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Bubi und Mädi

Else Ury: Bubi und Mädi - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleBubi und Mädi
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
seriesProfessors Zwillinge
volume1. Band
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20150119
modified20150223
projectid6311606c
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1. Kapitel. Die kleinen Zwillinge

Bubi und Mädi sind Zwillinge. Wißt ihr was das ist? Bubi und Mädi wissen es ganz genau, trotzdem sie noch nicht fünf Jahre alt sind. Fragt eine fremde Tante im Park sie, wie alt sie seien, dann sagt Mädi: »An unsern Geburschtag werden wir fünf.« Und Bubi verbessert jedesmal wie ein kleiner Lehrer, trotzdem er auch noch nicht ganz richtig sprechen kann: »Geburtstag heißt es.«

»Ja, Kinder, wann habt ihr denn Geburtstag?« fragt die fremde Tante dann.

»An unserm erschten Devember«, ruft Mädi. Aber Bubi überschreit sie: »An unserm ersten Dovember.«

»Am ersten November, ja, habt ihr denn beide an einem Tage Geburtstag?« fragt dann wohl die fremde Dame verwundert.

Nun sind es Bubi und Mädi, die sich verwundert anschauen, daß eine große Dame noch so dumm sein kann, das nicht zu wissen.

»Aber wir sind doch Schwillinge«, erklärt Mädi stolz, daß sie etwas besser weiß, als eine große Tante.

»Zwillinge heißt es, Mädi«, verbessert Bubi wieder. »Wir haben an einem Tag Geburtstag.«

»Mutti sagt, wir sind gansch gleich alt, darum sind wir Schwillinge«, wiederholt Mädi noch einmal, damit die fremde Tante es auch begreift.

»Zwillinge is ich und mein sein Mädi – aber ich bin viel mehr alt.« Bubi erklärt dies mit ungeheurem Stolz.

Nun lacht die fremde Tante.

»Ja, wenn ihr Zwillinge seid und beide ganz gleich alt, dann kann doch keines von euch älter sein.«

»Is die dumm!« Bubi sagt es mit tiefer Verachtung zu Mädi. »Wenn ich doch aber zwei Stunden eher da gewesen bin und ßon so groß war, wie Mädi noch so klein war, dann muß ich doch viel mehr alt sein, sagt Vati.«

»Ja freilich, wenn du zwei ganze Stunden früher geboren bist als dein Schwesterchen, dann bist du viel älter«, scherzt die fremde Tante. »Nun müßt ihr mir aber auch noch verraten, wie ihr heißt.«

»Das is mein sein Mädi« – »das is mein sein Bubi« – die beiden Kleinen schreien es durcheinander.

Die fremde Dame blickt belustigt auf die reizenden Kinder, die sich mit ihren braunen kurzgeschorenen Köpfchen so ähnlich sehen, wie ein Ei dem andern.

»Bubi und Mädi heißt ihr? Habt ihr denn nicht noch einen anderen Namen?«

»Doch«, sie nicken eifrig. »Mutti sagt mein Seelchen oder auch du Slingel. Und Vati sagt mein Hundetiersen und du Ruppsack.«

Ein anderer Name ist aus den beiden nicht herauszubekommen. Sehr schwer ist es auch, zu behalten, wer eigentlich Mädi und wer Bubi ist. Denn die zwei sehen ganz gleich aus. Ihre dicken braunen Beinchen sind nackt. Sie tragen keine Strümpfe, nur Sandalen. Alle beide stecken sie in grauen Leinenspielhöschen. Die Haare sind bei beiden gleich kurz geschnitten. Freilich, wenn sie von Haus fortgehen, hat Mädi meistens ein rosa oder ein blaues Schleifchen im Haar, das wie ein winziger Pinsel mitten auf dem Köpfchen emporsteht. Aber schon nach wenigen Minuten hat es Reißaus genommen. Meistens steckt das Schleifchen dann in der Tasche von Frau Annchen. Das ist die gute alte Kinderfrau der beiden Kleinen. Oder aber Bubi quält solange, bis Frau Annchen ihm das Schleifchen ins Haar bindet. Denn sein größter Wunsch ist es, auch solch ein Pinselzöpfchen zu haben wie seine Mädi. Ja, dann ist es noch viel schwerer, die beiden kleinen Zwillinge nicht zu verwechseln. Aber wenn man ganz genau hinsieht, dann merkt man, daß eins blaue Augen hat und eins braune. Die lustigen durchtriebenen Blauaugen gehören dem Bubi. Und die ebenso lustigen, aber doch ein wenig schüchterner blickenden Braunaugen der Mädi. So erklärt Frau Annchen den fremden Damen oder Herren, die sich im Park mit den kleinen Zwillingen freuen.

