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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Achtes Kapitel

(Bruder findet sich in das Unvermeidliche. Seine Lebenserfahrung bereichert sich durch allerhand Menschliches. Er kehrt, um manches klüger, zurück in die Schachtel der Geborgenheit)

Meine Wunden heilten. Ich fügte mich nun. Ein geregeltes Leben begann. Die Zeit, die Robert zwischen seinen Arbeitsstunden zu Haus verbrachte, war meiner Ausbildung gewidmet. Ich lernte springen. Höher und höher. Versteckte Dinge suchen, finden und wiederbringen. Ich wurde auf den Mann dressiert. Schrie Robert: »Bruder, pack an,« mußte ich einer Puppe aus Stroh und Gestank mit meinen Zähnen an die Nasenspitze.

Als ich Mitschüler hatte, sah ich, daß diese dem Strohmann an die Gurgel fuhren. Ich wollte es nicht schlechter machen. Es schien mir auch natürlicher.

Die Peitsche lehrte mich, daß, was für den einen recht ist, noch nicht für den andern paßt. Frau Alwine hatte gewünscht, daß ich auf die Nasenspitze dressiert würde. Der Sprung an die Gurgel schien ihr zu grausam und zu gefährlich. Ich hatte die dicke Lina oft sagen hören, daß das Herz der gnädigen Frau butterweich wäre. Lina befürchtete, daß es einmal zerschmelzen könne ...

Meine freien Stunden durchschnüffelte ich nach Futter. Suchte ich Ruhe oder angenehme Gesellschaft, setzte ich mich zwischen die Kinder. Wir saßen zwischen den Müllkästen. Da, wo der Hof sauber und gefegt war, durften wir nicht herumspringen. Das war streng verboten.

Oben an den Fenstern saßen die Mütter und hielten Wacht. Sie schälten Kartoffeln oder hatten Nadel und Faden zwischen den Fingern.

Oft wurde gesungen. Die Kinder zwischen den Müllkästen, die Mütter oben an den Fenstern.

Es gefiel mir noch besser als Fräulein Angelikas Gesang. Wenn alle Stimmen durcheinanderquietschten, konnte ich auch hier nicht anders, ich mußte einstimmen. Aber es dauerte auch hier nicht lange, bis man rief: »Kusch, Bruder, kusch dich«. War mein Eifer größer als mein Gehorsam, schüttete man mir Wasser auf den Kopf. Auch unangenehmere Flüssigkeiten. Die mich beleidigten.

Ich schlich dann fort. Ich begriff, daß Menschen jeglichen Standes nur das gefällt, was sie selber tun ...

Mit meinen Mitschülern freundete ich mich nicht an. Ich muß gestehn, ich war eifersüchtig auf sie, weil sie bevorzugt wurden. Ich suchte sie bei jeder Gelegenheit zu beißen.

Robert hatte sie gegen einige Päckchen Kaffee eingetauscht. Sie waren auf dem Nachbarhof geboren. Aber, wie Robert sagte, so rasserein wie ich. Und wie selten ein Mensch.

Diese Bemerkung verursachte einen Zwischenfall im häuslichen Leben.

Roberts Frau warf den Suppenlöffel, den sie in der Hand hielt, durch den Raum und fragte, ob Robert damit sagen wolle, daß es in diesem Nest Kuckuckseier gäbe.

Robert schrie, wer sich ungebeten entschuldige, klage sich an.

Die Frau schrie zurück, daß sie Anton so wenig in ihrer Kammer sähe, wie die Sonne.

Man wohnte mit der Wand zur Sonne. Wir Hunde waren selbst des Nachts lieber im Freien, als zwischen den kalten Steinen.

Jenen Anton jedoch kannten wir. Er kam oft, wenn Robert fort war. Er warf uns stets ein großes Pack Knochen zu, ehe er die Schwelle überschritt. Wir mochten ihn gern. Bedeutend lieber, als Robert. War Anton anwesend, so klang die Stimme der Frau so angenehm, wie sonst nur, wenn sie einmal eins der Kinder in Schlaf schaukelte.

