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Buffalo Bill der letzte große Kundschafter

Helen Cody: Buffalo Bill der letzte große Kundschafter - Kapitel 28
Quellenangabe
typebiography
authorHelen Cody
titleBuffalo Bill der letzte große Kundschafter
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160311
projectid2965906a
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Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die Rückkehr des »Wilden Westen« nach Amerika und zweite Europareise.

Als der »Wilde Westen« von seiner ersten Europareise zurückkehrte, wurde seine Einfahrt in den Hafen von der »New York World« folgendermaßen beschrieben:

Eine malerische Szene, wie sie unser Hafen wohl kaum je gesehen hat, spielte sich gestern dort ab, als der »Persian Monarch« nach aufgehobener Quarantäne hereingedampft kam. Auf der Schiffsbrücke stand die hohe, schlanke Gestalt Buffalo Bills, dessen lange Haare im Winde wehten. Buntbemalte, in leuchtende Farben gekleidete Indianer lehnten über das Geländer herab. Flaggen von allen Nationen flatterten von den Masten und den damit verbundenen Ankertauen, dabei spielte und sang die Schar der Cowboys den »Yankee Doodle« mit einer Energie und Begeisterung, die deutlich bewies, mit welcher Freude jeder Angehörige des »Wilden Westens« den heimatlichen Boden begrüßte.

So herzlich Will auch von den englischen Vettern empfangen worden war und so viele Gunst- und Ehrenbezeigungen er von ihnen erhalten hatte, so war er doch vom Scheitel bis zur Sohle ganz »Amerikaner« geblieben. Freudig schlug sein Herz, als er den Fuß wieder auf den vaterländischen Boden setzte, wohin der Ruf seiner großen europäischen Erfolge gedrungen war, und wo ihn neue ehrende Anerkennungen von seiten der höchsten Persönlichkeiten erwarteten.

Da erfahrungsgemäß ein ständiger Aufenthalt seiner Truppe in einer großen Stadt am meisten Erfolg brachte, so kaufte Bill in der Nähe von New York auf Staten Island ein Grundstück, wo er nach seiner Rückkehr von England landete. Meilenweit in der Runde waren sämtliche Ochsenfuhrwerke gemietet worden, die die Requisiten auf die Insel nach Erastina, dem Ort, wo die Schaustellung stattfinden sollte, bringen mußten. Das Ausladen der Kulissen, vor allem aber die interessanten Gestalten des »Amerika Bär«, »Schneidefleisch«, »Eisenkopf« und anderer Indianer hatten Hunderte von schaulustigen Knaben angelockt.

Die an diesem Ort gegebenen Sommeraufführungen waren glänzend besucht. Im darauffolgenden Winter wurden dann zuerst Vorstellungen im geschlossenen Raume in New York selbst und später in den übrigen größeren Städten der Vereinigten Staaten gegeben. So vergingen einige Jahre, dann brachte Will den schon während seines Aufenthalts in England gefaßten Plan einer zweiten Europareise, die sich diesmal über den ganzen Kontinent erstrecken sollte, zur Ausführung. Nachdem die umfassendsten Vorbereitungen getroffen worden waren, wurde wieder der Dampfer »Persian Monarch« gemietet, auf dem die Gesellschaft im Frühjahr 1889 ihre Fahrt nach der französischen Küste unternahm. Paris war diesmal das erste Reiseziel, und sieben Monate wurden in dieser lustigen Hauptstadt verbracht. Die Pariser nahmen die Schaustellung mit nicht geringerer Begeisterung auf als die Londoner, und sowohl in Paris als früher in der englischen Metropole wurde während der Anwesenheit des »Wilden Westen« für alles Amerikanische geschwärmt. Sogar amerikanische Bücher las man – gewiß der beste Beweis für die herrschende Schwärmerei – und amerikanische Kuriositäten lagen in den Läden ausgestellt. Büffel- und Bärenfelle, mit Stachelschweinkielen gestickte Lederanzüge, Indianerkleider und Decken, geflochtene Matten, Pfeile und Bogen, Lampenteller, mexikanisches Sattel- und Zaumzeug fanden Absatz, wie die sprichwörtlich gewordenen »warmen Wecken«.

Auch in der Pariser Gesellschaft wurde Will eine gefeierte Persönlichkeit. Wäre er nur dem zehnten Teil der Einladungen zu Diners und Bällen, die förmlich über ihn hereinregneten, gefolgt, so hätte er seine Schaubühne schließen müssen.

