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Buffalo Bill der letzte große Kundschafter

Helen Cody: Buffalo Bill der letzte große Kundschafter - Kapitel 14
Quellenangabe
typebiography
authorHelen Cody
titleBuffalo Bill der letzte große Kundschafter
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160311
projectid2965906a
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Dreizehntes Kapitel: Im Geheim-Kundschaftsdienst.

Im gewöhnlichen Leben ist das Spionieren ein unedles Handwerk, im Kriege aber kann man den Spionierdienst nicht entbehren. Dazu braucht man kräftige, energische Männer, die sich auf einen Wink ihres Befehlshabers in den Sattel schwingen und, unbekümmert um den sich an ihre Fersen heftenden Tod, mit Windeseile davonjagen. Sie sind die ungenannten Helden eines jeden Krieges.

Mit dem vollen Bewußtsein der ihn erwartenden Gefahren sprengte Will, die fremde Uniform unter dem Arm, zum Unionslager hinaus. Sobald er die Vorposten hinter sich hatte, stieg er ab und vertauschte den blauen Rock der Unionsarmee mit dem grauen der Südstaaten. Ein gut Teil des Glückes, dessen er sich in seinem Leben rühmen durfte, verdankte er seinem hübschen, offenen Gesicht, das die heiße südliche Sonne gebräunt hatte. Aber auch ein tapferes Herz schlug unter seinem Wams, und aus seinen Augen leuchteten Mut und Selbstvertrauen.

Der Tau fiel nieder, als er die Vorposten der Südstaatenarmee zu Gesicht bekam. Was ihn jenseits der feindlichen Linien erwartete – nur die Zukunft konnte es offenbaren. Mit einem beruhigenden Griff nach den Papieren in seiner Tasche gab er seinem Pferde die Sporen und ritt auf die nächste Schildwache zu.

Der gewohnte Ruf empfing ihn: »Halt, wer da?«

»Gut Freund.«

»Steigen Sie ab, Freund, und geben Sie die Parole.«

»Ich kenne die Parole nicht,« entgegnete Will, vom Pferde steigend, »doch habe ich wichtige Kunde für General Forrest. Bringen Sie mich sofort zu ihm.«

»Sind Sie ein Soldat der Südstaatenarmee?«

»Nicht eigentlich. Doch habe ich wertvolle Nachrichten über die Yankees. Das beste ist, Sie führen mich sofort zum General.«

Die Auskunft war klar. Die von Will benützte höhnische Bezeichnung »Yankee« mochte den Posten vermuten lassen, daß er einen Anhänger der Südstaaten vor sich habe. Trotzdem beobachtete er die ihm anbefohlene Vorsicht. Der Pseudosüdstätler wurde entwaffnet und von zwei Mann der Wache nach dem Hauptquartier gebracht, während manch neugieriges Auge im Lager dem Trio folgte.

Kaum hatte Forrest die Meldung entgegengenommen, so ließ er den Gefangenen vor sich führen. Ein rascher Blick in des Generals hübsches, aber strenges Gesicht genügte Will, alle seine fünf Sinne für das bevorstehende Verhör aufs höchste anzuspannen. Jene kalten, durchdringenden Augen kannten keine Barmherzigkeit. Alles hing von diesem ersten Gespräche ab; war einmal des Generals Vertrauen erworben, dann hoffte er gewonnenes Spiel zu haben.

Mehrere Sekunden lang ruhte des Generals scharfer Blick auf dem jugendlichen Gesicht.

»Nun,« sagte er, »was haben Sie mir mitzuteilen?«

Nach Yankeeart war die Antwort eine Frage: »Der Herr General schickten einen Mann namens Nad Golden in die Reihen der Union?«

»Und wenn dem so wäre, was hat das hiermit zu tun?«

»Nad ist ein alter Freund von mir. Er versuchte, ins Lager der Union zu schleichen, um sich dort zu vergewissern, ob die in seinen Papieren enthaltenen Angaben über die Stellung der Union richtig seien. Ehe er das Lager erreichte, traf er mit mir zusammen und übergab mir für den Fall der Gefangennahme seine Papiere.«

»So,« sagte Forrest kalt. »Und er wurde tatsächlich gefangen genommen?«

»Ja, Herr General. Doch hängte man ihn nicht auf, wie ich zufällig erfuhr, da diese Schriftstücke ja nicht bei ihm gefunden wurden.«

Will hatte während des Sprechens die von Golden erhaltenen Papiere aus der Tasche gezogen und übergab sie nun dem General mit der Bemerkung: »Golden bat mich, sie Ihnen zu überbringen.«

General Forrest kannte zufällig Goldens Handschrift, die Papiere wurden somit als echt erkannt. Kein Verdacht stieg in ihm auf.

