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Buffalo Bill der letzte große Kundschafter

Helen Cody: Buffalo Bill der letzte große Kundschafter - Kapitel 27
Quellenangabe
typebiography
authorHelen Cody
titleBuffalo Bill der letzte große Kundschafter
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160311
projectid2965906a
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Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die Rundreise durch Großbritannien.

Erst im Frühling 1883 wurde es Will möglich, seinen langgehegten Lieblingsplan zur Ausführung zu bringen und dem Publikum in wahrheitsgetreuen, lebendigen Farben nicht nur eine Darstellung des rauhen Lebens im westlichen Amerika, sondern auch ein Bild der geschichtlichen Entwicklung des fernen Westens zu geben, so wie es sich durch die blutigen Kämpfe der Indianer mit den Pionieren der Kultur und den Soldaten allmählich gestaltet hatte.

Das Wigwamdorf und der Kriegstanz der Indianer, ihr religiöser, dem »Großen Geiste« dargebrachter Gesang, die Bekämpfung und Besiegung der berühmtesten Indianerstämme, das unerbittliche Vordringen der Soldaten und das Erbauen von Grenzbefestigungen, das Leben der Kundschafter und Pelzjäger, die Büffeljagd, die Ankunft der ersten Ansiedler, ihr langsames, gefährliches Reisen in den Prärieschonern über die weiten, öden Ebenen, die Zeit der »Deadwood-Postkutsche« und der Ponyreiter, die Errichtung von Heimstätten mitten in den Indianergebieten, die Reiterregimenter der Armee der Vereinigten Staaten – dies sind die großen historischen Bilder, die Will zu entrollen beabsichtigte.

Es war ein prächtiger, im großartigsten Maßstabe ausgeführter Plan, dem sofort der glänzendste Erfolg zu teil wurde. Eine Schaustellung, die so viel des Historischen und Malerischen vereinigte, die ein halbes Jahrhundert mit seinen entschwundenen, hochdramatischen Ereignissen ins Leben zurückrief, mußte notgedrungen im höchsten Grade das Interesse der ganzen Welt erregen.

Die erste Vorstellung fand im Mai 1883 in Omaha, in Nebraska, statt, in jenem Staate, der Wills engere Heimat geworden war. Seither hat er fast jede größere Stadt des ganzen Erdballs besucht und vor Tausenden und Abertausenden von Männern, Frauen und Kindern aller Nationen seine Schaustellungen gegeben.

Schon der »Große Einzug« hat niemals verfehlt, das Interesse der Zuschauer zu wecken. An der Spitze jagen in wildem Galopp heran die kriegsmäßig bemalten und federngeschmückten Indianerstämme der Sioux, Arapahoe, Brulé und Cheyennes. Ihnen folgen in halsbrecherischem Tempo mexikanische Reiter und Cowboys, die schwarzbärtigen Kosaken des russischen leichten Reiterregiments, die Araber auf ihren Vollblutpferden, eine Abteilung von »The Queens Own Lancers« und der Leibgarde des deutschen Kaisers, sowie Jäger und Kürassiere von den berühmtesten Kavallerieregimentern der stehenden europäischen Heere, in erster Linie der der Vereinigten Staaten; südamerikanische Gauchos, alte Krieger von Kuba, Portorico, Hawaii, ferner die kühnen Reiter aus den amerikanischen Grenzgebieten, Scharfschützen aus Texas – alle in wohlgeordneten Gruppen, von ihren betreffenden Anführern befehligt und von ihren Fahnen begleitet. Plötzlich bläst die Musik einen Tusch, und heran galoppiert auf prachtvollem Pferde – dem schönsten von allen – Buffalo Bill, der mit der wunderbaren Leichtigkeit und kraftvollen Anmut, die nur ihm eigen ist, im Sattel sitzt. Umstrahlt von dem auf ihn fallenden elektrischen Lichtkreis, reitet er seiner Zuschauermenge entgegen und ruft, den Sombrero in der Hand, mit erhobenem Haupte und einem stolzen Klang in der Stimme: »Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir, Ihnen eine Versammlung der besten Reiter der Welt vorzuführen.«

