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Buffalo Bill der letzte große Kundschafter

Helen Cody: Buffalo Bill der letzte große Kundschafter - Kapitel 15
Quellenangabe
typebiography
authorHelen Cody
titleBuffalo Bill der letzte große Kundschafter
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160311
projectid2965906a
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Vierzehntes Kapitel: Eine Rettung und darauffolgende Verlobung.

Nach der Schlacht am Pilot Knob wurde Will durch Verwendung des Generals Polk behufs außerordentlicher Dienstleistungen dem Hauptquartier in St. Louis zugeteilt. Frau Polk und unsere Mutter waren Schulfreundinnen gewesen und hatten bis zum Tode der Mutter einen lebhaften Briefwechsel unterhalten. Sobald Frau Polk nun erfuhr, daß der Sohn ihrer alten Freundin in der Unionsarmee stehe, ließ sie es sich angelegen sein, ihm eine angenehme Stellung in einem militärischen Bureau zu verschaffen. Allein ein an das aufregende Leben eines Ponyreiters gewöhnter junger Mann kann sich nicht so leicht an das Einerlei einer Schreibstube gewöhnen, und so fand Will an seiner neuen Tätigkeit etwa ebensoviel Geschmack, als wenn er Kommisdienste in einem Schnittwarengeschäft zu verrichten gehabt hätte. Von Tag zu Tag wurden ihm seine neuen Pflichten unerträglicher, ihm, dem nur ein mit Gefahren und Abenteuern gewürztes Dasein wertvoll erschien.

Da trat ein Ereignis ein, das ihn rasch von der drückenden Einförmigkeit erlöste – er begegnete Luise Frederici, dem Mädchen, das seine Gattin wurde.

Schon verschiedentlich ist diese Brautwerbung von phantasievollen Erzählern geschildert worden, und zwar in den glühendsten Farben, begleitet von Mord und Totschlag, von Lassowerfen und ausreißenden Rossen. Aber wenn diese Beschreibungen auch übertrieben sind, so war die Liebesgeschichte doch immerhin recht romantisch.

Mehr als einmal schon hatte Will bei seinen morgendlichen Spazierritten eine junge Dame von anziehendem Äußern bemerkt, die mit der Anmut einer Diana im Sattel saß. Nun ist aber nichts so sehr im stande, Wills Augen zu fesseln, als glänzende Reitkunst, und so stieg bald der Wunsch in ihm auf, die junge Dame kennen zu lernen. Da jedoch keiner seiner Freunde sie kannte, mußte die Vorstellung unterbleiben.

Schließlich kam ihm der Zufall zu Hilfe. Eines Morgens riß der Zügel ihres Pferdes, es ging durch, Will eilte zu Hilfe, und die Bekanntschaft war gemacht.

Ein gänzlich unerfahrener Schüler Cupidos war Will ja nicht mehr, man erinnere sich nur seiner mit Steve Gobel verbrachten Schulzeit. Aber immerhin war ihm die Annehmlichkeit, mit weiblichen Wesen zu verkehren, nur selten zu teil geworden, und diesem Umstand ist wohl auch der Eifer zuzuschreiben, mit dem er jetzt die sich ihm darbietende Gelegenheit ergriff. Noch ehe der Krieg zu Ende war und sein Regiment aufgelöst wurde, war Will der angenommene Freier Fräulein Luise Fredericis geworden.

Der Frühling des Jahres 1865 nahte heran. Will, obwohl noch nicht zwanzig Jahre alt, war doch verständig genug, sich zu sagen, daß er nicht daran denken dürfe, auf seiner Hochzeit zu tanzen, ehe nicht seine finanzielle Lage auf einer sichereren Basis stand, als es bei dem wechselvollen Los eines Soldaten möglich war. Gerne wäre er jetzt noch länger in St. Louis geblieben, das Schicksal aber rief ihn in die Ferne, und so machte er sich auf die Suche nach einer einträglichen, ihm zusagenden Stellung.

