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Bunte Reihe

Georg Bötticher: Bunte Reihe - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Reihe
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBunte Reihe
created20050314
sendergerd.bouillon
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Der heilige Krieg.

Der Oberst außer Dienst von Bünau saß vor seinem Arbeitstische über eine Liste gebeugt, während drei Schritte seitwärts von ihm sein Bursche in militärischer Haltung weiterer Befehle harrte.

»Also Präsident Koch ließ es unbestimmt – –«

»Zu Befehl, Herr Oberst.«

»Und der Polizeidirektor?«

»Wollte es sich noch überlegen.«

»Hm. – Haben Zehmes zugesagt?«

»Sind verreist, Herr Oberst.«

»Aber Lindenaus – –«

»Bedauerten, weil schon Billets zum Patti-Konzert – –«

»Hm, hm! – Donnerwetter, ich sehe ja lauter Absagen – Kellermanns auch! Und Hellwigs! Auch der Herr von Radatzky« – –

»Zu Befehl, Herr Oberst. Und dann waren auch siebenundfünfzig in der Liste, die verzogen sind. . . . Und dreizehn Verstorbene – –«

»Himmeldonnerwetter – Verstorbene? Habe ich dir nicht befohlen, die Namen Mann für Mann mit dem Adreßbuch zu vergleichen – –«

»Zu Befehl, Herr Oberst. Aber davon steht nichts drin.«

»Na ja, das ist ja richtig. Aber kannst du nicht das Maul aufthun – denn das muß dir doch schon voriges Mal aufgefallen sein? – Verstorbne einzuladen! – Wieviel Karten hast du denn im ganzen abgesetzt?«

»Fünfundvierzig Herren-, siebenundachtzig Damenkarten, Herr Oberst.«

»Weiß der Teufel, was sich die Weibsen dazu drängen! – Das ist ja schrecklich wenig: fünfundvierzig Herren – –«

»Verzeihen der Herr Oberst. Das kommt noch. Letztes Mal war's auch so.«

»Du meinst Nachbestellungen. Na ja, möglich, wahrscheinlich sogar, aber doch unbestimmt. – Warst du beim Schriftsteller Ullmann?«

»Jawohl, Herr Oberst. Aber – zu dem – verzeihen der Herr Oberst – geh ich nicht wieder. Nicht sehen! sagte der, als ich ihm die Liste gab. Und dabei schob er mich zur Thüre 'naus.«

»Unverschämtes Schreiberpack! – Im übrigen – werde ich bestimmen, ob du wieder hingehst oder nicht. Verstanden?«

»Zu Befehl, Herr Oberst!«

»Und nun mach, daß du fortkommst! – Also zum Musikdirektor . . . Und daß mir die Kerls Schlag halb Sieben morgen zur Stelle sind! – Und vergiß meine Handschuhe nicht!«

August machte »Kehrt« und verschwand aus dem Zimmer.

Herr von Bünau hatte sich eine Cigarre angebrannt und sich bequem in den Armsessel zurückgelegt. »Mit den Freibillets werden es immerhin zweihundert. Es ist nicht so schlimm wie es aussieht. Also Courage! – Und jetzt an meine Rede . . . Meine hochverehrten Damen und Herren! Wenn auch die Epoche des heiligen Krieges schon in dämmernder Ferne hinter uns liegt – –«

Eine Thüre knarrte . . . »Ich störe wohl –« sagte eine helle, etwas harte Frauenstimme von stark ironischer Färbung.

»Ja – das heißt – von Störung ist nicht die Rede – aber – wenn du's kurz machen könntest – – ich habe noch so mancherlei – –«

»Natürlich! Ich gehe ja schon!« Und die Thüre schmetterte ins Schloß. Und »Für mich hast du natürlich nie Zeit!« klang es aus dem Nebenzimmer.

»Mein Gott, du weißt doch – –«

»Es ist gut! Gieb dir keine Mühe!« Und eine zweite Thür schloß sich heftig.

