Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helen Cody >

Buffalo Bill der letzte große Kundschafter

Helen Cody: Buffalo Bill der letzte große Kundschafter - Kapitel 29
Quellenangabe
typebiography
authorHelen Cody
titleBuffalo Bill der letzte große Kundschafter
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160311
projectid2965906a
Schließen

Navigation:

Achtundzwanzigstes Kapitel: Der letzte große Kundschafter.

Das Leben in den einstigen Grenzgebieten gehört der Vergangenheit an. Zerstoben wie Nebel an der Sonne ist der ferne »Wilde Westen« durch die Berührung mit den beiden mächtigen Zauberern des neunzehnten Jahrhunderts – dem Dampf und der Elektrizität.

Fast ganz der Richtung des alten historischen Santa Fé-Pfades folgend, saust jetzt die im Jahre 1880 vollendete Atchison-, Topeka- und Santa Fé-Eisenbahn dahin. Einstens wurde die Stille der Prärie nur von dem wilden Kriegsgeschrei des mit einem benachbarten Stamme um die Obergewalt kämpfenden Indianers unterbrochen, oder vom dumpfen Ton der schwer aufschlagenden Hufe von Tausenden von Büffeln. Heute bildet das Pfeifen der Lokomotive, das Klingeln der elektrischen Glocken und das Rasseln der Eisenbahnräder die ununterbrochene Begleitung zu dem fröhlichen Summen und Schwirren des geschäftigen Lebens, das die noch vor dreißig Jahren dort herrschende Wildnis erfüllt. Fast als einzige Erinnerung an die Kämpfe und Entbehrungen der kühnen Pelzjäger und Forscher, durch deren verwegenen Mut die gegenwärtigen Errungenschaften ermöglicht wurden, ragen als historische Wahrzeichen die Berge ins Land hinein, die noch die Namen einiger dieser tapferen Männer tragen. Allein auch diese sind nur gering an Zahl. In schweigendem Gedenken an jenen Wanderer, dessen Namen er führt, erhebt der »Pikes Peak« sein schneebedecktes Haupt. »Simpsons Rest«, eine hohe, obeliskenartige Bergspitze, erinnert an den Bergsteiger, dessen Leben sich fast ganz auf den zerklüfteten Abhängen abspielte und dessen letzter Wunsch es war, auf seinem Gipfel begraben zu werden. Eine andere nebelumwobene Bergkuppe trägt den Namen »Fishers Peak«, an die sich eine besondere Geschichte knüpft.

Bei den zur Eroberung von Mexiko ausgeschickten Truppen befehligte Hauptmann Fisher eine Batterie. Eines Abends bezog er mit seiner Mannschaft ein Lager am Fuße des Berges, der jetzt nach ihm benannt wird. Verlockt durch die täuschende Klarheit der Luft, machte er sich am nächsten Tage zu einem Morgenspaziergang nach dem anscheinend nahegelegenen Gipfel auf, und zwar mit der Angabe, zum Frühstück wieder zurück zu sein. Nachdem auch der zweite Tag ohne seine Rückkehr verstrichen war, mußten seine Soldaten annehmen, daß er auflauernden Indianern zum Opfer gefallen sei. Traurig setzte sich die Mannschaft zu ihrer Abendmahlzeit nieder, als plötzlich ganz verstört und zu Tode erschöpft der Hauptmann erschien. Sein Morgenspaziergang hatte zwei Tage und eine Nacht in Anspruch genommen. Allein er hatte es sich nun einmal vorgenommen, den Berg zu erklimmen, und diesen Vorsatz trotz aller Schwierigkeiten auch durchgeführt.

Die transkontinentale Eisenbahn, die längs des alten Salzseepfades hinläuft und jetzt unter dem Namen Union-Pazifik-Eisenbahn bekannt ist, stand schon elf Jahre früher in Betrieb als die Atchison-Topeka- und Santa Fé-Bahn. Die Geschichten, die sich an den Bau dieser Bahn knüpfen, bei dem es unerhörte Hindernisse und Gefahren zu überwinden gegeben hatte, klingen wunderbarer als irgend eine Erzählung aus »Tausend und eine Nacht«.

