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Bunte Reihe

Georg Bötticher: Bunte Reihe - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Reihe
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBunte Reihe
created20050314
sendergerd.bouillon
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Das Hausmittel.

»Soll ich nicht zu Dr. Werner schicken?« sagte meine Frau. »Deine Backe schwillt ja immer mehr an. Du weißt gar nicht, was noch draus werden kann.«

»Da hast du recht. Ich fürchte nur, Dr. Werner weiß es auch nicht.«

»Deiner Meinung nach freilich,« versetzte sie pikiert, »verstehn die Ärzte überhaupt nichts.«

»Ganz und gar nicht. Ich glaube, daß sie allerlei verstehen.«

»Jedenfalls dürfte man, wenn es nach dir ginge, keinen Arzt konsultieren.«

»Es geht aber leider nicht nach mir.«

»Gott sei Dank! Denn das wirst du wohl zugeben, daß du dir ein gebrochenes Bein nicht selber einrichten könntest?«

»Geb ich ohne weiteres zu. Was die Chirurgie betrifft – alle Achtung!«

»Nun, sie werden ja wohl auch noch einiges anderes können!«

»Sicherlich! Gut essen und trinken z. B. und Rechnungen machen.«

»Also das ist alles, was du ihnen zutraust?«

»Gott bewahre! Es giebt noch vielerlei: Damen die Cour schneiden, Männern die Zeit stehlen, sich wichtig machen, Topf gucken, Klatschgeschichten verbreiten – um nur die harmlosesten Dinge zu nennen.«

»Du hast ja einen förmlichen Haß auf den Stand. Nun, wenn du – was ich dir nicht wünschen will – selber einmal ernstlich krank werden solltest, dann wollen wir mal sehen, ob deine Ansicht vorhält und du dir konsequent bleibst! Man hat Beispiele –«

»Daß ein Kranker in der Angst eine Dummheit beging? Das soll vorkommen. Ist mir selbst passiert. Weißt du, wie ich vor zwei Jahren nach Karlsbad ging und ganz überflüssigerweise einen dortigen Arzt konsultierte, der, nachdem er mich lange beklopft und befühlt, erklärte, daß ich eine zu große Leber habe? Ich lachte damals so anhaltend, daß er verstimmt bemerkte, eine zu große Leber wäre durchaus nichts spaßhaftes. Halt ich auch nicht dafür, sagt ich. Ich lache bloß, weil mich mein Hausarzt wegen einer zu kleinen Leber hierher geschickt hat. Aber das Gesicht hättest du sehen sollen! Ich hatte aber doch die Genugtuung, daß er am Ende meiner Kur zugab, mit der zu großen Leber sich geirrt zu haben; die meine sei durchaus normal.«

»So was kann jedem Arzt passieren –«

»Passiert auch fast jedem.«

»Wenn du mich doch ausreden ließest! – Ich wollte sagen: So was kann jedem Arzt passieren einem ganz fremden Patienten gegenüber. Ein Hausarzt aber, der uns und unsere Lebensweise kennt, kann sehr nützlich werden.«

»Ganz gewiß. Wenn er z. B. beim Skat als Dritter einspringt!«

»Albernheit! Du weißt, daß ich daran nicht dachte. Aber wie du bei deinem Magenleiden gar nicht mehr wußtest, was du genießen solltest – besinnst du dich noch, wie dir Dr. Werner da Schnitzel anriet, die dir so gut schmeckten, wenn sie dir auch nicht bekamen –«

»Jawohl. Aber besinnst du dich auch, wie er einige Wochen drauf dich mal fragte, ob Schnitzel eigentlich Schwein- oder Rindfleisch seien? Herrlich, nicht wahr?! – Nein, da lob' ich mir doch noch den alten Dr. Schumann, den wir früher hatten, wenn der manchmal sagte: Da hab ich gestern einen Schnupfen erwischt. Wissen Sie nicht, wie man den schnell wegbringt? – Das war doch noch eine ehrliche Haut. Die andern aber können mir gestohlen werden! Im besten Falle empfehlen sie uns die bekannten Hausmittel, die wir ohne sie kennen, im schlimmsten Falle Gifte, und in keinem Falle nützt es was. Und hat man endlich den Glücksfall eines Arm- oder Beinbruchs, wo ein tüchtiger Arzt wirklich helfen könnte, dann heißt es: »wenden Sie sich an einen Specialisten, ich bin nicht Chirurg.«

