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Buffalo Bill der letzte große Kundschafter

Helen Cody: Buffalo Bill der letzte große Kundschafter - Kapitel 25
Quellenangabe
typebiography
authorHelen Cody
titleBuffalo Bill der letzte große Kundschafter
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160311
projectid2965906a
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Vierundzwanzigstes Kapitel: Literarische Arbeiten.

Zu jener Zeit machte Will auch seine ersten literarischen Versuche. Wie der Leser gesehen hat, war die Zahl seiner Schultage nicht groß, und noch immer konnte er, wie er einstens bei Unterzeichnung seines ersten Kontraktes Herrn Majors gesagt hatte, eine Flinte besser handhaben als die Feder. Das bewegte Leben in den Grenzlanden ließ einem Manne nicht viel Zeit, sich eine gute Schulbildung anzueignen, und so ist es nicht zu verwundern, daß der erste Aufsatz, den Will veröffentlichte, eine beträchtliche Anzahl orthographischer Schnitzer und Interpunktionsfehler enthielt. Man machte ihn zwar auf diese Mängel aufmerksam, das Prärieleben aber hatte eine gewisse Verachtung alles Unwesentlichen in ihm gezeitigt.

»Wozu sich mit solchen Kleinigkeiten abquälen,« sagte er lachend. »Wenn meine Leser nicht wissen, wo sie ohne jene kleinen Unterscheidungszeichen Atem holen sollen, so müssen sie es eben bleiben lassen.«

Allein trotz dieses Scherzes blieb Will seinem Grundsatze »recht oder gar nicht« treu. Er hatte jetzt genügend Zeit zum Studieren und benützte diese Muße so gut, daß er seinem Verleger in kurzem ein in grammatikalischer und orthographischer Hinsicht wohlgesetztes und richtig interpunktiertes Manuskript zusenden konnte. Die Verleger erwähnten lobend die Verbesserung, obwohl sie seine Arbeiten auch in ihrem unreifen Zustand geschätzt hatten, und bezahlten sie gut.

Niemals aber konnte sich unser Schriftsteller dazu verstehen, andere Erlebnisse als solche, die sich tatsächlich auf der Prärie abgespielt hatten, zu schildern. Gelegentlich nur ließ er sich, dem Wunsche eines Verlegers nachgebend, herbei, die Wirkung seiner Erzählung durch Übertreibung zu erhöhen. Einmal schrieb er bei Absendung einer solchen Geschichte an den Buchhändler: »Ich bedaure, in meiner Erzählung so weit von der Wahrheit abgewichen zu sein, denn mein Held hat auf einem einzigen Kriegszuge mehr Indianer getötet, als ich in meinem ganzen Leben. Allein Sie mögen ja recht haben, daß das Publikum solche Heldentaten bei den in den Grenzlanden spielenden Geschichten verlangt. Scheint es Ihnen jedoch, als sei ich mit Dolch und Revolver gar zu freigebig verfahren, so streichen Sie nur irgend einen verhängnisvollen Messerstich oder Schuß, wo immer Sie es für angezeigt halten.«

Allein auch diese Geschichte, die ein mit dem Prärieleben Vertrauter für übertrieben erklärt hatte, blieb noch weit hinter den gewöhnlichen aufregenden Schauergeschichten anderer Schriftsteller zurück und wurde genau so veröffentlicht, wie der Verfasser sie geschrieben hatte.

Im Laufe des Sommers 1877 stattete ich unseren Verwandten in Westchester, Pennsylvanien, einen Besuch ab. Mein Gatte hatte vor seinem Tode sein ganzes Vermögen verloren, so daß ich auf die Unterstützung meines Bruders angewiesen war. Auf vielseitiges Bitten ließ sich Will herbei, in diesem Sommer seine eigene Lebensgeschichte zu schreiben. In Hartford, im Staate Connecticut, wurde sie veröffentlicht und, getrieben von dem Wunsche, mir einen Verdienst zu schaffen, übernahm ich den Vertrieb des Buches für den Staat Ohio. Dieser Art Arbeit wurde ich jedoch bald überdrüssig, und so verließ ich Cleveland, nachdem ich die Vertretung in andere Hände gelegt hatte, um Will in seiner neuen Heimat am nördlichen Platte zu besuchen, wo sich zu dieser Zeit gerade eine Menge anderer Gäste befanden.

