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Carl Albrecht Bernoulli: Bürgerziel - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleBürgerziel
authorCarl Albrecht Bernoulli
year1922
firstpub1922
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld
titleBürgerziel
pages275
created20140304
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Tag.

Im Sommer 1917.

I.

Beim Zeitglockenturm, am Graben, gegenüber dem Café du Marché erhebt sich ein sandgrauer Steinbau mit abgerundetem Eckeingang. Die in seinem Erdgeschoß betriebene Bierschenke trägt im Volksmund den Spitznamen ›Zur Blausäure‹. Dort saßen angesehene, stadtbekannte Bürger beim Abendtrunke. Das mit bleigefaßten Farbscheiben versehene Fenster auf niedrigem Sims stand halb offen. –

Das alte Turmtor in seiner quadratischen Masse wuchs ins Abendlicht. Aus dem Bogen hervor, sowie von Seitenstraßen und Nebengassen floß das gescheuerte Pflaster hellgrau unter den Schuhen vieler eiliger Fußgänger zusammen. An einer Stelle war der Makadam aufgebrochen. Ein niederes braunes Zelt aus Sacktuch überdeckte den aufgewühlten Riß in der Pflästerung. Erdarbeiter standen bis an die Schultern in dem aufsteigenden, übelriechenden 5 Schwaden. Von den Hieben ihrer zweispitzigen Pickelhacken spritzte Erde gegen die verhängten Riesenscheiben des Kaffeehauses. In dessen drehbarer Vierflügeltüre verschwanden geschniegelte, aufgeputzte Pärchen.

Ein Fluch schnitt durch die Luft. Ein mit Bartstoppeln übersätes Gesicht zuckte, ein fürchterlicher Unterkiefer zog Speichel zusammen. »Das ist das Dümarschee!«, schrie die rauhe Kehle und legte in die Vorsilbe ›Dü‹ einen giftigen, sinnstörenden Nachdruck. Der alte Arbeiter griff nach dem Kübel mit angerührtem Zement und reichte ihn vom Straßenrand in die Kloake hinunter: »Zugestrichen damit, so können die fremden Säue die Mistpfütze wieder frisch füllen.«

Da geriet auf der Straße ein breitkrämpiger Schlapphut ins Schwanken. Eine geballte Faust stieg neben dem zitternden Rande empor. Eine Baßstimme dröhnte: »Was? wir waten in Jauche damit hereingeschneuztes Gefotzel mit Huren tanzt.«

Nach dieser vaterländischen Entrüstung betrat der Landestopograph Benteli das Bierhaus. Sein Erscheinen am Stammtisch füllte der Männerrunde die letzte Lücke aus. Selbständige Inhaber gutgehender Geschäfte, höhere Beamte, darunter ›Bundeshäusler‹, auch Schulmänner, Vermögensverwalter und zinsenverzehrende Rentner versammelten sich da – in der Mehrzahl Familienväter.

Schwarze, blonde, rote Scheitel. Bewegliche und 6 bedächtige, lauernde und blitzende Augen, darunter manches strahlend blaue Paar. Ein Stelldichein der heimatlichen Mundart in allen Spielweisen. Breite, zum Teil riesige Schultern und aus kräftigen Gurgeln, stets neu, frohes, läutendes Gelächter.

Bentelis brauner runder Bart stand unbeweglich stille, darüber lagen die Augen geschlossen, als er halblaut seine Schilderung des eben geschauten Ärgernisses mit der Frage schloß: »Wie ist so etwas in einer wahren Demokratie möglich?« Alle bewegten bejahend die Köpfe. Bis auf Professor von Travolet, der lächelte mit leichtem Spott.

»Ich stelle die Frage anders: Ist überhaupt heute noch wahre Demokratie möglich?«, warf er ein und fügte bei: »Ja gewiß, auch bei uns in der Schweiz?« Der Anzweifler des angestammten, geheiligten Landesrufes, wonach Helvetien als ein jahrhundertaltes Vorbild aller modernen Staatsentwicklung voranleuchte, war der Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaft. »Ihr guckt mich nicht schlecht an, Freunde,« quittierte er die allgemeine Verwunderung, »aber da es schon sein muß, so rede ich offen. Eine wahre Demokratie war jenes Staatswesen, wie es bei uns vor achtzig Jahren bestanden hat, als der Grüne Heinrich Bezirksamtmann war und die sieben aufrechten Grauköpfe ans Schützenfest zogen und meinetwegen auch der etwas verworrene und unentschlossene Martin Salander sich mit Weltverbesserung befaßte. Damals gaben sich 7 die Leute im großen und ganzen mit ihrem Lebenslose zufrieden und hatten auch Grund es zu sein.«

Die Herren schauten sich fragend an, indes der Professor lebhaft erklärte: »Warum konnte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Schweiz einen liberalen Volksstaat schaffen? Antwort: Weil wirklich glückliche, behagliche Verhältnisse vorherrschten! Denken wir doch: keine einzige Großstadt im heutigen Sinne, – von den Städten die Überzahl idyllische Landflecken, die vielleicht hin und wieder an einer Eisenbahndummheit ein bißchen verkrachten, aber an dem Reichtum ihrer Stadtwaldungen und andern guten Quellen des Bürgernutzens sich wieder erholten. Da gedieh eine Bürgerschaft, die selbständig erwerben konnte mitten in einer harmlosen oder auch nicht harmlosen Seldwylerei. Und diese Landstädte waren die Kürbisse und Kukumern auf dem mächtigen Dunghaufen des heimatlichen Bauernstandes. Wer ist aber heute selbständig erwerbend? Und was ist unsere Mittelstandsbewegung anders als ein jammervolles, aussichtsloses Fiasko? Und doch möchte wenigstens sie noch auf einer gewissen Einsicht in die wirklichen Ursachen des Elends aufbauen! Der Nährboden für den demokratischen Charakter ist weggeschwemmt. An Stelle der Gutmütigkeit von früher ist eine grenzenlose Begehrlichkeit getreten. Nein, nein, Demokratie ist unter uns nicht mehr möglich.«

Die guten Bürger ließen ihre Häupter 8 beträchtlich sinken. Einzig der Landestopograph hielt stand mit einem schallenden: »Oha!«, um alsbald fortzufahren: »So weit im Sumpf stecken wir noch nicht.« Nun fielen auch andere über den Schwarzseher her und spickten ihn von allen Seiten mit: »Oho!« und »Aba!« und »Wieso!«

Herr von Travolet ließ diebisch seine Äuglein kreisen und versenkte zur Abwechslung seine Nase in den aufgeklappten Deckelschoppen.

»Der faule Zauber unserer Zeit,« hob er abermals an, »heißt: ›Die neue Wirtschaft‹! Gütererzeugung bis zur Bewußtlosigkeit – Steigerung der Bedürfnisse, auch der Bildungsbedürfnisse – Zerfall der angestammten sittlichen Formen – Erschöpfung der Nervenkraft! An diesem Gebräu trinkt sich unsere große Zeit ihre ungesunden Räusche an. Für den Katzenjammer braucht sie nicht zu sorgen. Der Staat kann nicht mehr mitkommen. Die Erziehung kostet ihn zuviel – die Justiz kostet ihn zuviel – die Sanität kostet ihn zuviel. Nichts als Schulhäuser und Gerichtsgebäude und Irrenanstalten mit den betreffenden Beamten und deren Teuerungszulagen!« Und da nickte auch schon alles ringsum mit zustimmendem Kopfneigen. Der Professor aber ließ nicht locker: »Und da nun mache ich keinen Hehl aus meinen angeborenen konservativen Instinkten. Ich bin nicht mehr für den Fortschritt. Der Götze unserer Zeit ist die Großindustrie – und wenn es denn schon an dem ist, daß sie uns den lieblichen 9 Schweizer Garten der Väter verhunzt – nun gut, so sollen die Betriebe und Fabriken aus ihren Überschüssen ihre Schulen und Spitäler für die Arbeiter selber errichten und unterhalten. Sinke der Bauer wieder auf die primitive Stufe zurück, auf der er sich einst wohl befand! Falle er der Kirche anheim – lasse er seine Kinder von Klosterschwestern unterweisen, statt vom aufgeklärten Schulmeister! Damit würde doch in einigen Hauptpunkten der Wirklichkeit nachgelebt. Mit dem unglückseligen Fortschrittsystem wird alles fälschlich über einen Kamm geschoren!«

Als der Professor von Travolet solches unter wachsender Verblüffung seiner Zuhörer gesprochen hatte, trank er den Humpen aus und besah, feine Falten auf seiner langen Nase, durch die dicken Brillengläser mit zwinkernden Augen aufs neue den Schaden, den er anrichtete. Besonders bestürzt waren zwei Fabrikanten. Der eine ließ hintereinander eine Reihe Streichhölzer einen vergeblichen Feuerkampf gegen seinen ausgebrannten Zigarrenstummel aufführen. Der andere schlang in nervöser Geistesabwesenheit einen Teller feuchter gelber Käsetörtchen leer, ohne einen wesentlichen Genuß an dem appetitlichen Leckerbissen zu bekunden. Das Bollwerk des Glaubens gegen den Zweifel verkörperte abermals der Landestopograph, der, nun völlig gedrungen und vierschrötig, über der nötigen Erwiderung brütete. Er trug sie mit erzwungener Ruhe vor: 10 »Kerle müssen wir haben! Die Neuwahlen in die Bundesversammlung stehen bevor! Oder ist etwa heutzutage die Ernennung eines Nationalrates ein weniger wichtiger Vorgang als in alten Zeiten eine Königswahl? Wo öffnet sich uns der Ring der freien Männer? Am Wahltage – im eilfertigen Gedränge vor der Urne? Oder im mechanischen Uhrwerk der Parteiversammlung? Wehe, wenn nicht vorher Einsicht und Überlegung gewaltet haben! Wir haben wenig Holz, mag sein – aber dafür gutes, Stammholz! Das Berner Bürgertum kann sich schon noch seinen Nationalrat schnitzen!« Die überwiegende Mehrzahl der Gleichgesinnten pflichteten dem Landestopographen mit Bravo und Zutrinken bei.

