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Buffalo Bill der letzte große Kundschafter

Helen Cody: Buffalo Bill der letzte große Kundschafter - Kapitel 26
Quellenangabe
typebiography
authorHelen Cody
titleBuffalo Bill der letzte große Kundschafter
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160311
projectid2965906a
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Fünfundzwanzigstes Kapitel: Der erste Besuch im Big-Horn-Tale.

Wieder erlitt mein Bruder im Jahre 1880 einen schmerzlichen Verlust durch den Tod seiner kleinen Tochter Orra. Ihrem eigenen Wunsche gemäß wurde sie in Rochester auf dem schönen Kirchhofe von Mount Hope neben dem kleinen Kit Carson begraben.

Allein auf Regen folgt Sonnenschein. Im Sommer vor Wills letztem Auftreten auf der Bühne wurde ihm wieder ein Töchterchen geschenkt, das den Namen Irma erhielt. Alle Zärtlichkeit, die der Vater für seine beiden dahingeschiedenen Kinder empfunden hatte, scheint er nun auf diese Tochter übertragen zu haben, die diese Liebe aber auch in vollem Maße verdient.

Das Jahr 1882 wurde für Will auch noch in anderer Hinsicht von Bedeutung. Er besuchte während dieses Sommers zum ersten Male das Big-Horn-Tal. Schon häufig hatte er die Grenzen dieser Gegend gestreift und sich von Indianern und Pelzjägern von den Wundern und Schönheiten dieses Tales erzählen lassen, selbst eingedrungen aber war er noch nicht. Während seiner einstigen Probezeit als Ponyreiter hatte ihm der »California Joe« zum ersten Male von diesem zauberhaften Bergkessel erzählt, und im Jahre 1875, als ihm die Aufsicht über eine bedeutende Schar Arapahoeindianer übertragen worden war, denen man zur Abhaltung einer großen Jagd erlaubt hatte, ihr Gebiet auf kurze Zeit zu verlassen, war ihm genauere Kunde über jene Gegend zugekommen.

Der das Jagdunternehmen vermittelnde Agent hatte Will damals die Warnung zugehen lassen, daß einige der Indianer nur widerwillig mitgehen und vielleicht einen Fluchtversuch machen werden. Will aber hatte trotz der schärfsten Beobachtung nichts von Mißstimmung bemerkt. Wild gab es in Menge, das Wetter war herrlich und nichts schien die Zufriedenheit der Rothäute zu beeinträchtigen.

Eines Nachts gegen zwölf Uhr wurde Will von einem Indianer geweckt, der ihm mitteilte, daß sich ein Trupp von etwa zweihundert Arapahoes vor zwei Stunden in nördlicher Richtung davongeschlichen habe. Der Indianer pflegt den Weißen gegenüber das Herz nicht auf der Zunge zu haben; man erfährt seine Absichten gewöhnlich erst, wenn sie bereits ausgeführt sind.

Die Verfolgung wurde sofort ins Werk gesetzt und die ganze Schar der flüchtigen Rothäute ohne Blutvergießen zurückgebracht. Einer von ihnen, ein noch junger Mensch, kam zu Will ins Zelt und bettelte um Tabak. Der Indianer versteht es nämlich vortrefflich, das Betteln mit seinem angeborenen Stolze zu vereinigen. Das Arbeiten mag wohl manchmal unter seiner Würde sein, nicht aber das Betteln, und häufig setzt er bei seinen Betteleien eine geradezu ergötzlich hochmütige Miene auf. In dieser Hinsicht ist er manchem seiner weißen Brüder nicht unähnlich. Will gab dem jungen Indianer den gewünschten Tabak und fragte ihn zugleich über den Grund des gemachten Fluchtversuchs aus.

»Ihr habt es doch so gut hier in dieser schönen Gegend. Die Flüsse wimmeln von Fischen, die Weideplätze sind vortrefflich, Wild gibt es in Menge, und das Wetter ist herrlich. Was wollt ihr denn noch mehr?«

Der Indianer richtete sich in die Höhe, sein Gesicht belebte sich, und sehnsüchtig blickten seine Augen in die Ferne, als er durch Vermittlung des Dolmetschers antwortete: »Das Land im Norden und Westen ist das Land des Überflusses. Der Büffel ist dort größer und sein Kleid dunkler. Herdenweise tummeln sich dort die Bu-Ya (Antilopen), hier sieht man sie nur vereinzelt. Die ganze Gegend ist mit dem kurzen, saftigen Gras bedeckt, das unsere Ponies lieben. Dort wachsen auch die wilden Pflaumen, an denen sich mein Volk im Sommer und im Winter labt. Die Quellen des großen Wundermannes Tel-ya-ki-y sprudeln dort. Wer darin badet, dem geben sie neues Leben; wer sie trinkt, wird von allen körperlichen Leiden geheilt.