Als Kind weinte ich über seine Mißachtung der ihm prophezeiten hohen Stellung, als reife Frau aber freue ich mich, daß er seinen Idealen treu geblieben ist. Paßt er doch mit seiner Reitkunst und seiner Vorliebe für ein freies, ungebundenes Leben besser auf den Sattel als auf den Präsidentenstuhl. –

Gleich von Anfang an hatte der »Wilde Westen« einen ungeheuren Erfolg. Drei Jahre vergingen mit Reisen durch die Vereinigten Staaten, dann aber faßte Will den Entschluß, auch England einen Besuch abzustatten und dem Mutterlande ein Bild vom wilden, gefahrvollen Leben seiner losgelösten Kinder aus dem fernen Westen vorzuführen. Die Ausführung dieses Planes verlangte ungeheure Geldsummen, brachte dafür aber auch ein umso glänzenderes Ergebnis.

Stets treu dem Lande seiner Wahl, mietete Will das Dampfschiff »Staat Nebraska«, mit dessen lebender Fracht er am 31. März 1886 seine Reise nach der Alten Welt antrat.

Das erste, was die Augen der auf dem Schiffe aufgestellten Wachtposten erblickten, als sie sich bei Gravesand der englischen Küste näherten, war ein ihnen entgegenfahrender, mit den amerikanischen Flaggen geschmückter Schleppdampfer. Drei schallende Vivatrufe begrüßten diese heimatlichen Abzeichen, worauf die Mannschaft des Schleppdampfers den Gruß mit dem Sternenbanner erwiderte, während die Schar der Cowboys auf dem »Staat Nebraska« die amerikanische Nationalhymne, den »Yankee Doodle«, anstimmte. Eine Gesellschaft Engländer hatte den Dampfer gemietet, um die Amerikaner auf britischem Boden willkommen zu heißen.

Nach vollzogener Landung bestiegen die Mitglieder des »Wilden Westen« einen eigens für sie bestellten Extrazug, der sie nach London brachte. Dort aber, beim Anblick so vieler unbekannter Dinge, vermochte selbst die gewöhnliche Stumpfsinnigkeit der Indianer nicht stand zu halten. Sie taten ihre Bewunderung durch eine häufige Wiederholung des den Rothäuten eigenen beifälligen Grunzens kund.

Major M. Burke hatte für ein passendes Unterkommen der Riesengesellschaft gesorgt, und nun wurden in aller Eile und im großartigsten Maßstabe die Vorbereitungen zur Befriedigung des ungeduldig harrenden Publikums getroffen. Im Londoner Amphitheater konnte selbstverständlich mehr Sorgfalt auf die Hervorbringung glänzender Bühnenwirkungen gelegt werden, als es in einem provisorisch für wenige Tage errichteten Brettergebäude möglich ist. Die Arena hatte eine Drittelmeile Umfang und bot Raum für vierzigtausend Zuschauer. Hier, ebenso wie in Manchester, wo Will im Herbst ebenfalls ein zugleich als Winterquartier dienendes Amphitheater errichten ließ, wurde die ganze moderne Kunst zu Rate gezogen, um möglichst glänzende theatralische Effekte zu erzielen.

Jede einzelne Vorführung wurde von den Engländern mit dem lebhaftesten Interesse aufgenommen, so besonders die Kriegstänze der Indianer, das Reiten der unzähmbaren Buckskinpferde durch die kühnen Cowboys, die, während sie im vollen Galopp dahinjagen, Gegenstände vom Boden aufheben, sowie die von Indianern überfallene und durch Unionstruppen gerettete »Deadwood-Postkutsche«. Auch das echte, von den Prärien stammende Indianerdorf erregte in hohem Grade die allgemeine Neugierde, umsomehr als der Charakter der Prärie vom Maler vortrefflich dargestellt worden war.