Außer seinem großen Anwesen in der Nähe des nördlichen Platte besaß Will noch eine weitere, fünfunddreißig Meilen nördlicher am Dismal River gelegene Farm. Eines Tages sagte er zu uns: »Ich bedaure, euch einige Tage verlassen zu müssen, allein eine dringende Angelegenheit ruft mich auf meine Farm am Dismal River.«

Seit unserer einstigen Fahrt von Iowa nach Kansas hatte ich nicht mehr im Freien übernachtet, auch war ich damals noch fast zu jung gewesen, um ein solches Vergnügen zu schätzen. Der glühende Wunsch nach einer Wiederholung aber war doch in mir zurückgeblieben.

»Wie wäre es, Will, wenn wir alle dich begleiten würden?« rief ich. »Wir könnten uns dann den Spaß machen, wieder einmal im Freien zu übernachten.«

Erfreut stimmten unsere Gäste mir zu, während Will sofort auf den Plan einging.

»Wenn die Herrschaften wirklich Lust haben, so sehe ich nicht ein, warum Sie nicht mitkommen sollten,« sagte er. Will besaß mehrere Wagen, konnte uns also mit Leichtigkeit befördern. Lu und die kleinen Mädchen, Arta und Orra, fuhren in einem offenen Phaeton; außer diesem gab es für unsere Gäste noch bedeckte Gesellschaftswagen verschiedener Art. Mehrere bekannte Familien aus der Stadt wurden aufgefordert, sich uns anzuschließen, so daß wir, als sich der Zug in Bewegung setzte, schließlich eine Gesellschaft von fünfzehn Personen bildeten.

Will nahm einen Koch und große Vorräte an Lebensmitteln mit, damit der Magen ja nicht zu kurz käme, denn er wußte aus alter Erfahrung, daß ein derartiger Ausflug ohne genügende kulinarische Genüsse ein zweifelhaftes Vergnügen ist.

Gleich der erste Tag, an dem wir fünfundzwanzig Meilen zurücklegten, verlief zu unser aller Befriedigung. Als dann die Zelte abends aufgeschlagen wurden und wir die für uns neue romantische Gegend betrachteten, führte Will die Damen der Gesellschaft zu einem Baume und sagte: »Sie sind die ersten weißen Frauen, deren Fuß diese Gegend betritt. Schreiben Sie Ihre Namen in die Rinde ein und feiern Sie das Ereignis.«

Nach angenehm verbrachter Nachtruhe und eingenommenem reichen Frühstück machten wir uns fröhlichen Mutes wieder auf den Weg, und bald befanden wir uns mitten in den niedrigen Vorbergen.

Jemand, der diese merkwürdigen Bergformationen nicht gesehen hat, kann sich nur schwer einen Begriff davon machen. Nach allen Seiten hin, so weit das Auge reicht, erstrecken sich diese wellenförmigen Erderhebungen gleich den Wogen eines Ozeans, und nichts wächst darauf als Büffelgras, Salbei und der blütentreibende, aber stachelige Kaktus.

Am zweiten Tage bestieg ich ein Pferd und ritt mit Will und noch einigen Herren durch das hügelige Land. In unausgesetzter Folge ging es eine Anhöhe hinauf und auf der anderen Seite herunter, während bereits wieder ein weiterer Hügel sichtbar wurde. Der reitende Teil der Gesellschaft war allmählich dem in den Wagen fahrenden etwas vorausgekommen.