»In den Bergen jenseits des Blauwasserflusses gibt es Gold und Silber in Menge, jene Metalle, die der weiße Mann so sehr liebt. Dort leben Adler, deren Federn der Indianer zu seinem Kriegsschmuck braucht, und ohne Unterlaß scheint dort die Sonne.

»Es ist der Ijis (Himmel) des rothäutigen Mannes. Mein Herz schreit danach. Die Herzen meines Volkes können fern von Eithiy-Tugala nicht glücklich sein.«

Die Arme über der Brust kreuzend, schaute er verlangenden Blickes in der Richtung nach dem Lande hin, dessen Reize er so lebendig geschildert hatte. Hierauf wandte er sich um und ging schwermütig von dannen, denn die Herrschaft des weißen Mannes hatte ihm sein irdisches Paradies geraubt. Später erfuhr Will auf sein Befragen, daß Eithiy-Tugala mit dem Bergkessel des Big-Horns identisch sei.

Im Sommer 1882 unternahm Will eine Erforschungsreise des Big-Horn-Tales. Er verließ mit seiner Begleitung die Eisenbahn bei Cheyenne und machte sich, mit Pferden und Packeseln ausgerüstet, auf den Weg. Wegen einer plötzlich aufgetretenen Augenentzündung mußte er eine Binde anlegen und die Führung der Gesellschaft einem Manne namens Reddy übertragen. Tagelang setzte Will die Reise mit verbundenen Augen fort, und obwohl die Entzündung allmählich wich, so trug er den Verband doch noch, als das Big-Horn-Tal erreicht war. Nachdem sich die Gesellschaft zur Mittagsrast niedergelassen hatte, fragte ihn Reddy, ob er es jetzt nicht wagen könne, das Tuch einen Augenblick abzunehmen, da er glaube, es werde Will Genuß bereiten, sich ein wenig umzuschauen.

Die Binde fiel, und ich lasse Wills eigene Beschreibung des Bildes folgen, auf das sein entzückter Blick fiel.

»Zu meiner Rechten dehnte sich eine hohe, schneegekrönte Gebirgskette aus, die hie und da von steilen, an Minaretts, Obelisken oder Säulen erinnernden Bergspitzen unterbrochen wurde. Die üppige Doppelreihe kanadischer Pappeln, die sich zwischen mir und diesen scheinbar in den Himmel hineinragenden Bergen hinzog, sagte mir, daß sich ein Fluß durch dieses Tal schlängle. Der bunte, mit den herrlichsten Blumen bedeckte Wiesenteppich, auf dem mein Fuß stand, breitete sich nach allen Seiten hin aus und senkte sich weich und anmutig dem Flusse zu. Alle Arten von Wild tummelten sich auf diesem Rasen, während buntschillernde Vögel darüber hinflatterten. Es war ein Schauspiel, dessen verblüffende Schönheit kein Sterblicher beschreiben kann. In einem solchen Augenblick sieht der Mensch, welches Glaubensbekenntnis er auch haben mag, in der vor ihm ausgebreiteten majestätischen Herrlichkeit der Natur die gewaltige Hand des Weltenschöpfers, und zugleich überkommt ihn ein tiefes Bewußtsein seiner eigenen Ohnmacht und Kleinheit. Schweigend, von heiliger Ehrfurcht ergriffen, stand ich in den Anblick dieses Meisterstücks der Natur versunken.

»Da erschien plötzlich vor meinem Geiste mein armer, heimwehkranker Arapahoefreund vom Jahre 1876. Er hatte wahrhaftig nicht übertrieben, ja der herrlichen Landschaft kaum volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er nannte es Ijis, den Himmel des rothäutigen Mannes, mir erschien dieses Tal und erscheint es noch heute als das Eldorado auf Erden.«

Im Westen des Big-Horn-Tales steigt schroff vom Ufer des Shoshone River der Hart Mountain auf mit seinen saftig grünen Abhängen, seinen tiefen Schluchten und seinem efeuumsponnenen, senkrechten Felsengeklüfte, während in der Ferne das weiße Haupt des Table Mountain auftaucht. Fünf Meilen südwestlich davon weichen die Berge etwas vom Fluß zurück, und an seinem Ufer erhebt sich der sogenannte »Schloßfelsen« in einsamer Größe. Wie sein Name besagt, hat er die Form eines Schlosses, dem weder Türme, Basteien noch Söller fehlen.