Es ist die Stunde der Morgendämmerung. Verschiedene Arten wilder Tiere streifen über die Ebene hin. In ihren Zelten liegen die Indianer noch in tiefem Schlafe. Die Sonne geht auf, und ein befreundeter Indianerstamm besucht die erwachenden Krieger. Ein Freundschaftstanz wird aufgeführt, allein noch vor dessen Schluß kommt ein Bote mit der Nachricht herbeigelaufen, daß sich ein feindlicher Stamm nähere. Dieser folgt dem Boten fast auf dem Fuße, ein wilder Kampf entspinnt sich, bei dessen Anblick man sich einen deutlichen Begriff von der Grausamkeit der Kriegführung der Indianer machen kann.

Eine Puritanerszene folgt. Das Landen der Pilger und die Rettung John Smiths durch Pocahontas wird dargestellt, wodurch zugleich Gelegenheit geboten ist, eine Anzahl Sitten und Gebräuche der Indianer, zum Beispiel bei Hochzeiten und sonstigen festlichen Veranlassungen, zu zeigen.

Nun wieder die Prärie. Eine Büffelherde taucht auf; die zottigen Ungetüme kommen zur Tränke und werden von Buffalo Bill verfolgt, der sein prächtiges Pferd »Charlie« reitet. Er hat einer Gesellschaft Auswanderer, die bald darauf erscheint, als Führer gedient. Lagerfeuer werden angezündet, das Abendessen verzehrt, und während die Feuer nach und nach erlöschen, versinkt das Lager in Schlummer. Da plötzlich wird in der Ferne ein anfangs nur ganz schwacher roter Schein sichtbar, der sich indes allmählich vertieft und vergrößert. Schließlich zeigt er sich längs des ganzen Horizontes hin, und bald erwacht das Lager mit dem beunruhigenden Bewußtsein, daß die Prärie brenne. Im Nu sind die Auswanderer auf den Beinen und versuchen heldenmütig gegen das heranbrausende Flammenmeer anzukämpfen. Dem Feuer entrinnende wilde Tiere jagen durchs Lager, und eine allgemeine Flucht entsteht. Ein ganz besonders wahrheitsgetreues Bild.

Ihm folgt die Darstellung eines Cyklons, der ein ganzes Dorf verwüstet und sozusagen vom Erdboden hinwegfegt. –

Doch nicht nur vom großen Publikum allein, sondern auch von den Mitgliedern des englischen Königshauses wurde der »Wilde Westen« mit Begeisterung aufgenommen. Gladstone, in Begleitung des Marquis von Lorne, stattete Will gleich zu Anfang einen Besuch ab, was die amerikanischen Gäste veranlaßte, dem »Großen Greis« zu Ehren ein glänzendes Frühstück zu geben. Der berühmte Staatsmann sprach sich dabei in den wärmsten Ausdrücken über Amerika aus und dankte Will dafür, daß er dem englischen Volke ein Bild von dem stürmischen, gefahrvollen Leben auf dem fernen westlichen Kontinente entwerfe, das ihnen einen Begriff von den Schwierigkeiten gebe, mit denen die Schwesternation bei Ausbreitung der Zivilisation zu kämpfen gehabt habe.

Die Londoner Eröffnungsvorstellung fand in Gegenwart des Prinzen und der Prinzessin von Wales und Gefolge statt. Nach Schluß der Aufführung wurden die Mitglieder der Gesellschaft den königlichen Zuschauern auf deren besonderen Wunsch vorgestellt. Auch das Indianerlager wurde besichtigt, und »Rothemd«, der große Häuptling, war von der Liebenswürdigkeit und Anmut der Prinzessin nicht minder entzückt als alle anderen.

Bei seinem Rundgang besuchte der Prinz auch Wills Privatwohnung und betrachtete voll Interesse seine vielen wertvollen Andenken, unter denen ein mit goldenem Knauf geschmückter Säbel, der Will von Offizieren der Vereinigten Staaten in Anerkennung seiner wertvollen Dienste als Kundschafter verehrt worden war, sein besonderes Wohlgefallen erregte.