Durch diese Eisenbahn wurde die Pony-Expreßlinie wertlos, auf der früher dampfende, keuchende Pferde mit Anwendung ihrer ganzen Kraft ihre unermüdlichen Reiter fünfzehn Meilen in der Stunde vorwärts getragen und die ihnen vorgeschriebene Strecke günstigstenfalls in acht Tagen zurückgelegt hatten. Jetzt stößt das eiserne Roß einen verächtlichen Pfiff aus und legt dieselbe Entfernung vom Ende der Missouribahn bis zur Pazifikküste mit Leichtigkeit in drei Tagen zurück.

Selten nur denkt heute noch der Reisende in den rasch dahinsausenden, mit allem Luxus ausgestatteten Wagen an die Mühseligkeiten und Gefahren, denen die früheren Wanderer auf diesem Wege ausgesetzt waren. Denn mit einer solchen Fahrt im Postwagen war nicht nur die Aussicht, von Indianern und Wegelagerern überfallen zu werden, sondern auch höchstes Unbehagen und große Ermüdung verbunden. Die stoßende, hin und her schaukelnde Kutsche warf die Passagiere unbarmherzig von einer Seite zur anderen, sobald die kühnen Postillone den vor einem Feinde fliehenden Pferden freien Lauf ließen. Dahin galoppierten sie über Berg und Tal in gleichmäßig toller Jagd auf Tod und Leben. Heutigestags wird ein bequemes Reisen als etwas Selbstverständliches angesehen, und auch der in wohlausgestattetem Dampfer den Ozean durchquerende Reisende bezahlt oft nur widerwillig den verhältnismäßig so niederen Fahrpreis, ohne es sich klar zu machen, wie viel Dank er diesem Fortschritt der Zivilisation schuldet.

Allein so groß der praktische, mit der Erfindung der Eisenbahn zusammenhängende Vorteil und Nutzen ist, so kann man doch beim Gedanken an die malerisch-romantische Phase einer begrabenen Zeit einen schmerzlichen Seufzer nicht unterdrücken. Verschwunden sind die Bullentreiber und Prärieschoner! Verschwunden die Postwagen und ihre mutigen Kutscher! Verschwunden die Ponyreiter! Mit ihnen auf immer dahin sind die Pelzjäger, die kühnen Pioniere der Kultur, die Forscher und Kundschafter! Verschwunden ist der Beherrscher der Prärie, der schwerfällige, zottige Büffel!

Noch im Jahre 1869, also vor erst dreißig Jahren, mußte ein Eisenbahnzug auf der Kansas-Pazifik-Bahn acht Stunden anhalten, weil eine riesige Büffelherde die Bahnlinie entlang dem Eisenbahnzuge entgegenkam. Durch die leichteren Verkehrsmittel hatte sich nun aber die Reiselust ungeheuer gesteigert, und Hunderte von Jagdliebhabern waren auf die Prärie gekommen, um einzig und allein zum Zeitvertreib die stolzen Tiere dahinzuschlachten. Tausende auch mußten wegen ihres Felles, nach dem große Nachfrage war, ihr Leben lassen. Vom Jahre 1868 bis 1881 wurden allein im Staate Kansas zwei Millionen fünfhunderttausend Dollars für die Knochen dieser Tiere bezahlt, die auf der Prärie herum verstreut lagen und die die Kohlenwerke der Gegend ankauften. Dies ergibt einen Prozentsatz der Sterblichkeit von dreißig Millionen Büffel in einem einzigen Staate. Meines Wissens existiert zu der Zeit, da ich dieses schreibe, nur noch eine einzige Büffelherde von all den ungezählten Tausenden, die noch vor kurzem die Prärie durchstreiften, und diese eine wird in einem Privatpark aufs sorgfältigste gehegt. Wohl mag es außerdem noch einige vereinzelte Exemplare in zoologischen Gärten und Menagerien geben, die Massenschlächterei aber hat doch die tatsächliche Vertilgung dieser Tiergattung zur Folge gehabt.