Zuerst sollte zu Hause ein Besuch abgestattet werden, wo ihn der herzlichste Willkomm erwartete. Während seiner Abwesenheit hatte sich seine zweite Schwester Eliza mit einem Herrn Myers verheiratet, wir übrigen aber waren im alten Heim verblieben. Die Freude, mit der wir Wills Heimkehr begrüßten, wurde noch durch die Hoffnung erhöht, er werde jetzt für immer zu Hause bleiben und die Verwaltung des Gutes übernehmen. Allein noch ehe diese Wünsche ihm gegenüber berührt wurden, teilte er uns seine Verlobung mit Fräulein Frederici mit, eine Nachricht, die durchaus keine Eifersucht, sondern nur helles Entzücken in uns hervorrief. Julia verlieh dieser Stimmung Ausdruck, indem sie sagte: »Wenn du verheiratet bist, Will, dann muß auch dein Wanderleben aufhören.«

Diese Bemerkung führte zur Besprechung unseres Planes, Will möchte die Verwaltung des Gutes übernehmen – aber leider auch zu dessen Vereitelung. Die Bezahlung eines Soldaten im Kriege war äußerst gering gewesen, so daß Will unmöglich etwas hatte zurücklegen können. Er wollte deshalb jetzt die erste beste Gelegenheit ergreifen, um seine pekuniäre Lage zu verbessern.

Die nächste Beschäftigung, die sich ihm darbot, bestand in dem Transport von Zugpferden von Leawenworth nach Fort Kearny, und kaum hatte Will den Fuß ins Fort gesetzt, so stieß er auf eine alte Präriebekanntschaft, Bill Trotter.

»Sie sind gerade der richtige Mann, den ich brauche,« sagte Trotter, als er erfuhr, daß Will eine feste Anstellung suche. »Ich bin Direktor der Abteilungsstation hier. Die Stellung eines Postillons, die ich Ihnen anzubieten habe, ist allerdings gefährlich, da die Strecke durch Indianer und Wegelagerer unsicher ist. Verschiedene Wagenführer sind kürzlich überfallen und getötet worden. Ein sehr verlockendes Ämtchen ist es also nicht, aber die Bezahlung ist gut, und Sie kennen die Gegend. Wenn irgend jemand den Postwagen glücklich durchbringt, so sind Sie es. Wollen Sie die Stelle annehmen?«

Wenn ein Mann verliebt und der Hochzeitstag zwar noch nicht festgesetzt, aber doch in Aussicht genommen ist, gewinnt das Leben an Reiz und Wert, und da ist es doch wohl nicht gerade verlockend, es der Schießkunst eines Indianers oder Wegelagerers auszusetzen. Will hatte schon so viele Gefahren glücklich bestanden; war es da nicht Torheit, neue aufzusuchen? Beim Gedanken an Luise und den bevorstehenden Hochzeitstag fehlte nicht viel, so hätte er Trotters Frage mit nein beantwortet.

Doch ging es ihm auch jetzt wie in allen früheren Fällen. Neben ihm stand Trotter, der ihm zuredete und Wills Gewandtheit und Präriekenntnisse lobte – von deren Wahrheit übrigens Will vollkommen überzeugt war, denn er wußte, was er zu leisten im stande sei. Die Bezahlung war gut; je rascher Geld verdient wurde, desto früher konnte die Hochzeit stattfinden, und so erhielt Trotter eine bejahende Antwort.

Die betreffende Linie gehörte zu der von Russell, Majors Waddell ins Leben gerufenen Postverbindung nach dem Westen. Zu der Zeit, da Gold auf »Pikes Peak« entdeckt wurde, gab es außer den beschwerlichen Ochsenzügen, Mauleseltransporten oder vierspännigen Privatpostkutschen keine Reisegelegenheit durch die großen Prärieen des Westens. Zwischen St. Joseph und der Salzseestadt bestand zwar eine vierzehntägige Postverbindung, doch bot sie nur wenig Bequemlichkeit, war sehr langsam und oft einundzwanzig Tage lang unterwegs. Der Senior der Firma Russell, Majors Waddell eröffnete deshalb später in Gemeinschaft mit S. Jones aus Missouri eine neue Linie zwischen dem Missouri und Denver, einem damals noch ganz vereinzelt daliegenden kleinen Bergdorfe. Tausend Kentuckymaulesel wurden gekauft und so viele Kutschen angeschafft, als erforderlich waren, um täglich von jeder Endstation einen Wagen abgehen lassen zu können. Die Entfernung wurde in sechs Tagen zurückgelegt, wobei täglich hundert Meilen gemacht werden mußten.

