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Bunte Reihe

Georg Bötticher: Bunte Reihe - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Reihe
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBunte Reihe
created20050314
sendergerd.bouillon
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Dreimal komitiert.

Auf der Kneipe der Agronomia ging es heute Abend hoch her. Der dicke Krause, eins der angesehensten bemoosten Häupter der Verbindung, hatte ein Fäßchen Köstritzer »geschmissen«, teils aus Rührung über sein baldiges Scheiden von den Kommilitonen, teils aus Hochgefühl über den eben empfangenen letzten Wechsel seines Alten. Letzter Wechsel! Wie das Wort an den Wechsel alles Irdischen gemahnt! Ja. der letzte Wechsel war es: morgen sollte der akademische Bürger Krause der ehrwürdigen Universitätsstadt entrückt werden. Morgen verließ er nicht nur die Stadt, in der er so viele reizvolle Stunden verlebt, nein auch das Studentenleben überhaupt, um als Volontär auf einem mecklenburgischen Rittergut ins Philisterium einzutreten. Zahllose »Halbe« und »Ganze« wurden an diesem Abend von den Kommilitonen der wehmütig stimmenden Thatsache gewidmet, und nur der Umstand, daß der Gefeierte alle seine Aufmerksamkeit auf das beständige »Nachkommen« zu richten genötigt war, verhinderte, daß sein rundes, gutmütiges, von einem schwarzen Vollbarte umrahmtes Gesicht jenen elegischen Zug bekam, der sonst auf Gesichtern abgehender Studenten hin und wieder beobachtet worden sein soll.

Daß Krause infolge der vielen Halben und Ganzen schließlich noch das»graue Elend« bekommen könnte, war allerdings nicht ausgeschlossen, ja, es stand zu befürchten, da er im Zustande animierter Stimmung zu pessimistischer Lebensauffassung neigte. Aber bisher wenigstens hatte er sich wacker gehalten und seine kräftige Baßstimme tönte durch das Gewirr der andern Stimmen für jetzt noch in einer entschieden freudigen Tonlage, der höchstens ein befremdliches Streben anzumerken war, bis zum Diskant vorzudringen, was über die Anlage des Krauseschen Kehlkopfes offenbar hinausging. Aber gleichviel! Als das würdige Mitglied der Verbindung, der es nun so bald entrissen werden sollte, jetzt seine stattliche, wohlbeleibte Figur aufrichtete und, zum Zeichen, daß es reden wolle, mit dem Seideldeckel wiederholt heftig klappte, entstand ein ehrerbietiges Stillschweigen, das nur durch das freche Gelächter einiger Füchse beeinträchtigt ward, die von dem entrüsteten Präsiden sofort zum »Spinnen einer Kanne« verdonnert wurden.

Es ward dem ehrwürdigen, bemoosten Haupte augenscheinlich nicht leicht, zu dieser vorgerückten Stunde die Worte so elegant zu setzen, wie dies von ihm mit Recht erwartet werden konnte; aber immerhin kam bei einigem guten Willen der Hörer nach und nach ein Sinn in die Wortfülle, mit der er zunächst die gespannt Lauschenden verschwenderisch überschüttete.

»Ihr wißt, Kommilitonen, daß morgen – nein, heute, denn es ist ja schon zwei Uhr, oder doch eigentlich wohl morgen, nämlich heute Morgen – der Verein der Konditoren Mitteldeutschlands in unserer Alma Mater seinen Verbandstag abhält. Um nun zu zeigen – ruhig, ihr Füchse! – daß auch wir Studenten die Ehre, die unserer Stadt mit der Wahl zum Vereinsort angethan worden ist, zu schätzen wissen und die Bedeutung dieses Tages voll erkennen, eines Tages, der in den Annalen der Stadt mit Zuckerguß – ruhig, ihr Füchse! – angespritzt zu werden verdient – um dies zu zeigen, beantrage ich, daß sämtliche Füchse der Agronomia unter meiner Anführung heute Mittag dem Konditortag eine Huldigung darbringen – Silentium! – eine Huldigung, deren Art der Ausführung für jetzt noch mein Geheimnis bleibt, deren Kosten aber, wie ich gleich bemerken will, ich allein tragen werde. Ich frage die älteren Semester, ob sie damit einverstanden sind?«

Ein dröhnendes »Jawohl!«, das unmöglich nur aus den Kehlen der ›älteren‹ kommen konnte, beantwortete die loyale Frage.