So gewaltig und großartig die Aussicht nun aber auch nach dem Westen zu ist, so liegt doch im Süden die Hauptschönheit dieser Gegend. Hier wird der Horizont durch den Carter Mountain abgeschlossen, dessen üppige Matten den Hirschen, Antilopen und Bergschafen, deren es in diesem bevorzugten Lande eine Unmenge gibt, herrliche Weideplätze bieten. Auch uralte Wälder, aus denen malerische Felsengebilde hervorragen, schmücken seine Abhänge, und zahlreiche frische Quellen spenden willkommenen Nektar.

Mitten in dem Hügellande, das sich an diesen Berg anschließt, suchte sich nun Will seinen künftigen Wohnort aus. Mehrere Seen befinden sich dort, von denen zwei die Namen seiner Töchter Irma und Arta führen. Hier besitzt er ein vierzigtausend Morgen großes, vornehmlich aus Weideplätzen bestehendes Grundstück, auf dem vierhundertachtzig Morgen zur eigentlichen Urbarmachung abgegrenzt wurden. Auch die beiden oben erwähnten Seen befinden sich auf diesem Gebiete, und in ihrer Nähe beabsichtigt Will sich ein schönes, behagliches Wohnhaus zu errichten. Für ihn ist diese Gegend, wie er gleich beim ersten Eindruck gesagt hat, das Eldorado auf Erden, und hierher eilt er, so oft es ihm seine übernommenen Verpflichtungen gestatten. In dieser zauberhaften Umgebung vergißt er auf kurze Zeit die Lasten und Sorgen des Lebens.

Eine seltsame Sage knüpft sich an den am Ende des Big-Horn-Tales gelegenen See. Er ist klein – nur eine halbe Meile lang und eine Viertelmeile breit – seine Tiefe aber unergründlich. Hohe, mächtige Tannen, Zitterespen und Birken beschatten seine Ufer. Sein Wasser ist kristallklar und eiskalt das ganze Jahr hindurch. Auch heilsame, dem Weißen noch fast unbekannte Kräfte bergen seine Fluten. Will hörte die Sage aus dem Munde eines alten Cheyenneindianers.

»Einer alten Sitte unseres Stammes folgend,« erzählte er, »versammelte man sich jeden Monat einmal um Mitternacht und bei Vollmond um diesen See. Bald nach zwölf Uhr stieß ein mit den Geistern von abgeschiedenen Cheyenneskriegern gefülltes Boot vom östlichen Ende des Sees ab und fuhr rasch bis zum westlichen Ufer. Dort verschwand es plötzlich.

»Niemals kam ein Wort oder Laut von den Lippen der Gespenster. Steif und schweigend saßen sie da und bewegten nur emsig die Ruder. Jeder Versuch, auch nur eine Silbe von ihnen zu erlangen, blieb vergebens.

»So deutlich war das Schiff mit seinen Insassen zu sehen, daß man die Züge der Krieger unterscheiden und Verwandte und Freunde erkennen konnte.«

Jahrelang wiederholten sich der Sage nach diese Fahrten, und zwar immer vom östlichen bis zum westlichen Ufer des Sees. Da, im Jahre 1876, blieb das Boot plötzlich aus, und tiefer Schrecken erfüllte die Indianer. Ein Teil von ihnen bezog ein Lager am Seeufer und jede Nacht wurden Posten ausgestellt, da man glaubte, die geisterhaften Schiffer hätten vielleicht den Zeitpunkt geändert. Drei Monate lang aber war weder vom Schiff noch von dessen Insassen die geringste Spur zu bemerken, was man als eine schlimme Vorbedeutung ansah.

Bei einer von den Ärzten, Häuptlingen und Gelehrten des Stammes abgehaltenen Beratung wurde ausgesprochen, daß jenes frühere Erscheinen des Gespensterschiffes, das sich stets nur von Osten nach Westen bewegt hatte, eine Mahnung des Großen Geistes gewesen sei. Er habe die Geister der Abgeschiedenen aus den seligen Jagdgefilden nur geschickt, um anzuzeigen, daß der Stamm weiter nach dem Westen ziehen solle. Nun dies aber nicht geschehen sei, bedeute das plötzliche Ausbleiben des allmonatlichen göttlichen Zeichens sicherlich das baldige Erlöschen des Stammes.