Während seines Aufenthalts in dieser Stadt machte er die Bekanntschaft Rosa Bonheurs, die ihn zu sich in ihr prachtvolles Schloß einlud. Als Erwiderung stellte Will ihr seine Ställe zur freien Verfügung, die wundervolle Zugpferde, hauptsächlich Percherons, enthielten, die bei den öffentlichen Vorstellungen niemals zum Vorschein kamen, und die die berühmte Tiermalerin auf ihrem bekannten Bilde »Der Pferdemarkt« verewigte. Tag für Tag besuchte sie das Lager, um Studien zu machen, und zum Dank für die ihr erwiesene Gefälligkeit malte sie Will, natürlich in der Tracht der Grenzbewohner, auf seinem Lieblingspferde. Dieses Andenken, das den Ehrenplatz in seiner Sammlung einnimmt, schickte er unverzüglich nach Hause.

Nach Schluß des Pariser Aufenthalts wurde eine Rundreise durch das südliche Frankreich gemacht und dann in Marseille ein Schiff gemietet, das die Gesellschaft nach Spanien brachte. Die stolzen Granden, die Verehrer der Stiergefechte, begrüßten mit besonderer Freude den »Wilden Westen«. Hierauf folgte eine Rundreise durch Italien, bei der der Aufenthalt in Rom den Glanzpunkt bildete.

Die Ankunft der Amerikaner in der ewigen Stadt traf gerade mit der Feier des Jahrestags der Papstwahl zusammen. Will erhielt eine Einladung des Papstes zum Besuch des Vatikans, und wohl niemals haben diese historischen Mauern einen seltsameren Anblick gehabt, als ihn Will, begleitet von den in Bockleder gekleideten Cowboys und den kriegsmäßig bemalten und federngeschmückten Indianern beim Eintritt darbot. Um sie her drängte sich eine dichte Menge bunt gekleideter Italiener, unter die sich Vertreter fast aller Nationen mischten.

Einige von den Cowboys und Indianern waren im katholischen Glauben erzogen worden, und beim Erscheinen des Papstes knieten sie nieder, um sich von ihm segnen zu lassen. Diese Huldigung von Leuten, die er noch für Wilde hielt, schien ihn zu rühren, denn er breitete die Hände über sie aus und sprach einige Segensworte, ehe er weiterging. Die Indianer aber waren derart beglückt, daß sie nur mit größter Mühe zurückgehalten werden konnten, ihrer Begeisterung durch lautes Freudengeheul Ausdruck zu geben. Ihnen hätte dies ohne Zweifel Erleichterung gebracht, die Menge aber wäre sicherlich dadurch in wilde Flucht gejagt worden.

Als der Papst in Wills Nähe kam, ruhte sein Blick bewundernd auf dem kraftvollen Grenzbewohner, der sein Haupt vor dem alten »Zaubermann«, wie ihn die Indianer nennen, beugte. Wieder erhob der Greis segenspendend die Hände, dann ging die Prozession vorüber. Die Menge stimmte ihr feierliches Danklied an, worauf die angesammelte Menschenmasse den Vatikan verließ.

Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß Will in Erwägung gezogen hatte, das Kolosseum für seinen »Wilden Westen« zu benützen. Die historische Schaubühne erwies sich aber zu ruinenhaft, als daß sie zu diesem Zweck hätte verwendet werden können.

Der Aufenthalt in Rom wurde durch einen Vorfall belebt, der großes Interesse unter den Einwohnern hervorrief. Die Italiener hegten nämlich gewisse Zweifel in die Kunst der Cowboys, wilde Pferde zu zähmen, und glaubten, die in den Schaustellungen zur Verwendung kommenden Tiere seien eigens zu diesem Zweck dressiert worden.

Der Prinz von Sermonetta behauptete Will gegenüber in einem dieses Thema behandelnden Gespräche, daß er einige wilde Pferde auf seinem Gestüt habe, die kein Cowboy der Welt reiten könne. Sofort nahmen die kühnen Reiter der Prärie diese Herausforderung auf, und der Prinz ließ seine wilden Hengste kommen. Um das Publikum vor etwaigen Gefahren zu schützen, wurden besonders starke eiserne Gitter errichtet.

Mit höchstem Interesse sah die Bevölkerung der Aufführung entgegen, bei der man sich ebenso sicher darauf gefaßt machte, daß einige Mitglieder der Gesellschaft ihr Leben lassen mußten, wie früher in den »alten glorreichen Tagen« die Gladiatoren.

Die Cowboys aber lachten nur über so viel Lärm um nichts; und als die Pferde in die Arena geführt wurden und die Zuschauer in atemloser Spannung dasaßen, sahen die Cowboys, den Lasso in der Hand, der ihrer harrenden Aufgabe mit der größten Kaltblütigkeit entgegen.

