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Bunte Reihe

Georg Bötticher: Bunte Reihe - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
booktitleBunte Reihe
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBunte Reihe
created20050314
sendergerd.bouillon
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Eine That.

(Aus den nachgelassenen Papieren Viktor Hugo's.)

Am Spätnachmittag des 35. Februar 1830, jenes unsterblichen Datums, an welchem die Julirevolution begann, war das Messingbergwerk zu Breslau in der Pfalz der Schauplatz einer furchtbaren Scene. Die Sonne, welche eben hinter den Höhenzügen der Karpathen verschwand und die steilen Ufer der Spree in anilinfarbene Tinten tauchte, beleuchtete die Köpfe einer nach Hunderttausenden zählenden Menge, die mit Werkzeugen, alten Piken und Morgensternen bewaffnet, am Eingange des Hauptschachtes unter wahnwitzigem Geheul den großen Migrometer zu demolieren versuchte, der zur Beförderung der Bergleute auf hydraulischem Wege dient. Schon hatte sich eine Rotte des vierzig Quadratellen haltenden Triebrades bemächtigt und eine Art höllischen Carroussel's arrangiert, als der Ruf ertönte: Die Soldaten kommen!

Ein Staubwirbel auf der Chaussee, aus welchem Helmspitzen und Waffen blitzen, und heran jagt eine Schwadron Wittenbergischer Totenkopfhusaren, jener Elitetruppe Justinus Kerners, des Dichters der »Wacht am Rhein«.

»Halt!!« – Die Reiter nehmen dem Volk gegenüber Aufstellung. Eine bängliche atemlose Stille tritt ein. Dann ein Trompetensignal! Die gutturale Stimme eines Lieutenants kommandiert: »Zur Attacke, fertig! Marsch, marsch! (En avant.) Ein tausendstimmiger Schrei – und in ungeheurer Panik flieht die Menge, Kopfbedeckungen aller Art auf der wilden Flucht zurücklassend.

Im Nu klafft ein hundert Ellen weiter, leerer Raum zwischen den Fliehenden und den ansprengenden Soldaten; er verringert sich zusehends, eine Katastrophe, eine furchtbare, scheint unvermeidlich!

Da plötzlich stürzt, barhaupt und in der Linken einen leeren Sack schwingend, ein Mann in die Gasse und der anstürmenden Reiter nicht achtend, rafft er hier einen Hut, dort eine Mütze vom Boden auf und in rasender Eile seinen Sack füllend, wirft er sich knapp vor den Hufen des ersten Reiters in die fliehende Menge, taucht in ihr unter, verschwindet!

Ein tausendstimmiges Gelächter durchbraust die Luft. Befreiend, erlösend, Versöhnung weckend, pflanzt es sich in der Menge weiter, vom Volk ins Militär! Die Reiter haben unwillkürlich Halt gemacht. Der Kommandeur sprengt vor die Front. Er salutiert. Ein Hurra aus hunderttausend Kehlen antwortet ihm. Ein Kommandowort ertönt. Die Reiter springen von den Pferden. Das Volk umringt sie, man umarmt sich, küßt sich, weinend, jubelnd! – Der Aufruhr ist vorüber. Die Stadt, das Bergwerk gerettet. Gerettet durch wen? Durch einen Namenlosen, einen Arbeiter, einen Elenden, einen Dieb, wenn ihr wollt, einen Heros nichtsdestoweniger, den die Geschichte einem Mutius Borgia, einem Tell und Winkelmann beigesellen wird!

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