Der erste Postwagen erreichte Denver am 17. Mai 1859. Die neue Postlinie wurde allgemein als ein äußerst gelungenes Unternehmen betrachtet, was auch einerseits ganz richtig war. Allein die Ausrüstung hatte solch große Summen verschlungen, daß die Unternehmer ihren Verbindlichkeiten bald nicht mehr nachkommen konnten. Um das Ansehen ihres ältesten Teilhabers zu retten, kam nun die Firma Russell, Majors Waddell der bedrohten Linie zu Hilfe. Sie kaufte nicht nur alle ausstehenden Schuldverschreibungen auf, sondern setzte sich auch in den Besitz der Konkurrenzlinie zwischen St. Joseph und der Salzseestadt. Hierauf vereinigte sie diese beiden Linien und hoffte dadurch auch die sogenannte Overlandlinie einträglicher zu gestalten. St. Joseph wurde jetzt der Ausgangspunkt beider Linien. Von dort aus ging der Weg nach Fort Kearny und folgte hierauf dem alten, zu Anfang des Buches beschriebenen Salzseepfade. Vom Salzsee aus führte die Linie durch Camp Floyd, Ruby Valley, Carson City, Placerville und Forsom und endigte in Sacramento.

Auf dieser alten Postlinie betrug die Entfernung von St. Joseph bis Sacramento nahezu neunzehnhundert Meilen, wozu von der Postverwaltung und der Regierung als Maximum neunzehn Tage gebraucht werden durften. Zuweilen gelang es zwar, die Strecke in fünfzehn Tagen zurückzulegen, allein es gab stets so viele Veranlassungen zu einer Verzögerung, daß die angegebene Zeit doch meistens in Anspruch genommen werden mußte.

Die Strecke wurde in Abteilungen, sogenannte Divisionen, eingeteilt und jede der Aufsicht eines Direktors unterstellt. Ein Mann von hervorragenden Fähigkeiten war zu einer solchen Stellung erforderlich, denn auf ihm lastete die Verantwortung für alle auf der betreffenden Linie vorkommenden Zwischenfälle. Volle Gewalt war ihm eingeräumt; in Streitsachen hatte er allein die richterliche Entscheidung zu treffen. Er dingte und entließ die Angestellten, besorgte den Ankauf der Pferde und Maulesel und überwachte deren Verteilung auf die verschiedenen Stationen. Er war für die zweckmäßige Errichtung von Gebäuden, sowie für die Wasservorräte verantwortlich und hatte sämtlichen Angestellten den Lohn auszubezahlen.

Außer ihm gab es noch einen weiteren Oberbeamten, den sogenannten Kondukteur. Er saß neben dem Kutscher und legte häufig die zweihundertfünfzig Meilen seiner Division ohne Unterbrechung zurück, sich dabei nur so viel Schlaf gönnend, als man auf dem Bock einer dahinjagenden Postkutsche finden kann.

Der Wagen, der sich anstatt auf Federn auf Schwungriemen wiegte, war sehr geräumig. Er wurde stets von einem Gespann von sechs Pferden oder Mauleseln gezogen, und das Tempo war oft von halsbrecherischer Geschwindigkeit. Die Reisenden durften fünfundzwanzig Pfund Gepäck mit sich führen und waren ebenso wie die Brief- und Eilgutspost der Sorge des Kondukteurs unterstellt.

Bis zum Jahre 1862 arbeitete die Overlandpost mit Verlust. Im März desselben Jahres traten Russell, Majors & Waddell die Linie samt der ganzen Ausrüstung an Ben Holliday ab, der ein bekannter und sehr erfahrener Grenzbewohner und zugleich ein äußerst energischer Charakter war. Er hatte nun das Glück, daß dieser Linie gerade zu der Zeit, als er sie übernahm, die Beförderung der Staatspost übertragen wurde. Da nun die Regierung für die Überbringung ihrer Post nach San Francisco jährlich achtmalhunderttausend Dollars verausgabte, so gelangte auch die Overlandpostlinie auf eine sichere finanzielle Grundlage.

Am Morgen nach seinem Gespräch mit Trotter trat Will bereits sein Amt an, und als er den Bock bestieg und die Zügel der sechs feurigen Pferde zur Hand nahm, waren die Reisenden überzeugt; einen erfahrenen Führer vor sich zu haben.

Die ihm übertragene Strecke ging von Fort Kearny bis Plum Creek, eine Gegend, die Will aufs genaueste kannte; hatten sich doch dort seine ersten Kämpfe mit Indianern abgespielt. Es war eine lange, einförmige und bei kaltem Wetter recht unangenehme Fahrt, aber sie trug Will hundertfünfzig Dollars im Monat ein, und jeder Zahltag brachte ihn St. Louis näher.