»Ei freilich, haben sie auch noch andere Namen, unsere Kinder.« Frau Annchen ist ordentlich beleidigt. »Der Bubi heißt eigentlich Herbert, und die Mädi heißt Suse. Aber wir rufen sie nur Bubi und Mädi, weil nämlich die Mama von den beiden aus Süddeutschland her ist. Und da sagt man so.«

Frau Annchen ist ungeheuer stolz auf ihre Kinder. Sie strahlt, wenn die Leute Bubi und Mädi »allerliebst« finden. Und sie strahlt noch mehr, wenn man sie für die Großmama der Kinder hält.

Bubi und Mädi können sich dann gar nicht beruhigen vor Lachen: »Aber das is doch keine Omama, das is doch unser Frau Annßen.«

»Unser Frau Annchen is das!« bestätigt Mädi. »Aber Omamas haben wir auch. Schwei Stücks. 'Ne grosche und 'ne kleine.«

»Und die große gehört Bubi seine und die kleine is Mädi seine«, berichtet Bubi zutraulich weiter. »Aber Opapas haben wir man einen. Den müssen ich und mein sein Mädi uns teilen.«

Die großen Leute, die auf der Bank sitzen, lachen alle. Bubi weiß gar nicht, warum sie lachen. Er hat doch gar nichts Lustiges gesagt. Große Leute sind manchmal schrecklich albern und lachen über Dinge, die Kindern ganz ernst sind, findet Bubi.

Bubi will nicht ausgelacht werden. Er hat seinen Stolz, wenn er auch noch solch kleiner Mann ist. Darum zeigt er, daß er noch mehr weiß. »Mein seine große Omama wohnt mit unserm Opapa in Freiburg, das is ganz doll weit weg.«

»Und Mädis kleine Omama is in Berlin, das is gar nich doll weit. Da können Mädi und ihr Bubi immer mit der Puffpuffbahn hinfahren und schwei grosche Stück Kuchen kriegen.« Mädi will nun auch zeigen, daß sie nicht dümmer ist als Bubi.

»Zwei große Stück Kuchen heißt es, Mädi.« Bubi muß in den zwei Stunden, die er früher auf der Welt gewesen ist als sein Zwillingsschwesterchen, entschieden besser sprechen gelernt haben. Er verbessert sie andauernd.

Frau Annchen unterbricht die Auseinandersetzung. »Nun ist genug klug geschnackt. Jetzt nehmt ihr eure Eimerchen und buddelt Sand.«

Bubi und Mädi ziehen mit Eimerchen und ihrer »Schippe« zu dem großen Sandberg in der Mitte des Spielplatzes, auf dem es von Kindern kribbelt wie auf einem Ameisenhaufen.

Frau Annchen erzählt indessen den fremden Leuten, während sie die Nadeln an ihrem Strickzeug klappern läßt, daß sie schon über dreißig Jahre in der Winterschen Familie sei. Daß sie bereits den Vater von Bubi und Mädi, den Herrn Professor Winter, als er noch kleiner gewesen wäre als die beiden Kinder, auf ihren Armen getragen hätte. Ja, ja, das waren noch andere Zeiten, damals in Westpreußen. Aber jetzt sind die Polen da drin, und darum sei die alte Frau Winter, Bubis und Mädis kleine Omama, wie die Kinder sie immer nennen, weil sie kleiner ist als die andere Omama, mit ihr nach Berlin gezogen. Und sie, Frau Annchen, sei nun beim jungen Herrn Professor Kinderfrau geworden, und die lieben Kinderchen seien ja auch so artig. Hier muß Frau Annchen sich unterbrechen, denn sie bemerkt plötzlich zu ihrem Erstaunen, daß ihre lieben Kinderchen durchaus nicht artig sind.