Die feurigen Rosse machten wilde Sprünge nach rechts und links und kämpften mit aller Macht gegen ihr unausbleibliches Schicksal an, allein in noch kürzerer Zeit, als die Beschreibung erfordert, hatten die Cowboys ihnen die Lassos übergeworfen, sie gesattelt und bestiegen. Noch immer wehrten sich die störrischen Tiere und versuchten ihre Reiter abzuwerfen, die erfahrenen Präriebewohner aber brachten sie in kurzer Zeit vollständig unter ihre Gewalt. Während sie dann in ruhiger Gangart durch die Arena ritten, erhob sich das Publikum von den Sitzen und brüllte förmlich Beifall. Bei dieser Probe einer glänzenden Reitkunst verstummten sofort alle Zweifler. Das Herz der »Römer« war gewonnen, und der Rest des Aufenthalts brachte ungeheuren Zulauf des begeisterten Publikums.

Nach dem schönen Florenz, dem gelehrten Bologna und dem stattlichen Mailand mit seinem vieltürmigen Dome nahm hierauf der Triumphzug seinen Weg. Die Einwohner Venedigs mußten sich die Schaustellungen in Verona in dem von Diokletian im Jahre 290 n. Chr. erbauten Amphitheater ansehen. In diesem größten Gebäude der Welt, dessen Mauern von der Zivilisation der Alten Welt Zeugnis ablegen, wurden nun die Kämpfe dargestellt, die die Neue Welt zur Verbreitung der Kultur zu bestehen hatte. Hier vereinigte sich das Alte mit dem Neuen; eisgraues Altertum und kraftvolle Jugend berührten sich unter dem sonnigen italienischen Himmel.

Von dort aus wandte sich der »Wilde Westen« dem Norden zu, über Tirol nach München, von wo aus die Gesellschaft einen Abstecher an die »schöne blaue Donau« machte, dem sich dann eine glänzende Rundreise durch Deutschland anschloß.

Nachdem er seinen Verpflichtungen in Europa nachgekommen war, kehrte er sofort nach Amerika zurück und kam gerade zu der Zeit an, als ein neuer Aufstand der Sioux ausgebrochen war, der einen äußerst ernsten Charakter annahm. Will entließ sofort seine mit ihm von Europa heimgekehrten Indianer, die sich nun wieder zu ihren verschiedenen Stämmen begaben und dort, ums Lagerfeuer geschart, von den Wundern der fernen Länder erzählten, während Will ins Hauptquartier eilte, um seine Dienste anzubieten. Zwei Jahre zuvor war ihm zugleich mit der Führung einer der Nebraskaer Nationalgarde angehörenden Brigade vom Gouverneur dieses Staates der Titel und Rang eines Obersten verliehen worden.

Der Führer in diesem Feldzug war General Nelson A. Miles, der seinem Vaterlande so viele wertvolle Dienste geleistet und auch im neuesten Kriege mit den Spaniern als Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen eine hervorragende Rolle gespielt hat. Zur Zeit jenes Indianeraufstandes bekleidete er den Rang eines Brigadegenerals und legte wiederholt von seiner außergewöhnlichen Tüchtigkeit und Energie Zeugnis ab. Einige siegreiche, wenn auch blutige Schlachten genügten, den Aufstand zu ersticken, der der Anfang eines langwierigen Grenzkrieges zu werden gedroht hatte. In einer dieser Schlachten fand auch Sitting Bull, jener tüchtigste Häuptling, den die Sioux jemals gehabt haben, seinen Tod, der vielleicht mit zum raschen Ende der Feindseligkeiten beitrug. Will aber schreibt den glänzenden Erfolg dieses Feldzugs vor allem der Energie und Feldherrnkunst Miles' zu, für den ihn die höchste Bewunderung erfüllt.

Nachdem der Krieg beendet und die Truppen entlassen waren, traf Will Vorbereitungen zu einer weiteren Europareise, die mit einem zweiten glänzend verlaufenen Aufenthalt in London beschlossen wurde.

Im Jahre 1893 erweiterte sich meines Bruders Wirkungskreis von neuem. Im Juli dieses Jahres verheiratete ich mich mit Herrn Hugh A. Wetmore; dem Redakteur der »Duluth Preß«. Mein Lebensweg wandte sich nun dem fernen Norden zu, und jene unternehmende junge Stadt am Lake Superior wurde meine Heimat. Während der langen Jahre meines Witwenstandes war mir mein Bruder stets der liebevollste Beschützer und Ratgeber gewesen, und auch bei meiner Wiederverheiratung ließ er mir in jeder Hinsicht seine treue Fürsorge angedeihen. Gut geborgen wollte er mich in meiner neuen Heimat sehen und mein Glück und meinen Wohlstand soviel als möglich gesichert wissen. Er erwarb deshalb die Druckerei der »Duluth Preß«, für die er ein schönes Gebäude aus Ziegelsteinen errichten ließ. So wurden mein Bruder und ich Geschäftsteilhaber auf dem für uns fremden Gebiete des Zeitungswesens.

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