»Zum Verrücktwerden!« brummte von Bünau. »Na – ich will mich nicht ärgern. Habe auch gar keine Zeit dazu. – Also: Wenn auch die Epoche des heiligen Krieges – –«

Es klopfte.

»Herrrrein!!«

»Drei Briefe für den Herrn Oberst!« Das niedliche Zimmermädchen war im Nu wieder aus dem Zimmer gehuscht.

Der Oberst musterte die drei Couverts. »Vom Musikdirektor – der wird doch nicht absagen? . . . die ganze Kapelle? Das ist ja vortrefflich. Na, Gott sei Dank! – Hellmuths: . . . senden die Billets zurück. Natürlich! Weil die Frau nicht zur Mitwirkung aufgefordert ist . . . Vom Tenoristen Brüger: . . . Bittet um elf Freikarten – für Angehörige – na, das ist stark! Aber er muß sie kriegen. Der Kerl wird sonst heiser und läßt uns mit dem Solo sitzen. – Wenigstens füllt das den Saal . . .«

Herr von Bünau hatte sich brummend und ächzend wieder über den Schreibtisch gebeugt, um sofort das Nötige zu veranlassen.

»So, das wäre erledigt.« Er drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel. »Bin doch begierig, wer von den Federfuchsern kommt. Schollmeyer wäre mir der liebste: der ist wohlwollend. Kruse wird hoffentlich nicht wieder die Frechheit haben. Karten hat er diesmal nicht gekriegt. – Lisbeth, diesen Brief sogleich in den Kasten!«

»Sehr wohl, Herr Oberst.«

Draußen ertönte die Vorsaalklingel. Es klopfte.

»Herein!«

Ein junger Mann stolperte mit artiger Verbeugung über die Schwelle.

»Sie wünschen –«

»Könnte ich zu dem morgigen musikalischen Abend der ›Cäcilia‹ einige Billets – –«

Die Stirne des Obersten bekam zwei drohende Falten. »Ja – darf ich bitten, mit wem ich die Ehre habe – –«

»Assessor Schwarz. Herr Geheimrat Friedländer machte mir Hoffnung – –«

»Ah, das ist etwas anderes. Wieviel wünschen Sie? Herren-, Damenkarten?«

»Drei Herren-, zwei Damenkarten – wenn es möglich – –«

»Mit Vergnügen! – In Summa neun Mark.«

Der junge Mann legte drei Thalerstücke auf die Tischkante und empfahl sich unter wiederholten Verbeugungen.

»Gleich fünf. Nicht übel . . .«

Es klingelte wieder. Eine ältliche Dame erschien in der Thür.

Der Oberst erhob sich mit einer Verbeugung. »Womit kann ich dienen?«

»Konsul Meyers. Wir hätten gern noch drei Damenkarten.«

Die Stirnfalten des Obersten drohten beängstigend. »Herrenkarten wünschen Sie nicht?«

»Nein, danke.«

»Hier sind drei Damenkarten – 4 Mark 50 –«

»Verbindlichen Dank.« Die Thüre schloß sich.

»Damenkarten, nichts als Damenkarten. Es ist, als wenn ich eine Kaffeegesellschaft gäbe . . .« Es klingelte wieder. Lisbeth reichte zwei Briefe herein, ». . . Bestellungen auf Billets . . . Nun, was soll's noch, Lisbeth?«

»Der Herr Oberlehrer Kranz hat fragen lassen, ob er noch zwei Billets haben könne. Er hätte sich mit seiner Tochter doch noch entschlossen.«

»Hier tragen Sie sie ihm hinüber. Aber lassen Sie sich gleich das Geld geben, 3 Mark 50, hören Sie!