Ein ähnliches Schicksal wie die Büffel traf auch die eingeborene Menschenrasse dieses Landes. Wohl mögen wir das dem Indianer angetane Unrecht beklagen und ihm unsere Teilnahme im Kampf gegen seine sogenannten Beschützer zuwenden. Wir mögen die poesievolle Seite seiner Natur, wie sie uns in den Mythen und Sagen der verschiedenen Stämme entgegentritt, bewundern, seine stolze Würde und angeborene Gewandtheit als Redner und Staatsmann anerkennen. Wir mögen die verschiedenen Gegenstände seiner malerischen Kleidung als eine Art Reliquien aufbewahren – das uralte historische Drama aber wiederholt sich auch hier wieder, und zwar vor den Augen unserer Generation – die niedrigere muß der höheren Zivilisation weichen. Der poetische, romantische Urbewohner mußte notgedrungen seinem alles erobernden, unerbittlich und systematisch vorwärtsschreitenden weißen Bruder das Feld räumen.

In seinem berühmten Buche »Der letzte Mohikaner« hat Cooper uns das Aussterben eines Volkes verewigt. Noch manch anderer Stamm ist ungeehrt und unbesungen dahingesunken. Die großen Gebiete westlich vom Mississippi sind jetzt von der weißen Rasse bevölkert, während die Indianer in wenigen ihnen zugewiesenen Territorien eingeschlossen wohnen. Ihr Schicksal ist besiegelt, ihre Sonne untergegangen, das gänzliche Erlöschen ihrer Rasse nur noch eine Frage der Zeit.

Aus diesen vergangenen Tagen des nationalen Strebens und Kämpfens ist nur noch ein einziger bekannter Repräsentant übrig geblieben, und dieser eine ist mein Bruder. Der Platz, den er in den Reihen der berühmten Männer Amerikas einnimmt, ist einzig in seiner Art. Nicht allein seine gebietende Persönlichkeit oder seine nach so verschiedenen Richtungen hin errungenen Erfolge haben ihm einen sicheren Platz im Herzen des amerikanischen Volkes und das Interesse in den Augen aller Fremden verschafft – der große Zauber, den er auf andere ausübt, liegt vor allem in der Tatsache, daß sich in seiner Person eine geschichtliche Episode seines Vaterlandes verkörpert. Mit vollem Rechte kann man ihn den letzten großen Kundschafter nennen. Er hat manche bedeutende Vorgänger gehabt. Kit Carsons Ruhmesmantel ist auf seine Schultern gefallen und er hat ihn würdig getragen. Einen Nachfolger aber hat er nicht und kann er niemals haben. Er ist der flüchtige Ruhepunkt zwischen der Vergangenheit und Gegenwart – zwischen den einstigen wilden Zuständen im fernen Westen und den jetzigen ungeheuren Fortschritten.

Mit der Auflösung der Gesellschaft des »Wilden Westen« wird einmal die letzte Spur jenes Lebens in den Grenzstaaten vom Schauplatz der Wirklichkeit verschwinden und nur noch der Geschichte angehören.

»Ernst ist das Leben,« singt der Dichter, und ernst und hart ist es auch für meinen Bruder gewesen. Im Dienste anderer hat er es verbracht. Ich kann mich keiner Zeit erinnern, da nicht schwere Lasten seine Schultern drückten. Aus eigener Kraft allein hat er sich seinen nationalen und internationalen Ruf geschaffen. Ein nach China reisender Seeoffizier erzählt, daß man ihm beim Betreten des Ufers zwei Bücher zum Kaufe angeboten habe: Die Bibel und eine Lebensgeschichte Buffalo Bills.

