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Buffalo Bill der letzte große Kundschafter

Helen Cody: Buffalo Bill der letzte große Kundschafter - Kapitel 21
Quellenangabe
typebiography
authorHelen Cody
titleBuffalo Bill der letzte große Kundschafter
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160311
projectid2965906a
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Zwanzigstes Kapitel: Pa-has-ka, der langhaarige Häuptling.

Obwohl der Ruhm, den Büffel bei unserer Jagd erlegt zu haben, Schwester May zugeschrieben worden war, so erwies sich jenes Ereignis in der Folge für mich doch von noch größerer Bedeutung. Im Frühling 1871 verheiratete ich mich mit Herrn Jester, jenem Junggesellen, auf dessen Farm wir bei unserer eiligen Rückkehr nach dem Fort halt gemacht hatten. So rauh und unwirtlich sein Haus von außen aussah, so hübsch und behaglich war es im Innern, und ehe ich als junge Frau dort einzog, erfuhr es eine erneute und fast luxuriöse Verschönerung. Ich kehrte nun nach Leawenworth zurück, um die Vorbereitungen zur Hochzeit zu treffen, die im Hause eines alten Freundes unserer Familie, Thomas Plowman, stattfand, dessen Tochter meine beste Freundin seit meiner Kinderzeit war.

In meinem in der Nähe von McPherson gelegenen neuen Heim befanden wir uns so recht »auf dem Land«. Die Natur in ihrer wilden Ursprünglichkeit umgab uns, aber trotzdem verlief unser Leben bei den uns täglich drohenden Indianerüberfällen durchaus nicht einförmig. Immerhin befanden wir uns dem Fort doch so nahe, daß wir es in kürzester Zeit erreichen konnten, und überdies befand sich neben unserem Hause ein zweites, wo die Knechte wohnten. Zu meiner persönlichen Bedienung hatte ich mir einen jungen Neger ausgesucht, dessen Hauptaufgabe es war, mein Pferd zu satteln, mich auf meinen Ritten zu begleiten und allerlei sonstige kleine Dienstleistungen für mich zu verrichten. Armer kleiner Kerl! Er war einer der ersten, der den Indianern zum Opfer fiel.

Eines Morgens in der Frühe wurde John – dies war sein Name – allein ausgeschickt, um nach den Viehherden zu sehen. Während wir beim Frühstück saßen, ließ sich Pferdegetrappel vernehmen, und Will kam mit der Nachricht angeritten, daß sich die Indianer auf dem Kriegspfade befänden und sich jenseits unserer Farm zu großen Massen sammelten. Hinter Will kamen Truppen an, und uns wurde geraten, uns sogleich ins Fort zu begeben. Eilig packten wir einige Wertsachen zusammen und flüchteten uns nach McPherson, wo wir so lange blieben, bis die Truppen mit der Meldung zurückkehrten, daß die Gefahr vorüber sei.

Kaum waren wir wieder auf unserer Farm angelangt, so erfuhren wir, daß das Vieh weggetrieben und der junge John am Fuße der Vorberge tot aufgefunden worden sei. Die Rothäute hatten offenbar beabsichtigt, ihn zu skalpieren, es dann aber doch unterlassen. Entweder dachten sie, sein Wollhaar würde doch keine begehrenswerte Kriegstrophäe abgeben, oder wurden sie vor Ausführung der Tat verjagt. Jedenfalls behielt der arme Kerl seinen Skalp, obwohl der Messerschnitt deutlich zu sehen war.

Kurze Zeit nach diesem Erlebnis statteten einige Kapitalisten aus dem Osten meinem Mann einen Besuch ab. Einer von ihnen, ein Herr Bent, war Teilhaber an einem unserer großen Viehweideplätze, die er zu besichtigen wünschte. Die übrige Gesellschaft beschloß, ihn zu begleiten und einen Jagdausflug damit zu verbinden. Da es in diesen Grenzgebieten jedoch keine Banken gab, Tratten oder Wechsel also nicht verwendbar waren, so hatten die Herren die zur Kapitalanlage im Westen bestimmte Summe in barem Gelde mitgebracht. Dieses nun auf den geplanten Ritt mitzunehmen, war zu gewagt, und so wurde ich unter Scherzen gebeten, den Bankier zu machen, wozu ich mich auch gerne bereit erklärte. Man stelle sich indes meine Bestürzung vor, als mir fünfundzwanzigtausend Dollars in Banknoten vorgezählt und meiner Obhut anvertraut wurden. Noch niemals war ich für eine solch große Summe verantwortlich gewesen, und ich zerbrach mir nun den Kopf, wie ich dieses Geld am besten verstecken könnte. Schließlich kam mir der Gedanke, meine Matratze aufzuschneiden, den die Banknoten enthaltenden Umschlag ins Roßhaar zu stecken und den Schlitz dann wieder zuzunähen. Niemand im Hause wußte etwas von meinem Depositum, auf das ich sehr stolz war.