Na, es macht sich ja noch ganz hübsch. August hat recht. Es wird voll werden. Und mit der Rede werde ich auch noch zurecht kommen . . .« Herr von Bünau hatte sich wieder in den Armsessel fallen lassen und blies mächtige Rauchwolken vor sich hin. »Wirkung wird mein Tonstück machen. Darum ist mir nicht bange. Nach der Probe zu schließen, wird es sogar ein großer Erfolg. Die Idee ist doch sehr apart.« Er nahm eines der elegant auf Rosapapier gedruckten Programme zur Hand. »Der heilige Krieg. Tongemälde von Erwin von Bünau.« Unter dem fettgedruckten Titel stand eine kurze Information für das Publikum über den Inhalt der Komposition. »Friedliche Zustände –« las Herr von Bünau. »Das Volk bei der Arbeit. Ländliche Spiele. Eine Hochzeit. . . . Wir winden dir den Jungfernkranz. . . . Da plötzlich, ganz aus der Ferne: das Alarmsignal! Jetzt ertönt es näher; endlich ganz in nächster Nähe – Kriegsgerüchte! – Nun der Generalmarsch – die Kriegserklärung! – Abzug des Heeres . . . Schillers Reiterlied, der Friedberger Marsch, die Wacht am Rhein. – Vorpostengeplänkel . . . ein leises Rollen und Grollen wie fernes Gewitter, das näher und näher kommt. Nun ein Donnerschlag! Und noch einer! (Pauken), grelle Blitze! (Trompeten) . . . das ist Lützows wilde, verwegene Jagd! (gellende Hörner) – eine höchst unheimliche Stelle! – es schmettert und kracht . . . Der Sturm bricht los – Schlacht! . . . Es wogt hinüber, herüber . . . Mitrailleusen, Gewehrknattern, Bomben und Granaten . . . Helle Trompetensignale: Sieg! – Nun danket alle Gott (von Solis und gemischtem Chor – war in der Probe sehr schön!) Pariser Einzugsmarsch. Einzug in Berlin. Die Wacht am Rhein, Heil dir im Siegerkranz! Tusch! Schluß.

Na, wirken muß das! Und als passende Einleitung, um Stimmung zu machen: Meine hochverehrten Damen und Herren! Wenn auch die Epoche des heiligen Krieges schon in dämmernder Ferne hinter uns liegt, so lebt doch in den Herzen der älteren Generation – –«

»Die gnädige Frau lassen zum Abendessen bitten!« Herr von Bünau fuhr zusammen. »Es ist gut. Aber gewöhnen Sie sich das Schleichen ab, Lisbeth! Man erschrickt ja förmlich, wenn Sie so plötzlich wie ein Geist dastehen. . . .«

»Verzeihen der Herr Oberst, ich – –«

»Na, schon gut, schon gut. Sagen Sie nur meiner Frau, ich käme sogleich.«

Die Phantasieprobe seines »heiligen Krieges« hatte Herrn von Bünau sichtlich wohlgethan. So wohlgethan, daß er die steife Haltung seiner Gemahlin, die am Theetisch mit zur Schau getragener Ungeduld seiner harrte, gar nicht bemerkte. »Entschuldige, liebes Kind,« sagte er harmlos-fröhlich, »du weißt, es ist noch so manches für morgen zu thun – –«

»Ob ich das weiß! Seit drei Wochen gehen wir ja ganz darin auf. – Wenn du nur wenigstens noch dafür bezahlt würdest!«

»Aber Kind,« sagte Bünau, sich gemütlich ein Butterbrot belegend, »das ist doch nicht üblich bei einer Ehrenstelle. Und dann ist ja auch gar nicht soviel zu thun. Und ich thu's gern. 's freut einen doch auch, wenn's gelingt . . . darf ich dich um den Rum bitten? So – danke . . . Und du sollst sehen – das giebt morgen einen Riesenerfolg –« Frau von Bünau lachte spöttisch. »Wohl so wie neulich, wo deine Lieder auch einen ›Rieseneffekt‹ machen sollten? Na, den haben sie ja auch gemacht, wenigstens durch die Kritik von Professor Kruse, der sie besonders den Drehorgelspielern empfahl . . .«

»Ein hämischer Neidhammel, auf den niemand hört –«

»Der angesehenste Kritiker der Residenz!«

»Schlimm genug, wenn es so wäre –«

»Und der sich nicht abhalten lassen wird, das ›Tongemälde‹ des ›militärischen Beethovens‹ kritischer Betrachtung zu unterziehen. . . .«