»Also ich soll nicht zu Dr. Werner schicken?«

»Wenigstens meinetwegen nicht. Wenn du einer Unterhaltung bedarfst – – –«

»Gut, dann trage auch die Folgen! Dein Gesicht ist jetzt so dick, daß du dich vor niemand sehen lassen darfst.«

»Glaubst du, daß es vor dem Dr. Werner dünner werden würde?«

»Das nicht. Aber er hätte dir was Linderndes verschrieben.«

»Einen Prießnitzschen Umschlag – ohne Frage.«

»Den du selbst ja doch stets anzuwenden pflegst –«

»Weshalb ich ihn eben nicht erst verschrieben zu haben brauche –«

»Eine Beruhigung ist's immer, wenn der Arzt damit einverstanden –«

»Für eine Beruhigung habe ich nicht drei Mark übrig –«

»Aber für eine Erdbeerbowle!«

»Ganz gewiß. Sogar noch etwas mehr, denn leider sind die guten Bowlen nie so billig. – Übrigens famos, daß du mich erinnerst. Luise muß noch Zeltinger besorgen. Ich habe vorhin zwei Liter eingezuckert und bloß noch zwei Flaschen im Hause.«

»Heinrich! Willst du wirklich, allen Ernstes, heute wieder Erdbeerbowle trinken?«

»Versteht sich! Jetzt ist die beste Zeit. Die Erdbeeren sind jetzt köstlich reif. Schade, daß du so gar keinen Sinn dafür hast.«

»Thu's und richte dich zu Grunde! Ich bin überzeugt, daß du nur davon dein dickes Gesicht hast! Weißt du, daß du dir eine Gehirnentzündung zuziehen kannst?«

»Der Möglichkeiten giebt es. Aber du rechnest doch nicht etwa Erdbeerbowle dazu? – Übrigens vergißt du wohl, daß ich in diesem Falle Dr. Werner auf meiner Seite habe? Er ist ja › Bowlenarzt‹.«

»Was soll das nun wieder heißen? . . .«

»Gutes, liebes Ding! Weiß du nicht, daß die Ärzte stets das empfehlen, was sie selber mögen? Der Weise wählt sich danach seinen Arzt. Ich habe mir einen Bowlenarzt gewählt.«

»Dummheit!«

»Dummheit? Dr. Werner wird mir Erdbeerbowle als Mittel gegen die Geschwulst geradezu verordnen – denn er schwärmt für diese Bowle. Wetten wir? – Siehst du, jetzt möchte ich dich selber bitten, Dr. Werner holen zu lassen. Aber du mußt mir versprechen, ihm vorher nichts über meinen Zustand zu sagen und mir überhaupt allein das Wort überlassen – nur im Anfang, nicht für den ganzen Abend – das wär zu viel verlangt. Versprichst du das, Schatz?«

»Alles, was du willst, wenn du nur den Doktor kommen läßt. Aber du wirst sehen, du blamierst dich. Dr. Werner wird dir weder Prießnitzsche Umschläge noch Erdbeerbowle verordnen.«

»Ich mache mich anheischig, zu veranlassen, daß er mir zuerst beides verordnet und nachher dir gegenüber von beiden abrät! Dafür bedinge ich mir nur, daß ich ihn empfange und daß du nachher, wenn ich später, während der Bowle, einmal hinausgehe, ihm sagst, daß ich bei Beginn der Geschwulst Prießnitzsche Umschläge gemacht habe und daß du befürchtetest, die Bowle könne mir schaden. Nachher sollst du dein blaues Wunder erleben!« – –

»Doktor,« sagte ich, als er bald darauf, von unserer Luise citiert, in mein Zimmer trat, »Meine Frau ist ängstlich wegen meines geschwollenen Gesichts, das ich mir auf einer zugigen Eisenbahnfahrt geholt habe. Nun hatt' ich gerade zwei Liter reifer Erdbeeren« – dabei hob ich die Schüssel, daß ihm das köstliche Aroma in die Nase stieg – »zu einer Bowle eingezuckert und wollte eben Sie dazu herüberbitten – meine Frau befürchtet aber, daß mir das schaden könne. Ich glaubte freilich, daß der Fruchtsaft und guter reiner milder Moselwein eine kühlende, wohlthätige Wirkung haben müsse –«

»Höchst verständig!« unterbrach er mich, voll Begier, endlich zu Wort kommen zu können. »Höchst verständig! Über alle Maßen vernünftig gedacht! Erdbeerbowle von gediegenen Ingredienzen zubereitet, kann in diesem Falle die Erweichung, Auflösung, also die Heilung, nur beschleunigen! Wenn Sie alsdann nachts einen (ich bemühte mich krampfhaft, ernst zu bleiben) Prießnitzschen Umschlag auflegen und den alle zwei Stunden mal erneuern, so ist morgen jede Geschwulst verschwunden.«