An Anzeichen von in der Nähe befindlichen Indianern hatte es den ganzen Weg entlang nicht gefehlt, doch war es bei diesen Anzeichen geblieben. Da, an einem trüben Novembertage, klang plötzlich beim Durchqueren des Plum Creek ein gellender Warnungsruf an Wills Ohr. Es unterlag keinem Zweifel, daß eine Schar Indianer auf dem Kriegspfade begriffen war, weshalb man auf alles gefaßt sein mußte. Leutnant Flowers, der Kondukteur der Division, saß neben Will auf dem Bock, und im Wagen befanden sich sechs wohlbewaffnete Reisende.

Schon war der halbe Weg zurückgelegt, als Wills geübtes Auge die vermuteten Rothäute entdeckte. In geringer Entfernung war ein Flüßchen, das durchquert werden mußte, und dessen Ufer dicht mit Buschwerk bewachsen war. Dort hielten sich die Indianer versteckt, um den Wagen an der einzigen Stelle zu überfallen, wo er überhaupt durch den Fluß kommen konnte.

Ein Wort über das fast märchenhafte Glück; das Will bei seinen Abenteuern begleitete, ist hier wohl nicht am unrechten Platze. Denn nicht nur, daß er bei den verschiedenen Gefahren, denen er ausgesetzt war, sein eigenes, oft nur noch an einem Haar hängendes Leben zu retten vermocht hatte, sondern er war auch stets im rechten Augenblick erschienen, um andere vor Vernichtung zu bewahren. Glück war bei diesen Unternehmungen freilich stets mit im Spiel, zum größten Teil aber verdankte Will seine Erfolge doch der klugen Vorsicht, mit der er stets zu Werke ging. Er hatte die Prärie studiert wie ein Astronom das Himmelsgewölbe. Nicht die geringste unnatürliche Veränderung entging seinem scharfen Auge. Bei einem Astronomen ist es ein Komet oder eine sonstige asteroidische Erscheinung, die seinem geübten Blick sofort auffällt, bei Will war es ein halbversteckter Federbusch an einer Stelle, wo nur ein Baum, ein Felsen oder Gras hätte sichtbar sein sollen – eine sich bewegende Gestalt, wo die Natur sonst starr und leblos war.

Hatte er diese Abnormitäten entdeckt, so wurden sie in Berechnung gezogen, wie die von den Astronomen beobachteten Gestirne. Ein Planet muß zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort gelangen, ein Indianer kann die Furt eines Flusses in so und so viel Minuten erreichen. Ist es möglich, vor ihnen hinüberzukommen, so handelt es sich um einen scharfen Ritt, hat aber der Indianer mehr Aussicht zu gewinnen, so muß ein anderer Ausweg gefunden werden.

Ein weniger erfahrener Beobachter als Will hätte die lauernden Rothäute nicht bemerkt; ein weniger schlauer Grenzläufer hätte ihre Absichten nicht erraten; ein weniger geschickter Rosselenker hätte das Wettrennen nicht aufzunehmen gewagt; ein weniger guter Schütze hätte von der Höhe eines schwankenden, stoßenden Kutscherbocks herab nicht mit jedem Schuß einen Indianer getroffen.

Will zögerte nicht. Ein Warnungsruf zu den Passagieren, dann sauste die Peitsche hernieder, und davon flogen die Pferde in rasendem Galopp. Als die Indianer bemerkten, daß man sie entdeckt hatte, kamen sie aus ihrem Versteck hervor und trieben ihre Pferde der Flut zu, doch waren sie noch fünfhundert Yards davon entfernt, als der Wagen den Fluß bereits erreicht hatte. Es ist bezeichnend für die Besonnenheit des Postillons, daß er seinen Tieren am Flußufer die Zeit zu einem Schluck Wasser gönnte, worauf sie, gestärkt, von neuem in höchster Geschwindigkeit weiterjagten.

Die in jeder Fuge krachende Kutsche schaukelte gleich einem Fesselballon hin und her. Die bedauernswerten Insassen wurden von einer Seite des Fahrzeugs auf die andere geschleudert oder stießen ihre Köpfe, wenn der Wagen umzustürzen drohte, an dessen Decke an. Von außen wurden sie von Indianern bedroht, im Innern schien ihnen das Los beschieden, ihre Hirnschalen an den Wänden des Wagens zu zerschmettern.