»Er hat keine Einladung erhalten und darf nicht wagen zu kommen –«

»Er wird aber kommen –«

»Dann wird er hinauskomplimentiert werden –«

»Wir werden's ja sehen!«

»Ganz recht, mein Schatz. Und darum brauchen wir nicht weiter darüber zu streiten. – Im übrigen wäre ich dir verbunden, wenn du mich nicht immer bloß vom Unangenehmen unterhalten wolltest.«

»Natürlich, wenn ich dich nicht in den Himmel erhebe, bin ich dir unangenehm!«

»Aber zum – das habe ich ja gar nicht gesagt!«

»Aber gedacht hast du's, und das ist denn doch die Hauptsache.«

»Nun, bei Gott, du kannst einen wirklich aufbringen – – ich denke, wir heben die Tafel auf. Ich habe so noch einiges –«

»Natürlich! An was anderes denkst du ja schon gar nicht mehr. Wenn nur ›der heilige Krieg‹ aufgeführt wird – was aus deiner Frau wird, ist dir gleichgültig –«

»Himmeldonnerwetter, nun hab ich's aber satt! Mein ›heiliger Krieg‹ ist mir allerdings lieber, als der Krieg, der hier im Hause aufgeführt wird und der verwünscht wenig heilig ist. Ich thue keiner Fliege was zuleide, wissentlich, aber du – du steckst voller Nücken – –«

»Wie der Hund voller Flöhe – ich kenne deine feinen Redensarten!«

»Schockschwerenot, wenn du sie nur beherzigen wolltest!«

Die Thür flog zu. Gleich darauf hörte man Herrn von Bünau nach August rufen. Fünf Minuten später polterte der Herr Oberst die Treppe hinunter zur Vorstandssitzung der »Cäcilia«, wo er als erster Vorsitzender heute Abend besonders nötig war.

* * *

Es war am Morgen des darauffolgenden Tages, an einem Sonntag. Herr von Bünau war in heiterster Laune erwacht, ein Abglanz der Stimmung, die er von der »Cäcilia« gestern Abend mit heimgebracht. Lauter Erfreuliches hatte er dort zu hören bekommen. Kruse war seit gestern früh auf drei Tage verreist, wie der Redakteur vom Tageblatt als gewiß mitgeteilt – mit dem Hinzufügen, daß sich überall das lebhafteste Interesse an der Ausführung geltend mache. Auch unter den anwesenden Mitgliedern war das hervorgetreten. Drei Kameraden Bünaus, darunter der General Freiberg, auf den er besonders viel gab, hatten ihn beinah enthusiastisch im voraus beglückwünscht. Endlich sollte der Kaiser gestern Abend in der Residenz eingetroffen sein. Herrgott, wenn der etwa zu seiner Aufführung käme! Unmöglich war das nicht. Es gehörte zum guten Ton in der Gesellschaft, die »musikalischen Abende« der »Cäcilia« zu besuchen. Auch der König hatte, voriges Jahr erst, einige Aufführungen mit seiner Anwesenheit beehrt. Dem Hofmarschallamte gingen seitdem jedesmal zehn Billets zu. Gut, daß er noch rechtzeitig daran dachte! In dem vorliegenden Falle lag die Möglichkeit eines hohen Besuchs noch näher: galt es doch die Aufführung eines so ausgesprochen patriotischen Werkes! Herrn von Bünau schwindelte. Wenn der Kaiser ihm die Ehre erzeigte! Majestät hatten solch liebenswürdige Einfälle. – Es wäre ein unerhörter Sieg über die Kruses und Genossen, ein fabelhafter Triumph der »Cäcilia!« Die Einsilbigkeit seiner Gemahlin beim Frühkaffee ging spurlos an Herrn von Bünau vorüber. Die Cigarre, die er danach in seinem Arbeitszimmer rauchte, schmeckte ihm wie noch nie. In den Morgenblättern fand sich die gestern erfolgte Ankunft des Kaisers bestätigt. Noch immer kamen Billetbestellungen. Alles ließ sich aufs Trefflichste an. Der Oberst hatte sich eifrig an die Anfertigung eines Schreibens gemacht. Er fügte demselben zwanzig Billets bei, kouvertierte und siegelte es.

