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Bunte Reihe

Georg Bötticher: Bunte Reihe - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Reihe
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBunte Reihe
created20050314
sendergerd.bouillon
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Die Uhr.

Mein Freund Engelhart besitzt eine silberne Taschenuhr, die früher an einigen Stellen sogar vergoldet gewesen ist, fünfundvierzig Mark gekostet hat und nach Aussage meines Freundes vortrefflich geht, wenn sie nicht gerade steht, was nach seiner Ansicht nur selten vorkommt, sonderbarerweise aber immer dann, wenn man Freund Engelhart nach der Zeit fragt.

Es ist also eine ganz gewöhnliche Uhr. Merkwürdig ist sie nur dadurch, daß ihr Besitzer mit einer wahrhaft fanatischen Zuneigung an ihr hängt. Wie oft haben wir Freunde – in früheren Zeiten, jetzt schon lange nicht mehr – ihm geraten, sich eine zuverlässigere Uhr anzuschaffen, wenn wir bemerkten, daß er ihr durch Schütteln oder Aufdentischklopfen einen unmotivierten, aber hartnäckigen Stillstand zu benehmen suchte. Aber da kamen wir schön an!

»Thut mir den einzigen Gefallen« – pflegte er dann zu sagen – »und laßt meine Uhr in Frieden. So wie sie ist, ist sie gerade das, was ich brauche. Ich will gar keine von den langweiligen Chronometern, die mit greulicher Regelmäßigkeit gehen und sich nie einen eigenen Einfall erlauben. Ich huste was auf diese mechanische Tugendboldigkeit und bin stolz darauf, eine Uhr zu besitzen, die Charakter hat. Jawohl Charakter – ihr braucht nicht zu lachen. Deine Uhr, lieber August, ist aus Glashütte und hat vierhundertundfünfzig Mark gekostet – was ihr Gott verzeihen möge, ich kann's nicht, denn dafür hätte man fünfundvierzig Bowlen trinken und sich immer noch eine Uhr kaufen können! – und was hast du mit dieser Uhr erreicht? Nichts, als daß du dich seitdem über alle Turmuhren ärgerst, die mit weniger tödlich-langweiliger Sicherheit wie deine funktionieren und deshalb bald ein paar Minuten früher, bald ein paar Minuten später schlagen – beiläufig gesagt: etwas, was mir eine wahre Wonne ist, die ich stundenlang genießen könnte. Dagegen hast du dir, armer Kerl, mit diesem sündlich teuren Musterexemplar von Zeitmesser alle die kleinen Freuden verscherzt, die eine weniger vornehme aber charaktervollere Uhr mit sich bringt, Freuden, die man nicht unterschätzen soll. Beispielsweise, wenn man in der Furcht, der Zug sei schon abgefahren, auf die Bahn gehetzt kommt und nun inne wird, daß unsere Uhr zwanzig Minuten vorgeht, also noch reichlich Zeit vorhanden ist, ehe der Zug überhaupt einfährt Oder, wenn man mißmutig nach dem Bahnhof schlendert mit der moralischen Verpflichtung, eine unliebsame Persönlichkeit, etwa eine Erbtante, abzuholen und vor der Bahnuhr erkennt, daß unsere Uhr stehen geblieben, der Zug bereits vor einer Viertelstunde eingelaufen ist und man also das Glück hat, unbeabsichtigt zu spät zu kommen – unbeabsichtigt, wohlverstanden, wie man nötigenfalls beschwören kann! Das sind so zwei Fälle – ich könnte euch zehn und mehr anführen, ich will aber in niemand die Empfindung des Neides wecken, Gott bewahre, so niederträchtig bin ich nicht. Und nun bildet euch nicht ein, daß meine Uhr tagtäglich solche Capricen hätte. Ganz und gar nicht. Und das ist eben der Reiz von der Sache! Denn wenn sie immer falsch ginge, würde sie mir gerade so widerwärtig sein, wie Glashütte und Konsorten, die immer richtig gehen – die Protzen!«

So ungefähr folgert mein Freund Engelhart, und es ist wahr, man kann wenig dagegen vorbringen, wenigstens nichts, was auf ihn Eindruck machte. Dagegen müssen wir Freunde seinetwegen immer auf der Hut sein. Er ist sehr leicht verletzt, wenn man ihn beim Stellen seiner Uhr überrascht. Und das zu vermeiden ist fast unmöglich. Wehe dem, der in solchem Falle harmlos fragte: »Sie geht wohl wieder nicht?« Es ist noch ein Glück, wenn Engelhart dann die Uhr in die Tasche steckt und gleichmütig äußert: »Sie geht vorzüglich, wenn sie nicht steht – das weißt du ja. Aber sie ist ein bißchen verwöhnt und beansprucht manchmal dreimal aufgezogen zu werden.« Unser Freund Herzer hatte einmal die Unvorsichtigkeit, darauf zu sagen: »Pro Stunde?« – was ihm einen wütenden Blick und die Bemerkung Engelharts eintrug, daß es Leute gäbe, deren geistiges Räderwerk jede Minute aufgezogen werden müsse.