Als Will eines Tages am Ufer dieses Sees stand, kam ein Siouxindianer auf ihn zu. Dieser Mann war ungewöhnlich klug und wünschte seinen Kindern eine gute Erziehung zu geben. Er sandte seine beiden Söhne auf die hohe Schule nach Carlisle, während er selbst sich die größte Mühe gab, den Glauben der Weißen zu studieren, obwohl er noch immer an seinen alten, wilden Gewohnheiten und seinem Götzendienst festhielt. Kurze Zeit bevor er sich mit Will in das erwähnte Gespräch einließ, hatte sich eine große Anzahl Indianer an einem bestimmten Punkt versammelt, um den »Messiah« oder »Geistertanz« zu feiern. Wie alle von den wilden Völkerschaften abgehaltenen religiösen Feste, so war auch dieses von den häßlichsten Ausschreitungen und empörendsten Sittenlosigkeiten begleitet. Da man nun aber nie wußte, was diese Massenversammlungen der Indianer für Folgen haben konnten, so schickte der Präsident auf vielseitiges Ansuchen Truppen in diese Gegend, die die Indianer auseinandertreiben sollten. Die Indianer widersetzten sich, Blut wurde vergossen, und unter den Getöteten befand sich auch der Sohn jenes Indianers, der kurze Zeit darauf neben Will am Ufer des Geistersees stand.

»Im ›Großen Buche‹ der weißen Männer steht geschrieben,« sagte der alte Häuptling zu Will, »daß der ›Große Geist‹, der Nan-tan-in-chor, einstens wieder auf die Erde kommen werde. Die in den Städten wohnenden Weißen gehen in ihre ›Rathäuser‹ (Kirchen) und sprechen von der Zeit seiner Wiederkunft. Die einen sagen zu dieser, die anderen zu jener Zeit, sie alle aber wissen, daß der Tag kommen wird, denn es steht im ›Großen Buche‹ geschrieben. Die Hohen und Guten unter den weißen Leuten besuchen diese Rathäuser, aber auch diejenigen, die nicht hingehen, sagen: ›Gut, wir wollen glauben, was ihr glaubt: Er wird kommen.‹ Im ›Großen Buche‹ der Weißen steht ferner geschrieben, daß alle menschlichen Wesen auf der Erde die Kinder eines ›Großen Geistes‹ seien. Er schützt und versorgt sie alle. Dafür verlangt er nichts weiter, als daß sie einander lieben, sich gegenseitig nicht richten und nicht töten und nicht stehlen sollen. Habe ich die Worte aus des weißen Mannes Buch richtig gesagt?«

Etwas überrascht von dem ernsten Inhalt der Rede des Indianers nickte Will bejahend mit dem Kopfe. Der andere aber fuhr fort: »Auch der Indianer besitzt ein großes Buch. Sie haben es niemals gesehen; kein Weißer hat es je erblickt, denn hier ist es verborgen.« Dabei drückte er die Hand auf sein Herz. »Die Lehren der beiden Bücher sind dieselben. Was der ›Große Geist‹ den Weißen befiehlt, das befiehlt Nan-tan-in-chor auch dem rothäutigen Manne. Auch wir gehen in unsere ›Rathäuser‹, um von einem zweiten Wiederkommen des Heiligen zu sprechen. Auch wir halten unsere Gottesdienste ab, ebenso wie der weiße Mann. Der Unterschied ist nur der, daß der Weiße mit ernster, trübseliger Miene seine Feste feiert, der Indianer dagegen heiter und fröhlich dabei ist. Wir tanzen und freuen uns, der weiße Mann aber schickt Soldaten, die uns niederschießen. Befiehlt ihnen der ›Große Geist‹, dies zu tun?

»In der ›Großen Stadt‹ (Washington), wo ich einmal gewesen bin, liegt noch ein zweites ›Großes Buch‹ (die Bundesverfassung), in dem es heißt, daß der weiße Mann die religiöse Freiheit des anderen nicht beeinträchtigen solle. Und doch kommen sie in unser Land und töten uns, wenn wir Nan-tan-in-chor unsere Fröhlichkeit bezeugen.

»Wir freuen uns auf sein zweites Kommen, der Weiße trauert, schickt aber seine Soldaten und läßt uns in unserem Glück umbringen. Bah! Der weiße Mann ist falsch. Ich kehre zu meinem Volke und zu den Sitten und Gebräuchen meiner Vorfahren zurück. Ich bin und bleibe Indianer!«

Mit der Würde eines rothäutigen Cäsars schritt der alte Häuptling von dannen. Will aber sagte sich, während er allein am Seeufer zurückblieb, daß jede soziale Frage von zwei Seiten beleuchtet werden könne. Auch die Ansichten des Indianers über das allgemeine Menschenwohl haben ihre Berechtigung, und darin liegt die Tragik des Indianerschicksals.

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