Einige Tage später ließ ich mir morgens mein Pony satteln, um zuerst meiner nächsten Nachbarin, einer Frau Erickson, einen Besuch abzustatten und dann den Tag bei meiner Schwägerin Lu im Fort zu verbringen. Als ich vor Frau Ericksons Haus anlangte, kam mir diese in größter Erregung entgegen.

»Schnell, schnell, kommen Sie herein, meine liebe Frau Jester,« rief sie. »Auf den Bergen wimmelt es von Indianern, die sich alle auf dem Kriegspfade befinden!«

Damit händigte sie mir ihr Fernglas ein und zeigte auf den hinter unserer Farm liegenden Pfad, auf dem sich Büffel, Ochsen und Indianer dem Platte River zu bewegten. Deutlich konnte ich die Indianer mit ihren im Winde hin und her wehenden Federbüschen unterscheiden. Sofort durchzuckte mich der Gedanke an die meiner Obhut anvertrauten fünfundzwanzigtausend Dollars.

»Ach, meine liebe Frau Erickson,« rief ich, »da muß ich sogleich wieder auf meine Farm zurückkehren.«

»Davon kann keine Rede sein, Frau Jester, das hieße so viel, als Ihr Leben in höchste Gefahr bringen,« antwortete sie.

Ich aber dachte nur an das Geld, bestieg trotz aller Warnungen und Bitten mein Pferd und jagte auf dem Weg nach unserem Hause dahin, ohne zu wagen, auch nur einen einzigen Blick nach den Hügeln zu werfen. Kaum war ich zu Hause angelangt, so ließ ich den Aufseher zu mir kommen. »Die Indianer sind auf dem Kriegspfade, alle Vorberge sind voll von ihnen. Schicken Sie mir zwei oder drei Männer zu meiner Begleitung nach dem Fort, bis dahin habe ich dann auch meine Reisetasche gepackt!«

»Aber ich bitte Sie, Frau Jester, es ist weit und breit kein Indianer in Sicht.«

»Doch, gewiß,« entgegnete ich. »Ich sah sie so deutlich vor mir, als ich Sie jetzt sehe und auch Frau Erickson sah sie.«

»Da müssen Sie das Opfer einer Luftspiegelung gewesen sein,« sagte der Verwalter. »Sehen Sie nur, weit und breit ist kein einziger Indianer!«

Prüfend betrachtete ich mit dem Fernglase die Vorberge. Es war in der Tat nicht das geringste Anzeichen eines Indianers zu bemerken, überall herrschte größte Ruhe. Ein tiefes Gefühl der Erleichterung überkam mich, meine Nerven aber waren so erregt, daß es mir unmöglich war, jetzt still zu Hause zu sitzen. So packte ich denn die Banknoten in eine kleine Handtasche und besuchte eine andere Nachbarin, eine Frau Mc Donald, mit der ich seit Jahren befreundet war, und die noch näher beim Fort wohnte.

Diese vortreffliche Frau lebte seit langer Zeit in den Grenzgebieten. Nachdem sie mein Abenteuer voll Interesse mit angehört hatte, erzählte sie mir nun auch verschiedene ihrer eigenen Erlebnisse mit Indianern. Zur Zeit, als sie sich an ihrem jetzigen Wohnort niedergelassen hatte, gab es noch kein Fort, wohin sie sich vor Indianerbelästigungen flüchten konnte, so daß sie nicht selten auf ihre eigene Hilfe angewiesen war, um sich aus gefährlichen Lagen herauszuwickeln. Folgende Geschichte ist besonders in meinem Gedächtnis haften geblieben.