»Bubi, wirst du wohl nicht mit der Sandschippe hauen – aber Mädi, wer wirft denn andere Kinder mit Sand – pfui, wie unartig!« Frau Annchen setzt sich in Trab, um wieder Frieden zu stiften.

»Na, wenn die ollen Kinder immer los mein sein ßönes Fernrohr, das ich und mein sein Mädi bauen, tot trampeln, denn muß ich sie doch doll verkloppen«, ruft Bubi mit blitzenden Augen und schwingt kriegerisch seine Schippe gegen die ängstlich zurückweichenden anderen Kinder.

»Mädi schmeißt ihn die Augen voll Sand, daß sie behaupt nich mehr schukucken können, wenn Bubi und Mädi ihr grosches Fernrohr bauen.« Mädi läßt wiederum einen Sandregen über die kleinen Spielgefährten herniederprasseln.

Da fühlt sie einen derben Klaps auf ihrer Hand.

»Du bist ganz ungezogen, Mädi, Frau Annchen hat dich gar nicht mehr lieb.«

Die braunen Kinderaugen füllen sich mit Tränen. Mädi wirft ihre Sandschippe fort und macht dafür mit der Unterlippe ein weinerliches »Schippchen«.

Bubi schmiegt den braunen Kopf an Frau Annchens weiße Schürze. »Aber mich hat Frau Annchen doll lieb, weil ich gar nich gesmeißt, bloß gehauen habe«, sagte er eifrig.

»Wenn du gehauen hast, ist das genau ebenso häßlich – schämt euch nur alle beide.« Frau Annchen geht wieder zu ihrem Strickzeug zurück.

Bubi und Mädi sehen sich an und schämen sich. Aber weil das auf die Dauer ziemlich langweilig ist, schlingt Bubi tröstend den Arm um Mädi: »Laß man, Mädi, wein man nich, Bubi hat sein Mädi doch doll lieb, wenn sie auch mit Sand smeist.«

Da ist Mädi wieder getröstet. Aber als Frau Annchen nach einem Weilchen zum Frühstück ruft, traut sich Mädi doch noch nicht wie Bubi, der seine Unart längst vergessen hat, auf sie loszustürzen und das weißblau gestreifte Leinenkleid von Frau Annchen, das so schön wie Seide knistert, zärtlich zu zerdrücken. Sie steht mit schuldbewußten Augen abseits und sieht zu, wie Frau Annchen zwei Lätzchen, die Butterbrote, die Milchflasche mit den niedlichen Trinkbechern und zuletzt noch eine Tüte Kirschen aus der gelben Strohtasche auspackt. Die Kirschen veranlassen Mädi, sich ein paar Schritt näher heranzuwagen.

»Bischte noch böse, Frau Annchen?« Ihr kleines Händchen streichelt schüchtern die braunrunzelige Hand der alten Kinderfrau.

»Wenn Mädi wieder artig sein und nie mehr mit Sand schmeißen will, ist Frau Annchen nicht mehr böse.«

»Nie mehr schmeißen«, beteuert Mädi, den Kopf an Frau Annchens Brust versteckend. »Bloß manchmal, wenn mein sein Bubi verhaut wird.« Denn das kann Mädi nicht mit ansehen, daß man ihrem Zwillingsbrüderchen etwas tut. Dann wird das kleine Ding fuchswild, so brav es auch sonst ist.

Und dann lassen sie sich beide die schönen Kirschen schmecken.

»Die Steine in das Papier spucken«, sagt Frau Annchen.