»Wen zum Beispiel?« näselte der Professor und stellte sich mit einem künstlich blöden Gesichtsausdruck unwissend. »Zum Beispiel – zum Beispiel,« jappte Benteli, da nun seiner Geduld der Faden zu reißen drohte.

Er kam nicht dazu, seinen Kandidaten auf den Schild zu erheben – der Name erstarb ihm im Munde! Seine Augen weiteten sich – seine Gesichtszüge verklärte der Anblick der unverhofften Erfüllung. Das rührte daher, daß er von seinem Platze gerade auf die Straße hinaus sah. Auf dem Graben draußen, vor dem Fußsteig, genau im Ausschnitt der Fensteröffnung, legte eben ein Polizist die Hand zum Gruß an den Schirm seines Tschakos. 11 Worauf dann zwei Sekunden lang der also Gegrüßte dicht hinter den Scheiben vorüberging! Ein eckig geformtes Haupt, auf einem bolzgeraden Rückgrat sitzend, entblößte sich auf Zollhöhe. Es kam ein gelichteter Haarboden zum Vorschein. Die linke Schulter, eckig im Ärmel abfallend, ragte, nur einen mittelgroßen Mann verratend, nicht allzusehr über den Strich des Simses hinauf. Ein wippender, federnder Gang trieb Rumpf und Haupt vorüber.

»Der Prokurator!«

Fast der ganze Stammtisch hatte ihn erkannt. Ein halbes Dutzend Stimmen mengte sich: »Der kommende Mann!«

»Senkrecht, wie er geht, ist er auch!«

»Und kein Streber – da liegt der Hund begraben!«

Sie streckten ihre Krüge in die Luft, ließen sie aneinanderklingen – jeder suchte den Blick des andern. Dabei erhoben sich alle wie ein Mann von den Stühlen. Einhellig klang der Ruf: »Es gilt! Ysenschmied!« Nur der lange Professor von Travolet beteiligte sich nicht an der Kundgebung.

»Cato! Haha! Mein Freund! Mein ehemaliger Leibfux!« lachte er trocken auf. »So, so – meint ihr wirklich – in den Nationalrat – Cato?« Die Namensnennung hinderte ihn nicht, des weiteren seine Anschauungen darzulegen. Schließlich – was heißt Bürger? »Ich glaube, der Bauer liebt den Acker immer noch eher als der Arbeiter seine 12 Maschine – und wenn sie die Fabriken zehnmal sozialisieren! Die heutige Welt ist nun einmal aufgespalten in Menschen mit und ohne Eigenbesitz – Die Arbeit steht für den Arbeiter, der sich nach ihr nennt, in der Luft – der Lohn, den er empfängt, ist kein innerer Anteil an der Leistung.« Von diesen Ansichten waren alle Anwesenden ebenfalls durchdrungen. Der Professor ließ sie nicht zu Worte kommen und belehrte weiter: »Und nun paßt auf, was ich sage: ein modernes Land besteht nicht aus einem Staat, sondern aus zweien – aus den Menschen des Eigenbesitzes und aus den Heloten seines Proletariates – beide sind aufeinander angewiesen und beide lassen sich nicht unter eine Haube bringen. Alles was innere Politik vermag, ist Interessenregelung auf Grund dieser Verschiedenheit – der Klassenkampf vernünftig ausgetragen, würde etwa den Handelsbeziehungen zweier Nachbarstaaten entsprechen. Ein Krieg aufs Messer soll ja gerade vermieden werden – wo einer hingehört, da gehört er eben hin.«

Nur ein Zuhörer in der lebhaften Runde verhielt sich stumm und verwundert – der auch durch Feinheit von Gesicht und Gestalt hervorstach und als Einziger nicht Bier, sondern offenen Weißen trank, ein Solothurner: Adrian von Roll, Direktor für Einfuhr und Ausfuhr am eidgenössischen Amt für Volkswirtschaft. Versonnen ließ er die hochfliegenden Ansichten des Fachgelehrten über sich 13 ergehen, er der Praktiker im gleichen Lebensgebiete, und bemerkte dann, als wieder der Name Ysenschmied fiel: »Merkwürdig, ich kenne den Prokurator nur vom Sehen. Wir haben noch kein Wort zusammen gewechselt. Ich werde trachten, mit ihm bekannt zu werden. Es muß in der Tat kein überflüssiger Mann sein – nach allem was ich jetzt wieder über ihn zu hören bekomme.« Damit erschöpfte sich die Unterhaltung, die Anwesenden erhoben sich.

 

Staatsanwalt Ysenschmied stieg die Treppe des anstoßenden Amtsgebäudes herunter, allwo er der Bundesanwaltschaft seinen Besuch abgestattet hatte.

Er dachte über den Vatermord nach: ein Student hatte seinen Vater erschossen! Noch knäuelten um die Untat allerlei unaufgehellte Nebenumstände. Wahrscheinlich lebenslängliches Zuchthaus! Weshalb? Wegen der Sekunde, da das Fingergelenk am Abzugbügel rückwärts zuckte? Höchst sonderbar – Das war seines Amtes! Ein eigentümliches Handwerk, das seine – gleichwohl! –

Er betrat die Straße in dem Augenblick, als die Stammtischler der ›Blausäure‹ an der Ecke des Grabens händeschüttelnden Abschied nahmen, und so lief er denn mitten in die Schar seiner Anhänger hinein, ohne Ahnung, bis zu welchem Grade sie es waren. Lachend wurden sie seiner ansichtig. »Eh, grüß Gott, Herr Prokurator – wenn es aber Euch 14 jetzt nicht in den Ohren schellt!« umtönte es ihn. Professor von Travolet gab ihm einen wohlwollenden Taps auf die Schulter: »Jawohl, mein lieber Cato, wir haben den Teufel gehörig an die Wand gemalt!« Und der Direktor von Roll wurde ihm in der Geschwindigkeit richtig vorgestellt.

Der Überraschte vermochte sich die wirre Huldigung nicht zu erklären, es sei denn aus der Wirkung des Abendschoppens. Er gab herablassend einige passende Worte zum besten. Seine beschaulichen Augen von brauner Farbe wanderten prüfend von einem zum andern. Er machte, daß er weiter kam. Sie sahen ihm alle nach.

Er war ein Mann von einer ausgeprägt verhaltenen Weise des Schreitens. Den einzelnen knappen Schritt betonte ein wippender Ruck auf den Fersen. Die Kniegelenke warfen die Waden elastisch nach vorn, worauf er die Sohlen fest und gesund aufsetzte.

Froh, mit sich allein zu sein, gewann er die ›Lauben‹.

 

II.

Breithingelagert mit den grauen Steinflächen und hochherrschend mit der goldgesäumten Kuppel, neben der die Fahnen flattern, ragt das Bundeshaus. Ihm entströmten Abgeordnete. Einzeln und in Gruppen eilten sie über den freien Platz. Zuletzt traten aus dem linken der drei gewölbten 15 vergitterten Portale dunkelgekleidete Herren: Hünen, mit Stierennacken und Säulenhälsen, auf denen Kugelköpfe mit Augenbüschen, Hakennasen und schimmernden Gebissen saßen. Der Urner Landammann Zwyer von Evibach ließ einen geistlichen Herrn zu seiner Rechten gehen. Es war das Pater Lukas La Roche, ein Konvertit aus der bekannten Basler Familie. Der Landammann, nur von mittlerer Höhe, ungemein breit über die Schultern, wurde überragt durch eine turnerische Kraftgestalt in ergrauendem Haarwuchs, mit rollenden Kugeläugchen – der kirchliche Volksführer Doktor Schnyder, in der Zwinglistadt Zürich als Advokat tätig. Die andern katholischen Nationalräte warfen Fragen dazwischen: »Ach, was? Ein Übertritt? Jemand von hier?«

»Darf man näheres erfahren?«

Der Geistliche bedeutete: »Er ist gestern aus Sevilla heimgekehrt. Wir müssen äußerste Verschwiegenheit bewahren. Es stehen ihm Widerwärtigkeiten in der Familie bevor.«

Wilhelm von Luternau – dem Geschlechte nach ›wohledelfest‹ wie sonst nur die Erlach, Mülinen, Wattenwil, Bonstetten und Diesbach – bereiste seit mehr als einem Jahrzehnt Archive und Bibliotheken im Auslande. Seine Mutter war eine Spanierin gewesen – soviel wußte man in der Stadt jetzt noch von ihm.

»Ah, ich sehe, sie ahnen nicht, was für ein 16 Triumph das sein wird,« eiferte der Pater im Flüstertone, nachdem er sich überallhin umgesehen hatte, »meine Herren, nicht eine gewöhnliche Bekehrung – eine Wiederkehr, eine Rückkehr! Gehen Sie nach der Junkerngasse, sehen Sie sich das Wappen an! Im schwarzen Feld ein silberner, dreimal gezinnter Balken. Woher das? O, meine Herren, wenn das kein redendes Wappen ist! Über siebenhundert Jahre sind es her, da hat im großen Kreuzheer ein Luternawe die Mauer von Antiochia gestürmt.«

Schnyder warf leicht den Finger auf: »Da –«. Ein Herr in erdgelbem Hut und Überzieher, der in einiger Entfernung den Platz überquerte und eben noch den Pater erkannte, zog vor diesem verbindlich den Hut. Leichtfüßig, auf gelenken Gliedern und schlankem Leib ein Knabengesicht – der Patrizier.