Viele laute Worte sagten sich Robert und seine Frau. Wir verkrochen uns. Wir wußten, plötzlich waren wir es, die die Peitsche fühlen mußten. Seiner Frau tat Robert nie etwas Böses. Auch damals nicht. Mitten im Toben schlug seine Stimme um. Er holte das Kleinste aus dem Wäschekorb, preßte es an sich und rief, ein Stückchen Glück möchte doch jeder für sich allein haben. Für wen denn setze man sein Blut in Schweiß um?

Etwas in seiner Stimme bewog mich, vorzukriechen. Ich legte meinen Kopf auf sein Knie. Ich leckte über die weiche Wange der Kleinen, die im festen Schlaf geblieben.

Mein Tun war gewiß Untreue gegen meinen geliebten Herrn. Aber ich suchte nach einem neuen Freunde, ich muß es eingestehst. Ich lauerte auf ein gutes Wort. Mehr wie je auf ein Stück Wurst.

Robert fuhr auf. Ich bekam einen kräftigen Fußtritt. Soll mein Kind den Hundewurm kriegen von der hochgestellten Kaffeekönigsbestie?

»An die Arbeit, Bruder,« schrie er, »Arbeit hilft über alles hinweg.«

Ich lernte, daß auch das Abgewöhnen von Zärtlichkeitsbeweisen zur Bildung gehörte. Wir waren da, um Feinde zu beißen. Nicht zum Schlecken und Lecken. Unser Speichel konnte dem besten Herrn gefährlich werden.

Die Peitsche sauste.

Dabei schrie Robert, daß ein Kavalier, wie mein geliebter Herr, zwar genug Gegenbazillen in seinem feinen, wohlgepflegten Körper haben sollte. Aber Bildung wäre Bildung. Vor feinen Herrn die Zunge fest im Maul behalten, das sei die erste Bildungsstufe ...

In dieser Art gingen die Tage. Bis sich eines Morgens manches zu ändern begann. Mein Futternapf war reichlicher gefüllt als der meiner Mitschüler. Mein Fell wurde sorgsam gestrählt. Die Stimmen waren freundlich. Ich wurde behandelt, wie Gäste in der Schachtel der Geborgenheit oder wie Anton von Roberts Frau.

Große Veränderungen beunruhigen. Ich suchte unter meinen wenigen Erfahrungen nach Aufklärung. Die dicke Lina kam mir wieder ins Gedächtnis. Als sie mit einer Gans besonders schön getan hatte. Stets mit ihr auf dem Schoß gesessen. Ihr Nudel auf Nudel in den Schnabel gesteckt hatte.

Onkel Tom, wenn er vorüberging, murmelte: »Leda mit dem Schwan.«

Die dicke Lina schalt dann in das Gansgefieder, daß Onkel Tom altersschwächer werde von Tag zu Tag. Namen verwechsle er schon und Tierarten.

Aber die Gans, so zärtlich behandelt, sah ich eines Tages gerupft in der Pfanne. Ihre Leber ging von Hand zu Hand. Und die dicke Lina wurde von der gnädigen Frau belobt, als wäre es ihre eigne Leber ...

Meine Besorgnis war unnötig gewesen. Im Gegenteil. Das Ungewohnte hatte kommende Freude bedeutet. Eines Morgens wurde ich besonders gesättigt und gestrählt, und auch Robert kleidete sich in Stoffe, die ohne jeden Geruch waren. Die Glocken läuteten. Ich erinnere mich daran, weil ich hatte versuchen wollen, sie zu überbellen. Und erstaunt gewesen, nicht die Peitsche dafür fühlen zu müssen. Es war also wohl ein Sonntag. Alles war freundlich, wie die Luft, in der kommende Wärme zu schnuppern war. Jede Jahreszeit hatte ihren eignen Geruch.

Roberts Frau bürstete immer noch einmal Roberts Rock, zupfte seine Krawatte zurecht und lächelte freundlich.

Sie sagte, daß sich Robert ruhig Zeit lassen möge. Sich von dem hübschen Verdienst, den man ihm ausbezahlen werde, etwas für sich selbst gönnen solle. Er brauche einmal nicht an jedem Wirtshaus vorüberzugehen.

Robert antwortete, es scheine ihr viel daran gelegen zu sein, allein zu sein.