Dies war indes nicht die einzige durch königliche Gunst geehrte Vorstellung. Der beste Beweis, daß die vom Prinzen von Wales ausgesprochene Bewunderung der Vorstellung aufrichtig gewesen war, lag in dem Berichte, den er seiner Mutter darüber machte, denn bald darauf kam eine Botschaft der Königin Viktoria, daß auch sie einer Vorstellung anwohnen wolle, worauf eine prächtige, mit rotem Baldachin versehene Loge errichtet wurde. Als die Königin ankam und der Wagen vor ihrer Loge hielt, trat Will vor und sagte, den Sombrero in der Hand, mit einer tiefen Verbeugung zu der höchsten Frau Großbritanniens: »Willkommen Euer Majestät im ›Wilden Westen‹ Amerikas!«

Dem jeder Vorstellung vorangehenden großen Einzug wurde stets eine Fahne vorangetragen, die die friedlichen, freundschaftlichen Gesinnungen der Nation mit den Völkern der Erde versinnbildlichen sollte. Bei dieser Gelegenheit nun wurde diese Fahne gerade vor die königliche Loge gebracht und dreimal zu Ehren Ihrer Majestät gesenkt. Zur großen Überraschung der Gesellschaft sowie der Zuschauermenge erhob sich die Königin und begrüßte die amerikanische Flagge mit einer Verbeugung. Ihre Begleitung folgte ihrem Beispiel, während die Herren die Hüte abnahmen. Will bedankte sich für diese Höflichkeit, indem er seinen Sombrero in der Luft schwang und mit seiner begeisterten Gesellschaft drei donnernde Hochrufe ausbrachte, die in der weiten Arena widerhallten und den Zuschauern den Beweis von den kräftigen Lungen der amerikanischen Besucher ablegten.

Die freundliche Aufmerksamkeit der Königin hatte die ganze Gesellschaft in eine belebte Stimmung versetzt, so daß die Aufführung einen ganz besonders glänzenden Verlauf nahm. Nach deren Schluß befahl die Königin, daß Will ihr vorgestellt werde, wobei sie ihm so viele liebenswürdige Komplimente machte, daß fast die Röte der Beschämung in seine gebräunten Wangen gestiegen wäre.

Auf Wunsch der Königin wurde aus Anlaß mehrerer königlicher Gäste eine zweite Vorstellung befohlen, der die Könige von Sachsen, Dänemark und Griechenland, sowie die Königin von Belgien, der Kronprinz von Österreich und verschiedene andere hohe Persönlichkeiten anwohnten.

Hierbei widerfuhr dem mitgeführten Deadwood-Postwagen eine besondere Ehre. Dieser Wagen hat nämlich seine eigene Geschichte. In Concord, New Hampshire, gebaut, verwendete man ihn auf einem von Straßenräubern bedrohten Wege zur Personen- und Postverbindung. Mehrere Male überfielen ihn Räuber, die seine Insassen ausraubten, bis schließlich auch diese samt dem Postillon eines schönen Tages ermordet wurden. Da sich niemand mehr zur Führung des Wagens verstehen wollte, so ließ man ihn auf dem Wege liegen. Nach langer Zeit erst brachte ihn ein alter Kutscher nach San Francisco, wo er der Overlandlinie einverleibt wurde. Auf diesem Verkehrswege nun hatte er eine beträchtliche Anzahl Indianerüberfälle auszuhalten. Eines Tages wurde der Kutscher mit seinen Fahrgästen getötet und der Wagen auf offener Prärie stehen gelassen. Dort fand ihn Will zufällig bei einem seiner Kundschaftsritte und kaufte ihn in der Hoffnung, ihn einmal bei seinen geplanten Schaustellungen verwenden zu können.

