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Buffalo Bill der letzte große Kundschafter

Helen Cody: Buffalo Bill der letzte große Kundschafter - Kapitel 9
Quellenangabe
typebiography
authorHelen Cody
titleBuffalo Bill der letzte große Kundschafter
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160311
projectid2965906a
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Achtes Kapitel: Türks Tod und Begräbnis.

Dieser von Willis befehligte Frachtzug nahm nur zwei Monate in Anspruch, doch beteiligte sich Will fast unmittelbar darauf wieder an einer anderen Expedition, deren Ziel die beim Fort Wallace am Cheyennepaß gelegene Poststation war.

Mittlerweile hatte die Mutter sich entschlossen, die durch die geographische Lage unseres Besitztums bedingten Vorteile zu benützen und den Gasthof »Zum Waldhaus« zu erbauen.

Das Gasthaus bot eine herrliche Fernsicht. Zu seinen Füßen lag das schöne Salzflußtal, das seinen Namen von den salzigen Bestandteilen des Flüßchens hatte, dessen kristallklare Fluten in steinigem Bette durchs Tal rauschten und sich dann in den schmutzigen Missouri ergossen. Von unserer Ansiedlung aus glich dieses Flüßchen einem silbernen Faden, der sich durch das üppige Grün des Tales schlängelte. Ringsumher lagen fruchtbare Farmen; von Osten nach Westen lief der von der Regierung benützte, unter dem Namen der »Alte Salzseepfad« bekannte Verkehrsweg, und in unserem Rücken erhob sich der nach unserem Vater benannte Codyhügel. Unser Haus stand am Abhang dieses Hügels, an dem die Verkehrsstraße vorüberführte, und zwischen uns und dem Gipfel dieses kleinen Berges lag der Wald, der dem Haus seinen Namen gegeben hatte. Der gegen Osten gelegene sogenannte Government Hill verdeckte uns die Aussicht auf Leawenworth und den Missouri und erreichte im Süden seinen höchsten Punkt in dem ebenfalls von uns aus nicht sichtbaren Pilot Knob, der Anhöhe, wo der Vater seine letzte Ruhestätte gefunden hatte.

Das Aufblühen des Gasthauses rechtfertigte der Mutter Wagnis. Die Ochsenzüge, deren Weg über den eine halbe Meile lang ansteigenden Codyhügel führte, nahmen gerade vor unserem Hause Vorspann. Die steile Anhöhe hinauf mußten die Ochsengespanne verdoppelt werden, und oben angelangt, wurde das zweite Gespann wieder abgeschirrt, den Hügel hinuntergeführt und dann wieder vor einen weiteren Wagen gespannt. Auf diese Weise kam ein Zug, der meistens aus fünfunddreißig Wagen bestand, natürlich erst recht im Schneckengang vorwärts, und das Gasthaus wurde förmlich überflutet von hungrigen Fuhrleuten.

Will, der wohl wußte, daß sein Verdienst der Mutter bei den großen, durch den Bau des Gasthauses verursachten Kosten sehr zu statten kam, beabsichtigte bei Beginn des Winters, wo die Frachtzüge eingestellt wurden, sich an einer Expedition von Pelzjägern zu beteiligen. Gerade im Winter konnte bei diesem Geschäft mehr Geld verdient werden, als zu jeder anderen Jahreszeit.

Das Unternehmen wurde mit Erfolg gekrönt und brachte nur ein einziges mit Gefahr verknüpftes Abenteuer. Will jedoch verstand es auch diesmal, durch Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart die Gefahr nicht nur zu beseitigen, sondern sogar zu seinem Vorteil zu benützen.

Eines Morgens, als er zur Besichtigung seiner Fallen auf einem Rundgange begriffen war, tauchten plötzlich drei Indianer vor ihm auf, von denen jeder ein mit Fellen beladenes Pony führte. Einer war mit einer Flinte bewaffnet, die anderen trugen Pfeil und Bogen. Das Verhältnis der Gegner war drei zu eins, wobei der Krieger mit der Flinte mehr ins Gewicht fiel als die beiden anderen.