Sie lachte und sagte, daß es nur die Stopfnadel und der Fingerhut sein würden, mit denen sie sich amüsieren würde.

Robert lächelte ihr nickend ins Gesicht. Ich bellte. Alles war heute heiter und gut.

Robert pfiff. Wir verließen den engen Hof. Die Kinder liefen uns nach. Wendeten zärtliche Worte an mich. Eines steckte mir eine Mohrrübe, an der es gekaut hatte, ins Maul. Ein andres eine rohe Kartoffel, die es zur Hälfte selber gegessen hatte. Ich schleppte beides eine Weile im Maule mit. Fressen tut ein Dobermann dergleichen nicht.

Ich ließ sie, als ich Anton spürte, hinter der Tür des Nachbarhofes fallen. Ich wollte ihn freudig begrüßen. Aus seinen Taschen roch es nach Braten und Wurst.

Robert pfiff. Er zeigte die Peitsche. Er konnte nicht spüren, was hinter Mauern war. Er glaubte, ich wolle davonlaufen. Er seilte mich an. Wir gingen dicht an Anton vorüber. Ich hob mehrmals den Kopf zu Robert. Er bemerkte ihn nicht ...

Wir schritten rasch vorwärts. Robert sprach freundlich zu mir. Aber ich hielt die Ohren gespitzt. Was hatte er vor mit mir? Wohin sollte es gehen?

An einem Gartenplatz am Ufer setzte sich Robert auf eine Bank und lud mich neben sich. Er kraute mir das Fell und sagte, der Teufel mag wissen wieso, aber er habe sich an mich gewöhnt.

Die Sonne kam hervor und legte sich breit über uns. Ich streckte meine Vorderpfoten aus und ließ mich wärmen.

Robert lachte auf. Er sagte, daß ich das Gute zu genießen verstände. Man merke, wo ich geboren. Dabei dehnte er sich selber behaglich. Die Peitsche fiel zu Boden, ohne daß er es merkte.

Ich brachte sie ihm. Er klopfte mich aufs Fell.

»So sind wir, Bruder, wenn wir gut dressiert sind. Bringen die Peitsche selber im Maul,« sagte er.

Ich legte meine Schnauze auf Roberts Stiefel. Robert gefiel mir Einsamem heut.

Die Sonne wärmte, die Luft war voll Glockenton und Bratenduft. Aus den Häusern kam Geschirrgeklapper und Geschwirr zufriedener Stimmen. Alles was an uns vorüberging, sah sauber aus und freundlich, ich brauchte mich nicht zu rühren.

Robert sah auf die Uhr, stopfte seine Pfeife und blies den Rauch gemächlich in die klare Luft.

»Am Sonntag kann jeder Schuft den feinen Herrn spielen,« sagte er. »Das steht schon in der Bibel. Jetzt bin ich der Herr Senator. Verstehst du, Bruder?«

Er stellte seine Füße auf meinen Nacken und blickte über das Wasser.

Ich fühlte mich zufrieden. Geehrt. Seltne Gunst schätzt man besonders.

Robert begann, seine Pfeife mit denselben Bewegungen zu rauchen, wie der Herr Senator seine dicke Zigarre zu handhaben pflegte.

Er sagte, daß wir uns nun vornehm unterhalten müßten.

Ich hob den Kopf. Allzu große Liebenswürdigkeit drückt auf die Dauer. Es wäre mir angenehm gewesen, wenn Robert seine Füße wieder aus meinem Fell entfernt hätte.

»Nicht die Zähne zeigen, Bruder,« sagte Robert. »Reiche Leute wollen angenehm unterhalten sein. Wollen stets in fröhliche Laune gesetzt werden. Du wirst doch nicht von den Schweinehunden, den Arbeitern reden wollen?«

Eine Fliege biß mich. Ich schüttelte mich.

Robert lachte auf. Hart. Ich erschrak. Den Ton kannte ich. Als Begleiterscheinung der Peitsche. Ich versuchte, unter den Stiefeln davonzukriechen.

»Du willst doch nicht widersprechen, Bruder? Etwa diese immer unzufriedene Bande in Schutz nehmen? Was bilden sich die Kerle ein? Glauben sie, daß alle in der Welt es gut haben können?«

Ich hatte mich befreit vom Druck der festgebauten Stiefel.