»Also, Sie meinen, daß ich die Bowle wagen darf?«

»Unbedingt. Ja, ich verordne sie Ihnen geradezu. Bowle ist ein nicht genügend angewandtes Hausmittel, wundervoll geeignet, den Kreislauf des Blutes zu befördern und so die Hitze von der krankhaften Stelle abzulenken.«

»Dann also, Doktor, bitte legen Sie ab. Ich habe bloß den Wein aufzugießen und die Bowle ist fertig. Unser bescheidenes Abendbrot teilen Sie doch mit uns?«

»Sehr freundlich, sehr liebenswürdig! Sie wissen: bei niemand lieber wie bei Ihnen und verehrter Gemahlin. Hoffentlich werde ich nicht abgerufen.« (Seine ständige Befürchtung, die meines Wissens nie eine Verwirklichung gefunden!)

»Wundervoll! Köstlich! Wahrhaft deliciös!« schwärmte der Doktor, als wir nach eingenommenem Abendbrot um die purpurne Bowle saßen. »Ich glaube, die Mischung macht Ihnen niemand nach. Solch ein Tropfen ist doch die reine Medizin!«

»Schade nur, daß die Medizin bald zu Ende sein wird,« sagte ich mit Betonung, heuchlerisch besorgt in das Gefäß hinabblickend, das noch mindestens zwei Flaschen des dunkelroten Nasses barg. »O weh,« konnte sich der Doktor nicht enthalten zu äußern. Dann, meiner Frau heimlich einen Wink gebend, verließ ich das Zimmer, angeblich, um eine Kiste alter Havannas herbeizuholen.

Als ich nach etwa zehn Minuten wieder ins Zimmer trat, sah ich den Doktor mit stark gerötetem Gesicht augenscheinlich in vorzüglichster Schlemmerstimmung vor seinem Glase sitzen, während meine Frau mit gekniffener Unterlippe eigentümlich vor sich hinstarrte und mit den Fingern der linken Hand auf den Tisch trommelte – ein untrügliches Zeichen, daß sie über etwas höchlich empört sei.

»Lieber Freund!« fing der Doktor an und hielt, als ich eben den Arm nach der Bowle ausstreckte, Glas und Arm fest. »Lieber Freund, Sie wissen, daß ich Ihnen alles Gute gönne. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Noch mehr dieses verführerischen Getränks – und Sie könnten sich, allen Ernstes, eine regelrechte Entzündung holen. Ihre Frau Gemahlin hat mir eben gesagt, daß Sie gleich nach Auftreten der Geschwulst Prießnitzsche Umschläge gebraucht haben. Da brauchen Sie sich freilich über das Umsichgreifen der Anschwellung nicht zu wundern! Daß doch die Laien immer denken, wenn sie einen Prießnitzschen Umschlag machen, so wäre alles in Ordnung! Daß ein solcher Umschlag an und für sich gar nichts ist, ja höchst schädlich wirken kann, wenn er zur Unzeit angewandt wird, das bedenken sie nicht. Auf das wann kommt es an, ja das wann ist eigentlich die Hauptsache, ist das einzig heilsame daran und dieses wann kann natürlich nur der Arzt bestimmen. Sie werden einmal sehen, was der Umschlag Ihnen diese Nacht für Nutzen bringen wird, während seine verfrühte Anwendung unzweifelhaft das Übel so verschlimmert hat, daß ich den Konsens zum Weitergenuß dieser immerhin doch alkoholhaltigen Flüssigkeit meinerseits nicht zu verantworten vermöchte.

»Ich bedauere das um so mehr, als ich Ihnen nachzufühlen vermag, was Sie entbehren, bin aber der gnädigen Frau von Herzen dankbar, daß sie durch ihre besorglichen Äußerungen und sonstigen Mitteilungen mir die Veranlassung gab, noch rechtzeitig verzeihlichen Laienirrtümern entgegenwirken zu können.«

Als sich der Doktor, nachdem er das letzte Glas meiner Bowle bis auf den letzten Tropfen ausgeschlürft, unter höflichen Wünschen und Komplimenten empfohlen, sagte ich lachend zu meiner Frau: »Na, was meinst du nun?«

Sie umarmte mich stürmisch. »So ein Fuchs!«

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