Der mit der Schußwaffe versehene Indianer ließ sofort den Zügel los und hob seine Flinte, doch noch ehe er sie in Anschlag bringen konnte, hatte Will abgedrückt, und getroffen stürzte der Indianer aufs Gesicht. Seine Gefährten spannten die Bogen, ein Pfeil flog durch Wills Hut, ein anderer drang in seinen Arm. Es war die erste Wunde, die er erhielt. Lebhaft schwang er jetzt den Hut in der Luft und schrie, als befinde sich eine Schar Freunde in seinem Rücken: »Hierher, hier sind sie!« Dann verwundete er mit einem Pistolenschuß den zweiten Indianer, worauf dieser und sein Gefährte in der Annahme, daß sich feindliche Verstärkungen in der Nähe befinden, die Ponys im Stich ließen und entflohen.

Im Sturmschritt führte Will die beladenen Tiere ins Lager zurück, worauf sich die Pelzjäger entschlossen, sofort ihre Zelte abzubrechen. Die Jagd war ergiebig gewesen, und die wenigen Felle, die unter Umständen noch gewonnen werden konnten, wogen die Gefahr eines etwaigen Indianerangriffs nicht auf. So packten sie ihre Schätze zusammen und begaben sich nach Fort Laramie, wo Will eine hübsche Summe für die eroberten und selbsterlegten Felle erlöste.

Im Fort befanden sich zwei Männer, die voll Ungeduld etwa demselben Reiseziel wie Will zustrebten, und da es auch diesem sehr darum zu tun war, so bald als möglich nach Hause zu kommen, so schloß er sich ihnen an. Lieber wollten sie sich den Gefahren eines Rittes auf Indianerspfaden aussetzen, als auf das ungewisse Eintreffen eines Ochsenzuges warten. Sie kauften drei Pferde und einen Packesel für ihre Zelte und machten sich frischen Mutes auf den Weg.

Obwohl der Jüngste, so war Will doch der erfahrenste Präriekenner der kleinen Gesellschaft und erlahmte keinen Augenblick in seiner scharfen Wachsamkeit. Ohne etwas von Indianern zu bemerken, erreichten sie den Blue River, an dessen jenseitigem Ufer Will jedoch plötzlich eine Schar Rothäute entdeckte. Auch sie hatten die Weißen sofort bemerkt und ließen nun von ihrem begonnenen Jagdvergnügen ab, um sich der aufregenderen Verfolgung einer menschlichen Beute hinzugeben. Doch mußten sie erst das Flüßchen durchqueren, was den Weißen einen guten Vorsprung gab. Die Verfolger kamen trotzdem immer näher und näher, zum Glück aber senkte sich bald die Dämmerung hernieder, und unter ihrem Schutze entkam das Trio glücklich. Sie schlugen ihr Nachtlager in einer kleinen Schlucht auf, in der sie sowohl vor Indianern als vor Schneesturm geschützt zu sein hofften.

Eine prüfende Umschau in dieser Schlucht zeigte ihnen eine Höhle, die einen behaglichen Zufluchtsort versprach. Dort breiteten Will und einer seiner Gefährten ihre Decken aus und schliefen ein. Der dritte Mann, dessen Amt es war, das Abendessen zu bereiten, zündete ein Feuer in der Mitte der Höhle an und ging dann wieder hinaus, um noch mehr Brennmaterial herbeizuschaffen. Als er die Höhle wieder betrat, war sie von hellem Feuerschein erleuchtet. Nach einem flüchtigen Blick aber stieß er einen gellenden Schreckensruf aus, ließ das Brennholz fallen und entfloh.

Will und der andere Bursche hatten sich im Nu aufgerichtet und; einen Indianerüberfüll befürchtend, nach ihren Flinten gegriffen. Allein der Anblick, der sich ihnen darbot, war schreckenerregender als tausend Indianer. Etwa ein Dutzend gebleichter, gräßlich aussehender Skelette lehnten neben dem Lagerfeuer an der Wand und schienen sich hin und her zu neigen und ihre erfrorenen Knochen der Feuersglut entgegenzustrecken.