Die ländlichen Volksvertreter blieben stehen und bestaunten den Entwandelnden wohlgefällig. Schnyder rieb sich die Hände. Der Pater fügte hinzu: »Er ist im Vatikan gut angeschrieben und hat auch Beziehungen zum ungarischen Klerus.« Darauf schlugen alle zusammen die Richtung nach ihrem Gasthause ein.

 

In der Amthausgasse stieß Doktor von Luternau auf den Staatsanwalt Ysenschmied, der über seinen Vatermörder nachsann.

»Eh –«, rief jeder von ihnen auf seine Weise 17 verwundert aus. In dem Rundrahmen eines mit Tannzapfen und roten Beeren durchflochtenen Waldkranzes, der über der Auslage eines Blumenhändlers am steinernen Querbogen des Laubenganges hing, lächelte das bartfreie Haupt des Weltfahrers mit der frischrasierten, blauschimmernden Wange und Oberlippe.

Ihre Augenpaare versenkten sich ineinander. »Gott grüß dich!« sagte Ysenschmied mit schwerem Ton und hielt ihm langsam, von untenher, aus rundem Ellbogen die flache Hand entgegen.

»Du hast mir nie geschrieben!«

»Etwa du mir?« . . . Knappe, notdürftige Wörter! –

Ysenschmied, der ebenfalls sorgfältig, doch schlichter Gekleidete, auch körperlich um eine Handbreite Kleinere drehte bei. Mit eingelegtem Arm schob ihn der Jugendfreund neben sich her: »Nun bekommen die Berner etwas zu spinnen!« Indem der Patrizier diese Worte mehr sang als sagte, schlug er einen ganz bestimmten Ton an, den der Angeredete sofort erriet.

So singend pflegte ihr Lehrer, Rektor Methfessel, zu sprechen. Das war nun das Erste, auf das sie verfielen, diese Erinnerung an das Gymnasium, als hätten sie sich gestern erst über den drolligen Vorsteher lustig gemacht. Dessen Marotte war es gewesen, die Klasse möglichst nach den Eigenheiten ihrer Geschlechtsnamen zu gliedern. Mitschüler, von 18 denen der eine Schnell, der andere Dick, der dritte Blau, der vierte von Groß hieß, nannte er seine Adjektive.

»Ach,« ging es Ysenschmied auf, »alle paar Monate muß ich im Traume die Maturität bestehn. Vorletzte Nacht schwitzte ich wieder. Die Adjektive waren mir aufsässig. Ich floh in der Unterhose von Klasse zu Klasse. Da tauchtest du auf und hast mich erlöst – ich weiß nicht mehr auf welche Weise.«

»Erlöst?« stieß der Patrizier aus, gleich einem Schrei. »Ich – dich – erlöst?« Dabei stand er still. Dunkel und fremd loderte es unter seiner Stirn hervor. Aber ebenso rasch, als fühle er sich ertappt, setzte er sein heiteres, leutseliges Benehmen fort. »Hast du Zeit?«

Ysenschmied sperrte sich ein wenig. »Was? Ins Du Marché? In diesen Turmbau zu Babel? Statt irgendwo zu einem stillen Bier!« Luternau versetzte der messingenen Griffstange einen Stoß und hob mit dem Oberarm den Plüschvorhang innen am Eingang. . . . In einem Geschmack erbaut, der heute noch befriedigt, von Säulen getragen, mit gelber Wasserfarbtünche einheitlich bemalt, mit Arabesken und Blumenfresken belebt, von mächtigen Spiegelwänden erhellt, beherbergte die vordere Querhalle ein großstädtisches Publikum. Der ganzen Seitenwand entlang vereinigte das Kartenspiel eine Anzahl ältere Herren. Sie legten die roten Herzen und die schwarzen Schaufeln auf der grünen 19 Filzdecke auf. Diese dämpfte den einen und andern Faustschlag.

Auf der Bank, hinter Spielenden, saß ein Sechziger. Er saß so, daß er an den nächsten Schultern vorbei dem Gang des Spieles folgen konnte. Er tat es mit Aufmerksamkeit. Es war ihm anzusehen, daß er nur mit Überwindung unparteiisch blieb. Aus dem Hinterhalt verglich er die Aussichten der Gegner. Doch war es alles, daß ihm ein ärgerlicher Seufzer entfuhr oder eine Zustimmung dem Kopf einen Ruck nach vorne versetzte. Nun atmete er auf und biß sich entschlossen eine wohlgebildete, hellbraune Formzigarre, eine sogenannte ›Deutsche‹, zwischen die Zähne. In einem kühnen Winkel stach sie aufwärts in die Luft und rührte sich nicht, erglühte aber wacker an der Spitze und entwickelte alsbald die blaue, feinflüchtige Rauchfahne. Dieser Herr war Bundesrat Schauensee, für das laufende Jahr Präsident der Eidgenossenschaft. Seine Stirne leuchtete im erblassenden Oberlicht elfenbeinern zwischen dünnem, grauen Haar und einem buschigen grauen Schnurrbart. Er trug eine goldene Brille mit kreisrund eingefaßten Gläsern. Sein Hals wuchs aus einem niederen, schneeweißen Kragen, unter dessen Mitte sich ein schmales, schwarzes Bändchen zum lässigen Knoten schlang, der weite Ausschnitt seines schwarzen Rockes ließ die steife Wölbung frisch gebügelter Wäsche aufschimmern.

Ringsum machte sich fremder Schwarm breit. 20 Nach einigem Suchen hatten die Freunde an einem bereits durch einen Herrn besetzten Tische Platz gefunden. Die große Zeitung senkte sich und entgegen starrte ihnen das greise Haupt des Alt-Rektors Methfessel. Die blinden Augen kannten sich nur langsam aus, dann rutschte er auf dem Stuhlbrett herum, seine Mundwinkel zogen sich breit auseinander, die entzahnten Kiefer fingen an zu mahlen. »Da seht ihr sie sitzen,« erläuterte er das ärgerliche Schauspiel der neumodischen Umgebung, »die Taugenichtse, die Händler und Schieber und Zuhälter! Dirnen mit Zubehör – jaja, ich weiß, was ich sage. Säße die süße Lalage meines Freundes Horaz unter ihnen, es möchte noch angehen. Aber dieses Laster hier! Freche Schlemmer alle miteinander! Und diesem Ausbeutungspöbel hütet der Schweizersoldat die Grenze! Wo bleibt der Arbeitszwang für das Gesindel? Unser Ödland sollen sie uns bebauen, damit das Getreide reife.«

In schwarzem Rock, in weißer Trägerschürze tauchte die Kellnerin hinter dem behangenen Kleiderständer auf, Lisy, eine blonde Einheimische. Ihre Frage nach den Wünschen hatte, unter wohlgefälligem Blickwechsel, eine wortkarge Bestellung zur Folge.

Als der alte Herr sich umständlich empfohlen hatte, wurde Luternau unruhig. »Sieh dort – ich meinte, es sei verboten zu würfeln?« Ysenschmied erging sich gutmütig und des längern in der 21 sachlichen Richtigstellung. Glücksspiele seien verboten, gegen das Spiel ohne Geldumsatz lasse sich nichts einwenden – er gebe zu, der Umgehung des Gesetzes sei in einem solchen Betrieb Tür und Tor geöffnet. »Also, lieber Freund, genügend unerfreulich gewiß – ich selbst gehöre zu denen, die schwarz in die Zukunft sehen. Aber du wirfst ja wegen der Würfel im Lederbecher Blicke um dich, als befänden wir uns noch in den Zeiten der hochlöblichen Sittenmandate, die auf ein Glas Wein zu viel den Rutenstreich setzten und auf einen Kuß zur Unzeit das Halseisen.«

»Tu ich das? Werf ich wirklich Blicke um mich?«, fragte Luternau schüchtern – und fuhr sogar ein bißchen zusammen. Lisy setzte ihm das Zitronenwasser hin. Zur Rede gestellt über die bedenkliche Kundschaft verzog sie die Lippen auf eine hübsche Weise: »Was ficht's mich an, solange sie gut Trinkgeld spendieren. Daran fehlt es einstweilen nicht. Die Großhänse! Der eine übertrumpft den andern! Jeder nobler als der Vorhergehende! Mir sind schon Goldvögel zugeflogen. Das kommt alles meinem zukünftigen Leinenschranke zugute. Die Wäsche ist unerschwinglich teuer geworden.« So wie Lisy dastand und das sagte, schlicht, natürlich, klug und unerschrocken, bot sie ein Bild gesunder Wohlanständigkeit.

Sie fuhr zusammen, getroffen vom aufkreischenden Anruf ihres Namens durch eine blecherne 22 Stimme. »Ach der!«, knirschte sie und wandte sich langsam weg. »Sie meint den Sozialistenführer Pletterer,« teilte Ysenschmied Luternau mit, als beide dem Mädchen nachsahen. »Sieh dir ihn an – dort hinten der dritte Tisch rechts – neben dem Eingang. Das ist der große Schädling, der unverantwortliche Hetzer, der Spießgeselle des roten Terrors« – Und sie beobachteten das ›große Tier‹. Es sah gesund und wohlgenährt aus; die flache, schräge Stirn lag reingefegt und rechteckig wie ein gescheuertes Brettchen unter dem steilgekämmten schwarzen Bürstenhaar.

Man sah bis hinten hin zu den grünen Billardflächen und den gefüllten Metallschalen alles gleich deutlich. Die Luft roch von Düften, – feines Gebäck, feine Salben. In den hohen Wandspiegeln ging es noch um die Ecke. Hintere Räumlichkeiten öffneten sich im rechten Winkel zu Büfett und Billardsaal.