Von der Spitze eines Hügels ließ Will den mit einem Fernglas bewaffneten Blick über die Gegend schweifen. Dabei entdeckte er, daß sich einige Rehe auf unserem Wege befanden, wir also frisches Wildbret zum Abendessen haben würden. Er bat uns, ins Tal hinunter zu reiten, dort aber zu warten, damit wir die schüchternen Tiere nicht in Schrecken jagten, während er selbst ein Stück des nächsten Hügels hinaufreiten und sich einen günstigen Standort aussuchen wollte. Bald kam ein Rehkitz in Sicht, und Will legte an. Zu unserer großen Überraschung aber ließ er, anstatt zu feuern, die Waffe wieder sinken. Ein zweites Reh sprang an ihm vorüber, ohne daß er darauf schoß, und als endlich ein drittes der anmutigen Tiere niederstürzte, kamen wir auf Will zu und machten uns unbarmherzig über ihn lustig, während einer der Herren lachend bemerkte: »Man sollte es nicht glauben, daß wir uns in Gegenwart des Meisterschützen Amerikas befinden, wenn man sieht, wie er zwei Rehe an sich vorübergehen läßt, bis er endlich eines zur Strecke bringt.«

Will sagte kein Wort auf all das Lachen und Necken, mir aber kam plötzlich jene Geschichte von Wills erster Hirschjagd ins Gedächtnis zurück, und ich fragte mich, ob es wohl auch jetzt noch möglich sein könnte, daß ihn ein ähnliches Gefühl wie damals erfaßt habe. Das Reh wurde nun dem Proviantmeister übergeben, worauf wir unseren Ritt wieder aufnahmen.

»Sage, Will, was hattest du vorhin?« fragte ich ihn heimlich. »Warum hast du nicht auf das erste Reh geschossen? Hattest du wieder ein ähnliches Gefühl, wie damals als kleiner Knabe bei deinem ersten Hirsch?«

Schweigend ritt er einige Augenblicke weiter, dann wandte er sich mit der Frage zu mir: »Hast du je einem Reh ins Auge geschaut?« Und als ich mit »nein« antwortete, fuhr er fort: »Ein jeder hat seine Schwächen, die meinige ist das Auge eines Rehes. Ich will nun aber nicht, daß du unseren Freunden etwas davon sagst, denn dann würden sie mich erst recht auslachen. Es ist Tatsache, daß ich noch nie im stande war, ein Reh zu schießen, wenn es mir ins Auge gesehen hatte. Bei einem Büffel oder Bären, ja sogar bei einem Indianer ist es etwas anderes. Das Reh aber hat den sanften, milden Blick eines vertrauensvollen Kindes. Man müßte ein roher Barbar sein, könnte man ein solches Tierchen schießen, nachdem man seinen Blick aufgefangen hat. Das erste Reh, das über den Hügel kam, sah mir gerade ins Gesicht; ich ließ es vorübergehen und sah nach dem zweiten und dritten erst hin, nachdem ich sicher annehmen konnte, daß sie an mir vorüber seien.«

Will schien sich seiner Weichherzigkeit etwas zu schämen. Mir aber gab dieses Geständnis wieder einen neuen Beweis, daß das rauhe Leben in den Grenzlanden nicht im stande gewesen war, die weiche Seite seiner Natur zu zerstören.

Will hatte ausgerechnet, daß wir den Dismal River voraussichtlich am dritten Tage erreichen werden. Als der Mittag nun herankam, fiel ihm ein, daß es wohl besser sei, er reite voraus, um dem Verwalter der Farm unser Kommen anzukündigen, da dessen Frau sonst beim Gedanken, für eine solch große Gesellschaft in der Schnelligkeit ein Essen zubereiten zu sollen, gar zu sehr erschrecken könnte.

Schwester Julias Sohn, Will Goodman, ein Bursche von fünfzehn Jahren, der den Ausflug ebenfalls mitmachte, bot sich als Kurier an.

»Weißt du den Weg wirklich auch ganz genau?« fragte sein Onkel.

»O ja, gewiß,« lautete die zuversichtliche Antwort; »ich habe den Weg ja schon einmal mit dir gemacht und kenne ihn ganz genau.«

»Nun also, so beschreibe ihn mir.« Der junge Will tat dies so ausführlich und genau, daß sein Onkel keine Gefahr darin sah, ihn den Ritt machen zu lassen. Glücklich, mit wichtiger Miene ritt der Junge davon.