»Dies sind äußerst kostbare Papiere,« sagte er, nachdem er sie überflogen hatte. »Sie enthalten wertvolle Informationen, doch werde ich sie nicht ausnützen können, da ich im Begriff bin, unsere Stellung zu ändern. Kennen Sie den Inhalt der Papiere?«

»Ja, jedes Wort,« lautete die wahrheitsgetreue Antwort. »Ich studierte sie, damit ich Ihnen, falls sie mir auf irgend eine Weise abhanden gekommen wären, den Inhalt mündlich hätte mitteilen können.«

»Das war sehr klug gehandelt,« sagte Forrest beifällig. »Sind Sie Soldat?«

»Noch habe ich mich keiner Armee angeschlossen, doch ist mir diese Gegend sehr wohl bekannt, so daß ich Ihnen vielleicht als Kundschafter dienen könnte.«

»Hm!« machte der General, den ruhig vor ihm stehenden jungen Mann fixierend. »Sie tragen unsere Uniform.«

»Es ist die von Golden,« war die zweite wahrheitsgetreue Antwort. »Er ließ sie bei mir zurück, als er die blaue anzog.«

»Und wie ist Ihr Name?«

»Frederick Williams.«

Auch das wich nicht weit von der Wahrheit ab – ein s am Ende und eine andere Zusammenstellung der Taufnamen.

»Gut,« sagte der General, das Verhör beschließend, »Sie können vorderhand im Lager bleiben. Wenn ich Ihrer bedarf, werde ich Sie holen lassen.«

Er rief eine Ordonnanz herbei und befahl, dem freiwilligen Kundschafter eine gute Unterkunft anzuweisen. Mit einem Seufzer der Erleichterung folgte Will dem Soldaten. Das erste Probestück war gut abgelaufen. Nun galt es zu handeln.

Zwei Tage vergingen, während derer Will hier und dort wertvolle Erkundigungen einzog, Karten zeichnete und sich bereit machte, bei der ersten günstigen Gelegenheit davonzureiten. Seiner Ansicht nach hätte General Forrest ihm nun längst einen Auftrag erteilen sollen. Doch auch bei Anbruch des nächsten Tages saß Will ungeduldig wartend in seinem Zelt. Diese Art Untätigkeit war schwerer zu ertragen als wirkliche Gefahren, und schon begann er sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, das Lager ohne Befehle, dafür aber unter pfeifendem Kugelregen zu verlassen. Während er, mit diesem Vorsatze beschäftigt, das Lager durchstreifte, fiel sein Auge plötzlich auf einen Menschen, den er vor allen anderen am wenigsten hier vermutet hätte – Nad Golden.

Nad, im Gespräche mit einem Generaladjutanten!

Nur zwei Wege blieben jetzt für Will offen: Golden zu Boden zu schlagen, oder sich Knall und Fall aus dem Staube zu machen. Absichtlich würde Nad ihn ja nicht verraten, jedenfalls aber unwissentlich, sobald ihn der General ausfragte. Ein Zweifel über den nun einzuschlagenden Weg konnte nicht mehr bestehen – Will mußte so schnell als möglich zu entfliehen versuchen. Rasch lief er in sein Zelt, steckte seine Papiere zu sich, sattelte sein Pferd und ritt mit ruhiger Miene den Vorposten zu. Der Zufall wollte es, daß der Unteroffizier, mit dem Will schon bei der Ankunft verhandelt hatte, auch an diesem Tage die Wache befehligte. Will stellte eine unwichtige Frage über die Vorpostenlinien an ihn, und als er dann unbehelligt weiterritt, konnte er nicht umhin, einen besorgten Blick nach rückwärts zu werfen.