Die dicken Züge Krauses überzog ein freudiges Schmunzeln. »Ich ersuche euch also, Füchse, heute früh elf Uhr sämtlich auf meiner Bude, Leutrastraße sechs, anzutreten, wo ich euch dann weitere Orders geben werde. Ich hoffe, daß ihr euch der Ehre dieses Unternehmens würdig zeigen werdet!«

Ein ohrenzerreißendes Hurra, ausgestoßen von sämtlichen zwölf Füchsen der Vereinigung, war die Antwort.

Der Wächter hatte die dritte Morgenstunde abgeblasen, als Krause von zwei Kommilitonen an der Thüre seines Hauses abgesetzt ward und unter den Augen der Freunde sowohl Auf- wie Zuschluß der Hausthüre verhältnismäßig unschwer bewirkte. Etwas mühseliger gestaltete sich sein Fortgang den dunklen Flur entlang, und er empfand es mit Befriedigung, als sein Fuß die erste Treppenstufe ertastete – eine Empfindung, die freilich sogleich einer total anderen wich, als beim Weiterschreiten sein Kopf furchtbar wider einen harten Gegenstand prallte, er dadurch das Gleichgewicht verlor und in eine sitzende Stellung kam. Sich aufraffend, von neuem vorschreitend und die erste Treppenstufe betretend, fühlte er mit vorsichtig tastender Hand vor sich eine Wand und erkannte staunend, daß mit dieser ersten Stufe die Treppe bereits zu Ende sei! Daß dies früher nicht der Fall gewesen, glaubte er sich ganz bestimmt zu erinnern. Da aber weitere Betrachtungen über die merkwürdige Veränderung seines Hausflurs zu keinem Resultat führten, entschloß er sich endlich den Hauswirt zu rufen und blieb, während er diesen Entschluß ausführte, vorsichtig auf der einmal betretenen Stufe stehen. Als der Hauswirt nach geraumer Zeit und ziemlich verwundert erschien, ergab sich das Sonderbare, daß Krause auf der Dezimalwage stand, die neben der Treppe in einem Winkel angebracht war. Nach diesem kleinen Irrgange gelangte der wackere Studio ohne weitere Hindernisse die unveränderte Treppe hinauf in sein Zimmer und lag wenige Minuten später in tiefem Schlafe.

Die wunderliche alte Uhr des Rathausturmes hatte bereits Elf geschlagen, als sich auf das Geräusch vieler Tritte und Stimmengemurmels hin Krause steil im Bette aufrichtete und bei dem breit einfallenden Sonnenschein bald erkannte, daß die Füchse, seinem Befehl gemäß, pünktlich »angetreten« waren.

Mit Hilfe der diensteifrigen Jünglinge ward er schnell in die Kleider befördert, verzehrte vor den achtungsvoll ihn Umstehenden hastig sein Frühstück, das seine »Philöse« hereingereicht hatte und verließ dann an der Spitze der zwölf Füchse das Logis, um diese in das Geheimnis seines Huldigungsplanes einzuweihen.

Gegen ein Uhr bot sich den Bewohnern und Passanten des Marktplatzes der kleinen Universitätsstadt ein eigenartiges Schauspiel. In Gänsemarsch, feierlich gemessenen Schrittes, marschierten aus der Kleinen Kirchgasse dreizehn Studenten auf, deren Gesichter samt und sonders von einem Konditorkünstler gleich Torten vorgerichtet waren. Der Anführer der appetiterregenden Schar, eine falstaffähnliche Gestalt, trug auf dem sorgfältig ausrasierten Kinn, das ein schwarzer Vollbart umrahmte, die bekannte Figur: § 11 in Zuckerguß. Nase und Backen waren durch Guirlanden von Zuckerröschen markiert, die Stirn zeigte den Carcerzirkel in Spritzguß, die Schläfen waren sinnig mit Früchten belegt.

