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Buffalo Bill der letzte große Kundschafter

Helen Cody: Buffalo Bill der letzte große Kundschafter - Kapitel 24
Quellenangabe
typebiography
authorHelen Cody
titleBuffalo Bill der letzte große Kundschafter
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160311
projectid2965906a
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Dreiundzwanzigstes Kapitel: Politisches Vorgehen der Regierung gegen die Indianer.

Für den tiefbetrübten Vater war es eine große Erleichterung, daß die Spielzeit ihrem Ende zuging. Mehr denn je war ihm jetzt der Mummenschanz des Bühnenlebens zuwider, als er mit seinem schweren, noch so frischen Kummer zur Gesellschaft zurückkehrte. Trotzdem spielte er Abend für Abend vor ausverkauften Häusern; sein Herz aber war natürlich nicht bei der Sache. Unter diesen Umständen begrüßte er einen Brief General Mills, worin ihm dieser mitteilte, daß man seiner Dienste im Heere bedürfe, als willkommene Erlösung. Er kürzte die beabsichtigte Spielzeit um die letzten Tage ab und entließ seine Truppe mit einer klingenden Belohnung.

Dies geschah im Frühjahr der Zentenarfeier der Unabhängigkeitserklärung Amerikas. Man nannte dieses Jahr auch das »Custerjahr«, weil während dieses Sommers der tapfere General mit seinen »Dreihundert« bei dem ungleichen Kampfe mit »Sitting Bull« und seinen Kriegern den Tod gefunden hatte.

»Sitting Bull« war einer der bedeutendsten Häuptlinge und Führer, deren sich der Stamm der Sioux je rühmen konnte. Seinen Namen hatte er sich dadurch erworben, daß er eines Tages rittlings auf einen von ihm angeschossenen Büffel sprang, um ihm das Fell abzuziehen, wobei sich der verwundete Stier mit dem Indianer wieder in die Höhe richtete. Er vereinigte angeborene Indianerschlauheit mit großem Feldherrntalent, und seine Gewandtheit als Führer wurde bei Rothäuten und Weißen gleich sehr anerkannt. Er war in der Tat ein äußerst gefährlicher Mann, bei dem alle Grausamkeit und aller Haß und Rachedurst, deren ein Indianer fähig ist, durch das seinem Volke zugefügte Unrecht aufgereizt worden war.

Auch der 1876 ausgebrochene Krieg mit den Sioux hatte seinen Grund in einem Bruch der Vertragsrechte und in einem Akt der Ungerechtigkeit von seiten der Regierung der Vereinigten Staaten.

Im Jahre 1868 war nämlich ein Vertrag mit den Sioux abgeschlossen worden, worin man ihnen die Gegend der Black Hills als alleiniges Eigentum zugesprochen und jegliche Ansiedlung der Weißen dort verboten hatte. Im Jahre 1874 wurde nun aber plötzlich Gold in jener Gegend aufgefunden, was sofort zur Folge hatte, daß ein ganzes Heer von Weißen das Indianergebiet überschwemmte. Selbstverständlich nahmen die Sioux dieses Eindringen höchst übel auf, und anstatt sie nun dadurch zu besänftigen, daß man versprach, den Vertrag einer Durchsicht unterziehen zu wollen, schickte die Regierung General Custer mit der Weisung in die Black Hills, die Indianer durch Einschüchterung zur Unterwerfung zu bringen. General Custer aber war viel zu klug und mit der Art der Indianer viel zu sehr vertraut, als daß er sich in der Ausübung der ihm erteilten Befehle an den Buchstaben gehalten hätte. Unter dem Schutze einer Friedensflagge wurde mit den Indianern verhandelt. Custer ließ bei dieser Zusammenkunft Kaffee, Zucker und Schinken unter die Rothäute verteilen und zugleich den Rat geben, daß es den Sioux nur zum Vorteil gereichen würde, wenn sie den Goldgräbern erlaubten, sich im Lande niederzulassen. Kaffee, Zucker und Schinken wurden nun zwar dankbar angenommen, noch niemals aber hat, seitdem die Erde besteht, weder ein Volk, noch ein Stamm, noch ein einzelnes Individuum ohne weiteres einen sogenannten guten Rat angenommen. Auch die Indianer befolgten ihn nicht, hatten ihn überdies schon mit solch gleichgültigem Schweigen aufgenommen, daß General Custer alle Hoffnung auf einen Erfolg seiner Unterhandlung aufgab.

