vom Schlage gerührt!«, kam die Antwort.

Eine Anzahl der katholischen Herren eilten hinaus. Die schloßlosen Flügeltüren schnappten in ihren Angeln und kamen nicht zum Stehen. Auch Ysenschmied litt es nicht länger. Er hatte ihn ja eben gesprochen! Weibel brachten eine Tragbahre. Zwei Ratsherren, die Ärzte waren, besorgten die Lagerung. Ysenschmied sah von der Seite das runde feste Antlitz des Schlagflüssigen noch um einiges fahler, als es ihn vorhin am Sprechenden schon erschreckt hatte, und vernahm sein Röcheln. Die Weibel wollten anfassen – der Krankenwagen war bestellt – in der Pförtnerloge unten sollte er erwartet werden. Da sah Ysenschmied und die andern, die sich gleich ihm in achtungsvoller Entfernung hielten, wie vier politische Freunde des Sterbenden, darunter zwei Landammänner aus der Urschweiz, ergraute und weißhaarige Greise, aber mächtige hohe Gestalten, die Stangen ergriffen und den Freund langsamen Schrittes von hinnen trugen. Es lag etwas von Hodlers Marignanobild in diesem feierlichen Rückzug eines auf der Walstatt gefallenen Kriegers. Ysenschmied folgte bis oben an die große Freitreppe und blickte dem niedersteigenden Geleite nach. Das Wort Schnyders an ihn vor einer Viertelstunde – 265 lautete es nicht: »Die Milchsuppe von Kappel?«

Der breite Wandelgang lag völlig verlassen mit seinen zwölf Metern gewichsten Parketts und den purpurgepolsterten Sitzgelegenheiten aus gebeiztem Kirschbaumholz. Ysenschmied trat auf den breiten Steinbalkon hinaus. Dort war er ganz allein. In seinem Rücken vollzog sich die Tagung. Vor ihm aber breitete sich die Heimat aus – der weiche und weite Teppich seiner erfüllten Sehnsucht, grüne Falten werfend, bald hell, bald dunkel, mit weißen und bunten Tupfen besteckt und zu äußerst fein gesäumt vom hauchzarten Spitzenrande der Alpen!

Er las den Rundblick wie eine Karte. Über Häuser und eine leicht findbare Pappelgruppe hinweg sah er einen braungrünen Käfer kriechen. Erst eilig, dann hielt er an. Es war die Straßenbahn in der Richtung von Thun auf die Stadt zu.

Die Haltestelle hieß ›Burgernziel‹.

Und noch einmal empfing er den Gruß, den das altväterliche Symbol ihm bot. Bürgerziel – nicht ein lockender Punkt – eine eingrenzende Linie. Und in diesem Sinne entstieg für ihn dem Vaterlandsgedanken das Bürgerziel – nicht eine Futterkrippe, nicht ein Bollwerk, nichts ausgesprochen Nützliches, was man immer aushecken mochte! Dafür die sanfte Schranke gegen die eigene Begehrlichkeit und der runde Arm der Mutter gebogen zum Schlaf für das ermüdete Kind!

Als er aus seiner Versunkenheit auftauchte, sah 266 er einige Schritte neben sich einen Herrn stehen, der, das Kinn auf die Ellenbogen gestützt, gleich ihm von der Aussicht geblendet war. Er erkannte alsbald den Ehrengast der sozialistischen Internationale wieder, durch deren Waldfest er heute morgen spaziert war.

Herr Stark – oder wie er hieß – blickte auf: »Sie haben hier eine herrliche Plattform – darin scheint mir euer Land jedes andere zu überflügeln.« Ein Wort gab das andere und nach einer Schilderung der jüngsten Münchner Straßenkämpfe, in denen er selbst das Proletariat auf die Barrikade gegen die Bürgerschaft durch Blutlachen geführt hatte, schloß der Fremde mit einem Geständnis, das Ysenschmied in Erstaunen setzte.

»Das ist wohl ihr Ernst nicht? Darf ich das sagen? – drinnen im Saale sagen?«

Der bayrische Rädelsführer hob gleichmütig die Schultern: »Warum nicht? Wenn Sie meinen, es kläre die Öffentlichkeit auf! Stehen tu ich dazu – es ist meine Überzeugung. Wir haben es durchgemacht und am eigenen Leibe erfahren, was dabei herauskommt.«

Ysenschmied hielt sein Taschenbuch aufgeklappt auf der Handfläche – dann legte er seine Notiz dem Gewährsmanne vor, der abermals keinerlei Einhalt gebot.