Von Verfolgung keine Spur. Bald hatte er auch die äußerste Linie der Feldwachen etwa fünfzig Yards hinter sich. Vor ihm lag ein Stück Wald.

Da plötzlich schlugen Hufschläge an sein Ohr, und als er sich umwandte, sah er einen Trupp Reiter im Galopp auf sich zureiten. Rasch gab er seinem Pferde die Sporen und jagte in den Wald hinein.

Doch das hieß aus dem Regen in die Traufe kommen, denn er fiel mitten in eine Schar berittener Feinde hinein, die zwei gefangene Unionisten bewachten.

»Leute, ein Spion der Unionsarmee entflieht dort drüben,« schrie Will. »Reitet, was ihr könnt und fangt ihn ein. Ich will inzwischen bei euren Gefangenen Wache halten.«

Der Befehl wurde in solch gebieterischem Tone gegeben, daß man annehmen mußte, er komme von einem Offizier, und ohne auch nur den geringsten Zweifel in seine Berechtigung zu setzen, jagten die Reiter in der angegebenen Richtung davon.

»Kommt rasch, ich bin der Spion,« flüsterte Will hastig, aber lächelnd den beiden niedergeschlagenen Unionssoldaten zu, indem er die Stricke, mit denen ihre Handgelenke zusammengebunden waren, zerschnitt. »Nun gilt es einen Ritt auf Tod und Leben!«

Dahin sauste das Trio, es war aber auch allerhöchste Zeit. So kurz Wills Aufenthalt gedauert hatte, seinen Verfolgern war er doch zu gute gekommen, denn in einer Entfernung von kaum hundert Yards kamen sie mit Nad Golden an der Spitze über Stock und Stein hinter ihm her geritten.

Dies war nun wirklich eine Jagd, bei der sich der Tod an die Fersen heftete. Wohl hielt der Wald einen Teil der pfeifenden Kugeln ab, doch flogen noch manche zwischen den Bäumen durch, und eine davon durchbohrte einem der Flüchtlinge den Arm. Für Will bedeutete Gefangennahme den sicheren Tod, für seine Gefährten jedoch schlimmstenfalls die Einsperrung ins Fort Andersonville oder Libby. Doch wollte Will sie nicht verlassen, obwohl sein Pferd frisch war und er ihnen mit Leichtigkeit hätte vorankommen können.

Bald war das Ende des Waldes erreicht, und dort drüben – welch eine beglückende Aussicht! – lagen die Vorposten der Unionsarmee. Beim Anblick der feindlichen Reiter bliesen die Feldwachen Alarm, und sofort rückten die Unterstützungen vor.

Will hätte sich gern an dem nun folgenden Scharmützel beteiligt, doch hielt er es für seine erste Pflicht, die Papiere, für deren Erlangung er sein Leben in die Schanze geschlagen hatte, abzuliefern. So wandte er, Freund und Feind ihrem Schicksal überlassend, sein Pferd nach der Baumgruppe, wo er seine Uniform versteckt hatte, und tauschte sie gegen die graue um, die ihren Zweck erfüllt und nun nicht länger angebracht war. Dann ritt er unter der wahren Flagge ins Lager ein.

Fast unmittelbar darauf zog sich Forrest aus dieser Gegend zurück und verließ nach dem entsetzlichen Blutbad bei Fort Pillow am 12. April den Staat Mississippi. General Smith wurde mit seinem Regiment zurückberufen, Will aber unter Ernennung eines Führers und Kundschafters in das neunte Kansasregiment versetzt.