Ähnliche Verzierungen wiesen die Gesichter der übrigen Zwölf auf, nur daß auf diesen anstatt des Paragraphen und Zirkels die Embleme allgemein gehaltener Torten wie: »Wir gratulieren!« oder »Zum frohen Feste« und dergleichen in Zuckerguß prangten. So geschmückt zog die Aufsehen erregende Schar in feierlichem Ernst dreimal um den Marktplatz und darauf polonaisenartig durch die Räumlichkeiten des Gasthofes »Zur Sonne«, wo die frackgeschmückten Teilnehmer des Konditortags eben die Vorbereitungen zur Festtafel abwarteten und mit staunender Bewunderung die ungewöhnliche Huldigung über sich ergehen ließen.

Ebenso feierlich, wie sie gekommen, und ohne das ihrer Würde angemessene Schweigen zu brechen, zog die Schar wieder ab und verschwand in dem Kneiplokal der »Agronomia«, wo die »älteren Semester« sie bereits in Spannung erwarteten und die geniale Idee Krauses mit ungeheurem Jubel begrüßt ward und in zahllosen Libationen die gebührende Anerkennung fand.

Die »Frühkneipe« wurde infolgedessen bis in die fünfte Nachmittagstunde verlängert, zu welcher Zeit die Gesichter der Dreizehn allerdings den Tortencharakter so ziemlich eingebüßt hatten, ohne dadurch im Aussehen weniger befremdlich geworden zu sein. Sie gemahnten jetzt vielmehr au frischtättowierte Wilde, mit denen sie auch hinsichtlich der vokalen Leistungen einige Ähnlichkeit bekundeten.

Gegen fünf Uhr erklärte der Präside die Kneiperei für »ex est«, da es höchste Zeit sei, Toilette zu machen, um dem Kommilitonen Krause, der um acht Uhr vom Bahnhof abfahren wolle, die Ehren des Komitats zu erweisen.

Schlag Sieben war denn auch alles wohl frisiert und in Wichs wieder im Kneiplokal, und alsbald setzte sich der Zug, den Scheidenden in der Mitte, nach dem Marktplatz zu in Bewegung. Nachdem dieser in üblicher Weise dreimal umschritten worden war, erklang das feierliche, nur bei dieser Gelegenheit ertönende Lied: »Bemooster Bursche, zieh ich aus . . .«

Unter Absingen der wehmütig schönen Strophen gelangte der Zug gegen halb acht Uhr in das Bahnhofsrestaurant. Hier ward sofort eine letzte Abschiedskneiperei etabliert, die ebensoviel Rührung wie Durst entfesselte, was sich in zahllosen Ansprachen und Seidelbestellungen äußerte. So wenig Zeit der Schar für ein ordentliches Bekneipen zur Verfügung stand, so gelang es ihr doch durch intensives Trinken den Erfolg zu erzielen, daß, als fünf Minuten vor acht Uhr unter dem Läuten der Bahnglocke der Zug einfuhr, Krause in einem heftigen Anfalle von »grauem Elend« schluchzend erklärte, sich heute nicht von den Kommilitonen trennen zu können, weshalb er noch einen Tag hier zu bleiben gedenke.

Der Jubel, den diese Eröffnung erregte, drohte die Pferde der auf dem Bahnsteig haltenden Wagen scheu zu machen! In dieser Stimmung zog die Schar in geschlossenem Zuge nach ihrem Kneiplokal und feierte den Sieg warmer Empfindung über die kalte Weltordnung in angemessener Weise bis in die Morgenstunde des kommenden Tages.

Um drei Uhr nachmittags versammelte sich auf Beschluß des Präsidiums die »Agronomia« in ihrem Lokal zur Vorfeier von Krauses zweitem und letzten Abschied. Gegen sieben Uhr setzte sich – nicht ohne eine gewisse Schwierigkeit die Ordnung des Zuges innezuhalten, denn der Libationen zu Ehren des Scheidenden waren die Menge gewesen! – das Komitat in Bewegung, und wieder erklang nach dem Rundgang um den Markt die feierliche Weise: »Bemoster Bursche, zieh ich aus . . .«