»Ich sitze ja auf der Tribüne und prüfe –« warf er hin, »und kann ja dann immer in der 267 Presse richtigstellen lassen, wenn Sie meine Meinung entstellt wiedergeben sollten.« Ysenschmied reichte ihm dankend die Hand.

Er betrat den Saal. Der Ratspräsident Zwyer von Evibach teilte mit, das Traktandum Schnyder müsse wegen plötzlicher Erkrankung seines Urhebers von der Tagesordnung abgesetzt werden – es werde in der Behandlung des Völkerbundes fortgefahren. Der Übersetzer schnitt laut dazwischen. Bald nachher stieg der alte Zwyer mit bekümmertem Gesichtsausdruck vom Präsidialsitze herunter – die Erkundigung nach dem Befinden seines teuren Freundes war von der Pförtnerloge aus schlimm beantwortet worden. An seiner Statt nahm der stellvertretende Vorsitzende, ein Waadtländer, den Sessel mit der hohen Rückenlehne ein.

Unter der Glaskuppel erlosch der Sommertag. Die Leuchter wurden angedreht. Eine lebhaft, ja aufgeregt vorgetragene Rede, in der ein Sozialdemokrat gegen die »bürgerliche Internationale des Völkerbundes« wetterte, war plötzlich zu Ende, so daß man über den jähen Abbruch fast erschrack. Da sagte der welsche Vizepräsident »La parole est à Monsieur le Conseiller National Ysenschmied.«

 

Hinter dem sich Erhebenden schnappte der Klappsitz der Bestuhlung auf. Der Redner versah jedes dritte oder vierte Wort mit der ihm eigenen Betonung: »Meine Herren, ich bekomme den 268 Eindruck, wir reden zu viel und wir wollen zuviel. Wir vergessen zu sehr die schicksalsmäßigen Voraussetzungen, unter denen wir wirken. Da nützt starrer Wille wenig, desto mehr die ruhige Einsicht in die verfügbaren Kräfte und deren Tragweite. Die hier anwesenden Führer der Arbeiterschaft schlagen alles über den Leisten des Klassenkampfes. Die helfende Fürsorge und gegenseitige Rücksicht hat aufgehört ein staatsmännischer Gesichtspunkt zu sein. Ich beklage das. Ginge es bei uns, wie es nach dem oft berufenen Beispiele unserer Altvorderen eigentlich gehen sollte, nämlich unmittelbar von Mensch zu Mensch –, so könnte ein einziger gebildeter und gütiger Bürger unter günstigen Umständen auch ohne das leidige Geld einer ganzen Anzahl von Arbeitern behilflich sein nur allein schon durch freundlichen und teilnehmenden Umgang. Aber nichts da – der Bürger muß geknebelt werden – wenn nur jeder Arbeiter demnächst in eine Villa einziehen kann.«

Er drehte sich gegen die Sitzreihen der Sozialisten neben ihm –: »Mit euerem Diktaturgelüste hinkt ihr nach wie die alte Fastnacht. Jawohl – Umsturz ist überholt! Der Terror hat abgewirtschaftet für jeden, der ihn als fühlender Mensch erlebt hat.« Und nun hob der Redner die Hand hoch und warf einen Blick in sein Notizbuch, dessen Hälften er jetzt um seinen Zeigefinger geschlagen hielt: »Dieses hocherfreuliche Bekenntnis habe 269 ich soeben von einem Führer der Münchner Maimassaker vernommen. Er gab mir Freiheit, davon Gebrauch zu machen und sagte wörtlich: ›Wir wollen nicht mehr den rohen Kampf um äußere Gewalt. Wir wollen nicht mehr die Machthaber von gestern zu Sklaven machen. Unser Elend wird nicht gemindert, wenn der Herr zum Knecht und der Knecht zum Herrn wird. Der Kampf um die äußere Stoßkraft bildet nicht den Sinn des Lebens. Wir sind bereit, aus unseren Feinden das Gute herauszulesen. Wir wollen nicht warten auf die Liebe der andern – wir wollen ihnen in Liebe entgegenkommen.‹ Meine Herren Nationalräte – nehmen wir uns dieses Beispiel zu Herzen – ein deutscher Spartakist proklamiert Feindesliebe –.« Ysenschmied schlug die Augen nach rechts auf – »Oder nicht?« Auf der Tribüne oben zu seiner Rechten saß der süddeutsche Rätesozialist. Er bewegte seine Hand bestätigend und bejahte mit einer Neigung des Kopfes.