Eine der Nummern im Programm des »Wilden Westen« ist, wie sich alle erinnern werden, ein Angriff der Indianer auf eben diese Deadwood-Postkutsche. Dieser Wagen interessierte die königlichen Gäste in solchem Maße, daß sie den Wunsch aussprachen, sich auch einmal an die Stelle des reisenden Publikums im westlichen Amerika zu versetzen. Die vier Potentaten von Dänemark, Sachsen, Griechenland und Österreich bestiegen also den Deadwood-Postwagen, während der Prinz von Wales sich zu Will auf den Bock setzte. Den Indianern war insgeheim der Befehl erteilt worden, einen Angriff auf die Reisenden zu machen, ein Auftrag, den sie mit großem Eifer vollzogen. Der Wagen wurde von einer wilden Bande umringt, die ihre blinden Patronen so dicht neben den Wagenfenstern abfeuerten, daß sich die Insassen mit Leichtigkeit einbilden konnten, sich wirklich auf einer Reise durch den fernen Westen zu befinden. Das Gerücht geht sogar, daß sie unter den Sitzen Zuflucht gesucht haben, was ihnen wohl auch niemand verdenken würde. Allein es ist wirklich nur ein Gerücht, keine historische Tatsache!

Zum Dank für diese Vorstellung sandte der Prinz ein hübsches Andenken an Will. Es bestand in einer Art Orden, den nur der jeweilige Prinz von Wales auszuteilen das Recht hat, und der in seinem mit Diamanten eingefaßten Wappen besteht, das in Edelsteinen ausgeführt, in deutscher Sprache das Motto trägt: »Ich dien'.« Ein begleitendes Handschreiben drückte außerdem noch das große Vergnügen aus, das Wills Vorführung den königlichen Gästen bereitet habe.

Den festgesetzten öffentlichen Vorstellungen schlossen sich auch noch eine Menge Privatunterhaltungen an. James G. Blaine, Chauncey M. Depew, Murat Halstead und andere hervorragende Amerikaner befanden sich zu jener Zeit in London und ihnen zu Ehren ließ Will eine Einladung zu einem im Freien nach Indianerart zubereiteten Frühstück ergehen. Über hundert Gäste fanden sich am 10. Januar 1887 um neun Uhr morgens im Speisezelt des »Wilden Westen« ein. Außer der Besichtigung des eigenartig geschmückten Zeltes war es interessant zu beobachten, wie die Indianerköche die sorgfältig von ihnen zugerichteten Fleischstücke brieten. Über einem in den Boden gegrabenen Loch stand ein großer Dreifuß, an dem über einem zu starker Glut niedergebrannten Holzfeuer die Ochsenrippchen aufgehängt waren, die so lange nach allen Seiten hin gedreht wurden, bis sie genügend durchgebraten waren. Diese Art des Bratens im Freien und über Holzfeuer verleiht dem Fleisch einen Wohlgeschmack, der auf andere Weise nicht zu erreichen ist.

Das Frühstück verlief in heiterster Stimmung. Ein Teil des Küchenzettels bestand aus Maisbrei, dem Lieblingspudding des »Wilden Westen«, sowie aus geröstetem Weizen und Erdnüssen. Die am Ende der Eßtische auf Stroh gelagerten Indianer aßen mit den Fingern oder spießten mit langen weißen Stäbchen das Fleisch auf. Der auffallende Unterschied in den Tischmanieren bot zugleich einen interessanten Anschauungsunterricht über den Fortschritt der Zivilisation.

Will war während seines Londoner Aufenthaltes der »Löwe des Tages« geworden. Eine Unmenge Diners und Feste aller Art wurden ihm zu Ehren gegeben. Es gehörte wirklich ein Mann mit einer eisernen Gesundheit dazu, um die Anstrengungen der täglichen Aufführungen aushalten und zugleich den ungeheuren geselligen Verpflichtungen gerecht werden zu können.

Diese Londoner Spielzeit erhielt noch einen besonders glänzenden Abschluß durch die Zusammenkunft von Vertretern beider Nationen, bei der die zwischen England und Amerika bestehenden nationalen Mißhelligkeiten durch schiedsrichterlichen Urteilsspruch beigelegt wurden.