Will gebrauchte unbarmherzig die Peitsche, und so treulich folgten die kraftvollen Pferde der Mahnung, daß die Indianer sie nur langsam einholten. Die Bande mochte aus fünfzig Rothäuten bestehen, doch war Will der Ansicht, daß, wenn er die Vorspannstation erreichen könnte, er im Verein mit den beiden dortigen Posthaltern, sowie mit Leutnant Flowers und den Passagieren dem Feind reichlich gewachsen sein würde.

Als die Verfolger in Schußweite kamen, händigte Will Leutnant Flowers die Zügel ein, drehte sich auf seinem Sitze um und schoß auf den Häuptling.

»Seht nur,« rief einer der Passagiere, »jener Kerl mit dem Federbusch ist getroffen!« Erneute Schüsse wurden vom Innern des Wagens aus abgefeuert, wenn auch ohne Erfolg.

Die Station war jetzt in nächster Nähe, und die durch die Schüsse aufmerksam gewordenen Posthalter kamen herbeigelaufen, um sich am Kampfe zu beteiligen. Entmutigt durch den Tod ihres Häuptlings, erlahmten aber die Indianer und gaben, noch weitere Verstärkungen vermutend, die Verfolgung auf.

Leutnant Flowers und zwei der Reisenden waren verwundet, Will aber konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als ihm einer seiner Fahrgäste erregt versicherte, daß sie – die Reisenden – einen Indianer getötet und die übrigen in die Flucht gejagt hätten. Auch der Posthalter lächelte, sagte aber nichts. Es wäre ja auch zu grausam gewesen, dem armen Kerl die Freude zu verderben.

Als die Nachricht bekannt wurde, daß die Rothäute sich wieder auf dem Kriegspfade befanden und die Postkutschen bedrohten, schickte man eine Abteilung Militär ab, um die Gegend zu säubern. Die Indianer wurden vollständig zurückgedrängt, und Will bekam den ganzen Winter über keinen mehr zu Gesicht.

Im Februar hatte er indes ein Abenteuer anderer Art zu bestehen. Als er im Begriff war, sich auf seinen Postwagen zu schwingen, nahm Trotter ihn auf die Seite mit dem Bemerken, daß sich ein kleines Vermögen im Postwagen befinde und ganz besondere Vorsicht geboten sei, da das Vorhandensein dieses Schatzes bekannt geworden sein könnte.

»Ich will mein möglichstes tun,« antwortete Will. Kaum war er unterwegs, so erregten die beiden unheimlich aussehenden Reisenden, die er zu befördern hatte, seinen Verdacht. Auch daß der Kondukteur kurz vor der Abfahrt abgerufen worden war, erschien Will nicht ganz geheuer. Er entschloß sich deshalb, einem Überfall zuvorzukommen und lieber seine Reisenden anzugreifen, als von ihnen angegriffen zu werden. Ohne zu zögern, hielt er den Wagen an, sprang ab und untersuchte das Zaumzeug, als ob irgend etwas nicht in Ordnung sei, dann ging er an die Wagentüre und bat seine Fahrgäste, ihm einen im Wagen liegenden Strick herauszugeben. Als sie seinem Wunsche nachkamen, sahen sie die Mündung von zwei geladenen Pistolen.

»Hände in die Höhe!« rief Will.

»Was fällt Ihnen ein?« fragte der eine, nachdem beide die Arme erhoben hatten.

»Ich dachte nur, ich wollte Ihnen zuvorkommen,« lautete die ruhige Antwort.

Der zweite Schurke, der mit einer humoristischen Ader ausgestattet zu sein schien, sagte: »Sie sind ein forscher Kerl, junger Herr. Aber warten Sie nur, Sie werden noch andere auf diesem Wege finden, die Ihnen über sind.«

»Mit diesen will ich mich dann später abgeben,« sagte Will. »Wollen Sie nun so freundlich sein und Ihrem Kameraden die Hände binden? So, danke. Nun werfen Sie Ihre Waffen fort. Sind das alle, die Sie bei sich führen? Gut. Geben Sie Ihre Hände her.«

Nachdem die beiden Schurken entwaffnet und geknebelt waren, wurde die Reise fortgesetzt. Aus der dem einen Kerl entschlüpften Bemerkung ging deutlich hervor, daß sie zu einer Räuberbande gehörten. Deshalb mußte Will so rasch als möglich die Station zu erreichen suchen. Gelang ihm dies, ehe ein Angriff auf den Wagen gemacht wurde, so hatte er sich bereits einen Plan für sein weiteres Vorgehen ausgedacht.