»Eines Abends, als ich allein im Zimmer saß,« erzählte Frau McDonald, »bemerkte ich am Fenster mehrere dicht aneinandergedrängte Gestalten, die mit unverwandten Augen zu mir hereinschauten. Flucht war unmöglich, und mein Mann kehrte voraussichtlich nicht vor einer Stunde nach Hause zurück. Was sollte ich tun? Da kam mir ein glücklicher Gedanke. Sie wissen vielleicht, daß die Indianer eine seltsame Scheu vor betrunkenen Frauen haben, und niemals einer solchen etwas zuleide tun. Ich entnahm einem Schränkchen eine mit einer dunklen Flüssigkeit gefüllte Flasche, schenkte ein Glas voll davon ein und trank es aus. Nach wenigen Minuten wiederholte ich die Dosis und stellte mich, als ob das Getränk nun anfange, seine Wirkung zu tun. Ich ging durchs Zimmer, schwankte jedoch und fiel beinahe zu Boden. Eine lärmende Lustigkeit bemächtigte sich meiner. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen, taumelte von einer Seite auf die andere, sang ein sentimentales Lied und lachte laut und närrisch. Die List gelang. Ein Gesicht ums andere verschwand vom Fenster, und als endlich mein Mann mit den Knechten zurückkam, war kein einziger Indianer mehr in der Nähe. Sofort wurde ich wieder nüchtern, denn Zuckersirup mit Wasser ist kein sehr berauschendes Getränk.«

Nach angenehm verbrachtem Tage raffte ich all meinen Mut zusammen und kehrte noch denselben Abend auf unsere Farm zurück. Kurz nach mir langte dann auch die Jagdgesellschaft an. Als ich Herrn Bent von meiner ausgestandenen Angst erzählte, war er liebenswürdig genug, mir über meinen Mut, wie er sich ausdrückte, ein Kompliment zu machen.

»Sie sind die echte Schwester Ihres Bruders,« sagte er. »Wir wollen Sie bald wieder zu unserem Bankier machen.«

»Ich danke, das ist ja doch nicht Ihr Ernst, und dann habe auch ich an den als Bankier in diesen wilden Indianergebieten gesammelten Erfahrungen reichlich genug.«

Ein anderes Mal näherten sich die Indianer dem Fort von der uns entgegengesetzten Seite. Da man für uns jedoch keine Gefahr befürchtete, so ließ man uns auch keine Warnung zugehen. Die Truppen machten einen Ausfall auf die Indianer; die schlauen Rothäute aber zogen sich in kreisförmigem Bogen zurück und zündeten die Prärie an, um ihre Spuren zu verwischen. Bald sahen wir die Hügel um uns her in hellen Flammen stehen. Rasch breitete sich das Feuer aus, und erstickender Rauch wälzte sich bis zu uns herüber. Schließlich mußten wir uns bis an den Fluß zurückziehen, wo wir uns einen halbwegs erträglichen Zustand schufen, indem wir unser Gesicht fortwährend mit frischem Wasser benetzten. Dort stießen wir auf Soldaten, die vom Fort abgeschickt worden waren, um die Ansiedler vor der ihnen drohenden Gefahr zu warnen. Auf ihren Rat kehrten wir ins Haus zurück, ließen die Pferde satteln und ritten die fünf Meilen zum Fort durch den dicksten Rauch. Es war der unerfreulichste Ritt meines ganzen Lebens.

Im vorigen Kapitel wurde der Auffindung eines seltenen Knochens Erwähnung getan. Dieser Knochen nun erlangte eine solche Berühmtheit, daß Professor Marsh vom Yale-Kollegium sich mit einer Schar Studenten in unsere Gegend begab, um nach Fossilien zu suchen. Sie fanden auch eine ganze Menge, worunter jedoch nicht eine einzige war, die selbst der Leichtgläubigste für einen menschlichen Überrest hätte halten können.

Dieser Sommer wurde auch Zeuge einer Expedition gegen die Indianer, deren Verlauf manch außergewöhnliche Zwischenfälle brachte. Mehr als ein Band wäre erforderlich, um alle Abenteuer zu verzeichnen, die der Kundschafter Cody mit den Kindern der Prärie zu bestehen hatte. In vielen Fällen wiederholten sich jedoch ähnliche Vorkommnisse, so daß ich nur solche erwähne, die von der Alltäglichkeit abweichen.

Eine unter dem Befehl des Generals Duncan stehende Expedition wurde für den Kreis Republican River ausgerüstet. Duncan war ein schneidiger Offizier und tapferer Kämpfer. Seine Kameraden erzählten von ihm, es sei ihm einmal eine Kanonenkugel an den Kopf geflogen, die jedoch an ihm abgeprallt sei und eins der zähesten Maultiere der Armee getötet habe.

Da die Pawnees so wenig Englisch verstanden und dies Wenige so schlecht aussprachen, so hatte General Duncan befohlen, daß sie die englische Parole nachsprechen sollten, die zum Beispiel lautete: Fort Numero eins. Neun Uhr. Alles wohlauf. Die Anstrengungen, die die Pawnees bei Wiederholung dieser Worte machten, fielen jedoch so komisch aus und drohten den Ernst der Sache derart zu gefährden, daß der Befehl bald wieder aufgehoben werden mußte.