Von der englischen Metropole aus begab sich der »Wilde Westen« nach Birmingham und dann in sein Winterquartier nach Manchester. Wills älteste Tochter Arta, die ihren Vater nach England begleitet hatte, machte während des Winters eine Rundreise auf dem Kontinent.

Der Aufenthalt in Manchester brachte Will eine neue Huldigung. Die einflußreichsten Männer der Stadt beabsichtigten nämlich, Will eine besonders kostbare Flinte zu überreichen, und als sich dieser Plan in London verbreitete, eilten Edelleute, Staatsmänner und Journalisten mit Extrazug nach Manchester. Zum Dank für die ihm erwiesene Ehre ließ Will wieder eine Einladung zu einem seiner eigenartigen Gastmähler ergehen. Bostoner Schweinefleisch mit Bohnen, gebratene Hühnchen aus Maryland, Maispudding, Erdnüsse und noch verschiedene andere amerikanische Spezialgerichte wurden aufgetischt. Zudem mußten die vornehmen Gäste zu ihrem Gaudium – wenigstens behaupteten sie, daß es eines sei – den auf Indianerart zubereiteten und auf Zinnteller gelegten Rostbraten mit den Fingern verzehren, damit der Charakter der Ursprünglichkeit ja ganz gewahrt werde. Eine Menge für die amerikanische Nation höchst schmeichelhafter Reden wurden bei diesem denkwürdigen Gastmahle gehalten, dem der Vortrag eines Gedichts – eine Parodie auf Hiawatha – noch besondere Würze verlieh.

Gegen Schluß von Wills Aufenthalt in Manchester wurde ihm vom Freimaurerorden, dessen Großmeister der Prinz von Wales war, eine goldene Uhr überreicht. Die letzte Aufführung in dieser Stadt fand am 1. Mai 1887 statt, wobei das Publikum als Abschiedsgruß drei donnernde Hochrufe auf Will ausbrachte. Nachdem dann die für England in Aussicht genommene Spielzeit durch eine Aufführung in Hull ihren Abschluß gefunden hatte, trat die Gesellschaft auf dem »Persian Monarch« die Heimfahrt an. Eine ungeheure Volksmenge hatte sich am Hafen versammelt, die den Davonfahrenden noch ein herzliches »Glückliche Reise« zurief.

Ein für Will sehr schmerzlicher Vorfall ereignete sich auf dieser Heimreise – der Tod des guten »Charlie«, Wills treuem, mutigem Leibpferd, das jahrelang sein beständiger, zuverlässiger Begleiter auf den Prärien sowohl als beim »Wilden Westen« gewesen war.

Das Tier zeichnete sich nicht nur durch außerordentliche Flüchtigkeit, Ausdauer und Treue aus, sondern auch durch eine fast menschliche Klugheit. Als ganz junges Tier ritt ihn Will bei einer Jagd auf wilde Pferde, die er bei der Verfolgung nach Ablauf von fünfzehn Meilen überholte. Ein anderes Mal, als Will fünfhundert Dollars gewettet hatte, daß er auf der Prärie hundert Meilen in zehn Stunden mit ihm zurücklegen könne, war Charlie in neun Stunden und fünfundvierzig Minuten ans Ziel gelangt.

Bei Eröffnung des »Wilden Westen« in Omaha glänzte er als erster Stern unter sämtlichen Pferden, auch bewahrte er sich diesen hohen Platz bei allen folgenden Aufführungen in Amerika und Europa. In London war dieses Pferd der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit gewesen und viele Abkömmlinge königlicher Häuser hatten um die Gunst gebeten, ihn zu reiten. Der Großfürst Michael von Rußland hatte manche im »Wilden Westen« veranstaltete Büffeljagd auf seinem Rücken mitgemacht und eine große Zuneigung zu ihm gefaßt.