Schon das Wort »Glashütte« wird in unserem Freundeskreise, sobald sich Engelhart unter uns befindet, möglichst vermieden – es hat auf diesen stets eine explodierende Wirkung. Auch wenden sich alle rücksichtsvoll ab, sobald sie bemerken, daß unser Freund seine Uhr schüttelt. Sie wissen, daß er dabei stets herausfordernde Blicke um sich wirft, die leicht eine unvorsichtige Frage hervorrufen können. Das ist etwas lästig, aber Engelhart ist im übrigen ein so guter Kerl, daß man ihm diese Schwäche nun einmal zu gute hält.

Vor einiger Zeit nun war eine seltsame Aufregung an unserem Freunde bemerkt worden und ein so häufiges Schütteln der Uhr, daß sich in unserem Kreise das Gerücht verbreitete, sie ginge schon seit Wochen gar nicht mehr. Das Gerücht erhielt sich hartnäckig. Sein ältester Freund – eben jener August, der das Unglück hat, eine »Glashütter« zu besitzen – übernahm es endlich, nach Rücksprache mit uns übrigen, Engelhart darüber offen zu fragen. Es wurde ein Sonntag dazu gewählt, weil dieser Tag immer eine auffallend milde Stimmung in unserem Freunde hervorzurufen pflegt durch die Aussicht auf vierundzwanzig Stunden freie Zeit – Engelhart ist Mitglied einer Zeitungsredaktion mit Sonntagsheiligung.

Freund August verfuhr sehr diplomatisch. Er lenkte das Gespräch vom Wetter auf die Normalzeit, kam langsam auf Uhren im allgemeinen und sagte zuletzt so verloren: »Mit deiner Uhr bist du doch nach wie vor zufrieden?«

Engelhart sah ihn doch etwas mißtrauisch an, sagte aber dann, da in Augusts Gesicht keine Miene zuckte: »Versteht sich, sehr zufrieden! Das heißt: neuerdings muß ihr etwas nicht in den Kram passen. (Man bemerke, wie er sie fast als lebendes Wesen behandelt!) Sie geht nämlich manchmal – nun, wie soll ich sagen – gar nicht. Das heißt, bloß tageweis. Aber in allerletzter Zeit hat sie allerdings beinah eine Woche ausgesetzt. Ist das nicht merkwürdig?«

»Wahrscheinlich reinigungsbedürftig,« wandte August mit wahrhaft heroischem Gleichmut ein.

»Möglich,« meinte Engelhart, in Nachdenken verfallend.

»Ich kann dir für solche Fälle,« begann August vorsichtig, »meinen Uhrmacher empfehlen! Er reinigt Uhren billig und ganz vorzüglich.«

»Gegen Uhrmacher,« versetzte Engelhart, »habe ich eine Voreingenommenheit. Sie nehmen drei Mark, und schließlich war die Uhr bloß nicht aufgezogen. Diese Geschichte ist so alt wie die von Adam und Eva. Überhaupt, wer kann einen Uhrmacher kontrollieren? – Aber versuchen kann ich's ja. Wie ist der Name deines Tausendkünstlers?«

»Börner und wohnt in der Schloßgasse. Ich glaube, du wirst zufrieden sein.«

Selbstverständlich war der Freundeskreis in ziemlicher Spannung, wie diese wichtige Angelegenheit verlaufen würde. Bei einem Zusammentreffen mit Engelhart erfuhren wir, daß die Uhr bei Börner sei, der sie »beobachte«. »Natürlich!« sagte Engelhart sarkastisch. »Natürlich beobachtet er sie. Diese Redensart ist himmlisch! Sie heißt ins reelle übersetzt: sie liegt im Kasten und kostet beim Abholen so und so viel. Nun ich bin begierig. Ich fürchte, ich fürchte nur, daß ich die Uhr nicht so wieder zurückbekomme, wie sie früher war – das heißt: ehe sie für länger aussetzte. Ich kann euch sagen, ich habe die trübsten Ahnungen. Einer solchen Uhr kann die Mechanik nicht beikommen. Ich gebe zu, daß sie sich nicht immer logisch benahm. Aber das teilt sie mit allen originellen Naturen. Die gewöhnliche Logik ist für Spießer. Das Original hat eine springende Logik. Es verletzt die gewöhnliche, um einer höheren zu genügen, die zu erkennen nur wenige befähigt sind. Oft die nicht einmal. – Ja, lachen kann jeder über Dinge, die zu hoch sind für – manche! Aber es ist doch so. Nun, wir werden ja sehen.«

Acht Tage darauf hatte Engelhart seine Uhr wieder. »Nun, wie steht's damit?« frug ich, als ich ihn das erste Mal mit der Uhrkette paradieren sah.