»August!« August erschien wie aus einer Versenkung.

»Dieses Schreiben sofort auf das Hofmarschallamt. – Die vierzig Freikarten für die Herren Offiziere hast du doch alle richtig abgegeben?«

»Zu Befehl, Herr Oberst!«

»Auch die Karten an die Redaktionen?«

»Zu Befehl, Herr Oberst!«

»Frack mit Orden, Shlips und Weißzeug, alles in Ordnung?«

»Zu Befehl, Herr Oberst!«

»Bon! – Und daß mir heut Abend die Programme nicht vergessen werden und die Billets! – Den Wagen Schlag Sechseinviertel! – Es ist gut, du kannst abtreten.«

Herr von Bünau wanderte angenehm erregt im Zimmer auf und ab. . . . »Wenn auch die Epoche des heiligen Krieges schon in dämmernder Ferne hinter uns liegt . . . Auswendig lernen soll man eine Ansprache nicht; es klingt dann so schülermäßig. Nur klar concipieren – die Worte finden sich dann wie von selbst . . . . Dieser Kruse soll mich noch kennen lernen. Ein frecher Patron! Aber heute wollen wir's ihm zeigen! – Es wird mächtig voll. Wieviel Billets sind eigentlich verkauft . . . Dreihundertundsiebzehn! Dazu kommen noch etwa achtzig Freikarten . . . und dann die Mitglieder: fünfzig bis siebzig mit den Angehörigen . . . Herrgott, wenn es nur nicht zu voll wird! Man muß überlegen, ob noch an der Kasse Billets verkauft werden dürfen. Es könnte Skandal geben, wenn welche stehen müßten oder gar nicht hineinkommen könnten . . .«

Das Mittagessen war so leidlich verlaufen. Der brillante Billetverkauf hatte seine Wirkung auch auf die Gnädige geübt. Sie geruhte sogar, ihren Gemahl in einer Toilettenfrage zu Rat zu ziehen. Herr von Bünau schwamm in Seligkeit. Die versöhnliche Stimmung seiner Frau hatte nur noch seinem Glück gefehlt!

Der Nachmittag schwand wie im Fluge . . . Punkt ¼7 Uhr meldete August, daß der Wagen vorgefahren sei. Fünfzehn Minuten später schritt der Herr Oberst, die Gemahlin am Arm, die hellbeleuchteten teppichbelegten Stufen des Gesellschaftslokales der »Cäcilia« hinauf.

In dem großen Saale strahlten bereits die elektrischen Blumenkronen auf die militärisch geordneten Stuhlreihen. In den behaglichen Nebenräumen war schon eine kleine Anzahl Damen und Herren versammelt, erste Besucher, denen sehr an einem guten Platz gelegen. Der große Saal war natürlich noch leer. Wenige Minuten – und es erschienen die Mitglieder der Militärkapelle. Der Kapellmeister trat auf den Herrn Oberst zu. Frau von Bünau hatte sich zu den ihr bekannten Frauen einiger Vereinsmitglieder gesellt, die die Gemahlin ihres ersten Vorsitzenden ehrfurchtsvoll begrüßten.