Eines solchen parlamentarischen Treffers vermochte sich auch der weißbärtige, breitschulterige Ratspapa von Bundeskanzler nicht zu entsinnen – ein derartiges Hereinspielen der Tribüne in die Verhandlung widersprach aller Gepflogenheit und was schwerer wog, dem Buchstaben des Reglements. Auf den Bänken der Sozialisten fuhren Bärte und Schnäuze von den Pultdeckeln auf. Ja diese Pultdeckel wurden lärmend zugeschlagen. Gemurmel schwoll.

270 Nun wandte sich Ysenschmied den Bürgerlichen zu: »Wir pflegen nur noch Interessen und lassen das Lebensgefühl in uns ersterben. Wir wissen bald nichts höheres mehr als drauflos zu organisieren. Im Staat, in der Kirche, im Privatbetrieb wird immerzu verbessert und umgeorgelt. Hier müssen wir Berner uns ein bißchen bei der Nase fassen. Unsere Seligkeit heißt Tatendrang – mit und ohne Bernermarsch! Es artet das gelegentlich in eine wahre Sucht aus. So zum Beispiel kürzlich der Bund für Übergangskultur. Großartig fürwahr! Ich habe auch unterschrieben und hätte gerne mitgemacht – denn was gedruckt zu lesen stand, war vortrefflich. Als dann aber zweimalhunderttausend unserer harten goldenen Schweizerfranken in Schreibmaschinenfräulein und Bureaumaterialien glücklich verbrombeerelt waren, da krähte kein Hahn mehr nach dem Geld und nach der Übergangskultur. Ähnlich ging es mit der Gesellschaft für Seetransport, wo das Schweizerkreuz auf dem Weltmeer als eigene Flagge wehen sollte. Wenn nur die Mühle klappert, so glaubt man bei uns an das Mehl, das sie gar nicht mahlt. Ein wahrer Betätigungswahn hat uns ergriffen – es geht bei uns immer etwas, aber leider sehr oft leer und wesenlos. Wir müssen an Stelle dieser fortwährend sich verfeinernden Schlauheit wieder herzhaft und unmittelbar fühlen lernen, oben und unten – vorher ist an eine Genesung unseres Volkskörpers nicht zu denken. O, 271 über unsern hochgelobten Unternehmungsgeist! Einstweilen bleibt uns noch die Hoffnung – und das ist es eben, was ich das Schicksalsmäßige unserer Politik nenne – die Hoffnung sag ich – daß der einflußreiche Millionär und der einflußreiche Proletarier jeder zu seinem Teile das Herz sprechen lassen und innerhalb der öffentlichen Interessen das menschliche Gewissen über alles setzen, solange noch Zeit dazu bleibt. Geiz und Haß haben sich noch nie als aufbauende, werteschaffende Kräfte erwiesen – und am wenigsten in unserer Schweizergeschichte. So viel wollte ich vorausschicken.«

Und dann, gemäß dem zur Behandlung stehenden Gegenstande, erging er sich über die Stellung der Schweiz im Kranze der Völker.

Er schloß die Rede folgendermaßen: »Wir sehen in allen Ländern Europas dieselbe Sachlage. Unsere Intelligenz, auf die wir uns so viel einbildeten und die uns zum Dank für dieses Vertrauen offenheraus gesagt in den Dreck geritten hat, versagt für den Wiederaufbau. Nicht daß wir nun verdummen sollen – im Gegenteil, wir werden klüger werden, wenn wir der Vernunft mißtrauen, sobald sie sich mit Dingen zu schaffen macht, für die sie nicht ausreicht. Und dabei müssen wir bei uns selber anfangen. Es kommt in der Welt nun gottlob wieder auf den persönlichen Charakter an, und der uralte Kampf zwischen Gut und Schlecht wird hoffentlich demnächst entscheidend entbrennen. Das 272 müssen vor allem wir uns gesagt sein lassen, wir im Ratssaale, die uns ein Sprichwort warnt, die Politik verderbe den Charakter. Wir, das schweizerische Bundesparlament, sind es dem Lande schuldig, unsere vielberufenen demokratischen Einrichtungen in ihren seelischen Wurzelgründen zu erfassen. Wir werden umschmeichelt. Helvetia docet – schallt es uns über die Grenzen herein entgegen. Schön so! Aber wir dürfen nur ja nicht uns wie bisher an das verstandesmäßige Können verzetteln und in unserer geschäftlichen Kunstfertigkeit das Heil sehen. Wir müssen uns erheben über den Tag und seine Plage. Noch ist es nicht zu spät, in die ewigen Pläne des Weltgeschehens emporzuwachsen und uns erfüllen zu lassen mit den geheimnisvollen Bildern, in denen sich uns Menschen das wahre Leben offenbart von Anbeginn. Möge es der kleinen alten Schweiz beschieden sein, sich zu verjüngen an diesen Rätselfragen der letzten Weisheit und so ihren mächtigeren Nachbarn ein Beispiel zu geben!«

Der Estrade entlang liefen von allen Seiten Herren zusammen, um den Redner, da seine zarte Stimme nicht weit trug, deutlicher zu vernehmen. Sie bildeten einen gelockerten Halbkreis, und wer ringsum sitzen blieb, spannte seine Aufmerksamkeit in der Richtung des Sprechenden.