»Ganz wie ich dachte,« versetzte er ingrimmig. »Solche Uhren kann eine Reparatur nur verschlechtern, nie verbessern. Sie geht, geht seit der ganzen Zeit, daß ich sie wieder habe – heute sind es fünf Tage – aber sie hat keine Einfälle mehr. Ihr Charakter ist ruiniert. Ich glaube, sie bleibt nie wieder stehen – das heißt: sobald sie aufgezogen ist. Und das ist nicht das richtige. Wenn ich sie nicht so genau kennte, würde ich glauben, der Kerl habe sie gegen eine andere vertauscht. Jedenfalls hat er sie verdorben.«

Diese Stimmung Engelharts hielt sich Wochen hindurch. »Futsch!« sagte er mir ein andermal. »Rein alle damit!«

»Sie steht also gänzlich?« frug ich in einer Anwandlung von Zerstreutheit.

»Sie steht?« rief er hohnlachend. »Sie geht und geht und geht und ist nicht stille zu kriegen! Wundern thut mich nur, daß ich sie überhaupt noch aufziehen muß. Siehst du, früher – du lachst vielleicht, aber die Sache verhält sich so – was war diese Uhr temperamentvoll! Sie konnte ganz verschiedenartig ticken, je nach der Stimmung und manchmal – ich kann das beschwören – geriet sie plötzlich in eine Art Fiebertempo: Tiktiktiktiktiktik . . .«

»Du meinst, sie ging vor?« wagte ich einzuwerfen.

»Sehr weise bemerkt! Na ja, sie ging vor. Aber nachher – und das unterscheidet sie eben von andern gewöhnlichen Uhren! – blieb sie stehen – ohne allen Grund, notabene! – und brachte so die Sache wieder in Schick, das heißt: wenn ich's rechtzeitig bemerkte. – Und jetzt? Ewig und ewig das gleiche rindslederne Tik-Tak – es ist zum auswachsen! – Na, Weihnachten kriegt sie mein Junge, dem ich so wie so eine Uhr versprochen. Ich mag das Geschöpf nicht mehr.«

Eines Abends waren wir Freunde vollzählig an unserm Stammtisch versammelt. Plötzlich sprang Engelhart wie von der Tarantel gestochen in die Höhe, hielt seine Uhr erst sich selbst und dann in höchster Aufregung uns allen der Reihe nach ans Ohr, indem er fortwährend schrie: »Hört ihr was? Hört ihr was?« Wir, erstaunt und erschreckt, verneinten entschieden. In der That vermochte niemand an der Uhr ein Ticken zu vernehmen. Engelhart tanzte wie ein Verrückter herum. »Sie steht!« brüllte er in unbeschreiblichem Entzücken. »Sie steht und sie ist heute früh elf Uhr von mir aufgezogen worden – was ich mit jedem beliebigen Eidschwur bekräftigen kann. Herrgott von Bentheim, wär's möglich?!«

Es wurde nun konstatiert, daß die Uhr in der That aufgezogen und daß sie schon vor beinahe zwei Stunden stehen geblieben war, obwohl sie noch weitere zwölf hätte gehen müssen. Dieses Ergebnis steigerte die verzückte Stimmung unseres Freundes Engelhart ins grenzenlose. »Eine Bowle für sechs Mann!« schrie er dem Kellner zu, der ganz verdutzt über die Plötzlichkeit der Bestellung dreinstarrte. –

Von da an trat die ehemalig, neuerdings verlorene, nun wiedergewonnene optimistische Stimmung unseres Freundes auf das glänzendste wieder zu Tage.

»Alles wie vorher!« rief er glückstrahlend mir über die Straße zu. »Steht – geht – steht wieder. Richtig, auch in diesem Moment! Es ist doch etwa um Drei? Bei mir ist es ein Uhr dreißig. Ganz die alte, liebe, amüsante Uhr von früher! Ich kann dir nicht sagen, was ich glücklich bin . . .«

»Dein Junge bekommt sie wohl nun nicht?« sagte ich lachend.

»Nicht dran zu denken! Der mag sich nur fürs nächste mit einer Normaluhr begnügen. Hab ich ja auch thun müssen, ehe ich die bekam – es war fünfzehn Jahre nach meiner Konfirmation. Kinder müssen nicht zu sehr verwöhnt werden. Später wird sich ja darüber reden lassen. Aber daß ich sie für jetzt noch behalte – nicht wahr, das findest du auch begreiflich?«

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