Am Morgen des 4. Mai stattete Will seinem Pferde den gewohnten Besuch im Zwischendeck ab. Bald darauf meldete der Stallknecht Charlies plötzliche Erkrankung, die sich trotz aller angewandten Mittel rasch verschlimmerte. Am 7., morgens um zwei Uhr, verendete er. Sein Tod versetzte das ganze Schiff in trübe Stimmung; selten ist ein menschliches Wesen aufrichtiger betrauert worden, als das treue, kluge, alte Pferd. In Segeltuch gewickelt und mit der amerikanischen Flagge bedeckt, wurde es auf Deck gebracht. Als die Stunde kam, wo er in die Fluten des Ozeans versenkt werden sollte, versammelten sich die Angehörigen der Gesellschaft, sowie die anderen Passagiere auf Deck. Neben dem Leichnam stand mit entblößtem Haupte derjenige, der so lange sein Leben mit dem edlen Tier geteilt hatte. Endlich ergriff Will in bewegtem Tone das Wort, und zum ersten Male blieb die wohlbekannte Stimme, der Charlie stets so rasch zu gehorchen gewohnt war, ohne Wirkung.

»Guter alter Freund, dein Leben ist abgelaufen. Hier im Ozean mußt du deine Ruhestätte finden. Ich wollte, ich hätte dich mit zurücknehmen und unter die Wogen jener Prärie betten können, die du und ich so sehr geliebt und die wir so oft fröhlichen Mutes zusammen durchstreift haben. Doch es sollte nicht sein. Wie häufig befanden wir uns beide, wenn die Sonne in strahlendem Glanze am Horizont auftauchte, schon fern von jeder menschlichen Wohnung. Gehorsam meinem Rufe, trugst du stets freudig deinen Reiter, wohin er dich führte, unbekümmert um das, was der Tag, dessen Lasten wir immer getreulich teilten, auch bringen mochte. Du hast mich niemals in meinen Erwartungen getäuscht. Ach, Charlie, guter alter Junge, wohl habe ich viele Freunde in meinem Leben gefunden, aber von wie wenigen kann ich das Gleiche rühmen! Ruhe nun im tiefen Schoße des Ozeans! Ich aber werde dich niemals vergessen, denn ich liebte dich wie du mich liebtest, mein guter alter Kamerad! Die Menschen sagen, du habest keine Seele. Doch wenn es einen Himmel gibt und Kundschafter dort Eingang finden, dann will ich an der Pforte auf dich warten, alter Freund!«

Auf dieser Heimreise machte Will die Bekanntschaft eines Geistlichen, der von seinen in Europa verbrachten Ferien zurückkehrte. In der Nähe der amerikanischen Küste setzte er ein Telegramm an seine Gemeinde auf, das nichts weiter enthielt als: 2. Joh. 1, 12. Will, der das Papier zufällig zu Gesicht bekam, bat den Geistlichen, ihm den Inhalt dieser Schriftstelle zu sagen, und als dies geschehen war, sagte er: »Ich habe zu Hause eine fromme Schwester, die die Bibel so genau kennt, daß, wenn ich ihr diese Schriftstelle telegraphiere, sie den Wortlaut nicht erst nachzuschlagen braucht.«

Und richtig! Nach seiner Landung telegraphierte er mir den gleichen Willkommgruß, den der Geistliche an seine Gemeinde geschickt hatte. Ich aber rechtfertigte die hohe Meinung nicht, die er von meiner Bibelkenntnis hatte, denn ich mußte die Heilige Schrift zur Hand nehmen, um das Rätsel zu lösen. Da ich annehme, daß sich manche meiner Leser in der gleichen Lage befinden, dabei aber vielleicht keine Lust haben, die Stelle nachzuschlagen, so setze ich die Bibelworte hierher: »Ich hatte euch viel zu schreiben, aber ich will nicht mit Briefen und Tinte, sondern ich hoffe zu euch zu kommen und mündlich mit euch zu reden, auf daß unsere Freude vollkommen sei.«

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