Dieser Anblick spornte Ysenschmied an. Seine Geister gerieten in Aufruhr und lockten ihm die wahre Seele auf die Zunge. In seinen Augen begann 273 jenes schelmische Feuer zu funkeln, das einst beim Becherklang die Kameraden unter der Farbenmütze in Bann schlug:

»Aber! Meine Herren, das große Aber! Auch im Ratssaal ist die Partei nicht das letzte. Die richtige Einsicht läßt sich nicht als Parole einfangen. Ich selber danke meine politische Losung – ihrem Gesinnungsgehalte nach – jenem begabten jungen Sozialdemokraten, der bei der Ersatzwahl gegen mich unterlag. Ich hörte ihn bei einer Quartierversammlung über die dreifache Abstufung des menschlichen, insbesondere des männlichen Charakters reden. Auch ich bin der Meinung: Gerade die Untadeligen, die Ehrenmänner sind meistens zu schwach, zu gedankenlos, zu feige, um dem Edelmut in der Welt eine Mehrheit zu bilden. Das Edle, wahrhaft Gute, tatsächlich Vornehme kommt nämlich in neunundneunzig Fällen ungelegen. Es würde zu viele Leute vor den Kopf stoßen. Das ist der Jammer, und da hat der Sack seinen Boden! Der berühmte Methusalem der Schweizer Rechtskunst, auch mein verehrter Lehrer – ich glaube, er ist jetzt fünfundachtzig – sagte einmal im Kolleg: ›Im Grunde sind alle Gesetzesbände überflüssig und könnten durch eine einzige Verordnung ersetzt werden, die zu lauten hätte: Es soll nicht gegen Treu und Glauben verstoßen werden!‹ Wir sollten, wo es sei, der wühlenden und lauernden Gemeinheit das Wasser abgraben. Dazu aber müssen die Rechtschaffenen mutig werden. 274 Wir tun uns was wunders drauf zu gute, ein ehrenwertes Volk zu heißen, und hier in diesem Saal sind wir das anständigste Parlament der Welt – warum? Weil in den siebzig Jahren unseres Bestehens noch kein Nationalrat dem andern ein Tintenfaß an den Kopf geworfen hat. Geben wir uns damit nicht zufrieden! Schärfen wir unser Ohr für den wahren Adel der Gesinnung, dessen Quellen tief liegen und leise rauschen! Und verbünden wir uns alle gegen den einzigen Feind, den wir haben: gegen die Gemeinheit!«

Er hatte weit ausgeholt und das Zeitmaß der heutigen Sitzung erschöpft. Sie wurde aufgehoben. Beim Hinausgehen malte sich ihm der Eindruck seiner Worte in einer bunten Musterkarte von Mienenspiel und Äußerungen. Viele, ja die Mehrzahl der Abgeordneten, fühlten sich erhaben über den Dilettantismus des Anfängers, der sein Gemüt spielen lasse, statt – die wahre Kunst des Parlamentariers! – bei der nackten trockenen Sache zu bleiben. Andere sannen schweigend dem Vernommenen nach.

»Er ist ein Schwärmer,« meinte Jemand.

»Nein, er ist ein Schulmeister,« behauptete ein Anderer.

»Was nun wirklich zweierlei ist!« bemerkte ein Dritter, der beides hörte.

Da klopfte Bundesrat Schauensee Ysenschmied auf die Schulter und sagte zu ihm: »Sie haben ein 275 mannhaftes Wort unter die Kuppel unseres Bundeshauses getragen, Herr Nationalrat. Wehe uns, wenn wir hier im Geschäftsbetrieb erstickten – wenn nicht, mitten im Abwickeln und Erledigen, manchmal das Herz mit uns durchginge. Ja, Sie haben zum Fenster hinausgesprochen. Sie mußten und durften es. Das Land wird Ihnen Gehör schenken und dankbar sein.«

 

Ende.

 

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