Der Verkehr der Gäste ließ einen Schichtwechsel bemerken. Die ausgesprochen bürgerlichen Besucher, alle die irgend an Hausordnung und feste Verabredungen zum Abendessen gebunden waren, brachen auf. Ebenso lichteten sich die Reihen am Spieltische der Politiker. Die Aufwärterinnen und der Zeitungsbursche in der grünen Livree mit den goldnen Knöpfen bekamen alle Hände voll zu tun, um den Herren in die Überzieher zu helfen. Es wurde bemerkt, daß der Bundespräsident, bei der Drehtüre 23 angelangt, darauf bestand, die Näherstehenden ruhig vorgehen zu lassen und sich den ihm gebührend angebotenen Vortritt ärgerlich verbat. »Ach was, wozu denn diese Stempeneien?«, hörte man ihn sagen.

Die Musikanten hinten rechts auf dem Podium, am lautesten die Baßgeige, strichen an, stimmten. Von den roten Samtpolstern den Wänden entlang erhoben sich die Paare und begaben sich in den hintern Saal.

Inzwischen war Ysenschmieds Anwesenheit bemerkt worden und tuschelte sich herum. Mehr als eine der leichtfertigen Gesellschaften an den Marmortischen schien es ungemütlich zu empfinden, daß derselbe Raum sie und einen Staatsanwalt umspanne. Starren Blicken folgten übertriebene Heiterkeitsausbrüche, man trank sich mit Nachdruck zu. Andere reckten sich im Hintergrunde auf die Zehen und äugelten. Plötzlich stieg lebhaft winkend ein Handrücken aus dieser Gegend empor und alsbald erhob sich der bekannte Rechtsanwalt Rysold, eine auffallende, bestechende Erscheinung, – trat auf die beiden ehemaligen Schulkameraden zu und bat um Erlaubnis, sich an ihren Tisch setzen zu dürfen. Ysenschmied beobachtete den Schein von Mitwisserschaft im geistreichen und aufgeräumten Gesicht des Advokaten. Ein jähes Mißbehagen lähmte ihn. Warum saß er hier? Wie unvorsichtig mitgegangen zu sein! In was für eine Gesellschaft war er geraten? Er erhob sich schroff – es gehe auf halb sieben.

24 »Ach warum nicht gar – Cato!«, rief der Weltmann Rysold – »Noch einen Blick! Kommt doch! Seht doch – das alte Philisternest mausert sich zur Weltstadt!« Und der hintere Saal mit den Tanzenden tat sich schräg vor ihnen auf. Oh ja – mit der Weltstadt hatte es schon seine Richtigkeit! Dieses faule und geile Schleichen, den Negerkneipen New Yorks abgelauscht, nannte man heutzutage Tanzen. Lisys blonder Haarschopf eilte über die Köpfe weg, dann sah man nur noch die Halbwelterinnen mit dem matten Farbenstrauß der sich knitternden Seidenstöffchen. Tanzend und auf dem weißen Lack der Stühle verdichteten sie sich zu einem verwirrenden Schwarme. Doch stach eine grelle, herausfordernde Toilette an einem anspruchsvollen Körper ab. Mit einem Blick sichtete Ysenschmied die ihm sattsam bekannte, wegen Erpressung und Kuppelei mehrfach vorbestrafte Nora Sagg, die unter dem Namen Diane la Princesse ein einträgliches Dasein führte. Diese anrüchige Weibsperson, die nicht so sehr geschmacklos aufgedonnert als durch Spitzen und Juwelen mit einer luxuriösen Zurückhaltung gekleidet war, holte sich entschlossen den Fürsprech Rysold zum Tanze herbei.

Während aber der Leichtfuß und die Kokotte die ersten Schritte zu einem trägen Schleifer auswogen, richteten sich die Augen des Aristokraten Wilhelm von Luternau in großer Erregung auf ein in geflochtenen Armsesseln sitzendes, stummes 25 Liebespaar. Der junge Mann fiel auf durch seinen langen edeln Slavenschädel mit nußschalenbraunem, gescheiteltem Haar – er litt an Nervenkrampf, der warf ihm den Nachen ruckweise in der Spirale herum, das nahm sich dann aus wie ein gewaltiges Kopfschütteln. Seine Partnerin, ein blutjunges Ding, auf alabasternem Hälschen das eirunde Gesichtchen, das Haar, glatt und braun, über den Ohren in Schnecken geflochten – trug das schneeweißeste Kleid von der Welt – dünne, bebende Seide. Ihre sanfte Rede sang in das Piano der Geigen.

»Wer sind die da?« entfuhr es Luternau. Er flüsterte heiser. Das Paar mußte ihm eine ganz bestimmte Vorstellung oder Erwartung erwecken, die ihn sowieso in starker Spannung erhielt. Als ihm nun von Rysold hingeworfen wurde, es sei das Vladan Severinovits aus Belgrad und die bekannte Maria Ozorai, stieß er einen leisen Schrei aus, und ohne sich mehr um Ysenschmied im geringsten zu kümmern, trat er auf den Serben und die Ungarin zu, beugte sich zu den Überraschten, gab sich zu erkennen und zog sich zum Gespräch einen Sessel unter den Leib mit dem Rücken gegen den Jugendfreund, den er doch veranlaßt hatte, mit ihm in das Café zu kommen. Der Fürsprech Rysold und die Kurtisane drehten sich im Knäuel der sittenlosen Vergnügungssüchtigen.

Ysenschmied lachte rauh auf. Zu Bern, in 26 Begleitung ehemaliger Schulkameraden – stehengelassen – mitten im neumodischen Lumpengesindel zur Schau gestellt – er, der peinlich sich seinen Umgang wählte – nichts Anstößiges in seiner Nähe duldete! Geschah ihm recht! Es sollte ihm so bald nicht wieder begegnen! Hinter dem Büfett herum gewann er den tünchekahlen, schlauchartigen Korridor, der als Not- und Nebenausgang ihn durch das Hinterhaus in einen Hof entließ. –

Er stolperte über unebenes Pflaster. Eine Hand wuchtete auf seine Schulter. Lachen in hohem Ton auf den Buchstaben ›I‹ ausgestoßen, kreischte neben ihm auf. »Was Teufels hat der Prokurator Bern-Mittelland im ›Du Marché‹ verloren?« Da wußte Ysenschmied, wer ihm Guten Abend wünschte.

Es lief in den vielbegangenen Bundesgassen wohl kaum ein so vollkommener Verstandesmensch herum wie der Polizeihauptmann Auenstein. Unter der ersten Laterne, in deren trüben, unzulänglichen Schein sie traten, quoll unter dem schwarzen steifen Hut sein breites Gesicht mächtig auf. Die breite Narbe eines Säbelhiebes furchte die linke Wange.

Sie gingen zusammen die Stadt hinunter. Auenstein hatte den Studenten, der seinen Vater ermordete, eigenhändig verhaftet. Der Revolver rauchte noch: da bewies ihm der Fanatiker in wohlgesetzter Rede, er habe etwas Selbstverständliches getan, es beginne nun eine neue Zeit! »Er wollte wirklich töten – das ist mein fester Eindruck.« Die beiden 27 Schüsse waren von oben gesetzt, überm Schlüsselbein, abwärts, auf das Herz zu. Die ›Große Wundschau‹, wie sich das betreffende Sachverständigenkollegium nennt, konnte sich eines eben solchen Anzeichens geschlossener Mordabsicht nicht leicht erinnern. »Ich sehe schon – ich werde lebenslänglich geben – für wen sind denn die Höchststrafen da, wenn nicht für einen solchen Kerl«, knirschte Ysenschmied.

Die uralte, breite Gasse lag in der spärlichen Beleuchtung da wie eine mächtige, endlose Wanne. Inmitten des Fahrdamms, der in dieser Abendstunde fast von jedem Verkehr entblößt war, klopften die Sohlen an breiten Steinplatten auf. Das Echo hallte den hohen Häusern entlang. Es hörte sich wie eine menschliche Behauptung an: ja ja janeinja – ja ja janeinja.

 

III.

Vor dem Laden der Bäckerei Rohr an der Gerechtigkeitsgasse ging wohl nicht mancher vorüber, ohne vor der Auslage stehen zu bleiben. Die Türklingel ging fleißig, die Kundschaft löste sich unter freundlichen Grüßen und kurzen Gesprächen ab. Eine muntere Verkäuferin, unter Mittelgröße, sehr anmutig, bediente. Sie war wie die segenspendende Ceres anzusehen, die hinter ihr, an der Wand, wandelnd ein Plakat ausfüllte. Die hellen Brötchen, 28 die schwereren und dunkleren Brote, die Düten mit dem Naschwerk entströmten nur so ihren Händen. »Macht also drei Franken fünfunddreißig und fünfundsechzig zurück – Danke, Jungfer Forster.« – »Adieu, Fräulein!«

Die alte Stadtwohnung war um vieles tiefer als breit. In der Tiefe öffnete sich ein hinterer Raum, durch eine Stufe abgegrenzt. Dort saß die Mutter, Frau Rohr auf dem Wachstuchsofa, über den Strickstrumpf gebeugt, die Brille auf der Nase vorgeschoben – spitzte jetzt aber, ohne den Kopf zu rühren, die Ohren nach dem Gespräch, das neben ihr am Haustisch ihr Sohn Otto, der Bäckermeister, mit seinem Besuche, einem Weinhändler, führte.

Der Kaufmann schüttete sein Herz aus: er hatte für zweimalhunderttausend Franken spanischen Kupierwein auf Lager und durfte ihn in der Schweiz nicht verkaufen. Ein vorteilhaftes Angebot nach Schweden lag vor, doch, obschon der Handel von Neutralen durch Neutrale an Neutrale gegangen wäre, war die Erlaubnis nicht zu erlangen, da die neutrale Bestimmung, der endliche Verbrauch durch das empfangende Land nicht verbrieft und besiegelt werden konnte. Er konnte also die Ware nicht los werden. Der Wein trocknete jeden Monat um einiges ein, und der Besitzer mußte den Zins drauf schlagen.