So schauerlich es aber auch innerhalb der Höhle aussah, so fand es Will im Freien doch noch unbehaglicher. »Na, hört 'mal,« sagte er zu seinen Gefährten, »jene alten toten Knochen tun uns nichts mehr zuleide. Laßt uns lieber wieder hineingehen.«

»Um keinen Preis, mein Söhnchen;« erwiderte der eine der Männer mit Entschiedenheit, und der andere stimmte ihm lebhaft bei, indem er heilig versicherte, er könne sonst acht Tage lang kein Auge mehr schließen. Somit bestieg die Gesellschaft nach flüchtig eingenommenem kalten Mahle wieder die Pferde und jagte davon. Der befürchtete Schneesturm erhob sich wirklich, steigerte sich schließlich zu einem förmlichen Orkane und zwang die Reiter, abzusteigen und auf freier Ebene ihr Lager aufzuschlagen. Daß sie eine recht erbärmliche Nacht verbrachten, läßt sich denken.

Aber auch sie fand ihr Ende, wie alles im Leben. Mit dem anbrechenden Morgen setzten die drei ihren Weg wieder fort und erreichten nach vielen Entbehrungen und Widerwärtigkeiten Marysville.

Von dort aus war die Reise weniger gefährlich, da es in dieser Gegend ziemlich viele Ansiedlungen gab, und so erreichte Will die Heimat ohne weitere Zwischenfälle. Hier fand er dann bei der Freude, der Mutter das viele erworbene Geld einhändigen zu können, reichen Lohn für alle Mühseligkeiten. Er hatte das Bewußtsein, ihre Sorgen doch etwas erleichtert zu haben, Sorgen, die ihren Ursprung nur in dem einen Wunsche hatten, die Zukunft ihrer Kinder gesichert zu wissen, falls sie der Tod, der ihre Gesundheit all diese Jahre hindurch bedrohte, ereilen würde.

Es war Anfang März, als Will von seiner Pelzjagd zurückkehrte. Der Mutter Geschäft blühte, obwohl sie selbst mit jedem Tage hinfälliger wurde. Der nun folgende Sommer war für uns alle insofern recht traurig, da er Türks letzte Tage auf Erden brachte. Als er eines Abends friedlich schlummernd im Hofe lag, stürzte plötzlich ein fremder Hund zum Tore herein, brachte Türk einen heftigen Biß bei und jagte wieder davon. Wir verbanden die Wunde, ohne ihr große Bedeutung beizumessen, bis einige Reiter heransprengten und riefen: »Habt ihr keinen Hund vorbeilaufen sehen?«

Voll Unwillen antworteten wir, daß allerdings ein fremder Hund vorbeigerast sei und unseren Hund gebissen habe.

»Dann gebt nur acht auf ihn,« sagten die Männer im Weiterreiten, »der Hund war toll.«

Höchste Bestürzung befiel uns. Der Gedanke, Türk könnte toll werden, er, der Spielgefährte unserer Kindheit, er, der es besser verstanden hatte, sich unsere ganze Liebe zu erwerben, als vielleicht manches menschliche Wesen – der Gedanke war entsetzlich. Die Mutter, die wohl wußte, wie ernst die Sache war, erteilte sofort ihre Befehle. Türk mußte eingeschlossen werden, und wir durften ihn längere Zeit nicht einmal besuchen. Noch gaben wir indes die Hoffnung auf seine Genesung nicht auf, bald aber konnte kein Zweifel mehr bestehen, daß das Gift in seinem Blute arbeitete, und daß wir ihm keine größere Wohltat erweisen konnten, als ihn zu töten.

Dies war eine entsetzliche Wahl. Will weigerte sich rundweg, ihn zu erschießen, und so wurde dem Knecht die traurige Verrichtung übertragen, wobei Will zur Bedingung machte, daß keine seiner Waffen gebraucht und ihm erlaubt würde, außer Hörweite zu gehen.

Gegen Abend vor Sonnenuntergang versammelten wir uns in betrübtem Schweigen zum Begräbnis. Auf der höchsten Spitze des Codyhügels war ein tiefes Loch ausgeschaufelt worden, und geschmückt mit schwarzen Bändern stiegen wir mit Türks Leichnam, den wir auf eine mit Moos bedeckte Bahre aus Tannenzweigen gelegt hatten, langsam den steilen Pfad hinan. Den Hut in der Hand, führte Will den Zug an, wobei er hin und wieder mit der geballten Faust nach seinen Augen faßte. Am Grabe angekommen, bildeten wir weinend einen Kreis darum, und Will, der mich mit Vorliebe die kleine Predigerin nannte, forderte mich auf, das Vaterunser zu sprechen. Die Sonne ging unter und färbte die sich im Westen auftürmenden Wolken mit feuriger Glut. Wie Seufzen klang es aus den unter uns liegenden Baumkronen, und gedämpft drang der Lärm des Tales zu uns herauf.