Im Jahre 1875 wurde General Crook nach den Black Hills geschickt, um dort in frivolster Weise die freundschaftlichen Gesinnungen der Regierung auszuposaunen. Niemand aber ließ sich täuschen, am wenigsten die Indianer. Im August wurde die Stadt »Custer« angelegt, und nach vierzehn Tagen schon hatten sich über sechshundert Weiße dort niedergelassen. General Crook trieb die Bewohner dieses einstigen Indianerdorfes mit Gewalt aus, und während er triumphierend auf der einen Seite der neu angelegten Stadt herausritt, zogen die alten Bewohner auf der entgegengesetzten Seite wieder ein.

Die schlimmen Folgen dieses fortgesetzten Vertragsbruchs konnten nicht ausbleiben; überall griffen die Sioux zu den Waffen. Jemand, der das unerhört ungeschickte politische Vorgehen der Regierung nicht verfolgt hat, kann es kaum glauben, daß diese, in der Absicht, ihr Heer zu vergrößern, mit freigebigster Hand und ohne Unterschied der Stämme Schußwaffen und Patronen unter die Indianer verteilen ließ und ihnen aufs genaueste beibrachte, wie man sie gegen die Weißen anzuwenden habe. Während der Monate Mai, Juni und Juli dieses Jahres hatten die Sioux nicht weniger als elfhundertzwanzig Remington- und Winchestergewehre und dreizehntausend Patronen erhalten. Ferner wurden während dieses Jahres mehrere tausend vollständige Soldatenausrüstungen und mehr als eine Million Patronen unter sie verteilt, obwohl sie doch schon drei Jahre vorher regelrecht ausgerüstet worden waren. Unter diesen Umständen darf man sich nicht wundern, daß der Siouxaufstand von 1876 der Regierung schwere Opfer kostete.

Will glaubte, er werde den Befehl erhalten, sich General Crook anzuschließen. Als er jedoch nach Chicago kam, erfuhr er, daß General Carr noch immer das fünfte Reiterregiment befehlige und darum gebeten habe, Will seinem alten Regimente zuzuteilen. Carr befand sich damals in Cheyenne, wohin sich nun Will in aller Eile begab. Rittmeister Charles King, der bekannte Schriftsteller und spätere Brigadegeneral in Manila, der zu jener Zeit Regimentsadjutant war, holte Will an der Eisenbahnstation ab. Als die beiden ins Lager ritten, ertönte von allen Seiten der laute Ruf: »Hier kommt Buffalo Bill!« Und drei schallende Vivats drückten die Freude der Soldaten über Wills Rückkehr zu seinem alten Truppenkörper aus. Aber auch Will freute sich nicht minder, seine ehemaligen Kriegsgefährten wiederzusehen. Er wurde zum Anführer der Kundschafter ernannt und hatte sich sofort an die Spitze des nach Laramie abrückenden Regiments zu stellen. Von dort aus erhielt es den Befehl, den Marsch nach den Black Hills anzutreten, während zugleich General Merritt an General Carrs Stelle versetzt wurde.

Die Einzelheiten über Custers Kampf und Untergang sind so bekannt, daß es nicht nötig ist, sie hier zu wiederholen. Weder er noch ein einziger seiner dreihundert Leute retteten das Leben. Sie alle bezahlten die Schuld anderer mit ihrem Blute.

Als die Nachricht von dem entsetzlichen Ereignis ins Hauptquartier gelangte, wurden Vorbereitungen zu einem allgemeinen Vorrücken gegen die Indianer gemacht. Das fünfte Reiterregiment erhielt den Befehl, wenn möglich, den achthundert Cheyennesindianern den Weg abzuschneiden und so ihre Vereinigung mit den Sioux zu verhindern, während Oberst Wesley Merritt mit fünfhundert Mann nach Hat oder War-Bonnet-Creek eilen sollte, um den Hauptverkehrsweg der Indianer zu gewinnen. Am 17. Juli wurde der Fluß erreicht und mit Anbruch des folgenden Tages ritt Will weiter, um festzustellen, ob die Cheyennes den Pfad schon durchkreuzt hätten. Bis jetzt war dies nicht geschehen, allein noch am selben Tage sah der Kundschafter die Indianer aus südlicher Richtung heranziehen.