Otto Rohr trug einen napoleonischen Knebelbart, der ihm auf den ersten Anblick ein kriegerisches Ansehen lieh. Doch waren seine Augen unbestimmt 29 wässerig, und seine Stimme hörte sich weichlich an. Er teilte die Entrüstung seines Geschäftsfreundes über die obwaltenden Verhältnisse. Seine hohlen Wangen liefen rot an. Er redete heiser und mußte husten.

»Niemand will das Vaterland schädigen, aber das Vaterland schädigt nun bald uns – es gereicht in der Schweiz zum Nachteil Schweizer zu sein. Die Durchführung des Gesetzes trifft den Ausländer nicht, weil er nicht im Handelsregister steht. Auch die Kursschwierigkeiten kann er zu seinem Vorteile wenden. Beispiele auf allen Gebieten: der Kaffeeimport geht durch fünf Hände. Und dann immer diese Ungewißheit, ob klauselfrei, oder ›mit Klausel‹ – wie soll man da noch ruhig schlafen, wenn man Gefahr läuft, Hunderttausende Strafe zu zahlen, nur deshalb, weil schließlich kein Mensch mehr sich auskennt, was er tun und lassen soll! Oder: Holz, um eine Baracke zu bauen, darf man ausführen, die fertige Baracke nicht. Und doch werden beständig vom Bausyndikatsverband Baracken ausgeführt. Woran liegt dies? Wer erlaubt und wer verhindert? Es ist alles zurückzuführen auf den Brotneid der Beamten gegen die Geschäftsleute, Bureaukraten bestimmen.«

Der bekümmerte Bekannte brach auf. Otto legte hinter ihm die Ladentür ins Schloß und kehrte zu seiner strickenden Mutter zurück. »Sind das Zeiten, Otto!« Sie nahm sich die Brille ab und wollte 30 sich des weiteren über den Lauf der Welt auslassen.

Da erschallte die Stimme der Verkäuferin: »Ei, Frau Rohr, nun erhaltet Ihr aber vornehmen Besuch!« Hinter der Auslagescheibe, draußen auf der Laube wurde der Staatsanwalt sichtbar, wie er sich erst noch in die Herrlichkeiten des Schaufensters versenkte.

Als er eintrat, wurde die alte Frau eitel Würde und Honigseim: »Vetter Bernhard! Wie geht es dem Herrn Vetter!«

»Danke, Tante – ich wollte eben einmal bei Euch vorschauen.« Nicht genug, daß sie ihn feierlich nach hinten komplimentierte – kaum saß er da in der Mitte des schwarzen Wachstuchsofas versenkt, so stellte sie einen Teller von Törtchen und Zuckerbrötchen vor ihm auf. Und wie sehr er ihrem Drängen immer wieder die gleiche Abwehr entgegensetzte: »Nein – seht, jetzt gewiß nicht!« so ließ sie nicht locker mit dem ausgestreckten Finger zu zeigen und namentlich den Würfel mit dem rosenroten Himbeerguß anzupreisen, bis er ihn ziemlich hilflos zwischen seinen Fingern hielt und hineinbiß. –

Aus dem Hausinnern nach dem Laden ging die Türe auf. Mathilde, Ottos Frau, hielt eine dünne Steinvase mit Astern und Dahlien in der Hand. Dann lachten alle über das Hindernis der Begrüßung, das Bernhard erst herunterwürgen mußte, ehe er guten Abend sagen konnte.

31 Als er den Wohlgeschmack der Törtchen lobte, besonders der runden mit dem rosaroten Himbeerguß, wurde ihm erwidert, allein das Du Marché erhalte täglich zwölf Dutzend und mehr davon und manchmal lange auch das noch nicht. »So, die sind von Euch?« rief Ysenschmied aus, »die Kuchenkörbe leuchteten von roten Tupfen.«

Ysenschmied war unverheiratet geblieben nach einer langen Freundschaft mit Mathilde Walthard, und es hätte sich damals eher an einen andern Ausgang denken lassen. Die Kameradschaft hatte vorgehalten, auch als Vetter Otto sich mit Mathilde verlobte. Sie zog damit in ein Haus ein, in dem er von Jugend an daheim gewesen war. Dieses alte Gebäude in der Unterstadt, aus dem vom Großvater auf den Enkel der warme Teigdunst emporquoll, war, so weit er sich zurückbesann, sein Dorado gewesen. Und fiel man auf den Schleichwegen der indianischen oder raubritterlichen Knabenspiele durch Winkel und Verließe von ungefähr in einen jener Bretterverschläge, der mit Süßholz, Dörrobst oder Rosinen angefüllt war, so befand man sich im Schlaraffenland. Daß Bernhard die besagte Heirat gerade angestiftet habe, wäre gewiß zuviel gesagt – aber er unternahm doch nichts wider etwas, das zu verhindern vermutlich in seiner Macht gelegen hätte.

Ohne über den Strickstrumpf hinwegzusehen, eher noch angelegentlicher als sonst mit ihm 32 beschäftigt, wechselte die alte Mutter Rohr ihre eben noch recht herrische Stimme gegen das sanfteste Register aus und sprach um das Bedauern herum, daß ein so ausgezeichneter, hochangesehener Herr in den besten Jahren seine Freunde immer noch nicht selbzweit besuche.

»Ach Mutter,« ärgerte sich Otto, »fanget doch nicht wieder davon an. Ihr wißt, Ihr langweilt Bernhard.« – Sie wisse, was sich gehöre, so gut wie ihr Bübchen – und wenn sie selber, schon mit einem Fuß im Grabe, ihre Kenntnisse über die göttliche Anordnung des Weltlaufs zu bereichern trachte, warum ein gewisser Jemand der Ehe so beharrlich zu entrinnen suche, so verdiene sie dafür, dünke sie, keinen Vorwurf. Da richtete der Vetter Ysenschmied so gelassen wie möglich seinen Bescheid an die würdige Verwandte:

»Ich glaube, es hängt mit meinem Berufe zusammen. Ihr dürft nicht vergessen, ich muß mich von Amts wegen mit der menschlichen Gemeinheit abgeben. Da wäre es an den Männern schon genug. Aber was man in diesem Kapitel mit den Frauen erlebt, einen Tag um den andern, man sollte es nicht für möglich halten. Meine Akten platzen davon. Ich habe es nicht gegen die Frauen, wohl aber gegen die Flachköpfe und Wüstlinge, die nicht mit ihnen ein uferloses Erbarmen haben. Da sagt man denn: die Frauen sind doch denkende Wesen. Ich nehme offen gestanden immer weniger etwas 33 von Logik bei ihnen wahr, Tante Emilie! Darum heirate ich nicht.«

Im Hinterstübchen eines Bäckerladens klang diese Rede so seltsam, daß das tägliche Hausgeräusch, die Ladenglocke, sie überschrill aus Wolkenhöhen in die Geschäftswelt herunterriß. Es waren zwei französische Internierte in himmelblauen Mänteln. Otto ging nach vorn und machte sich der fremden Krieger wegen am Ladentisch zu schaffen. Nun brümmelte die Muhme, sie müsse nach dem ›zu Nacht‹ sehen, und schritt zur hinteren Türe hinaus. Die Summiswalderuhr, mit ihrem blumenbemalten schwarzen Holzwerk auf auswärtsgekrümmten Goldfüßen, brachte und brachte die sieben Schläge nicht hervor. So langsam schlug sie immer, wenn es not tat, sie frisch aufzuziehen.

Vor Mathilde stand der Korb mit Mandeln und eine Schale. Sie hatte fleißig aufgeknackt. Nun ließen ihre Hände die Mandeln in Ruhe. Sie stützte einen Arm auf die Ecke auf und legte das Kinn auf den Daumenballen. »Also Logik verlangst du von uns, Vetter Bernhard –« – »Ja, den Menschenverstand, den es zum Leben braucht.« – »Und die Seele – braucht es die erst zum Sterben?« Die Augen füllten sich ihr mit Wasser. In die Winkel ihres schmalen Mundes furchten sich strahlenförmig seine Rinnen, diese Hautfältchen begannen zu beben, schnell und schneller.

Ihr Anblick rührte den Bezirksanwalt ein 34 bißchen. Der Eifer, mit dem er gelegentlich das Schwurgericht zu überzeugen trachtete, beflügelte seine leisen Worte: »Sieh, Mathilde, es mußte einmal gesagt sein. Was sollen denn Tränen! Ich sage dir, ich habe Diebinnen und Mörderinnen heulen sehen, so schön wie die kannst du es noch lange nicht. Ich an deiner Stelle würde mir die Mühe sparen.« Da huschte dankbar ein Lächeln auf, und das tupfende Taschentuch schaffte Ordnung.

Etwas war aber doch in Stücke gegangen – ein Vertrauen, eine Zugehörigkeit, wie man's nennen mochte. Wieder durchbrach das Knacken der Mandeln die Stille. Aus einer dicken, stark gewölbten Schale kollerten gleich zwei Kerne auf die Tischplatte. Sie waren von derselben Samenhaut umschlossen gewesen. . . . Das war es, was nun anders war. Früher hatte man eine solche Freundlichkeit des Zufalls wahrgenommen, als eine der Gelegenheiten, sich das Leben zu erheitern. Jetzt blieb das Vielliebchen ungegessen liegen. Mathilde legte die braunen, ineinander passenden Kerne zu den übrigen, aufgeknackten.