Nahezu ein halbes Jahrhundert, das Kindheit, Jugend und Mannesalter in sich schließt, hat er für das öffentliche Wohl gelebt. Man kann sagen, daß er überhaupt nie eine Kindheit gehabt hat, so früh schon wurde er in das rauhe Grenzstaatenleben hineingedrängt, bei dem er im Alter, wo die meisten Knaben noch mit Murmelsteinen und Kreisel zu spielen pflegen, die Arbeit eines Mannes verrichtete. Noch ehe er das vorgeschriebene Alter erreicht hatte, trat er in die Unionsarmee ein und füllte seinen Posten während des Bürgerkrieges ebensogut aus wie jeder erfahrene Soldat. Seitdem ist er stets mit dem Heere in Verbindung geblieben, immer bereit, sich in Zeiten der Gefahr dem Feinde entgegenzustellen. Aber auch auf verschiedenen anderen Gebieten hat er sich ausgezeichnet. Er bekleidet das Amt eines Präsidenten der größten Bewässerungsanstalt der Welt, eines Vorsitzenden einer Kolonisations-, sowie einer Städtegründungsgesellschaft. Er ist der erste Kundschafter und anerkannt beste Büffeljäger Amerikas, einer der vorzüglichsten Scharfschützen der ganzen Welt, und noch keiner vor ihm hat es so gut verstanden, die Welt lehrreich zu unterhalten. Er ist weitherzig und für allen Fortschritt empfänglich und hat von beiden Eltern einen Abscheu vor jeder Art Gewaltherrschaft geerbt. Stets seine Mutter zum Vorbild nehmend, hält er die Freiheit für ein Vorrecht, das jedem Menschen von Geist und Bildung zusteht, welches Geschlechtes er auch sein mag. Durch sein öffentliches Auftreten gewinnt auch sein Privatleben an allgemeinem Interesse, und da hat er sich zu jeder Zeit als treuer, hingebender Sohn und Bruder, als gütiger, aufmerksamer Gatte und liebevoller, großmütiger Vater gezeigt. »Wisse, daß sich nur solche, die sich als rechtschaffen, brav, mäßig und wahr bewähren, einen ehrenhaften Ruf erwerben können« – dies waren der Mutter letzte Worte, und auf ehrenhafte Weise ist sein Name sowohl in seinem eigenen Lande als jenseits des Ozeans bekannt geworden.

Voll Sehnsucht sieht er der Stunde entgegen, da er dem Publikum seine Abschiedsverbeugung machen und sich ins Privatleben zurückziehen kann. Sein langgehegter Wunsch ist es, den Rest seines Lebens der kulturellen Entwicklung des Big-Horn-Tales zu widmen. Er hat sämtliche Länder Europas besucht und sein Auge über die herrlichsten Gegenden der Alten Welt schweifen lassen. Auch die schönsten Teile seines eigenen Vaterlandes kennt er – und doch ist für ihn das bezaubernde Fleckchen Erde im westlichen Amerika das Eldorado geblieben.

Schon hat er Tausende von Dollars und viele Mühe und Sorgfalt auf die Ausführung seines Lieblingsplanes verwendet. Ein Wassergraben, der nahezu eine Million Dollars gekostet hat, bewässert jetzt diese fruchtbare Gegend, und noch verschiedene andere Verbesserungen sind im Entstehen, um allmählich ein Land zu schaffen, wo für Tausende von heimatlosen Wanderern Milch und Honig fließt. Gleich den Kindern Israels hätten auch sie ohne die unermüdlichen Anstrengungen eines ihnen voranschreitenden Moses niemals das Gelobte Land erreicht. Allein entgegen jenem alten Führer und Kundschafter der biblischen Geschichte ist es meinem Bruder vergönnt worden, bis in die verborgensten Ecken seines Kanaan zu dringen. Das Blockhaus, das er dort errichten ließ, ist demjenigen, worin wir unsere Kinderzeit verbracht haben, nicht unähnlich. Dort ist seine Zufluchtsstätte und sein Ruheport. Dorthin eilt er, sobald die Spielzeit vorüber und er für kurze Zeit jeglicher Verpflichtung ledig ist. In der gesunden, kräftigen Luft seiner selbstgewählten Heimat und unter dem befreienden Einfluß der herrlichen Natur erholt er sich an Körper und Geist von den Sorgen und Aufregungen des Lebens.

Hier im Schatten der Rocky Mountains wünscht er seine Tage zu beschließen und der als Knabe auf den einsamen Prärieen gelernten Wahrheit nachzusinnen:

Natur hat nie das Herz betrogen,
Das ihr mit Liebe zugetan.

* * *

 << Kapitel 28 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.