Oberst Merritt befahl seinen Leuten, die Pferde zu besteigen, dabei aber den Indianern außer Sicht zu bleiben, während er in Begleitung seines Adjutanten Charles King und Wills rekognoszieren wollte. Die Cheyennes kamen direkt auf die Truppen zugeritten. Plötzlich aber schwenkten fünfzehn bis zwanzig Rothäute in westlicher Richtung ab auf den Pfad zu, dem die Truppen in der vergangenen Nacht gefolgt waren. Durch sein Fernglas bemerkte Oberst Merritt zwei Soldaten auf diesem Wege – wahrscheinlich depeschentragende Ordonnanzen – auf die es die Indianer augenscheinlich abgesehen hatten. Will machte den Vorschlag, so lange mit einem allgemeinen Vorgehen zu warten, bis die Indianer im Begriff seien, die Vorposten anzugreifen, während er selbst mit Bewilligung des Obersts eine Anzahl gewandter Leute mitnehmen und die Indianerpatrouille von ihrem Gros abschneiden wollte.

Der Oberst erklärte sich einverstanden, worauf Will ins Lager galoppierte und mit fünfzehn Mann zurückkehrte. Die Ordonnanzen befanden sich noch etwa vierhundert Yards von Will und seinen Leuten entfernt, während die Indianer sie in einem Abstand von zweihundert Yards verfolgten. Oberst Merritt gab das Kommando zum Angriff, worauf Will mit seinen Leuten wie der Sturmwind auf die Indianer zujagte.

Drei Rothäute wurden in dem nun folgenden Kampfe getötet, die übrigen eilten dem Gros der Indianer zu, das kurze Zeit halt gemacht hatte, um den Verlauf des Gefechts zu beobachten. Die fliehende Abteilung wurde indes so scharf von den Soldaten verfolgt, daß sie an einer etwa eine halbe Meile von General Merritt entfernten Stelle plötzlich kehrt machte und sich zu einem zweiten Scharmützel aufstellte. Hierbei ereignete sich nun etwas ganz Ungewöhnliches – eine Herausforderung zu einem Zweikampf. Ein Indianer, an dessen Kleidung und Federschmuck man den Häuptling erkannte, ritt plötzlich aus den Reihen seiner Leute heraus und rief in seiner für Will verständlichen Sprache: »Ich kenne dich, Pah-has-ka! Komm und kämpfe mit mir, wenn du Lust hast!«

Will ritt fünfzig Yards vor, und der Indianer tat desgleichen. Beider Flinten knallten, das Pferd des Indianers brach zusammen. Allein im selben Augenblick geriet Wills Pferd in das Loch einer großen Landschildkröte, stürzte und warf seinen Reiter ab. Im Nu waren beide Kämpfer auf den Füßen und standen sich nun in einer Entfernung von kaum zwanzig Schritt gegenüber. Wieder feuerten sie gleichzeitig. Will blieb unverletzt, der Indianer fiel tot zu Boden.

Gleich nach beendetem Zweikampf kamen etwa zweihundert Indianer herangejagt, um den Körper ihres Anführers zu sich zu nehmen und seinen Tod zu rächen. Sofort schickte auch Oberst Merritt eine Abteilung Soldaten zu Wills Unterstützung ab und befahl dem ganzen Regiment, zum Angriff vorzugehen. Während die Soldaten vorrückten, schwang Will des Indianers Haarbüschel und Federschmuck, die er an sich genommen hatte, in der Luft und rief: »Das ist der erste Skalp für Custer!«

Die Indianer leisteten hartnäckigen Widerstand. Als sie jedoch dessen Erfolglosigkeit einsahen, zogen sie sich in der Richtung nach dem fünfunddreißig Meilen entfernten Red-Cloud-Magazin zurück, wohin ihnen die Truppen folgten. Die »Fünfer« hatte ein solch kriegerisches Feuer ergriffen, daß sie sich mit Freuden auch noch den tausend das Magazin bewachenden Indianern entgegengestellt hätten. Diese zeigten jedoch keine Lust, sich in einen weiteren Kampf einzulassen.

Will wurde gesagt, daß der Name des von ihm am Morgen getöteten Häuptlings die »Gelbe Hand« gewesen sei. Er war der Sohn eines berühmten Anführers der Cheyennes, namens Cut Nose. Dieser bejahrte Häuptling bot Will vier Maultiere an, wenn er ihm den von seinem Sohne getragenen Kriegsschmuck ausliefere. Will aber ging auf diesen Vorschlag nicht ein, so leid ihm Cut Nose in seinem Kummer auch tat.

Am nächsten Morgen marschierte das fünfte Reiterregiment nach den Big Horn Mountains ab, um sich mit den dort befindlichen Truppen des Generals Crook zu vereinigen. Nachdem dies am 3. August gelungen war, rückten die Streitkräfte bis an den Zusammenfluß des Powder River mit dem Yellowstone vor. Dort traf General Mills mit ihnen zusammen, der ihnen berichtete, daß die Indianer den Strom noch nicht überschritten hätten.