Die Indianer zeigten sich längs des alten Santa Fé-Pfades von neuem in solch beunruhigender Weise, daß militärische Abteilungen zum Schutze der Postwagen, der Auswanderer- und Frachtzüge, die diesen Verkehrsweg benützten, erforderlich wurden. Wie fast alle unsere Kämpfe mit den Indianern, so wurde auch dieser Aufstand durch das rücksichtslose Vorgehen der Weißen gegen gewisse eingeborene Stämme hervorgerufen. Im Jahre 1860 hatte Oberst A. G. Boone, der würdige Enkel des unsterblichen Daniel, einen Vertrag mit den Comanches, Kiowas, Cheyennes und Arapahoesindianern abgeschlossen, und auf ihre Bitte ernannte man ihn zu ihrem Geschäftsträger. Während seiner weisen, gerechten und menschenfreundlichen Verwaltung verhielten sich alle Stämme ruhig und zeigten die freundschaftlichsten Gefühle für die Weißen. Jedermann konnte ungefährdet die weiten Ebenen durchkreuzen. Da wurde im Jahre 1861 ungerechterweise von dem Oberrichter des Staates Indiana eine Anklage wegen Veruntreuung gegen Oberst Boone erhoben, und es gelang jenem Oberrichter, den vortrefflichen Mann aus seiner Stellung zu verdrängen. Russell, Majors Waddell, die den guten Einfluß Boones auf die Indianer wohl kannten, boten ihm nun vierhundert Morgen Landes in der Nähe von Pueblo im Staate Colorado an. Oberst Boone zog dorthin, und der Ort erhielt den Namen Booneville. Fünfzig Häuptlinge der oben erwähnten Indianerstämme besuchten Oberst Boone im Herbst des Jahres 1862 in seinem neuen Wohnort und baten ihn, zu ihnen zurückzukehren. Er antwortete, daß der Präsident ihn weggeschickt habe. Nun boten sie ihm an, durch Verkauf ihrer Pferde Geld zusammenbringen zu wollen, damit er nach Washington reisen und dem »Großen Vater« sagen könne, wie es ihr jetziger Geschäftsträger treibe, daß er ihr Eigentum stehle und es dann wieder an sie verkaufe. Auch solle der Oberst sagen, daß die Unruhen fortdauern würden, solange man nicht einen anderen an die Stelle des unehrlichen Beamten setze. Mit der den Indianern eigenen Logik erklärten sie, daß wenn die Staatsbeamten das Recht haben, sie zu bestehlen, sie auch mit dem gleichen Rechte die vorüberziehenden Karawanen bestehlen können.

Die Regierung schenkte diesen Wünschen und Klagen jedoch kein Gehör, da sie eine den Indianern zugefügte Ungerechtigkeit als eine zu unbedeutende Sache ansah, und ihre Interessen durch den Krieg mit den Südstaaten vollauf in Anspruch genommen waren.

Im Herbst des Jahres 1863 zog nun eine kleine Karawane mit geringer Bedeckung den alten Indianerpfad entlang. Die Rothäute hatten sich aber schon so lange ruhig verhalten, daß man allmählich die Furcht vor ihnen verlor. Da kam eine Schar Indianer an den Zug herangeritten, und einer von ihnen bat in freundlichster Weise um einige Lebensmittel. Die Wagenführer huldigten jedoch noch dem Grundsatz: Nur ein toter Indianer ist etwas wert. Sie glaubten wohl eine menschenfreundliche Handlung zu tun, wenn sie eine Rothaut töteten, und so wurde ein unschuldiger, vertrauensvoller Indianer ohne allen Grund totgeschossen.

Die Kugel aber, die sein Herz traf, verwundete zugleich auch das aller Angehörigen dieser Stämme. Mit Ausnahme eines einzigen Mannes wurden sämtliche Teilnehmer des Zuges erschlagen, das Vieh weggetrieben und die Wagen verbrannt.

Die Flammen der Unzufriedenheit, die zwei Jahre lang in der Brust der Indianer fortgeglimmt hatten, loderten nun plötzlich wieder mit vulkanischer Gewalt auf. Hunderte der scheußlichsten Ermordungen wurden verübt und die Besitzungen der Weißen zerstört.

Das neunte Kansasregiment, unter dem Befehl Oberst Clarks, wurde nun zum Schutze des alten Pfades zwischen Fort Lyon und Fort Larned entsendet, wobei sich Will als Führer und Kundschafter vollständig zu Hause fühlte. Er kannte den Indianer und seine Gebräuche und fürchtete ihn nicht. Voll kindlicher Freude hing sein Auge an seinem schönen Pferde mit dem glänzenden Sattelschmuck, und wer mag ihm das Gefühl des Stolzes – oder sagen wir der Eitelkeit – verdenken, daß er nun seinem Regiment längs des Arkansas River als Führer dienen durfte?