August war als Billeteur im Vorflur postiert worden. Der Oberst hatte sich doch dazu entschlossen, ihm noch fünfzig Billets zum Verkauf zu übergeben. »Mögen sie sich drängen! Besser als wenn es leer bliebe!«

Mehr und mehr füllte sich der Saal. Herr von Bünau hatte alle Augenblicke einen Freund zu begrüßen, einer Dame, einer bekannten Familie eine Verbeugung zu machen, Fragen zu beantworten, Glückwünsche entgegen zu nehmen. »Der Kaiser soll ja seit gestern hier sein.« »Allerdings, meine Gnädige.« . . . »Ob er denn hier erscheinen wird?« »Wohl nicht zu erhoffen, mein verehrtes Fräulein.« . . . »Hellwaldt! Und mit der ganzen Familie – das ist wirklich reizend.« »Na, das war doch selbstverständlich.« . . . »Ah, Excellenz – hocherfreut, daß Sie uns die Ehre schenken!« »Habe so viel von Ihrem Tongemälde gehört.« »Allzu liebenswürdig – wer weiß, ob's gefällt?« »Darüber bin ich ohne Sorge.« . . . »Seine Majestät sollen ja gekommen sein.« »Allerdings, bereits gestern Abend.« . . .

Nach und nach hatten sich die Stuhlreihen gefüllt. Reizende Damen in entzückenden Toiletten, glänzende Uniformen, sehr viel Fräcke, nur wenige Gesellschaftsröcke – überall Geplauder, Fächerschwingen, Begrüßungen – all das vieltönige Summen und Schwirren einer großen Gesellschaft der feinen Welt.

Herr von Bünau hatte seine Blicke überall. Er bemerkte hier einen bekannten Schriftsteller, dort – zu seiner Freude – den Kritiker Schollmeyer, einen gemütlichen rotbärtigen Herrn; da die alte geschminkte Geheimrätin Seelmann, deren Urteil in musikalischen Dingen als maßgebend für die Gesellschaft galt und die deshalb stark berücksichtigt werden mußte. . . . Die Musiker stimmten bereits die Instrumente . . . noch fünf Minuten – dann konnte es losgehen. Zunächst kam er daran, mit der Begrüßungsrede. Herr von Bünau machte sich von einigen Vorstandsmitgliedern, die ihn mit Fragen bestürmten, ziemlich brüsk los und eilte, sich räuspernd, durch die Nebenräume, um schnell noch einmal seine Ansprache zu überdenken. Dann erteilte er einem Kellner den Befehl, die Flügelthüren zu schließen, und schritt nunmehr in würdiger Haltung an den mehr und mehr verstummenden Reihen der Geladenen entlang, nach dem Podium. Als seine kleine, aber wohlproportionierte Gestalt im Frack mit den zahlreichen Ordensdekorationen neben dem Pulte des Kapellmeisters erschien, trat augenblicklich eine allgemeine Stille ein.

Herr von Bünau räusperte sich. Sein für gewöhnlich gerötetes Gesicht zeigte eine dunkelrote Färbung. »Meine hochverehrten Damen und Herren! Wenn auch die Epoche des heiligen Krieges schon in dämmernder Ferne hinter uns liegt – – –« Die Worte flossen ihm nur so vom Munde. Er war selbst erstaunt darüber und sprach – das fühlte er – sehr ruhig und gut, ja vortrefflich. Ein Beifallsmurmeln erhob sich, als er zum Schluß in launigen Worten um Nachsicht für die sich anschließende Aufführung bat.

Dann schritt er, etwas traumhaft, die Stufen hinunter nach seinem Sitz, den alter Brauch ihm, als dem ersten Vorsitzenden, in der zweiten Reihe bestimmte, und nahm dort neben seiner Gemahlin Platz. Die ganze vordere Stuhlreihe war, der Möglichkeit eines kaiserlichen Besuches halber, leer gelassen worden.

Der Musikdirektor gab das Zeichen mit dem Taktstock – das Rauschen der Programmblätter wurde hörbar – das Tonstück begann.