Gegen halb acht Uhr saß man wieder an der schnell improvisierten Tafel im Bahnhofsrestaurant und die Wogen der Rührung und Begeisterung gingen ungleich höher wie gestern, da heute mehr Zeit vorhanden gewesen, durch unermüdliches Aufgießen diese Flut zu erzeugen. Dennoch würde das Scheiden Krauses den nach menschlichem Ermessen zu erwartenden Abschluß gefunden haben, wenn nicht ein seltsamer Vorschlag von einem der bemoosten Häupter aufs Tapet gebracht worden wäre. Dieses würdige Verbindungsmitglied, auf welches der Fortgang Krauses einen besonders tiefen Eindruck gemacht zu haben schien, beantragte nämlich plötzlich mit lallender Stimme, der es aber gleichwohl nicht an gemütvoller Eindringlichkeit fehlte, daß zum Andenken an den geliebten Kommilitonen dessen wohlgepflegter schwarzer Vollbart zurückbleiben möge, zu welchem Zweck er eine Verauktionierung desselben vorschlage. Der Antrag wurde von den begeistert zustimmenden Kommilitonen einmütig zum Beschluß erhoben, Krause zum Taxator ernannt und in der augenblicklich vorgenommenen Auktion ein Erlös von zweiundvierzig Mark für das vollständige, wohlerhaltene Exemplar erzielt.

Gleich nach Annahme des Antrages war der »krasseste« Fuchs in die Stadt gesandt worden, um unverzüglich den Verbindungsfriseur zur Stelle zu bringen, damit dieser das Corpus delicti vorsichtig abnehme. Der Haarkünstler erschien, verrichtete auf das Eleganteste seine Arbeit, und der glückliche Ersteher des Bartes empfing gegen sofortige Barzahlung der zweiundvierzig Mark die stolze Zier kraftvoller Männlichkeit. Krause, aufs tiefste von diesem neuen Beweis treuester Anhänglichkeit erschüttert, erklärte schluckend, daß er den Betrag zur Gründung einer Bowle bestimme und deshalb nicht umhin könne noch einen Tag länger unter den Kommilitonen zu verweilen.

Der Jubel war grenzenlos! Die Stimmung des Abends erfuhr aber noch eine Steigerung, als im Kneiplokal, wohin man sogleich zur Vertilgung der Bowle gezogen war, der nunmehrige Besitzer von Krauses Bart die Mitteilung machte, daß er um jedem die Möglichkeit eines so teuren Andenkens zu verschaffen, den Bart en detail versteigern werde.

Die Stücke gingen bei der völligen Mißachtung materieller Güter, die augenblicklich die Gemüter beherrschte, zu fabelhaften Preisen ab, und der Überschuß, den der Auktionator edelmütig zur Verfügung stellte, ermöglichte eine zweite vermehrte Auflage der Bowle, der einem unverbürgten Gerücht zufolge noch verschiedene Auflagen gefolgt sein sollen. Sicher ist, daß der dicke Krause von vier Kommilitonen früh morgens in sein Haus und unter Vermeidung der Dezimalwage in Zimmer und Bett gebracht wurde, daß selbigen Nachmittag gegen drei Uhr die »Agronomia« vollzählig wiederum in ihrem Lokal versammelt war und daß mannigfaltige Reden dem denkwürdigen Vorgang des letzten Abends gerecht zu werden suchten.

Eine eigentümliche Stimmung bemächtigte sich aller Teilnehmer des Komitats, als gegen sieben Uhr nach dreimaligem Umzug auf dem Marktplatz zum drittenmal der Sang ertönte, dessen Absingen ohne gegründete Veranlassung bisher für eine lästerliche Profanation gegolten hatte.

Um halb acht Uhr saß man wieder an der Tafel des Bahnhofsrestaurants. Der bartlose Krause, von dem schwer zu entscheiden gewesen wäre, ob Abschiedsbeklemmungen oder gelindes Angesäuseltsein die Schuld daran hatten, sah bleich und leidend aus und verhielt sich auffallend schweigsam. Als aber das Geläute der Bahnhofsglocke die Einfahrt des ominösen Zugs verkündete, warf er sich in plötzlich ausbrechender Rührung um den Hals des neben ihm sitzenden Präsiden und erklärte schluchzend, daß nichts in der Welt ihn bewegen könne, solche Freunde zu verlassen und er deshalb seine Abreise auf morgen verschiebe.