Gegen Abend erst erreichten wir die Farm, wo uns der Aufseher mit dem Rufe empfing: »Ja, du meine Güte, was ist denn das?«

»Wußten Sie denn nichts von unserem Kommen?« fragte Will lebhaft. »Ist Will Goodman nicht hier gewesen?«

Verwundert schüttelte der Verwalter den Kopf.

»Ich habe ihn nicht wieder zu Gesicht bekommen, seitdem er das letzte Mal mit Ihnen hier war.«

»Nun, dann muß er gleich kommen,« sagte Will ruhig. Ich aber hörte deutlich eine heimliche Besorgnis aus seiner Stimme heraus. »Gehen Sie jetzt nur alle ins Haus hinein und machen Sie sich's bequem,« fügte er hinzu. »Es wird schon noch ein Weilchen dauern, bis das Essen für solch eine große Gesellschaft bereit ist.« Wir folgten seiner Aufforderung, er aber blieb draußen und stieg auf einen als Zaun dienenden Erdwall, von wo aus er die benachbarten Hügel mit seinem Fernglas betrachtete – von Will junior aber war weit und breit nichts zu sehen. Dem Verwalter wurde nun befohlen, fünf bis sechs Männer in verschiedene Richtungen auszuschicken, die den Jungen suchen sollten. Will blieb auf der Erhöhung stehen und fuhr sich dabei fortwährend mit der Hand über die Stirne und durchs Haar, bei ihm ein deutliches Zeichen innerer Erregung. In dem Wunsche, ihn zu beruhigen, kam ich heraus und schalt ihn freundlich wegen seiner, wie ich dachte, unnötigen Sorge. »Es ist ja unmöglich, daß Will sich weit verirrt hat,« setzte ich ihm auseinander, freilich ohne irgend etwas von der Sache zu verstehen. »Schau nur, wie weit man diese Hügel übersehen kann. Im Walde wäre es etwas anderes,« behauptete ich.

Halb mitleidig sah Will mich einen Augenblick lang an. »Geh ins Haus zurück, Nellie,« sagte er mit einem Anflug von Ungeduld. »Du weißt nicht, was du da schwatzest.«

Das war nun allerdings sehr richtig. Trotzdem wiederholte ich, nachdem ich gehorsam ins Haus gegangen war, meine Ansicht, daß es unnötig sei, sich über das Fernbleiben des Jungen zu ängstigen. »Denn,« behauptete ich, »es muß doch fast unmöglich sein, sich bei einem solch weiten Gesichtskreis, wie man ihn von diesen Vorbergen aus hat, zu verirren.«

»Allein angenommen,« entgegnete einer der Herren aus der Gesellschaft, »Sie befinden sich im Tale hinter einem dieser Vorberge, was dann?«

Dies führte zu einem lebhaften Wortgefecht über die Gefahren des Verirrens in diesem weit ausgedehnten Hügellande. Da kam plötzlich Will mit vollständig wiederhergestelltem Gleichmut ins Zimmer herein.

»Nun ist alles in Ordnung,« sagte er. »Ich sehe den Burschen kommen.«

Wir alle eilten auf den Erdwall und bemerkten in der Ferne einen sich bewegenden Punkt. Durch das Fernglas betrachtet, erwies er sich als der verspätete Sendbote. Nun wurde Will bestürmt, die betreffende Streitfrage zu entscheiden.

»Meine Damen und Herren,« antwortete er ernst, »wenn sich jemand von Ihnen in jenen Vorbergen verirren und man ein ganzes Regiment nach Ihnen ausschicken würde, so wäre es doch mehr wie wahrscheinlich, daß Sie dort, und zwar im günstigsten Falle, verhungerten, ehe man Sie auffinden könnte.«

Sich in diesen endlosen Hügelketten auskennen und sicher den Weg hindurchfinden, ist eine Kunst, die den Indianern eigen ist, wenige Weiße aber nur kommen dem Urbewohner dieses Landes in dieser Geschicklichkeit gleich. Später erfuhr ich, daß Wills genaue Kenntnis dieser starren Wogen des Prärieozeans mit zu den glänzenden Eigenschaften zählte, durch die er sich als Kundschafter auszeichnete.

