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Bunte Reihe

Georg Bötticher: Bunte Reihe - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Reihe
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBunte Reihe
created20050314
sendergerd.bouillon
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Mein Taschenkamm.

An diesem Weihnachtsfeste schenkte mir meine Schwester einen Taschenkamm. Ich freute mich sehr darüber, denn mein alter hatte beinahe alle Zähne verloren; ich konnte mich seiner nur noch ganz heimlich bedienen, so schäbig sah er aus.

Am Weihnachtsabend besieht man natürlicherweise seine Geschenke nicht bis ins einzelne. Erstens könnte das unangenehm auffallen, besonders meiner Schwester, die, wenn ich etwas genauer betrachte, sogleich zu sagen pflegt: »Du hast wohl schon wieder etwas daran auszusetzen?« – zweitens aber giebt es an dem Abend zu vielerlei, daß man zu liebevoller Betrachtung des einzelnen gar keine Zeit findet. So ging's mir auch mit dem neuen Taschenkamm: es schien mir genug, daß ich ihn hatte; zu einer Besichtigung kam's nicht.

Aber am ersten Feiertag früh, als ich in die Stadt gehen wollte, besann ich mich rechtzeitig seiner, warf meinen alten Taschenkamm zum Fenster hinaus und ergriff den neuen, um ihn in seine Stellung – in die rechte Westentasche – einzuführen. Aber kaum hatte ich ihn berührt, als er mir jäh aus der Hand und in den kleinen Spiegel über meinem Schreibtisch schnellte. Der Spiegel zerbrach natürlich. Als ich mich von dem ersten Schreck erholt, ergriff ich den Unheilstifter vorsichtig, nicht ohne eine gewisse Neugierde, und stellte fest, daß er von schwarzem Horn oder Gummi war, anscheinend ganz wie mein alter aus einer Scheide und einem Kamm bestehend, der wie die Klinge eines Taschenmessers eingeklappt werden konnte. Bei näherer Besichtigung fand ich aber auf beiden Seiten des unteren Endes der Scheide eine durch Kratzstriche markierte Stelle, wie sie mein alter Kamm nicht gehabt hatte. Wenn man diese Stelle auch nur ganz leicht berührte, so sprang der Kamm mit solcher Federkraft heraus, daß er mir bei den nächsten Versuchen stets aus den Händen entwischte und es wohl eine Viertelstunde dauerte, ehe ich ihn dazu brachte, ruhig in der Tasche zu bleiben. Schließlich hatte ich ihn doch so weit. Ich zog meinen Überzieher an, setzte den Hut auf und eilte ins Freie.

Aber schon im Pferdebahnwagen wurde ich wieder an den neuen Taschenkamm erinnert, als ich mein Billet in die rechte Westentasche stecken wollte. Im selben Augenblick fuhr er aus der Tasche heraus und dem Kondukteur so heftig ins Gesicht, daß dieser trotz der fünf Pfennige Trinkgeld einen Ausruf freudloser Überraschung nicht unterdrücken konnte. Ich murmelte eine Entschuldigung und barg verlegen den Fortgesprungenen wieder in seinem Versteck. Als ich den Pferdebahnwagen verließ, rief mir ein Herr zu: »Sie verlieren etwas!« Es war mein Taschenkamm, der dolchartig, aufgerichtet, aus dem geöffneten Überzieher hervorsah. Mit einer leisen Verwünschung klappte ich ihn wieder zusammen und betrat das Café Bauer, das nächste Ziel meiner Wanderung. In der Nähe der Fontäne sah ich meinen Chef – ich bin Commis in einem Weißwarengeschäft – mit seiner wunderschönen Gattin sitzen. Ich grüßte mit der möglichsten Eleganz – das sämtliche Personal betet sie an! – und empfing einen Blick von ihr, um den mich der älteste Prokurist beneidet haben würde. Aber es sollte noch besser kommen. Plötzlich sah ich den Chef vor mir stehen und hörte ihn lächelnd sagen: »Wollen Sie nicht bei uns Platz nehmen, lieber Vollart?« Ich stammelte etwas von »ungemeiner Liebenswürdigkeit«, entledigte mich hastig des Hutes und Überziehers und trat mit einer tiefen Verbeugung an den Tisch heran.