Der Enthusiasmus, der dieser Erklärung folgte, spottet der Beschreibung! Jeder fühlte, daß zur Feier dieses nie dagewesenen Vorgangs etwas Außergewöhnliches in Scene gesetzt werden müsse! Die »älteren Semester« traten sofort zu einer Beratung hierüber zusammen. Nach kurzer Debatte wurde beschlossen, einen Rollwagen aus der Stadt herbeischaffen zu lassen, auf dem der »Unzertrennliche«, von den Füchsen gezogen, im Triumph zur Stadt und in feierlichem Umzuge um das Monument des Universitätsstifters auf dem Marktplatz geleitet werden sollte.

Nach einer halben Stunde, die man in richtiger Würdigung des Moments durch Leeren einiger Sektflaschen ausfüllte, erschienen die abgesandten Füchse mit dem Rollwagen, auf den sie verständigerweise ein altes Sofa als Sitzmöbel für Krause hatten stellen lassen. Krause bestieg unter dem Jubel der Verbindung und der auf dem Bahnhof weilenden Philister den »Thron seiner Väter«, legte sich, eine Sektflasche schwingend, bequem zurecht, die zwölf Füchse spannten sich an die Deichsel, die übrigen Verbindungsmitglieder ordneten sich vor und hinter dem Wagen zum Zuge und so ging es langsamen Tempos nach der Stadt hinein.

Bei der Umfahrt um die Statue des Kurfürsten Friedrich wurde das Tempo schneller und schneller, die wagenziehenden Füchse verdoppelten ihre Anstrengungen, Krause aber, der die Sektflasche unterwegs so ziemlich geleert, stimmte das herrliche »Kanapeelied« an, in das die Begleitung sofort dröhnend einfiel. Bei dem Kehrreim:

Die Seele schwinget sich
Wohl in die Höh, juchhe!
Der Leib allein –
Bleibt auf dem Kanapee!

raste der Wagen förmlich, und da die Wendung, womit er den Kreis beschrieb, eine jähe war, kippte das Kanapee mit dem wuchtigen Krause plötzlich um, überschlug sich und Krause kam derartig unter das Möbel zu liegen, daß er mit den darunter hervorhaspelnden Armen und Beinen täuschend einer Riesenschildkröte glich. Er hatte aber nicht den mindesten Schaden genommen, wurde wieder hinaufgesetzt und völlig wohlbehalten vor der Thür des Kneiplokals abgeladen. Die bis gegen die vierte Morgenstunde dauernde Kneiperei überbot an Animiertheit die der vorhergegangenen Nächte um ein Bedeutendes.

Andern Nachmittags, als sich wie gewöhnlich die Kommilitonen gegen drei Uhr im Kneiplokal versammelt hatten, trat Krause mit auffallend blassem, übernächtigen Gesichte unter sie. Er erbat sich das Wort und teilte den gespannt Aufhorchenden mit, daß auf sein dreimal wiederholtes Absagungstelegramm hin heute früh von seinem Alten eine Depesche eingelaufen sei, welche laute:

»Wenn du heute nicht kommst – komme ich!«

Unter diesen Umständen habe er sich entschlossen, schon mit dem Vieruhrzuge heute Nachmittag abzureisen. Er schloß mit den Worten: »Ich habe eine Bitte an euch, die ihr mir erfüllen werdet: komitiert mich lieber nicht – ich komme sonst am Ende gar nicht fort.«

Gerührten Herzens versprachen dies die Kommilitonen. Der Abschied war von überwältigender Feierlichkeit. Das Lied »bemooster Bursche, zieh ich aus . . .« erklang – zum viertenmal, doch ausnahmsweise im Kneiplokal – und nach dem Verhallen desselben und nachdem er schweigend einen jeden nochmals heftig umarmt, schied der dicke Krause und soll – wie von Augenzeugen versichert worden ist – wirklich und wahrhaftig um vier Uhr abgefahren sein.

Die Verbindung aber bewahrt ihm ein treues Gedenken. Die Dichter der »Agronomia« haben ihn in begeisterten Gesängen verherrlicht und in den Annalen der Verbindung liest man von dem Kommilitonen, der sich nicht trennen konnte, der dreimal komitiert ward und schließlich dennoch ohne Komitat von hinnen schied.

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