Glücklich gelangte Will auf der Vorspannstation an. Nachdem er die Gefangenen dem Posthalter übergeben hatte, brachte er den Schatz vor weiteren Belästigungen in Sicherheit. Er schnitt ein Polsterkissen des Wagens auf, nahm einen Teil der Füllung heraus und steckte sämtliche Wertsachen, auch seine Uhr und Brieftasche, in die entstandene Höhlung. Dann legte er wieder einen Teil der Füllung darauf und brachte dem Kissen möglichst das vorige Aussehen bei.

Wenn ihm wirklich eine Schar Diebe auflauerte, durfte er sie an jener Furt vermuten, wo auch die Indianer ihn abzufangen versucht hatten. Er täuschte sich auch wirklich nicht; denn als er in die Nähe des das Ufer begrenzenden Weidengebüschs kam, stürzten etwa zwölf Männer mit drohend erhobenen Flinten auf den Wagen zu.

»Halt oder du bist des Todes!« lautete der übliche, in diesem Fall aber äußerst freundlich aufgenommene Gruß.

»Was wünschen Sie von mir?« fragte Will.

»Den Geldsack, den Sie bei sich führen, geben Sie ihn her.«

»Meine Herren,« sagte Will lächelnd, »in diesem Fall hat ein Dieb den anderen bestohlen.«

»Was soll das heißen?« rief einer der Schurken, der sich durch die unverblümte Sprache in seinem Empfinden verletzt fühlte.

»Das soll nun zwar nicht heißen, daß ich der Dieb bin, sondern daß Ihre Freunde Ihnen bereits zuvorgekommen sind.«

»Haben die Kerls Sie ausgeraubt?« schrie die Bande, außer sich über die Heimtücke ihrer Kameraden, wie aus einem Munde.

»Wenn noch irgend etwas Begehrenswertes im Wagen zurückgeblieben ist, so nehmen Sie es ungesäumt,« sagte Will in verbindlichem Tone.

»Wo ist Ihr Geldsack?« fragten die Schurken.

Will zog ihn hervor und zeigte seine traurige Leere.

»Wo griffen die Kerls Sie an?« fragte der Anführer der Bande.

»Acht oder neun Meilen weiter zurück. Sie werden etwas Stroh auf der Stelle finden. Wenn Sie danach Verlangen tragen, niemand wird es Ihnen streitig machen.«

»Hatten sie Pferde in der Nähe?«

»Sie waren zu Fuß, als ich sie zuletzt sah.«

»Jungens, dann können wir sie noch einholen«, schrie der Anführer, während frohe Hoffnung seine Brust schwellte. »Kommt rasch!«

Ihren Pferden die Sporen gebend, setzten sie über die Weidenhecken und jagten davon.

»Grüßt sie von mir!« rief Will ihnen nach, doch nur das Klippklapp der Pferdehufe antwortete ihm.

Will fuhr nun unbehindert seinem Reiseziele zu, wo er das ihm anvertraute Gut unversehrt ablieferte. Da er befürchtete, seine List könnte entdeckt worden sein, so beobachtete er auch auf dem Rückwege die ihm von Trotter anempfohlene außergewöhnliche Wachsamkeit; allein kein Wegelagerer war auf dem Pfad mehr zu sehen. Auf der Vorspannstation holte er sich die Gefangenen ab und brachte sie nach Fort Kearny. Hätten ihre Gefährten den ihnen gespielten Schabernack entdeckt, so würden sie sicherlich blutige Rache am Postillon genommen haben.

Nach Schluß dieser aufregenden Fahrt fand Will einen Brief von Fräulein Frederici vor, worin sie ihn dringend bat, seinen gefährlichen Beruf aufzugeben, nach dem Osten zurückzukehren und eine andere Stellung zu suchen. Da dies ohnehin in seiner Absicht lag, so bedurfte es keiner weiteren Überredung. In seiner Antwort bat er um die Festsetzung des Hochzeitstages, hierauf überreichte er Trotter sein Entlassungsgesuch.

»Ich sehe Sie nur ungern scheiden,« bemerkte Trotter.

»Ich nahm die Stellung nur an,« erwiderte Will, »um mir Geld zu meiner Heirat zu verdienen.«

»Wenn die Sache so steht,« sagte Trotter lächelnd, »dann bleibt mir freilich nichts anderes übrig, als Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche auszusprechen.«

* * *

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