»Unser Vater in dem Himmel,« flüsterte ich leise, während alle Kinder den Kopf senkten, »dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.« Ich hielt inne, und im Chor sprachen die übrigen Kinder den zweiten Teil. Am nächsten Tage verschaffte sich Will einen großen Block Blutstein, der in dieser Gegend massenhaft vorkommt, und grub, nachdem er ihn zu einem Viereck behauen hatte, in großen Buchstaben den Namen Türk darauf, worauf er den Block mit unserer Hilfe auf das Grab wälzte.

Wir Kinder hatten durchaus nicht das Gefühl, mit diesem feierlichen Begräbnis eine unpassende Handlung begangen zu haben. Türk hatte für uns getan, was ein Hund nur tun kann, und wir fanden es recht und billig, ihm dafür ein christliches Begräbnis zu teil werden zu lassen. Wahr und tief war unser Kummer; wir hatten einen treuen, aufrichtigen Freund verloren, und noch viele Tage nachher schmückten liebevolle Hände sein Grab mit frischen Blumen. Ehre sei deinem Andenken, alter Türk! Möchten alle unsere einer höheren Stufe der Entwicklung angehörenden Freunde ebenso zuverlässig sein als du!

Ein außergewöhnlich tüchtiger Lehrer hatte jetzt die Schule in unserer Nachbarschaft unter sich, und so ließ sich Will von neuem bereden, die Pfade des Studiums zu wandeln. Ein Winter voll strenger Arbeit verfloß; als aber der Frühling sich zu regen begann, die Knospen sprangen und das Gras emporsproßte, als die Vögel zurückkehrten und ihr Zirpen und Zwitschern aus tausend Nestern ertönte und die Geister der Prärie verführerisch winkten – da schloß sich Will einer Gesellschaft Goldgräber an, die auf ihrer weiten Reise nach dem »Pikes Peak« begriffen waren.

Das Goldfieber hatte seinen Kulminationspunkt im Jahre 1860 bereits überschritten. An unserem Hause war jener historisch gewordene Wagen vorübergefahren, der die stolze Überschrift trug: »Pikes Peak oder Krach!« Nachdem die Expedition dann nach einer Reihe von Enttäuschungen und Mißerfolgen schließlich jämmerlich zu Grunde gegangen war, wurde es sprichwörtlich, jedem mit Humor aufgefaßten Mißerfolg die Bezeichnung »verkracht« zu geben.

Will war jetzt 14 Jahre alt und recht groß für sein Alter, dabei aber doch nicht so kräftig, als man es bei dem rauhen Leben, das er führte, hätte erwarten sollen. Daß auch ihn das Goldfieber ergriffen hatte, war nicht allzu verwunderlich, noch weniger, daß die Mutter ihn nur voll Sorge einem neuen, gefahrvollen Leben entgegenziehen ließ. Allein schon in Auraria, dem heutigen Denver, gewann Will die Überzeugung, daß ein Vermögen im Goldlande ebensowenig auf der Straße zu finden sei als wo anders.

Die Erfahrung hat die Ansicht bestätigt, daß die Menschen in der Erregung wahnwitziger Goldwut unfähig sind, ihren klaren Verstand walten zu lassen. Zudem ist außer beim Goldsuchen im Sande, das schließlich jeder lernen kann, das Goldgraben eine Kunst. Hin und wieder wird ja wohl ein Goldklumpen, der ein Vermögen wert ist, gefunden, trotzdem aber kann sich der Durchschnittsmensch mit geringerer Mühe einen besseren Lebensunterhalt auf fast jedem anderen Arbeitsgebiet verdienen. Um als Goldgräber reich zu werden, sind genaue Kenntnisse der Erze und des Bergbaues überhaupt unbedingt erforderlich.