Den Sommer über gab es allerlei Scharmützel mit den Indianern. Die alte, in früheren Zeiten in den Grenzgebieten geübte, nimmerruhende Wachsamkeit war erforderlich, und manch scharfer, gefährlicher Ritt mußte gemacht werden, um die Feinde aus der Nähe des Pfades zu vertreiben. Über alles konnten sich Oberst Clarks Leute während dieses Sommers eher beklagen als über Langeweile oder den Mangel an Aufregungen.

Im Herbst wurde das siebente Kansasregiment zur Armee zurückberufen, und auf die Bitte der ihm angehörenden Offiziere versetzte man Will zu seinem alten Truppenkörper. General Smith hatte den Befehl erhalten, nach Nashville aufzubrechen. Rosecrans war damals Befehlshaber der in Missouri stationierten Streitkräfte. Die Zahl seiner Truppen betrug nur etwa sechstausendfünfhundert Mann, während Price, der General der Südstaaten, im Begriff stand, mit zwanzigtausend Mann in den Staat einzurücken. Infolge dieser Überzahl erhielt General Smith Gegenbefehl und verblieb nun in Missouri, wo er sich mit Rosecrans' Truppen vereinigen und sich General Price gegenüberstellen sollte. Da Rosecrans' Streitmacht trotzdem nur elftausend Mann zählte, so hielt er es für angezeigt, seine Truppen um das Fort St. Louis zu konzentrieren. Ewings Truppen und ein Teil derjenigen des Generals Smith hielten den Pilot Knob besetzt. Eines Montags, den 24. September 1864, rückte Price gegen diese Stellung vor, wurde jedoch unter großen Verlusten zurückgeschlagen. Ein angrenzendes Fort in der Nähe von Ironton sollte nun erstürmt werden, aber auch hier erlitten die Truppen der Südstaaten eine schwere Niederlage. Von diesem Fort aus hatte man einen weiten Überblick über die Shepard Mountains, die die Südstaatenarmee besetzt hielt. Ihr wohlgezieltes Feuer zwang General Ewing, sich nach der Station Harreson zurückzuziehen, wo er halt machte und einen heißen Kampf zu bestehen hatte. Aufs neue mußte er zurückweichen, doch gelang es ihm, sich mit dem größten Teil seiner Truppen bei Rolla mit dem General McNeill zu vereinigen.

Dies war Wills erste wirkliche Schlacht. Der Zufall wollte es, daß er sich während deren Verlauf einer Abteilung Missouritruppen gegenüber befand, in deren Reihen viele jener Männer standen, die vor neun Jahren zu den Feinden und Verfolgern seines Vaters gehört hatten. In der Hitze des Gefechts erkannte Will mehrere von ihnen, und mit diesem Erkennen kam auch die Erinnerung wieder an das als Knabe ausgesprochene Gelübde, seines Vaters Tod rächen zu wollen. Drei dieser Leute fielen in dieser Schlacht, und mochte nun er oder ein anderer sie niedergestreckt haben – jedenfalls fühlte Will sich von diesem Tage an seiner traurigen Verpflichtung enthoben.

Nach mehreren blutigen Schlachten verließ Price mit dem Rest seiner Truppen – statt zwanzigtausend waren es noch siebentausend – den Staat Missouri.

Will hatte während dieses Krieges verschiedene Male lobende Anerkennungen über »seine außergewöhnliche Tapferkeit, sowie seine wertvollen, auf dem Schlachtfelde geleisteten Dienste« erhalten, und bald drang sein Ruf auch in die anderen Hauptquartiere. Wohl kannte und schätzte man das Verdienst all der vielen erprobten Krieger; keiner von ihnen aber wurde so häufig zu wichtigen und gefährlichen Aufträgen herangezogen als Will. Dabei schien es, als ob sein Leben gefeit sei. Oft schickte man ihn mit Befehlen über das Schlachtfeld, und obwohl manches Pferd von Kugeln durchbohrt oder von Säbelhieben zerfleischt unter ihm zusammenbrach – er selbst entkam stets unbeschädigt.

