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Bunte Reihe

Georg Bötticher: Bunte Reihe - Kapitel 18
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Reihe
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBunte Reihe
created20050314
sendergerd.bouillon
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Die Rauchstraße.

(Mecklenburgisch.)

Am Potsdamer Thor in Berlin beobachten eines Tages zwei Studenten ein Bäuerlein, das, eine dampfende Pfeife in der Hand, mit weit aufgerissenem Mund die palastähnlichen Gebäude bestaunt. Offenbar ist der brave Landmann zum erstenmal in der Residenz. Dieser Umstand veranlaßt die beiden Musensöhne einen Jux auszuhecken, den sie schleunigst zur Ausführung bringen.

Während der eine von ihnen, eine Cigarre entzündend, sich vor einem Gartengitter aufpflanzt, scheinbar das dahinter liegende Grundstück betrachtend, nähert sich der andere mit ernster Miene dem Bauer und sagt, indem er an die Mütze faßt: »Um Vergebung, mein Herr! Darf ich um Ihren Schein bitten?«

Der Bauer starrt ihn in höchster Verwunderung an. »Wat for'n Schien? Ick hew' keenen Schien . . .«

»Nun, Sie rauchen doch. Wissen Sie nicht, daß in Berlin hierzu ein Erlaubnisschein nötig ist?«

»Nee,« sagt der Bauer. »Dat hew' ick nicht wüßt. Dat 's snurrig! – Äwer – ick seh doch, dat anner Lüd ook rooken. Hewen de all so'n Schien?«

»Das versteht sich! Ah – Sie kennen die Einrichtung noch gar nicht?« Und damit wendet sich der Student an seinen Kommilitonen, der beiden den Rücken kehrend, ganz in Betrachtung des Grundstücks vertieft scheint und seine Cigarre schmaucht. »Pardon, mein Herr! Möchten Sie die Güte haben, mir Ihren ›Rauchschein‹ zu zeigen?«

»Mit Vergnügen.« Mit diesen Worten entnimmt der Gefragte, ohne Verwunderung zu zeigen, seiner Brieftasche eine Karte und überreicht sie dem Frager.

Dieser prüft sie geschäftsmäßig und giebt sie mit höflicher Verbeugung zurück. »Alles in Ordnung! Ich danke Ihnen, mein Herr.«

Der Bauer hat den Vorgang mit Aufmerksamkeit verfolgt. »Hm, hm,« meint er zu dem wieder zu ihm tretenden Studenten, »un wo is so'n Schien to kriegen? Un kost't dat vel?«

»Ja,« sagt der Student nachdenklich, »das ist so 'ne Sache. Den Schein kriegen Sie auf der Polizei. Da er aber nur für ein ganzes Jahr ausgestellt wird – auf Monate lassen sie sich nicht ein – so ist er natürlich nicht billig. Aber ich will Ihnen was sagen. Sie wollen vielleicht bloß wenige Tage hier bleiben? Nur bis morgen? Und doch gern eine Pfeife rauchen? Nun sehen Sie – für solche Fälle haben wir hier in Berlin die › Rauchstraße‹. Gehen Sie mit ihrer Pfeife dahin – dort darf ein jeder ohne Schein rauchen!«

»Dat 's god,« sagt der Bauer. »Un wo is de ›Rauchstraße‹?«

»Da fragen Sie am besten einen Schutzmann. Sehen Sie, dort am Eck steht einer. Der wird Ihnen den Weg weisen. Aber sagen Sie ihm nicht, weshalb Sie dahin wollen! Der gehört zur Polizei und schwatzt Ihnen sonst einen Schein für teures Geld auf. Denn die Polizei will die Scheine natürlich gerne los werden. Verstehen Sie?«

»Dat glöw' ick!« sagt der Bauer und grient übers ganze Gesicht. »Nee, de sall mi nich kriegen. Ick nehm' em keenen Schien af!«

Und damit geht der Bauer auf den Schutzmann zu. »Wo is woll die ›Rauchstraße‹?«

»Jehn Se jrade aus. Siebente Straße links un dann erste rechts!«

»Ick danke ook.« Und unser Bauer macht sich auf den Weg. Er kommt auch glücklich in die Rauchstraße (die ihren Namen nach dem berühmten Bildhauer führt) und geht dort dampfend wohl eine Stunde auf und ab.

Ein Schutzmann, an dem er auf seinem Spaziergange regelmäßig vorbeikommt, wird endlich aufmerksam auf den Bauer und spricht ihn an.

»Wat suchen Sie hier, Männeken?«

»Dat 's min Sak,« sagt der Bauer kurz angebunden, der ja Bescheid weiß, und will weitergehn.

»Halt mal! Sie haben doch Papiere? Einen Polizeischein?« fragt der Schutzmann.

»Ick hew' keenen Schien un will keenen Schien un bruk keenen Schien!« sagt der Bauer und dampft wie ein Schornstein.

»Was 'n Unsinn!« braust der Schutzmann auf. »Sie müssen einen Schein haben! Zeigen Sie Ihre Papiere!«

»Ick hew keen Poppieren. Doför bin ick in de ›Rokstrat‹ un ick lat mi keen Poppieren upsnacken!«

»Gott 's Donner, jetzt wird's mich zu dolle! Wenn Sie keinen Schein haben, denn lösen Sie sich einen. Marsch vorwärts, aufs Polizeibureau!«

»Nee, up 'n Schien lat ick mi nich inn – ick weet Bescheid. Ji willn den Schien girn los warden – äwer ick bruk keenen. Ick blew' in de Rokstrat.«

»Wenn Sie noch Umstände machen, nehm ich Sie beim Wickel, Sie, Sie . . .« sagt der Schutzmann drohend. »Vorwärts!«

Wohl oder übel muß der Bauer ihm folgen. Im Bureau klärt sich die Sache natürlich bald auf.

»Rauchen Sie ruhig, wo Sie wollen!« sagt der Beamte lachend zu dem Bauer. »Das ist hier nirgends verboten.« Und damit entläßt er ihn.

Nach einer Stunde aber wird das Bäuerlein wieder eingeliefert, weil es im Nationalmuseum mit brennender Pfeife betroffen worden ist.

»Denn möt ick ja woll so'n verfluchten Schien nehmen,« sagt der Bauer giftig und zittert am ganzen Leibe vor Wut. »Nu is Jug dat ja glückt! – Äwer een tweetes Mal sälen Ji mi nich kriegen, Ji Rackertüg!«

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