Die Bäckerswitwe trat wieder durch die Türe ein, durch die sie vor fünf Minuten hinausgegangen war – ungleich im Wandel ihrer Füße in Anbetracht eines gichtischen Knöchels. Über den Rand ihrer Brillengläser spießte sie das Paar, – Vetter und Schwiegertochter, die sich schweigend gegenübersaßen, – mit einem langen, von unten 35 emporstechenden Blick auf, während sie in ihrem schweren Altfrauentritt an ihnen vorüberschwankte, ohne ihrer mehr zu achten.

Im Laden befanden sich wieder einige französische Soldaten, deren horizontblaue Mäntel ein zusammenhängendes Farbenfeld bildeten. – Plötzlich wurde die Ladentür mit besonders heftigem Schellenlärm aufgestoßen, und herein brachen Mathildens Geschwister – die jungen Waltharde – ein blondes Fräulein und zwei jüngere Herren: Zwillingsbrüder und ihr Nesthäkchen von Schwester. Stadtbekannte Wildfänge und idealistische Stürmer alle drei: Heinrich der Arzt, – um der milden Mischung willen, in der er zugleich als Freidenker und als Menschenfreund von sich reden machte, der ›gottlose Heiland‹ geheißen. Werner der blasse, kühne Zeitungsschreiber und Reiseberichterstatter mit blondem, steil aufgebürstetem Haar, ein vollblütiger Berner und doch ein zweifelhafter Patriot, da durchgreifende Weltgrundsätze, wie Alkoholgegnerschaft und Verweigerung des Waffendienstes, sein eifriges und hilfsbereites Herz beherrschten. Der Ähnlichkeit nächster Verwandtschaft half ihre Tracht nach: beide trugen, Arzt wie Federmann, ein helles Bocksbärtchen und einen randlosen Kneifer auf einer etwas posthörnlichen Nase.

In vertraulichem Onkelton faßte Ysenschmied das Mädchen, das allen voran auf ihn zueilte, an den beiden ihm entgegengestreckten Händen: 36 »Elisabeth!« Ihre helle schwebende Stimme, ihr blauäugiges Antlitz, die breiten goldnen Zöpfe, die sich über der Stirn zur Gretchenfrisur schlangen, rechtfertigten diese intime Begrüßung reichlich. Mathilde kannte Bernhards Vorliebe für ihr Schwesterchen: »Nun ja –«, warf sie verstimmt dazwischen und trat beiseite, »man kennt ja diese Wiedersehen zwischen euch!« Die junge Volksschullehrerin aber, ein wildes, ursprüngliches, auf den ersten Blick hin bezauberndes Wesen beförderte nach einem ungefragten Griff auf den Ladentisch ein himbeerfarbiges Zuckerbrot zwischen die blendenden Zähne und warf sich bequem und schwärmerisch auf das Wachstuchsofa, sprang aber sogleich wieder davon auf, als sie die Anstalten ihres verehrten Freundes wahrnahm, sich zu verabschieden.

Ziehen ließ ihn Elisabeth nicht, ohne eine Überraschung an den Mann gebracht zu haben. Sie machte Miene, dem Hinausgehenden die Ladenjungfer und Buchhalterin des Rohrschen Geschäftes vorzustellen – Ysenschmied nickte verbindlich, er hätte bereits das Vergnügen. Darauf hatte es die Schnippische abgesehen: der Herr Prokurator kenne wohl das Fräulein Forster, hingegen nicht die zukünftige Frau Emil Meisterhans – Da fuhr allerdings der Staatsanwalt nicht schlecht herum: »Was? Doch nicht der Redakteur vom ›Volksweg‹? Der Hetzer? Der Revolutionär?« Er kannte von Rohrs her die Charaktervorzüge der hübschen Ladnerin, und 37 über ihre leibliche Lieblichkeit belehrte ihn auch jetzt wieder ein flüchtiger Blick auf sie. Der Braut war es um den guten Leumund zu tun. Sie wehrte sich: »O – Sie kennen Meisterhans nur von der Zeitung, da muß er eben manchmal ein bißchen wüst ins Zeug gehen. Aber sonst ist es gar ein Lieber. Und was an mir liegt, soll er gezähmt werden. Mein Leiblied ist die Internationale nicht.« Doch war Ysenschmied an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Sein kurzes Gespräch, mit dem er sich als notgedrungener Gratulant aus der Sache zog, klang zugeknöpft: man spürte, in einem derartigen Fall hörte für ihn die Gemütlichkeit auf. Er empfahl sich denn auch rasch und rief mit seinem schroffen Abschied einem lebhaften Nachspiel unter den Zurückbleibenden.

Mathilde Rohr warf ihrer Schwester Elisabeth vor, sie wisse nicht was sich gebühre. Diese aber, in mädchenhafter Ausgelassenheit, wollte von Reue nichts wissen und lachte sich eins ins Fäustchen. Auch kamen ihrer Behauptung, dieser Prokurator sei ein unverbesserlicher Egoist und Pedant, dem eine Lektion gehöre, die Brüder zu Hilfe: »Mathilde, wenn du wüßtest, wo er vor einer Stunde sich eben noch herum getrieben hat!« Sie erinnerte sich seiner Andeutung und bejahte gelassen, nun ja doch – im Du Marché. Aber in welcher Gesellschaft? Sie gab zu, das wisse sie nicht – es werde ja auch wohl einerlei sein.

Und nun kam es heraus, die Brüder hatten bei 38 einer Zitronenlimonade hinter einem vollbehangenen Kleiderrechen das Beisammensein belauscht. »Nun mit wem war er denn zusammen?« Nachdem Heinrich, der Arzt, die Enthüllung vorbereitet hatte, sprach sich Werner, der Journalist, offen aus: »Es ist ja doch kein Geheimnis, daß der in Spanien lebende Doktor von Luternau zum Katholizismus übergetreten ist. Durch einen Zufall bin ich überdies in den Besitz vertraulicher Kenntnisse gelangt. Ein Herr Müller, ein Ingenieur, der lange in Spanien war, hat von dort Briefe erhalten – darin steht das Neueste. Wilhelm von Luternau ist Jesuit! Ob Vetter Bernhard eine Ahnung davon hat? Kaum!«

 

IV.

Die Villa ›Bühl‹ in ihrem weißen Anstrich über den Bäumen der Sonnenhalde war der Wohnsitz von Legationsrat und Oberstleutnant Hans Manuel . . . Drinnen in dem Eßraum schalt die Hausfrau tüchtig ihre Zofe aus. »Was sagen Sie? Sie haben gemeint, weil nur der Herr Prokurator kommt und er zur Familie gehöre? Nur! Ich bin sprachlos. Mein Bruder wird bei uns empfangen wie ein Bundesrat, merken Sie sich das. Bringen Sie hurtig das Gedeck in Ordnung!« Frau Anna Manuel begab sich in den Wohnraum hinüber, wo ein spiegelschwarzer Flügel die Ecke füllte und auf grünseidener Tapete ein Hodler und gute ältere 39 Bilder hingen. Der Gast, Bernhard, stand da und wartete.

Ihr Mann trat ein, von schlankem Wuchs und überragender Größe, mit kurz gehaltenem, viereckigen Bartschnitt, der das ausspringende Kinn noch unterstrich. Im flachen Bogen schwang sich die Gratlinie des langen, kahlen Schädels nach hinten . . .

»Anna,« lächelte er den Geschwistern zu, »der französische Botschafter entdeckte heute nachmittag mit einer Verbeugung meine Schwagerschaft und meinte: »Vous avez là un procureur comme il faut.«

Der schwarze Kaffee wurde draußen in der mächtigen Halle eingenommen, wo der geübte Jäger, der Manuel war, seine Trophäen an den Wänden prangen hatte. Er bedeckte sich, da er kühle Luft seiner Kopfhaut wegen scheute, mit einer hellbraunen Stachelmütze, die aus dem Balg eines Igels gebaut war und hielt die kurze englische Pfeife mit raschen Atemstößen in Brand. Die Hausfrau hätte bei einem Haar etwas vergessen. Sie eilte die Treppe hinauf und brachte in einer Schachtel einen alten Ratsherrnmantel aus der Ysenschmiedschen Erbteilung, natürlich tüchtig eingekampfert. Man stöberte im Familiengedächtnis. Das hundertjährige Gewebe hatte in aller Stille durchgehalten, treu und bieder, ohne von sich reden zu machen. Es fühlte sich immer noch dauerhaft an und sah gar nicht besonders abgeschossen aus. Bernhard sagte: 40 »Ist das denn nicht noch ganz gutes Tuch? Ich wollte nichts sagen, wenn wir normale Zustände hätten. Aber in diesen Zeiten?«

Anna prüfte ihrerseits: »Verschenken, meinst du?«

»Dafür bin ich dann wieder nicht. Wir dürfen die Reliquie nicht aus dem Hause geben.«

»Also warten, bis die Kinder drin Scharade spielen können?«

Er antwortete ihr nicht gleich. Er setzte sich in einen der Rohrsessel und legte sein Gesicht in Falten: »Hör jetzt – ich bin nicht für rührselige Vergangenheitskrämerei. Was tot ist, sei tot! Aber so lang es noch etwas taugt, gehört dieses Tuch irgendwie ins Leben. Warum schließlich nicht noch etwas Nützliches damit anfangen, falls es wirklich noch so ist, wie es aussieht – halbneu?«

»Ach, das schlägt den Macherlohn nicht heraus,« meinte Anna geringschätzig, »ich habe alte Bettwäsche, nicht umzubringen sage ich euch – Urgroßväterflachs – man hört das Spinnrad surren, wenn man sie anfaßt. Meint ihr, mein Dienstmädchen legte sich in ein solches Leintuch?«

Bernhard senkte die Stimme, die schon von Natur nicht laut war. Die Andacht ließ sich nicht überhören, mit der er sprach: »Anna – geh du in die Junkerngasse zu dem Schneider Röthlisberger, nimm den kleinen Klaus mit, und deine Berta soll dir den Ratsherrenmantel im Marktkorb hinterhertragen. Er sagt dir, ob du die paar Franken dran 41 wenden sollst. Meint er, es wäre es wert – so würde ich deinem Jungen – –« Er durfte nicht zu Ende reden: »Es ist gottlob bei uns kein Trauerfall in Sicht, daß der Bub mir kohlenschwarz herumstoffeln soll,« herrschte sie ihn an.