Will kam jedoch niemals bis zu den Goldfeldern. Fast der erste Mensch, dem er in den Straßen von Julesburg begegnete, war George Chrisman, der bei Russell, Majors Waddell das Amt eines obersten Wagenmeisters versehen hatte, und mit dem Will bei den verschiedenen Frachtzügen, die er für die Firma mitgemacht hatte, bekannt geworden war.

Dieser Mann wohnte jetzt in Julesburg und war Direktor einer im Entstehen begriffenen berittenen Expreßbriefpost. Diese Postverbindungslinie, die den Namen Pony-Expreßlinie führte, war ein Unternehmen des Hauses Russell, Majors Waddell. Herr Russell traf eines Tages in Washington mit dem Senator von Kalifornien zusammen. Dieser Herr wußte, daß das in Leawenworth stationierte Frachtfuhrgeschäft für den Westen täglich eine vierspännige Postkutsche vom Missouri bis Sacramento abgehen ließ, und stellte Russell nun aufs eindringlichste vor, wie wünschenswert es wäre, auf demselben Wege eine reitende Briefpost einzuführen. Wohl gab es schon eine solche, die unter dem Namen Butterfieldlinie bekannt war, doch ging sie nicht direkt und brauchte mindestens einundzwanzig Tage.

Russel unterbreitete die Angelegenheit seinen Teilhabern, die sich jedoch dagegen erklärten, da sie ein solches Unternehmen für ein verlustbringendes Wagestück hielten. Russel, der älteste Teilhaber, vertrat das Projekt jedoch mit einem solchen Eifer, daß die beiden anderen schließlich in einen Versuch willigten, und zwar zum Besten des Landes, ohne auf Gewinn zu rechnen. Die schon bestehenden, für die Frachtzüge eingerichteten Stationen wurden mitbenutzt, und nach Verlauf von zwei Monaten sollte die Pony-Expreßlinie bereits in vollem Betriebe sein.

Die Expreßreiter erhielten hundertzwanzig bis hundertfünfundzwanzig Dollars im Monat, ein hoher Lohn, den sie aber auch reichlich verdienten. Um einer solchen Anstellung gewachsen zu sein, waren große Körperkraft und Ausdauer erforderlich; zudem mußten die Reiter kaltblütig, mutig und entschlossen sein. Ihr Leben befand sich in steter Gefahr, auch waren sie verpflichtet, den doppelten Dienst zu tun, falls der Kollege, der sie abzulösen hatte, durch einen Überfall von Meuchelmördern oder Indianern außer stande gesetzt würde, seinen Dienst weiter zu verrichten.

Zweihundertfünfzig Meilen mußten täglich zurückgelegt werden, was einen Durchschnitt von etwas mehr als zehn Meilen in der Stunde ergab. In den Gegenden, wo der Weg besonders uneben und holperig war, konnte dieser Durchschnitt zwar nicht immer eingehalten werden, dafür erwartete man aber von den Reitern, daß sie auf den besseren Stellen des Weges dann fünfundzwanzig Meilen in der Stunde machten.

Bei einem solchen Eilritte war es selbstverständlich, daß die zu befördernde Last aufs äußerste beschränkt werden mußte. Briefe wurden aufs dünnste Postpapier geschrieben, denn das Porto betrug fünf Dollars für eine halbe Unze. Ein Hundert solcher Briefe ergaben ein Päckchen nicht größer und dicker als ein gewöhnliches Notizbuch.

Das Gewicht der Postsäcke – lederne, wasserdichte Beutel – durfte niemals zwanzig Pfund überschreiten. Sie wurden verschlossen, versiegelt, an den Sattel festgeschnallt und auf dem ganzen Wege von St. Joseph bis Sacramento nicht geöffnet.

Der erste Eilritt nahm zehn Tage in Anspruch, also elf Tage weniger als die kürzeste Reise der Butterfieldpost. Manchmal wurde das Ziel sogar in acht Tagen erreicht, doch blieb der Durchschnitt neun Tage. Die in dieser Zeit zurückgelegte Entfernung betrug neunzehnhundertsechsundsechzig Meilen.

Die letzte von Präsident Buchanan im Dezember 1860 abgeschickte Botschaft wurde in acht Tagen und einigen Stunden befördert; Präsident Lincolns Antrittsrede im darauffolgenden März sogar in sieben Tagen und siebzehn Stunden.