»Um Himmels willen keine hinunterschlucken, denn dann wächst ein Kirschbaum aus dem kleinen Bauch heraus.«

Davor haben Mädi und selbst Bubi große Angst. Jedes Steinchen wird sorgsam in das Papier getan. Wenn aber zwei Kirschen an einem Stengel zusammengewachsen sind, dann ruft Bubi jubelnd: »Das sind Zwillinge wie ich und mein sein Mädi.«

»Kirschenschwillinge sind das.« – Mädi hängt die roten Früchte ihrem Bubi als Ohrringe an jedes Ohr. Bubi tut dasselbe mit Mädis kleinen Ohren. Wenn sie ihr Frühstück aufgegessen haben und das Lätzchen abgebunden, gehen sie wieder zum Sandspielplatz. Und alle Kinder bewundern ihre schönen Kirschenohrringe.

Nun wird weiter an dem großen Fernrohr aus Sand gebaut. Die Kinder, die vorher Bubis und Mädis Fernrohr kaputt getrampelt haben, helfen jetzt. Da ist es kein Wunder, daß es schnell wächst.

»Bis in'n Himmel muß es reichen,« ruft Bubi, »sonst kann man die Sternßen behaupt nich sehen.«

Ein alter Herr, der seinen Spaziergang macht, bleibt stehen und schaut zu.

»Das wird aber ein großer Turm!« sagt er.

»Das is behaupt kein Turm!« Bubi muß sich sehr wundern, daß solch ein alter Herr nicht mal ein Fernrohr von einem Turm unterscheiden kann.

»Na, was soll denn das werden? Eine Puffbahn?« fragt der alte Herr wieder.

»Och, das is behaupt keine Puffbahn, das is doch'n Fernrohr«, kommt jetzt Mädi ihrem Bubi zu Hilfe.

»Was ist das?« Der alte Herr versteht sie nicht.

»Ein Fernrohr – ein ganz großes, bis in'n Himmel.« Bubi schreit, daß die Bäume wackeln vor Schreck. Denn er denkt, der alte Herr hört schwer, weil er schon so alt ist.

»Ein Fernrohr?« Jetzt lacht der Herr. »Ja, Kleiner, weißt du denn überhaupt schon, was ein Fernrohr ist?« Der alte Herr schüttelt verwundert den Kopf.

»Natürliß. Vati hat doch eins.« Bubi ist geradezu in seiner vierjährigen Ehre gekränkt. »So 'ne lange Tute, die reicht bis in'n Himmel. Da kann man, wenn man doll artig ist, durchgucken, und alle Sternßen und alle Engelßen und'n lieben Gott sehen.«

»Auf unsrer Galerie steht das Fernrohr, aber nich anfaschen, sonst beischt's, sagt Vati«, erzählt nun auch Mädi.

Frau Annchen kommt schnell herbei. Das tut sie immer, wenn ein Fremder mit ihren Kindern spricht.

»Seit fünfzig Jahren gehe ich hier in dem Treptower Park spazieren,« sagt der alte Herr zu Frau Annchen, »viele Kinder habe ich beim Sandspiel beobachtet. Sie haben Kuchen gebacken, hohe Berge mit Brücken gebaut, Häuser, Bahnen und Tunnel. Aber daß ein Kind ein Fernrohr baut, das habe ich in den ganzen fünfzig Jahren noch nicht gesehen.«

»Das macht bloß, weil wir so ein großes Ding auf unserer Galerie stehen haben«, erklärt Frau Annchen, »Was nämlich der Vater von unseren Kindern ist, der ist Professor hier an der Treptower Sternwarte, und da studiert er immer die Sterne durch sein langes Rohr. So, Bubi, mach'n Diener, Mädi, mach'n Knicks. Packt eure Sachen zusammen. Wir müssen jetzt nach Haus.«

Frau Annchen wischt ihnen die sandigen Händchen ab. Bubi macht einen Knicks und Mädi einen Diener. Das tun sie immer aus Ulk, weil es ihnen Spaß macht. Aber der alte Herr merkt es gar nicht. Denn sie sehen ja ganz gleich aus.

Dann nimmt Frau Annchen die beiden kleinen Zwillinge an die Hand, und sie gehen durch den Park nach Haus, noch ehe das große Sandfernrohr bis in den Himmel reicht.

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