Als der Nachzügler ankam und natürlich mit Fragen bestürmt wurde, berichtete er, daß er nach Zurücklegung von acht bis zehn Meilen plötzlich sein Abkommen vom Pfade bemerkt habe.

»Schon glaubte ich mich verirrt zu haben,« sagte er. »Nach reiflicher Überlegung fand ich indes, daß mir nur die eine Möglichkeit blieb: umzukehren und meinen eigenen Spuren zu folgen. Die Eindrücke der Hufe meines Pferdes führten mich auf den Hauptpfad zurück, auf dem eure Spuren noch so frisch waren, daß ich mir nun keine weitere Sorge mehr zu machen brauchte.«

»Recht gut,« sagte Will, dem Jungen auf die Schulter klopfend, »recht gut. Du hast entschieden etwas vom Blute der Cody in dir.«

Am nächsten Tage wurde die Farm besichtigt und am darauffolgenden machten wir auf Wills Veranlassung einen Ausflug nach dem sogenannten »Garten der Götter«. Unser vorsorglicher Wirt hatte einige Knechte vorausgeschickt, die den Platz zu unserem Empfange vorbereiten sollten. Wir waren von dem Anblick, der uns dort zu teil wurde, so überrascht und entzückt, als es sich Will nur wünschen konnte. Auf einem am Flußufer gelegenen Stückchen Land erhob sich ein Hain von prächtigen Bäumen und üppigem Strauchwerk. Wohin das Auge schaute, gab es Blumen und Früchte in üppigster Fülle, und buntschillernde Vögel sangen und zwitscherten um uns her – es war ein kleines Paradies mitten in der Wildnis von Salbei und Büffelgras. Auf einem der lauschigen, mit saftiggrünem Rasen bedeckten freien Plätze hatten die Knechte unter Wills Anleitung einfache Tische und Bänke errichtet, und dort nahmen wir in fröhlichster Laune unser Mittagsmahl ein.

Da nicht anzunehmen war, daß die Damen der Gesellschaft diesen in dem unbewohnten Teil der westlichen Prärie liegenden Ort je einmal wiedersehen würden, so hätten wir gerne ein bleibendes Andenken an dieses reizende Fleckchen Erde mitgenommen. Wir durchstreiften suchend den Lustwald, befanden uns aber bald an dessen Ende in der angrenzenden öden Ebene. Allein gerade dort machten wir plötzlich eine große Entdeckung. Auf einem freistehenden kleinen Hügel erhob sich ein einsamer hoher Baum, in dessen oberstem Gezweig wir einen dunklen Gegenstand bemerkten, der einem Paket nicht unähnlich sah. Bald hatte unsere lebhaft arbeitende Phantasie diesen Pack in den verborgenen Schatz eines Banditen verwandelt. Während zwei von uns zu unseren männlichen Beschützern zurückkehrten, bewachten wir anderen den Fund in der Baumkrone. Bald kam Will mit der übrigen Gesellschaft herbei. Als wir ihm dann die vermeintliche Goldlade zeigten, lächelte er und sagte, daß es ihm sehr schmerzlich sei, unsere Hoffnung zerstören zu müssen, da der Pack, nach dem wir so begehrlich ausschauten, nichts weiter sei, als das offene Grab eines abgeschiedenen Indianers. »Das wäre eine schöne Überraschung gewesen,« bemerkte er, »wenn die Damen ihre Finger in das Paket gesteckt hätten!«

Auf dem Rückweg, den wir etwas niedergeschlagen antraten, erzählte uns Will von einem uns bis jetzt unbekannten Aberglauben der Rothäute.