Auch mit seinem alten Präriefreund, dem »Wilden Bill«, traf er während dieses Feldzugs zusammen. Als er eines Tages vor einer Meierei anhielt, um sich etwas zu essen geben zu lassen, drangen zu seiner nicht geringen Überraschung plötzlich die Worte an sein Ohr: »Na, Billy, mein Junge, wie geht's?«

Und als er sich umschaute, bemerkte er, wie sich ihm aus dem Ärmel einer grauen Uniform eine Hand entgegenstreckte. Da Will den Wilden Bill jedoch als eifrigen Unionisten kannte, so vermutete er ganz richtig, daß sich dieser bei einem ähnlichen Unternehmen befinde wie er selbst. Und nun begann ein gegenseitiges Necken und Foppen über graue und blaue Uniformen, bis dann ernstere Gespräche folgten.

»Nehmen Sie diese Papiere, Billy,« sagte der Wilde Bill, dem jungen Mann ein Paket übergebend. »Bringen Sie sie General McNeill und sagen Sie ihm, die Neuigkeiten, die ich aufzugabeln im Begriff bin, seien zu interessant, als daß ich mich jetzt schon vom Lager der Südstätler trennen könnte.«

»Wagen Sie nur nicht gar zu viel,« warnte ihn Will, wohl wissend, daß der andere sich ja doch durch keine Gefahren abhalten ließ.

Oberst Hickok, um ihn auch einmal bei seinem richtigen Namen zu nennen, erwiderte lachend: »Üben Sie nur selbst, was Sie predigen. Ihr Kopf ist mehr wert als der meinige, denn Sie haben eine Zukunft vor sich, die meinige aber ist nahezu abgeschlossen. Ich fange an alt zu werden.«

In diesem Augenblick machte die freundliche Hausbesitzerin dem Gespräch ein Ende, indem sie den beiden ein schmackhaftes Mahl vorsetzte, das sie mit gutem Appetit und leichtem Gewissen verzehrten, trotzdem ihre Wirtin sich weigerte, von Soldaten der Südstaatenarmee eine Bezahlung anzunehmen.

»Solange ich noch ein Stückchen Brot im Hause habe,« sagte sie, »will ich es gern mit unseren Soldaten teilen.«

Die angeblichen Südstätler aber lohnten ihr ihre Güte mit besserer Münze als mit Geld. In einem Anfall von Geschwätzigkeit hatte sie ihnen nämlich den beabsichtigten Besuch ihres Mannes und Sohnes verraten, wovon die Männer nun aber aus Dankbarkeit keinen Gebrauch machten. So brachte ihr die gespendete Guttat hundertfältige Früchte.

Die beiden Freunde trennten sich nun wieder. Will kehrte in die Reihen der Union, Oberst Hickok in das entgegengesetzte Lager zurück.

Wenige Tage später, als die Truppen der Südstaaten die Stellung der Unionisten einzuschließen begannen und eine Schlacht bevorstand, sah man plötzlich zwei Reiter aus den feindlichen Reihen ausbrechen und in rasender Eile auf das diesseitige Lager zu jagen. Es war, als ob der Anblick dieser unerhört kühnen Flucht die Feinde einen Augenblick lähme. Gleich darauf wurde jedoch den beiden Flüchtlingen ein wahrer Kugelregen nachgesandt, und einer von ihnen sank getroffen vom Pferde, noch ehe die herbeigeeilte Unterstützung, zu der auch Will gehörte, sie hätte erreichen können. Als der Überlebende näher kam, rief Will: »Es ist der Wilde Bill, der Unionskundschafter!«

Lautes Freudengeschrei begrüßte den kühnen Oberst Hickok, als er, umgeben von einer Schar von Bewunderern, ins Lager ritt. Die Nachrichten, die er mitbrachte, erwiesen sich bei der bereits erwähnten Schlacht am Pilot Knob, die fast unmittelbar darauf folgte, von großem Wert.

* * *

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