Herrn von Bünau überkam die angenehme Empfindung: wie nett und liebenswürdig ihm die Darstellung der »friedlichen Zustände« gelungen war. Er wagte um sich zu blicken und sah überall Gesichter voll freundlicher Erwartung und gespanntester Aufmerksamkeit. Bedeutend mutiger schon und freier gab er sich dem Genusse des Themas »das Volk bei der Arbeit« hin. Unfraglich, seine Musik gefiel, gefiel ungemein. Die Scharte des letzten »musikalischen Abends« – seine unglückseligen Lieder – wurde ausgewetzt. Das fühlte er. Seine Brust hob sich und er lauschte mit unendlichem Wohlbehagen, in das sich Stolz mischte, auf die melodischen Klänge der Schmiedehämmer. welche die »Arbeit des Volkes« originell versinnbildlichten. . . . Daß heute Schollmeyer anwesend, war unbezahlbar! Schon jetzt war das Publikum sichtlich gefesselt. Und wenn erst in die friedlichen Weisen die Spannung hineingekommen, die Kriegsfanfare, das Alarmsignal ertönen würde! . . . Bereits näherte sich die Aufführung jener bedeutsamen Stelle – – – –

Während so in dem festlichen Saale unter den Klängen der Militärkapelle alles sich aufs Glücklichste für den Komponisten und Leiter der »Cäcilia« gestaltete, näherte sich von draußen auf der Straße völlig unerwartet das Verderben. Es mochte etwa zehn Minuten nach Beginn des Musikstückes sein – das auf gut fünf Viertelstunden berechnet war – als eine Patrouille, bestehend aus sechs Mann und einem Unteroffizier durch die belebte Seestraße zog. In der Nähe des »Cäcilia-Gesellschafts«-Hauses blieb der Patrouillenführer plötzlich stehen. »Halt!« – Ein Signal, anscheinend aus ziemlicher Ferne, klang durch die Abendluft, den Straßenlärm übertönend.

»Holla?« sagte der Unteroffizier erstaunt, »das Alarmsignal?! – Hört ihr?« – In der That, von neuem und jetzt viel näher erklang das bekannte Signal. Und jetzt noch einmal, schmetternd, ganz nahe – kaum eine Straße entfernt! . . . »Gott straf mich – die Garnison wird alarmiert! Dacht ich's doch, weil der Kaiser da ist! Das Signal ertönte wieder. . . . »Das ist hinter der Kreuzkirche!« rief ein Soldat. »Schmeller,« befahl der Unteroffizier, »nehmen Sie Ihre Trompete! Treten Sie vor und blasen Sie – ordentlich!«

Das Signal schmetterte. Die Straße geriet in Aufruhr. »Vorwärts,« kommandierte der Unteroffizier, »im Laufschritt nach der Kaserne! – Halt! Schmeller, blasen Sie noch einmal!« Wieder erklang das Signal . . . und jetzt ertönte dasselbe antwortend bereits von mehreren Seiten. Das Publikum lief zusammen und drängte neugierig um die Patrouille.

»Der Kaiser alarmiert die Garnison!« Der Ruf flog von Munde zu Munde. Aus den Wirtschaften, aus Nebenstraßen, über die Plätze kamen die aufgeschreckten Soldaten angestürzt, hier und da ein Offizier im Geschwindschritt. . . . Der ganzen Bevölkerung bemächtigte sich eine gewaltige Aufregung. »Der Kaiser kommt!« hieß es. »Nein, er ist schon in der Reiterkaserne! 'Naus nach der Reiterkaserne!«

Ein Johlen und Schreien brach los, das die Gassenjugend nach Kräften verstärkte. Und dazwischen, immer aufs neue, bald hier, bald dort, jetzt von allen Seiten das aufregende Alarmsignal! Zweispänner, Droschken mit Offizieren, die aus Gesellschaften und Restaurants geholt sein mochten, rasselten durch die Straßen, ganze Trupps waffenloser, angeheiterter Soldaten jagten hier und dort hin. Und dazwischen immer noch das Alarmsignal! . . .