Kein weiterer Kampf folgte; Will aber machte sich durch seine hervorragenden Fähigkeiten als Kundschafter nützlich. Es gab eine große Anzahl von Depeschen zu befördern, die lange und gefährliche Ritte erheischten und zu deren Ausführung sich kein anderer verstehen wollte. Nachdem Will sich dann überzeugt hatte, daß jegliche Gefahr eines erneuten Kampfes vorüber war, nahm er Urlaub und fuhr im September auf dem Dampfer »Der ferne Westen« den Missouri hinunter.

Die Bewohner der östlichen Staaten verfolgten die in den Grenzlanden sich zutragenden Ereignisse stets mit ungeheurem Interesse, und so kam Will der Gedanke, die Vorfälle des Siouxkrieges auf die Bühne zu bringen. Kaum war er nach Rochester zurückgekehrt, so ließ er ein dieses Thema behandelndes Stück schreiben, suchte sich das nötige Personal zusammen und brachte das Stück zur Aufführung. Vorher hatte er dem Red-Cloud-Magazin noch einen freundschaftlichen Besuch abgestattet, um eine Anzahl Siouxindianer zur Teilnahme an seinem Schauspiel zu gewinnen.

Die Rothäute brauchten die peinlichen Erfahrungen, die der Wilde Bill und Texas Jack einst gemacht, nicht zu fürchten, denn von ihnen wurde nichts weiter verlangt, als ihrer Natur und Gewohnheit gemäß zu handeln. Ihre Aufgabe bestand nur darin, dem Stück durch ihre Anwesenheit den Stempel der Wahrheit aufzudrücken, einen Kriegstanz aufzuführen, an einem Gefecht teilzunehmen oder sich selbst in irgend einer für die Indianer typischen Art darzustellen.

Nach Schluß dieser Spielzeit kaufte Will einen großen Landstrich mit ausgedehnten Weideplätzen in der Nähe des nördlichen Platte. Zu gleicher Zeit setzte er sich in Gemeinschaft mit Major North, dem Führer der Pawneekundschafter, mit dem Will sich im Laufe der letzten zehn Jahre sehr nahe befreundet hatte, in den Besitz eines weiteren, etwas nördlicher gelegenen Stückes Land.

Auf diese Errungenschaft ist Will sehr stolz. Er hat den ursprünglichen Besitz allmählich nicht nur so sehr vergrößert, daß er jetzt siebentausend Morgen umfaßt, sondern auch die Ertragsfähigkeit des Bodens aufs höchste gesteigert. Zweitausendfünfhundert Morgen sind jetzt mit Luzerneklee und ebenso viele mit Korn bebaut. Eine für die Besucher besonders interessante Spezialität ist ein üppiger Park, der eine große Anzahl Hirsche und junge Büffel birgt. In der Nähe des Parks befindet sich ein prächtiger See. Im Mittelpunkt des weiten Landstrichs steht das unter dem Namen »Codyruhe« bekannte malerische Gebäude, das, von den Vorbergen aus gesehen, einem alten Schlosse gleicht.

Das Besitztum ist eines der schönsten Fleckchen Erde, die man sich denken kann, und bietet überdies den sichtbaren Beweis, was man durch Kenntnisse, Ausdauer und Fleiß aus einem Lande machen kann. Will hatte damals, als er das Grundstück erwarb, glänzende Hoffnungen auf die kulturelle Entwicklung Nebraskas gesetzt und seinem Schwager Goodman die Verwaltung und Bepflanzung des Gutes übertragen.

Das ganze Plattetal bildete einen Teil der einst unrichtigerweise unter dem Namen die »Große amerikanische Wüste« bekannten Gegend. So allgemein verbreitet nun aber auch diese Bezeichnung war, so erwies sie sich doch mit der Zeit als falsch, denn jener scheinbare Mangel an Feuchtigkeit ging nur aus dem Mangel an Vegetation hervor. Die erste auf dem Gute vorgenommene Arbeit bestand in der Errichtung eines Berieselungssystems. Hierauf pflanzte man Bäume in der Hoffnung, daß sie bei dem nun vorhandenen Wasserreichtum wie die Pilze in die Höhe schießen würden. Eitle Hoffnung! Nirgends fehlte es später an Wasser, aber trotzdem wollte nicht ein einziger Baum gedeihen.