Der Legationsrat hatte die Geschwister beobachtet mit guter Witterung für Männersinn und Weibersinn. Es unterlag für ihn keinem Zweifel, daß er sich auf die Seite des Schwagers zu schlagen habe: »Ich möchte Kläuschen gern in einem Kuttchen um mich haben, dessen Zeug vor hundert Jahren sich auf einem Ratssessel rieb. Bernhard hat Recht.«

Frau Anna stellte geräuschvoll Biergläser beiseite und verfiel in ihren barschen Ton: »Bernhard soll heiraten. Er ist der letzte Ypsilon- und Mittellöwen-Ysen! Jawohl, Herr Bruder! Für deinen Jungen will ich gerne Pumphöschen schneidern lassen.« Und nun begann die Standrede auf das ledige Elend. Unter der verpaßten Gelegenheit pflegte sie ihm nicht etwa sein Versäumnis gegen seine jetzige Base Mathilde vorzuhalten. Eine ganz andere Enttäuschung als diese hatte er einst seiner Schwester bereitet. Und so fiel ihr das wieder aufs Gemüt, daß sie keines Wortes mächtig aufsprang, in ihr Wohngemach verschwand und alsbald ein Bild in den Händen zurückkehrte. Die gerahmte Photographie pflanzte sie mit einer herausfordernden Gebärde auf das Tischchen ihm unter die Nase. 42 »Diese da ist dir bestimmt gewesen, sie hat dich geliebt – ehe sie sich die Brosche mit dem Emailschild vor den Hals steckte.«

Die feine Frauengestalt unter dem Rahmenglas stellte Beate von Diesbach dar, in Diakonissentracht, weißes Häubchen und blaugeblümtes Leinenkleid. »Du wußtest es. Du hast keinen Finger gerührt. Du warst zu bequem – zu pomadig in deiner Junggesellenherrlichkeit – es ist zum Heulen – so eine Unterlassung verjährt nicht – noch nach zehn Jahren ist es zum Heulen. Ich weiß, Beate hätte dich genommen – ich weiß, sie hoffte auf dich – es ist einfach nicht zu sagen . . .«

»Jetzt da!« versetzte Bernhard betreten, als ihm die Abkanzelung ungemütlich wurde, indessen Manuel den Eifer seiner Frau dämpfte: »Anna, was fällt dir ein!«

Der Staatsanwalt neigte den Oberkörper nach vorn, legte die Unterarme auf die Knie und faltete die Hände davor. Er blickte starr auf einen Ausschnitt des Smyrnateppichs unter seinen Schuhen. Ein weiches, ruhiges Blau war von weinroten Doppelstrichen eingekreist. Das Farbenspiel sagte seinem Bewußtsein nichts, er beobachtete es nicht. Zerstreut wahrgenommen wirkte es umflorend und mäßigend auf ihn ein.

Und dann fing der Schwager von der Quartierversammlung an, die Bernhard heute abend noch besuchen wollte. Es habe doch Zeiten gegeben, wo 43 er sich im Beamtendünkel über diese ängstlichen, beschränkten Seelen gewaltig erhaben fühlte, ihren Gang, ihre linkischen Bewegungen, ihre träge Sprache spottend nachahmte. Die lächerlichen Unfälle, die ihnen im Gebrauch der Fremdwörter zustießen, stellte er in einer sorgfältig vermehrten Beispielsammlung an den Pranger – etwa daß einer mit unbeirrter Bosheit von ›Pompanz‹ und ›Nymbus‹ oder statt von ›Delirieren‹ von ›Tremolieren‹ sprach. Ein Liegenschaftsbesitzer beschwerte sich atemlos bei der Polizei, es sei ein überlasteter Kraftwagen dröhnend über das ausgefahrene, mitgenommene Pflaster gerasselt – das ganze Haus habe gezittert. »Ei nun,« hatte Bernhard am Rande der Eingabe bemerkt, »wenn es nur den Hypotheken nichts schadet.« . . . In Erinnerung an solche Geschichtchen wetteiferte das Ehepaar ihn zu necken, und sie malten ihm aus, wie er nun gleich mit kleinlichen Spießern um denselben Tisch sitzen würde. Würde das wieder ein ergötzliches Theater absetzen heut abend, diese angeblich ungezwungene Aussprache aller dieser Hampelmänner nach dem Taktstock des Vorsitzenden – Herr Präsident, werte Herren, ich möchte mich hiermit nur voll und ganz meinem Vorredner anschließen! Bekannt, bekannt – ach nur allzu bekannt, was da zum Besten gegeben wurde! Und warum denn jedes neue Mal dieselbe unvermeidliche Wiederholung? . . .

Von solchem herben Spott geleitet verließ Bernhard die Geschwister. 44

 

V.

Im ›Alpenspitz‹, einem der üblichen, grau angestrichenen Eckgebäude einer Vorstadtstraße, die unmöglich etwas anderes sein können als ein Wirtshaus, war soeben eine ungewöhnliche Vereinbarung getroffen worden. Am heutigen Abend wollten zu ebener Erde Eisenbahnpersonal und Gewerkschaftsvertreter, im Sängerheim, eine Treppe hoch, der bürgerliche Quartierverein tagen. Da kamen, als sie vor dem Hause und im Flure zusammenstießen, meistens bekannt und vielfach Nachbarn, die feindlichen Vertrauensleute überein, das neue Gemeindegesetz gemeinsam zu besprechen. Und nun steckte tatsächlich das Herrenstübchen linker Hand, in dem sich die Vereinigung des erweiterten Quartiervorstandes mit der gegnerischen Abordnung vollzog, voller lautredender Männer.

Dieses Sälchen, dessen Wände einige vaterländische Öldrucke, berittene Obersten mit Goldlitzen und Federbüschen, sowie eingerahmte Ehrenurkunden eines Vogel- und Kaninchenzüchtervereines schmückten, füllte erstickender Tabaksdunst. Nicht nur waren die Stuhlreihen zu beiden Seiten der langen Tafel bis auf den letzten Platz besetzt. Sogar die Bank des ungeheizten Ofens mit den grünen Kacheln war belagert. Die bestellte Zehrung bestand ans einem Schoppen offenen Weines, einem Fußglas mit Kaffee oder einer kleinen Flasche 45 kohlensauren Wassers, von deren grünbauchiger Wölbung ein rotbedrucktes Papierschild leuchtete. Viel Aufsehens rief Ysenschmieds verspätete Ankunft nicht hervor. Immerhin glitt über manche Gesichter ein Schein, sobald er im Rahmen der Türe aus dem Rauchgewölke auftauchte: – er, der seinen Feierabend leicht im angenehmen Kreise Gleichgestellter oder in behaglicher Wohnung, ein Buch in der Hand, verbringen konnte. Er begrüßte Bekannte, wo er welche entdeckte, sei es mit Kopfnicken, sei es mit gemurmelter Nennung ihres Namens . . . In den anwesenden Männern war das Volk, sowie es diesen höchst gelegenen Stadtteil bevölkerte, ausgeglichen vertreten – wie man nun einmal zusammen im Leben drin stand, Schulter an Schulter bei der gleichen Arbeit, ohne langes Federlesen, wes Geistes Kind man im übrigen sei. Schlugen, traten, bissen sich Kutschenrosse, die tagsüber im selben Geschirr zogen, an der Krippe, die ihnen das Futter gerecht und gleichmäßig bot?

Ein eingepökelter Sozialist, Lokomotivführer Brast, verlangte das Wort. Schwarzschnäuzig, mit wilden Blicken um sich werfend und die Stimme hetzerisch geschraubt, beschäftigte er sich mit dem Mastbürger, für den das arbeitende Volk Kanaille und Kanonenfutter sei; die Zeiten wären nun vorüber, daß man den Dummkopf spiele. Alsdann brachte der Rundgang der Umfrage der Reihe nach Bürger zum Reden. Dem Staatsanwalt entging 46 nicht, wie einer nach dem andern sehr geschickt mit den Anforderungen der allgemeinen Wohlfahrt einen stillen Ehrgeiz, eine verblümte Zweckmäßigkeit bemäntelte. Jedes Wort, das von bürgerlicher Seite fiel, jede Miene, die dabei verzogen wurde, bestätigte das. Sei es, daß der Postadjunkt mit dem hohen Stirnbau, dem rötlichen Haarwuchs und den Laubflecken im Gesicht unter der Obhut des verflochtenen Paragraphen dem darin vorgesehenen Ämtchen zustrebte, sei es, daß der kürzlich zum Hausbesitzer vorgerückte Fabrikwerkmeister einer Beleuchtungs- und Kanalisationsmaßnahme das Wort redete, die seinem jüngst erworbenen Anwesen zugute kam. Darauf brach ein Streit aus zwischen einem ›Lieferanten‹ und einem ›Lageristen‹ über Siebenuhrladenschluß und achtstündige Arbeitszeit. Jungburschentöne und Revolutionsfanfaren schmetterten dazwischen: ein niedlicher Hungerausstand für den Fall, daß die bevorstehende Brotverkürzung statt des halben nicht ein ganzes Pfund auf den Kopf abtrage!