Als der Trompeter Schmeller das erste Mal geblasen, waren einige Offiziersburschen, die der Klang aus einem Bierkeller der Seestraße hervorgelockt, eiligst in das Gesellschaftslokal der »Cäcilia« gestürzt, um ihre Herren zu benachrichtigen. Herr von Bünau gewahrte mit Unwillen, in den sich einiges Staunen mischte, daß die Thüre sich öffnete – mitten während der Aufführung! – daß ein Kellner sich zu dem Oberst von Hellwaldt herandrängte und dieser sowie der Hauptmann Schimmelpfennig sich schnell erhoben und den Saal verließen. Auch der Hauptmann Prillwitz empfing eine Mitteilung, die ihn schleunigst aufstehen ließ; auf seinen Wink thaten drei, vier Lieutenants ein Gleiches und im Nu hatten alle Militärs, es mochten an die dreißig sein, ihre Plätze verlassen und eilten nach der Ausgangsthüre . . . Das Publikum ward unruhig, bereits standen auch einige Civilisten auf, die Damen flüsterten und warfen ängstliche Blicke um sich . . . und plötzlich erhoben sich in panischem Schrecken die vordersten Reihen und dann mit einem Schlage das ganze Publikum! »Feuer! Es ist Feuer!« . . . Die Musik brach mit schrillem Mißton ab . . .

Herr von Bünau war, blaß vor Aufregung, nach der Ausgangsthür geeilt, um die Ursache des unbegreiflichen Vorgangs zu erkunden. Bei dem Schreckensrufe »Feuer!« eilte er zitternd zurück aufs Podium. »Es ist nichts . . .« Man sah, daß er den Mund bewegte, aber die weiteren Worte verschlang der Lärm. Der größte Teil der Gesellschaft flüchtete erschreckt nach den Ausgangsthüren . . .

In der Thüröffnung erschien ein Offizier, kraftvoll gegen den Menschenstrom ankämpfend: »Ruhe! Es ist kein Feuer! Man alarmiert nur die Garnison!« Das bewirkte, daß sich die Bewegung staute. Herrn von Bünau, immer noch auf dem Podium stehend, schien ein Schwindel anzukommen. Der Kapellmeister legte mit einem verzweiflungsvollen Blick nach dem Obersten den Taktstock auf das Pult . . . Die Musiker packten eiligst ihre Instrumente ein . . .

»Ruhe! Man alarmiert nur die Garnison!« Herr von Bünau wiederholte die Worte laut, aber wie geistesabwesend . . . Seine Worte verhallten in dem Tumulte der Aufbrechenden. »Ah – der Kaiser!« »Der Kaiser alarmiert die Garnison!« »Wo denken Sie hin?« »Unglaublich!« Alles schwatzte, rief, lachte und lärmte durcheinander. Eiligst und ordnungslos drängten Damen und Herren nach den Garderoben, der Saal leerte sich binnen wenigen Minuten . . . Von der Straße herauf klang das Geschmetter des Alarmsignals! . . .

Einige der Vorstandsmitglieder und die nächsten Freunde des Hauses hatten sich um den verstörten Komponisten gedrängt, ihm die Hand schüttelnd und das Mißgeschick beklagend; aber auch diese beeilten sich, nachdem sie dieser Pflicht der Höflichkeit genügt, den noch Fassungslosen zu verlassen und aus dem Saale zu kommen. Herr von Bünau sah sich mit seiner Gemahlin allein, die ihr maliziösestes Lächeln lächelte. »Dein Riesenerfolg!«

Auf der Straße unten ertönten noch immer die Alarmsignale . . . Herrn von Bünau war es, als wenn sie ihm kochendes Blei in die Ohren bliesen. –

Vor den Kasernen draußen standen die Mannschaften in Reih und Glied: Gemeine, Spielleute und die Herren Offiziere. In der Reiterkaserne nahm der Höchstkommandierende, General von Witzleben, ziemlich unwirsch den Rapport des Herrn Obersten entgegen, daß alles vorschriftsmäßig angetreten sei. Durch die menschenbelebten Straßen der Residenz jagten die Ordonnanzen nach den verschiedenen Kasernen, um zu ermitteln, wer den Unfug verübt, da Seine Majestät der Kaiser nicht daran gedacht habe, die Garnison zu alarmieren, sondern bereits um sechs Uhr wieder abgereist sei. –

Herrn von Bünau aber umtobten bis in die Nacht hinein alle Schrecknisse eines anderen Krieges, den der verunglückte »heilige Krieg« heraufbeschworen.

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