Als Will während dieser Zeit einmal einen Besuch in seiner alten Heimat in Kansas abstattete, tat er beim Anblick der dortigen großen, kräftigen Bäume den Ausspruch: »Fünfhundert Dollars gäbe ich für jeden solchen Baum, wenn ich ihn nach Nebraska verpflanzen könnte!«

Des Besitzers Vorliebe für Baumanlagen veranlaßte Goodman, die eingehendsten Studien und Versuche auf diesem Gebiete zu machen. Es dauerte nicht lange, so hatte er sich genaue Kenntnisse über die mangelhaften Bestandteile des Bodens verschafft, wodurch die größere Hälfte der Aufgabe gelöst war.

Überlieferungen der Indianer besagen, daß dieser Teil des Landes einstens ein Binnensee gewesen sei. Glaubwürdig ist jedenfalls die Annahme, daß sich in dieser Gegend unter der dünnen Erdschichte eine Art Wasserreservoir befindet, eine Behauptung, die auch durch die Bodenbeschaffenheit gerechtfertigt wird. Die Erdkruste hat in dieser Gegend nur eine Tiefe von ein bis drei Fuß, unter der sich eine ungeheure Felsenablagerung befindet, deren durchschnittliche Dicke zwischen drei und sechs Fuß wechselt. Wo man nun aber auch diese anbohrt, überall findet man Wasser. Der Erdstrich erwarb sich also die Bezeichnung »Wüste« nicht durch Mangel an Feuchtigkeit, sondern durch Mangel an urbarem Erdreich.

In den Einschnitten der Vorberge, wohin der Regen die Erde von den Hügeln heruntergeschwemmt hat, finden sich nicht selten hübsche Baumgruppen, und auch die Inseln des Platteflusses sind dicht bewaldet. Sonst aber war in der weiten, öden Ebene kein einziger Baum zu sehen.

Welcher Art die Vorgänge gewesen sein mögen, die den einstigen See in eine Grasfläche verwandelt haben, ist noch nicht vollständig aufgeklärt. Die wahrscheinlichste, bis heute aufrecht erhaltene Annahme ist, daß der Felsengrund eine durch das allmähliche Zurücktreten des Wassers gebildete Ablagerung von Alkali ist. Auf diese Ebene streute der Wind seinen Staub und der Regen schwemmte Erdreich von den angrenzenden Hügeln herab. Im Laufe zahlloser Jahre breitete sich die Felsenformation allmählich über den ganzen See aus, die angesammelten Erdablagerungen vertieften sich, Samen setzten sich darin fest und Büffelgras, Salbei und Kaktus begannen darauf zu wuchern, deren alljährliche Verwesung ein immer wiederkehrendes Verdickungsmittel der Erdschichte bildete.

Nachdem unser Schwager Goodman nun Ursprung und Beschaffenheit dieses Erdbodens ergründet hatte, begann er sich dem Studium der Baumarten zu widmen. Er wählte verschiedene Sorten mit wenig tiefgehenden Wurzeln aus, um zu erproben, welche am besten in seichtem Boden fortkämen. Unermüdlich war er in seinen Versuchen, ohne sich durch zahlreiche Mißerfolge abschrecken zu lassen. Schließlich aber konnte er gleich Archimedes ausrufen: »Heureka! Ich habe es gefunden!« In kurzer Zeit liefen dichte Reihen kanadischer Pappeln, eschenblätteriger Ahorne und andere dieser Gattung angehörige Bäume durch das ganze Besitztum. Die Farm sah wie eine Oase in der Wüste aus, und die Nachbarn kamen herbei, um sich nach dem Zaubermittel zu erkundigen, das eine solche Wandlung vollbracht habe. Heute sind die Landstraßen im nördlichen Plattekreis alle von prächtigen Bäumen begrenzt, und auch die sich daran anschließenden Farmen weisen sie in üppiger Fülle auf. Trotzdem wird dem Reisenden auf der Pazifik-Eisenbahn noch immer die »Codyruhe« als besondere Sehenswürdigkeit gezeigt.

Seinem Entschluß getreu, einst am nördlichen Platte sein Heim zu errichten, hatte Will den erwähnten Landstrich gekauft. Als dann seine Familie, die mehrere Jahre in Rochester gewohnt hatte, nach dem Westen zurückkehrte, wurde auf der neuen Besitzung, entsprechend dem Wunsche der Gattin und unter deren Aufsicht, das erste Haus erbaut. Es erhielt den Namen »Willkomm-Wigwam«.

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