Da trachtete der wackere Herr Landestopograph Benteli als Vorsitzender Sorge zu tragen, daß die Kirche mitten im Dorfe bleibe. Es gehe auf elf Uhr – die Polizeistunde setze dem Kampfe der Gemüter Grenzen. Ob zum Beispiel nicht Herr Prokurator ein kurzes Wort an die Versammlung zu richten gedenke? Mehr als ein Zuruf bekräftigte diesen Vorschlag, und aller Augen wendeten sich dem Aufgeforderten zu.

47 Da nahm Ysenschmied noch einen Schluck Veltliner und sagte, ohne aufzustehen, mit seiner leisen, feintönenden Stimme: »Werte Mitbürger! Ich bin kein Politikaster. Es gibt zwei Mittel, den Bürger zu erziehen: die Knute und die Freiheit. Wir in der Schweiz pflegen uns so zu gebaren, als wüßten wir sowieso nur von der Freiheit etwas zu erzählen. Die Kosakenknute ist nicht die einzige und vielleicht nicht einmal die schlimmste. Jaja, meine Herren Gleichmacher, die Peitschen und Gottesgeißeln, mit denen Sie uns zusehends bedrohen, sind nicht aus den Fasern der Freiheit geflochten. Diktator sein, wenn er's einmal geworden ist, kann auch ein Dummkopf – er kann zur Macht gelangt sein, wie ein Hund zum Fußtritt. Hand aufs Herz, meine Herren Genossen – was sind denn in euren eigenen Augen eure besten Eigenschaften? Etwa das Gröhlen und Schreien und Fenstereinschlagen? Ich darf das bezweifeln. Oder dann vielleicht Selbstbeherrschung, Enthaltsamkeit, Zucht, Unterordnung des einzelnen unter das Ganze? Nun, dann hegen Sie da ein Ideal, das Sie mit den Bürgern teilen. Auch wir kennen nichts Höheres – schon unsere Väter haben nichts Größeres gekannt. Sie sehen, daß wir voneinander doch nicht so geschieden sind, wie es der Klassenkampf wahr haben möchte. Sie können es nicht in Abrede stellen: was Sie als Bestes an sich selbst erleben, sind mehr oder weniger bürgerliche Eigenschaften. Doch – es dreiviertelt schon, wir 48 müssen austrinken.« Und so schwieg er, ohne eigentlich geschlossen zu haben.

»Unterstützt!« erschallte die Stimme eines alten Kahlkopfs – und einige klatschten in die Hände, was sonst bei Reden weniger üblich ist. Der Vorsitzende äußerte die Meinung, derlei markige Worte trügen zur Abklärung nicht unwesentlich bei. Da hob sich hinten, in der Ecke, eine breite, schwere Arbeiterhand mit ausgestrecktem Zeigefinger und schwebte über der graublauen Wolke des Tabakdunstes wie die mythische Taube über dem Chaos. Der Staatsanwalt mit seinen geübten Augen hatte ihn immer schon heimlich aufs Korn genommen, den bleichen, finstern Jüngling dort hinten. Wahrlich, der sah aus wie ein unglücklicher römischer Sklave!

»Das Wort verlangt noch Herr Redakteur Emil Meisterhans,« verkündete Benteli, als ihm über die Köpfe hinweg Name und Stand des Nachzüglers zu drei oder vier Malen raunend zugetragen wurde. Der junge Redner trat hinter seinen Stuhl, auf dessen abgegriffener Lehne von schmutziggelbem Firnis er breite Zimmermannshände auslegte. Jetzt bedauerte Ysenschmied, seinen Wein vorzeitig ausgetrunken zu haben. Er saß wehrlos vor seinem leeren Glase.

»Der Herr Vorredner hat geglaubt, zur großen Kelle greifen zu müssen,« begann Meisterhans, »er scheint das garstige Lied der Politik nur sehr wider Willen mitzusingen. Daß auch der Revolutionär 49 in den weitaus meisten Exemplaren weiter nichts ist als ein in den Harnisch geratener Philister, klingt ja beschämend – wozu dann der ganze Lärm? Hm – und doch! Der Hut ist ein Kleidungsstück, aber der Schuh ist auch eins. Wer auf den Unterschied den Vers weiß, der schleppt die Katze durch den Bach.« Und nun schöpfte er tief Atem und sagte überzeugt: »Es gibt dreierlei Sorten Menschen – gemeine, rechtschaffene und edle. Diese drei Rangstufen schichten sich in jedem Stande – keine Partei hat sie vor der andern voraus, jede soll vor ihrer Türe kehren. Es kommt auf die mittlere Schicht an. Das Zünglein an der Wage sind die Fadengeraden! Da wo sie hinneigen, sinkt die Schale. Wie schön, wenn die Braven zu den Edlen hielten!« Der Redner spannte seine Stimme. »Meistenteils besorgen die Rechtschaffenen die Geschäfte der Gemeinheit – sie sind zu gedankenlos und zu feige, um in der Welt dem Edelmut eine Mehrheit zu bilden. Die Gemeinheit vergewaltigt uns dank dem stillen Zuzug, den sie unter der Hand immerzu aus den Reihen der Rechtschaffenen erhält.« Und dann auf einmal sehr bewußt aufblickend ging er zum Angriff über: »Ja – Sie, Herr Staatsanwalt – es handelt sich um Mut oder Feigheit. Mit klugen Reden schleicht man ja doch nur wie die Katze um den Brei. Mitmachen – das ist das einzige, was Wert hat. Aber auf der richtigen Seite, wenn's gefällig ist! Mit Ihrer Bildung!«

50 Meisterhans glitt auf seinen Stuhl zurück. Die eine seiner ungeheuren Hände griff nach dem Glase mit dem Mineralwasser, die andere umklammerte die kleine dunkelgrüne Flasche und begrub sie beinahe in der gewaltigen Faust. . . . Ein Hustender stieß die Läden des geöffneten Fensters auf, die man geschlossen gehalten hatte vor unberufenen Lauschern der Straße. Aus der Stadt viertelte es verschlafen die Polizeistunde herbei. Unter allgemeinem Stühlerutschen löste sich die Versammlung auf.

 

VI.

Ysenschmied bewohnte seit einigen Jahren mit noch einem Junggesellen, dem Physiker Dr. Edgar Zeerleder ein Einfamilienhaus hinter der großen Schanze in gemeinsamem Haushalt. Als er sich seinem Hause auf dem Randsteine näherte, sah er den Lichtkegel eines Scheinwerfers in die Finsternis vorstoßen und über die Stadt in weit ausholenden Schwenkungen hinweggespenstern. Fuhrwerkte der Hausgenosse so spät noch mit elektrischen Lampen?

Etwas Schmeichelndes, Dunkleres als die Nacht nahte sich stumm auf dem Randstein. »Jajaja –« Ein leises hohes Atemziehen antwortete. Beim Eintreten ins Vorgärtchen schlüpfte der Pudel vor; Ysenschmied warf das gußeiserne Törchen mit einem Wurf ins Schloß.

Die flache, geräumige Mansarde steckte voll 51 physikalischer Gerätschaften. Unter der Decke hin waren Drähte gespannt, und Drähte liefen in Bündeln von mehreren Steckbüchsen aus. Auf einer hobelblanken, fichtenen Tischplatte, deren riesiges Rechteck auf zwei Holzblöcken ruhte, erblickte Ysenschmied in den Ausmaßen eines artigen Kinderspielzeugs ein Gehäuse aus Blech und Pappdeckel. Das scheunenähnliche Hauptgebäude bog an beiden Enden zu Seitenflügeln einwärts – eine Puppenkaserne.

Ysenschmied warf einen spöttischen Blick auf die elektrotechnische Bescherung: »Was hast du dir denn da wieder für eine Stallung ausgeklügelt? Mein Onkel, der Pfarrer von Bargen, hatte sich ein Modell der mosaischen Stiftshütte angelegt – daran erinnert mich das da.« – Zeerleder, ein vierunddreißigjähriges Männchen mit einer roten Beere zur Unterlippe, blinzelte vielsagend: »Es ist der Szintillograph. Ich probiere ihn aus, ehe ich ihn in der Schule zeige. Soll ich einmal die Tupfen vor dir hüpfen lassen?«

Kurzschluß hatte einen Knall hervorgerufen. Ein Gebläse begann zu fauchen. Auf einen Augenblick umstob ein Funkenkranz Zeerleders breite Stirne. »So, mein strenger Herr, jetzt paß auf – Nun sollst du einen Blick tun in die Eingeweide der Natur.« Ein Schub und Ruck – die Zersetzung des Lichtstrahls war vollzogen. So wie das Licht erlosch, spielte sich auf der leeren Fläche der erleuchteten 52 Wand ein stummer, eilender Vorgang ab: Punkte sprangen einander nach, je zwei und zwei, treppauf, treppab in dem schmalen Rahmen eines Bandes. Außerhalb unseres Erlebens ging hier rasendes, wirbelndes Geschehen vor sich – gestaltenlos, unorganisch, doch in peinlichster Ordnung – und sinnlich wahrnehmbar in einer grenzenlosen Geschwindigkeit – das tollgewordene Gesetz . . .

Es war hart vor Mitternacht. Als die beiden sich trennten, um ihre Zimmer aufzusuchen, ertönten von der Diele, wo der Schlafkorb für den Hund stand, die leise singenden Töne des träumenden Pudels durch das finstere Haus. Ysenschmied stand oben an der Treppe und neigte horchend sein Haupt. Die Ohrmuschel fing die Seufzer des schlafenden Hundes auf.

»Edgar, Gottlob!« zuckte es ihm vom Munde, »ohne den Prinz da hätte ich mich ganz einseitig schlafen gelegt. Das kommt von deinen verfluchten elektrischen Tupfen! Ich glaube bald, das dumme Tier hat sich mehr Seele bewahrt als wir gescheiten Menschen. Höre doch, wie es durch ihn hindurchflutet!« 53

 


 

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