Nicht nur aus Eigennutz, es war Pflicht geworden.

Robert hatte im Lärm seiner Worte nicht gespürt, daß sich uns jemand leise schlürfend genähert hatte. Nun er bei uns angelangt war, roch ich sofort, daß es eine harmlose Kreatur war. Nicht nur das. Auch eine sehr alte. Ich bellte doch auf, um Robert aufmerksam zu machen. Man schwatzt mit mir nicht immer das, was jeder zu hören braucht.

Der Angekommene hatte sich mit dem Rücken gegen Robert auf den Steinrand gesetzt. Er zog an einem Zigarrenrest, den ich auch beschnüffelt hatte. Er lag, bis vor kurzem einige Schritte vor unserm Ruheplatz.

Der Alte wendete sich zu Robert, stieß ihn mit den spitzen Knochen seines gebogenen Arms in die Seite und kicherte.

Mit dem zahnlosen Gaumen flüsterte er, daß das Leben doch der Mühe wert wäre, so lange noch Gottes Sonne kostenlos scheine.

Robert war gerad in einer Verwünschung unterbrochen worden.

Der Alte kicherte wieder. Er sagte, wäre er noch so intakt wie Robert, ginge er solchen Tags mit einer Liebsten spazieren, statt mit einem Hund.

Robert verzog das Gesicht. Er spuckte Tabak aus und sagte, der Alte scheine auf angenehme Weise in seine Klapperjahre geraten zu sein. Er bewundre seine Zufriedenheit.

Der kicherte wieder, sog am Zigarrenstummel und erzählte, daß er Schreiber gewesen wäre. Vierzig Jahre habe er sich vom Lebenskonto in gleichem Zimmer, am gleichen Tisch abgeschrieben. Vierzig Jahre sechsmal am Tage, den gleichen Weg zurückgelegt, zwischen Amtshaus und Heim.

»Verdammt einförmige Geschichte,« sagte Robert und spuckte wieder Tabak durch den Sonnenstrahl.

Der Alte war beleidigt. Nichts Abwechslungsreicheres hätte es geben können. Jeder neue Bogen, den man begann, war ein Genuß. Desgleichen jede neue blanke Feder, die man ins Zeilenlaufen brachte. Die Schnörkel der großen Anfangsbuchstaben konnten Kunstwerke sein, wenn man es verstände. Und welch Behagen das leise Geräusch der Feder auf dem Papier. Im Winter bei Gaslicht und Ofenwärme, im Sommer und Frühling bei geöffnetem Fenster, Sonnenschein und fernem Vogelgezwitscher, im Herbst beim Getick der Regentropfen gegen das Fensterglas. Nichts Schöneres und Merkwürdigeres als dieses konnte es geben.

»Und nun?« fragte Robert.

»Pensioniert,« sagte der Alte leise.

Er verzog das Gesicht, wie Roberts Kinder, wenn er sie auf einem Unrecht ertappte. Ich leckte ihm einmal über den Schuh.

Robert lachte auf. »Und nun nicht genug zum Leben und zu viel zu Sterben. Als Lohn für den langen Spaß. Wie?«

Der Alte legte den Kopf von der einen Seite auf die andere und blinzelte in die Sonne.

Nach einer Weile sagte er: »Solch hübscher Tag kostet keinen Pfennig extra. Das Beste hat man umsonst.«

Robert stand auf und nahm die Peitsche in die Hand.

»Pfui Teufel,« sagte er, »solche Sanftmut stinkt schon.«

Er griff in seine Brusttasche und holte seine Sonntagszigarre hervor. Ich kannte sie, weil sie sehr sorgfältig behandelt wurde. Stets in Seidenpapier gewickelt war.

Er gab sie dem Alten und sagte, der solle sie rauchen.

Dieser sträubte sich. Robert sagte, daß er sie selber nicht möge und sonst ins Wasser werfen werde.

»Gott behüte,« rief der Alte und griff nach der Zigarre. Er betrachtete sie von allen Seiten, kicherte und murmelte mancherlei.

Robert pfiff mir und wir trabten weiter.