Die schöne Frau grüßte holdselig, reichte mir ihr reizendes Händchen über den Tisch und richtete, während der Kellner gerade eine Tasse Schokolade vor sie hinstellte, die Frage an mich: »Können Sie mir etwa mit einem Bleistift aushelfen?« Entzückt, der Angebeteten einen Dienst leisten zu dürfen, fuhr ich eilfertig mit der Hand nach der Westentasche: in diesem Augenblick sprang etwas blitzschnell auf den Tisch, ich empfing einen Regen klebriger Masse ins Gesicht, hörte Geklirr von Gläsern, Tassen und Löffeln und einen Aufschrei der schönen Frau, und sah, wie sie voll Ekel einen schwärzlichen Gegenstand abschüttelte, der in einer ansehnlichen Portion Schokolade auf dem Schoß ihres blauseidenen Kleides umherschwamm.

»O pfui, Wilhelm – ein Kamm!«

»Es ist der meinige,« stammelte ich fast besinnungslos, das Untier aufraffend. »Ich bitte tausendmal um Entschuldigung . . .«

»O – das hat nichts weiter auf sich,« versetzte der Chef höflich, aber eisig kühl, wie mir schien. »Kellner, eine neue Tasse Schokolade!«

»Nein, danke, mir ist der Appetit vergangen.« Ich sah, wie es in ihren Mundwinkeln zuckte und daß sie, emsig ihr schönes beflecktes Kleid abreibend, kaum das Weinen verbergen konnte, während ich, blutrot, vor Scham zu vergehen meinte und mich zehntausend Klafter unter den Erdboden wünschte. Glücklicherweise erlöste mich ihr baldiger Aufbruch aus der greulichen Lage. –

Ich haßte jetzt meinen Taschenkamm, und das schwarze Geschöpf vergalt mir diesen Haß: es erwies sich fortgesetzt so widerspenstig, daß ich förmliche Kämpfe mit ihm zu bestehen hatte und aus dem Ärger über ihn gar nicht herauskam.

Meistens, wenn ich ihn suchte, war er gar nicht in der Tasche, lag am Fußboden, auf dem Teppich, oder unter dem Tische, wohin er heimlich, lautlos entwischt war. Häufig stand er aufgerichtet aus der Westentasche hervor oder sprang mit der Kraft eines Champagnerpfropfens bei dem leisesten Druck mir ins Gesicht, oder in das eines Bekannten, mit dem ich mich gerade unterhielt, oder auf den Tisch, oder irgend wohin, wo er etwas umwarf, zertrümmerte oder sonstwie ein Unheil anrichtete. Er ward mir bald so unausstehlich, daß ich ihn schon hundertmal wegwerfen wollte, aber schließlich als ein Geschenk meiner Schwester eben doch immer wieder behielt. Meine Schwester hatte ich schon mehrmals um ihre Meinung befragt, ob ich nicht die Feder ruinieren oder ihn aus der Scheide brechen sollte. »Gott ja,« sagte sie endlich, »wenn du ihn mit der Axt unschädlich machen willst, so glaube ich wohl, daß dir's allenfalls gelingen wird. Aber so was thut man doch im allgemeinen nicht, zumal wenn es sich um ein Geschenk handelt.« Das mußte ich allerdings gelten lassen.

Und so habe ich das Untier behalten, obwohl es mich tyrannisiert. Während ich dies schreibe, steht er acht Zoll hoch aus der rechten Westentasche heraus: ich glaube er guckt nur auf das Geschriebene! Denn ich habe mich längst gewöhnt, ihn als lebendes Wesen anzusehen, eine Art schwarzen Taschenteufels, den das Schicksal meiner Weste zugeteilt hat. Und ich habe ein banges Gefühl, daß ich noch Schlimmes an ihm erleben werde.

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