Die Vorteile der Pony-Expreßlinie machten sich sofort geltend. Auch ein großer finanzieller Erfolg wäre nicht ausgeblieben, wenn nicht bald darauf eine Telegraphenlinie unter der Leitung Edward Creightons eingerichtet worden wäre. Am 24. Oktober 1861 flog die erste Drahtbotschaft nach dem Westen. Damit hatte sich die Pony-Expreßlinie überlebt und wurde auch sofort eingestellt. Dennoch war ihr Hauptzweck erfüllt, der darin bestand, den Beweis zu liefern, daß der Weg das ganze Jahr hindurch als Reisepfad benützt werden konnte. Die Wagen der Pacific-Eisenbahn sausen jetzt fast denselben Indianerpfaden entlang, denen in jenen vergangenen stürmischen Zeiten der Grenzstreitigkeiten die kühnen Reiter gefolgt waren.

Chrisman begrüßte Will aufs herzlichste. Er erklärte seinem jugendlichen Freunde die Einrichtung der Expreßlinie und sagte, daß die Gesellschaft ihre Anordnungen bereits getroffen habe. Es handle sich jetzt nur noch um den Einkauf der Pferde und die Auswahl der Expreßreiter. Scherzend fügte er hinzu: »Es ist jammerschade, daß du nicht ein paar Jahre älter bist, Billy, dann würde ich dir das Ämtchen eines Pony-Expreßreiters übertragen, das bringt ein hübsches Sümmchen ein.«

Will nahm den Gedanken sofort mit Feuereifer auf und bat so dringend, ihn wenigstens einen Versuch machen zu lassen, daß Chrisman schließlich einwilligte, ihn für einen Monat anzustellen. Wenn ihn dann die Arbeit allzusehr anstrengte, so sollte er nach Ablauf dieser Zeit sein Amt niederlegen. Er hatte eine verhältnismäßig nur kurze, mit drei Vorspannstationen versehene Strecke zurückzulegen und sollte fünfzehn Meilen in der Stunde machen.

Am 3. April 1860 stand Russell bereit, die mit einem New Yorker Schnellzug in St. Joseph angelangte Post in Empfang zu nehmen. Er selbst schnallte in Gegenwart einer erregten Menge den Briefbeutel dem Pferde an. Mehrere berühmte New Yorker Zeitungen hatten zur Feier dieses ersten Eilrittes Extraausgaben auf das dünnste Postpapier drucken lassen. Die Menge riß dem zu diesem Einweihungsritt bestimmten Tiere sogar Haare aus dem Schwanze, um sie als bleibendes Andenken an dieses denkwürdige Ereignis aufzubewahren. Der Reiter stieg auf, der Augenblick des Auslaufs nahte heran, das Zeichen wurde gegeben, und fort jagte er wie ein Pfeil.

Im selben Augenblick spielte sich in Sacramento ein ähnlicher Auftritt ab. Auch von dort aus stürmte ein Eilbote auf der zweitausend Meilen weiten Strecke dahin – also einer in westlicher, ein anderer in östlicher Richtung, während den ganzen Weg entlang die verschiedenen anderen Reiter zur Ablösung bereit waren.

Will hatte voll Ungeduld dem Eröffnungstage der Expreßlinie entgegengesehen. Als dann auch für ihn die wichtige Stunde herannahte, stand er neben seinem gesattelten Pferde, den Reiter erwartend, dessen Dienst er übernehmen sollte. Da endlich ein Aufschlagen von Hufen, ein Reiter sprang vom Pferde und schleuderte ihm die Posttasche zu. Will fing sie auf, befestigte sie am wartenden Pferde, schwang sich hinauf und sauste mit Windeseile davon.

Die erste Station wurde beizeiten erreicht. Mit kaum einer Sekunde Zeitverlust wechselte er das Pferd, während das schnaubende, dampfende Tier, das er verlassen hatte, der Fürsorge des Posthalters überlassen wurde. Dasselbe Verfahren wiederholte sich nach Zurücklegung der nächsten fünfzehn Meilen, und noch einige Minuten vor der bestimmten Zeit war die letzte Station erreicht. Auch der Rückweg verlief in bester Ordnung, und nun erst schrieb uns Will voller Begeisterung von seiner neuen Tätigkeit.

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