Wenn ein großer Häuptling, der sich auf einem Kriegszuge ausgezeichnet hat, sein Leben auf dem Kampfplatze verliert, ohne seines Skalpes beraubt zu werden, so gilt er als ein besonderer Günstling des großen Geistes. Einem solchen Krieger geziemt eine schönere Grabstätte, als die dunkle Erde. In seinem prächtigsten Gewande, mit kriegsmäßig bemaltem Gesicht und Federschmuck und all seinen Waffen wird er in ein buntes Leichentuch gehüllt und in den Wipfel des höchsten in der Nähe befindlichen Baumes gelegt. Eine gewisse Anzahl von Monaten ist ein solcher Ort geheiligt und unantastbar. Nach Ablauf dieser Zeit werden Boten abgesandt, um nachzusehen, ob die Überreste unberührt geblieben sind. Ist dies der Fall, so wird der Abgeschiedene als ein Heiliger gepriesen, der von den wonnevollen Jagdgefilden aus, in denen er sich jetzt befindet, diejenigen seiner Stammesgenossen, die sich auf dieser Erde seiner Leitung anvertraut hatten, zu sicherem Siege führt.

Nur ungern sagten wir der idyllischen Oase lebewohl, und noch manch sehnsüchtiger Blick flog zurück, während wir uns durch die öde Wildnis zur Farm zurückbegaben. Hier wurde noch eine weitere Nacht verbracht, dann traten wir die Heimfahrt an. Mit Vergnügen sahen wir auf diesen kurzen, so »nah am Herzen der Natur« verlebten Aufenthalt zurück, der für manche mit dem Reiz der Neuheit umgeben war, allen aber hohen Genuß und ein fröhliches, freundschaftliches Zusammensein gebracht hatte.

Mit Beginn der Theatersaison kehrte Will zur Bühne zurück, und noch fünf weitere Winter widmete er dieser Laufbahn. Allmählich hatte er sich auch als Schauspieler eine gewisse Gewandtheit angeeignet. Er spielte in allen größeren Städten der Vereinigten Staaten, und zwar stets vor gefüllten Häusern und vor einem begeisterten Publikum. Was auch immer die Kritik an der künstlerischen Seite dieser Vorstellungen auszusetzen haben mochte, Wills Persönlichkeit und sein Ruf vor allem zogen die Zuschauer an, die durchaus nicht die Kunst eines Sir Henry Irving erwarteten und – man darf es mir glauben – auch nicht fanden.

Will hatte sein Beruf als Schauspieler, dem er die Hälfte des Jahres oblag, niemals befriedigt, er ertrug ihn nur als Mittel zum Zweck. Dabei war ihm der Traum seiner Knabenzeit – der Entschluß, der Welt eines Tages ein wahres, echtes Bild vom Leben im fernen Westen mit seinen Gefahren und Entbehrungen sowohl als seiner malerischen Romantik darzubieten – niemals aus dem Sinn gekommen. Schon seine ersten Theateraufführungen hatten ihm gezeigt, wie günstig eine solche Schaustellung aufgenommen würde, so daß sein langgehegter, ehrgeiziger Plan allmählich Gestalt zu gewinnen begann. Er wußte indes wohl, daß große Geldsummen dazu erforderlich seien, und um sich diese zu verschaffen, erduldete er jahrelang das Leben auf den Brettern.

Während einer der letzten Aufführungen, bei denen Will mitwirkte – er spielte die Rolle eines verliebten Schäfers – befand ich mich im Leawenworther Theater. Nachdem der Vorhang des letzten Aktes gefallen war, begab ich mich mit mehreren Bekannten hinter die Kulissen, um ihm zu seinem vortrefflichen Spiele zu gratulieren.

»O Nellie,« brummte er, »sprich mir nicht davon. Wenn der Himmel mir gnädig ist, so verspreche ich dir, nach Schluß dieser Spielzeit der Bühne auf immer Valet zu sagen.«

In dieser Weise dachte Will über das Bühnenleben, wenigstens was seine Person betraf. Es war ihm zu Mute, wie einem Fisch außerhalb des Wassers. Die schwachen Nachahmungen der Wirklichkeit und die künstlich heraufbeschworenen Gefahren mußten einem Manne, der die dargestellten Szenen selbst erlebt hatte, notgedrungen platt und langweilig erscheinen.

* * *

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