Eines Nachmittags ritten Major North und Will den Truppen voraus, um eine passende Lagerstelle für die Nacht auszusuchen. Plötzlich stießen sie auf eine aus etwa fünfzig Indianern bestehende Abteilung, was sie veranlaßte, so rasch als möglich Fersengeld zu geben. Will wurde dabei die Peitsche aus der Hand und ein Loch durch den Hut geschossen. Als endlich die Vorposten in Sicht kamen; beschrieb Major North mit seinem Pferde einen Kreis, ein Zeichen für die Pawnees, daß sich Feinde in der Nähe befanden. Sofort stürmten die Pawnees in wildem Durcheinander ihrem weißen Anführer zu Hilfe. Kaum hatten indes die Feinde die herannahende Unterstützung bemerkt, so machten sie kehrt und zogen sich mehrere Meilen zurück.

Am nächsten Tage folgten die Truppen wieder den Spuren der Indianer, und eine wilde Jagd begann. In einem verlassenen Lager fanden sie ein altes Zigeunerweib, das, den Tod erwartend, dort zurückgeblieben war. Die Soldaten schlugen ein Zelt für sie auf und versahen sie mit Nahrungsmitteln, damit sie in Ruhe dem Augenblick entgegensehen konnte, der sie in den Indianerhimmel – ein glückseliges Jagdgefilde – versetzen würde. Sie hatte es indes nicht allzu eilig, nach dem Ort ihrer Bestimmung zu gelangen, denn die Soldaten fanden sie bei ihrer Rückkehr noch lebend und nahmen sie mit sich ins Fort. Später wurde sie als Unterhändlerin ins Lager des »Gefleckten Schwanzes« geschickt.

Im September 1871 langte General Sheridan mit verschiedenen Bekannten behufs einer abzuhaltenden großen Jagd auf der nächsten Eisenbahnstation an. Zwischen General Sheridan und Will bestand eine warme Freundschaft, die bis zum Tode des Generals währte. Große Vorbereitungen wurden für die Jagd getroffen. General Emory, der nunmehrige Kommandant des Forts, schickte eine Abteilung Kavallerie auf die Eisenbahnstation, die die vornehmen Gäste dort empfangen und nach dem Fort geleiten sollte. Außer General Sheridan befanden sich Leonard und Lorenz Jerome, Carroll Livingstone, James Gordon Bennet, J. G. Heckscher, General Fitzhug, Schuyler Crosby, Doktor Ash, ein Herr McCarthy und noch andere bekannte Persönlichkeiten unter der Gesellschaft. Bei ihrer Ankunft im Fort war das Regiment im Paradeanzug aufgestellt, die Soldaten stimmten ein militärisches Lied an, und eine Besichtigung der Kavallerie durch General Sheridan beschloß die offizielle Feier.

Auf General Sheridans ausdrücklichen Wunsch sollte Will die Jagdgesellschaft als Führer und Kundschafter begleiten. Außerdem wurden hundert Soldaten unter Major Norths Befehl zur Eskorte mitgegeben und das Proviantmagazin gründlich geschädigt. Auch mehrere Ambulanzwagen befanden sich im Zuge, falls einer der Teilnehmer des Sattels überdrüssig werden sollte.

An Wild fehlte es nicht; Büffel, Elentiere und Hirsche gab es überall die Menge, und diejenigen der Gesellschaft, denen das Leben im wilden Westen etwas Neues war, beobachteten voll Interesse die von den Präriehunden erbauten Dörfer. Denn Miniaturdörfern, und zwar oft solchen von großer Ausdehnung, gleichen diese seltsamen Erdaufwühlungen. Sie bestehen aus unzähligen kleinen, weithin sich ausdehnenden Höhlen und Zellen, so daß ein Ritt bei Nacht in den von diesen kleinen Tieren heimgesuchten Gegenden den Pferden recht gefährlich werden kann. Rund herum um den Eingang der Höhlen ist die Erde einen Fuß hoch aufgetürmt, und hier sitzen die äußerst gesellig lebenden Präriehunde auf den Hinterbeinen und unterhalten sich miteinander, während Eulen und Klapperschlangen die unterirdischen Wohnungen mit den rechtmäßigen Eigentümern teilen und vortrefflich mit ihnen auskommen.