»Schweinerei, Schweinerei«, murmelte Robert vor sich hin.

Er schwenkte die peitsche durch die Luft. Mir war ungemütlich.

Plötzlich schnupperte ich auf. Ich stutzte, schnupperte wieder. Erregung packte mich. Den Weg kannte ich. Ich fühlte die Spur meines geliebten Herrn. Jeder Irrtum war ausgeschlossen.

Denk' ich daran zurück, wundert's mich, wie leicht getäuscht das Menschenauge, wie unbeirrt die Hundeschnauze ...

Ich setzte mich in Bewegung. Robert war vergessen, seit die heimatliche Spur meine Nase betäubte. Er jedoch hatte mich gut im Auge. Nach wenigen Sätzen fühlte ich die Kette am Hals.

»Manierlich zurückmarschiert!« befahl er.

Aber Angst und Rücksicht waren vorbei. Er mußte mit mir springen. Ich zog und zerrte ihn vorwärts, ohne mich beirren zu lassen.

Da war das Gittertor.

Robert klingelte, zog sich den Rock zurecht, wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Bald waren wir im Garten. Ich bellte wie ein Rasender. Viele Leute kamen aus dem Haus. Man feierte meines geliebten Herrn sechzehnten Geburtstag.

Da waren sie plötzlich wieder da. Der Herr Senator, die gnädige Frau, Fräulein Angelika. Ich drehte mich im Kreis um sie, um mich selbst, ich mußte mich vor Übermaß des Glücks fortwährend in den Schwanz beißen.

Als ich meines geliebten Herrn ansichtig wurde, war meine Stimme heiser vor Freudenraserei.

Die Damen hielten sich die Ohren zu.

»Rührend, aber fürchterlich,« rief Fräulein Angelika und lief ins Haus zurück.

Frau Alwine fürchtete, ich könne toll sein.

Der Herr Senator beruhigte seine Gattin. Dies wäre nicht die Saison für Tollwut. Ich wäre nun einmal nur ein Tier und bezeuge meine Freude auf tierische Weise. An der Schöpfung ließe sich nichts ändern.

Robert machte bescheiden darauf aufmerksam, daß ich trotz sichtlicher Wiedersehensfreude niemanden zu lecken versuche.

Herr Senator klopfte ihn auf die Schulter und belobte ihn.

Man brachte Wein und Kuchen für Robert.

Ich war unruhig geworden, als ich den Herrn Senator dicht neben Robert sah. Nicht nur meine Schnauze, auch mein Rücken wußte, wie Robert dem Herrn Senator gesinnt war. Ich zitterte, nicht wissend, wessen Partei zu ergreifen sein würde.

Nichts schwerer, als sich unter den Menschen auszukennen. Damals ahnte ich es. Jetzt weiß ich es.

Zu meinem Staunen ließ Robert nur eine Verbeugung der andern folgen. Behauptete, daß alles hier viel zu gut für ihn wäre.

Der Herr Senator holte seine Brieftasche hervor. Ich stellte mich bereit. Aber Robert wollte nicht einmal die Scheine nehmen, die ihm der Herr Senator überreichte. Schließlich ließ er sich dazu überreden. Unter erneuten Verbeugungen ließ er die Scheine in seine Tasche gleiten.

Nun wendete er sich zum Gehen. Ich will gestehen, ich verkroch mich unter der Steinbank. Aus Furcht, ihm wieder folgen zu müssen.

»Wie sich Bruder verkriecht,« rief mein geliebter Herr und fragte, ob ich es etwa streng gehabt hätte.

Robert ließ die Peitsche durch die Luft sausen und sagte, daß ich dieses Instrument bei ihm nur vom Ansehen gekannt hätte. Dazu lachte er. Ein Lachen, das ich und mein Fell kannten. Damit aber war er hinaus.

»Ein gutmütiger Mensch,« sagte Frau Alwina und teilte ein Stückchen Konfekt zwischen sich und mir.

Ich hob meinen Kopf. Keiner widersprach. Ich ging unruhig auf und ab. Noch heut weiß ich nicht, ob es gut oder schlecht ist, daß sich die Menschen so wenig auskennen untereinander ...

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