Die Teilnehmer der Jagdgesellschaft erklärten Will nach ihrer Rückkehr ins Fort einstimmig für einen echten, gewaltigen Nimrod und sprachen ihm für seine meisterhafte Führung ihren wärmsten Dank aus.

Im Winter desselben Jahres besuchte indes noch eine weit vornehmere Gesellschaft das Fort. Es war der Großfürst Alexis mit seinem Gefolge. Wie sich manche meiner Leser noch erinnern werden, erregte die Ankunft des hohen Gastes großes Aufsehen in jener Gegend. Der Großfürst, der die verfeinerten Genüsse des Ostens bis zum Überdruß ausgekostet hatte, sehnte sich danach, das wilde Leben des westlichen Amerikas aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Er wollte den Indianer in seinem Zelte im fernen Westen, den Beherrscher der Prärie in seinem eigenen Gebiete sehen und den kühnen Grenzbewohner, der sich weder vor dem wilden Indianer noch vor der wilden Bestie fürchtete, kennen lernen.

Der Großfürst war ein Kenner der Hochwildjagd des Ostens und ein vortrefflicher Schütze. Auch an der Spitze dieser Expedition stand General Sheridan, der sich dabei ebenso wie auf der letzten Jagd gänzlich auf Wills glänzende Führung verließ. Dieser erhielt den Auftrag, einen günstigen Lagerplatz am Red Willow Creek, wo es Wild die Menge gab, ausfindig zu machen und alle notwendigen Vorkehrungen für gute Unterkunft und Unterhaltung der vornehmen Gesellschaft zu treffen.

Zur besonderen Belustigung und Belehrung der europäischen Gäste hatte Sheridan die Vorführung eines Indianertanzes und einer von Indianern veranstalteten Büffeljagd geplant. Um nun aber diese Überraschung ins Werk setzen zu können, mußte der Häuptling der Sioux, der »Gefleckte Schwanz«, aufgesucht und dazu bewogen werden, sich mit hundert seiner Krieger zur Verfügung zu stellen. Zu jener Zeit herrschte gerade Frieden zwischen den Sioux und der Regierung, so daß das Zustandekommen des Tanzes wenigstens im Bereich der Möglichkeit lag, immerhin aber war ein Besuch bei den Sioux mit Gefahren verknüpft. Der »Gefleckte Schwanz« selbst schien ja den aufrichtigen Wunsch zu hegen, die zwischen seinem Volke und der Obrigkeit eingegangenen Friedensbedingungen aufrecht zu erhalten. Allein vielen seines Stammes wäre der Skalp des »Langhaarigen Häuptlings« tausendmal lieber gewesen als ewiger Friede.

Will richtete seinen Ritt so ein, daß er das Indianerlager in der Dämmerung erreichte. Nachdem er sein Pferd im Wald versteckt hatte, hüllte er sich nach Art der Rothäute in seine bunte Pferdedecke, so daß er bei hereinbrechender Nacht leicht für einen Indianer gehalten werden konnte. Auf diese Weise verkleidet, betrat er das Dorf und ging auf die Hütte des »Gefleckten Schwanzes« zu.

Die mit dem vornehmen Indianer gepflogene, äußerst höfliche Unterhaltung ist von Tod Randall, der damals zufällig anwesend war und den Dolmetscher machte, mit vielen Ausschmückungen beschrieben worden. Der alte Häuptling, der sich durch die an ihn ergangene Einladung sehr geehrt fühlte, versprach, nach »zehn Nächten« mit hundert Indianern im Lager der Weißen einzutreffen, das an der Stelle errichtet werden sollte, wo die Staatsstraße den Red Willow Creek durchkreuzte.

Da jedoch der »Gefleckte Schwanz« kein allzu großes Vertrauen in seine kampflustigen jungen Stammesgenossen setzte, so behielt er Will die Nacht hindurch in seiner eigenen Hütte. Am Morgen ließ der Häuptling dann die Indianer zusammenrufen und fragte, seinen Gast vorführend, ob sie ihn kennen.

»Es ist Pa-has-ka, der langhaarige Häuptling,« antworteten sie, worauf der »Gefleckte Schwanz« ihnen mitteilte, daß er mit dem »Langhaarigen Häuptling« Brot gegessen habe, wodurch ein Freundschaftsband zwischen ihm und dem Weißen geknüpft war, das zu zerreißen die Indianer nicht wagen durften.

Will fühlte sich jetzt ganz sicher, trotz der vielen finsteren Gesichter um sich her. Gar zu lange schon hatten sie nach seinem Skalp getrachtet, und ihn nun so nah und doch so fern zu wissen, war eine harte Aufgabe.

* * *

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