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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Siebentes Kapitel

(Bruder wird von seinem Herrn getrennt. Wagt das Abenteuer heimlicher Flucht. Macht die Bekanntschaft eines Bettlers, der ihm manches zu sagen hat. Wird erwischt, zurückgebracht und lernt manches zu)

Ein Leben, dessen Zukunft wir im voraus wüßten, wäre Unsinn. Wer wollte das Erraten eines Rätsels spielen, dessen Lösung ihm bekannt?

Mein geliebter Herr sagte das einmal zu einem Wandergesellen vor einem Wegweiser. Später, als wir die Welt durchtrabten. Als schon der Staub vieler Landstraßen auf uns gefallen war.

Er hatte gewiß auch darin recht. Aber die Zeit, die meinem musikalischen Versuch folgte, wäre mir leichter geworden, hätte ich geahnt, daß sie nur ein Zwischenfall sei. Daß ich zurückkehren würde zu meinem geliebten Herrn.

Ich fand mich plötzlich in fremder Umgebung. Andre Stimmen, andre Gesichter, unbekannte Gerüche, unruhiges Getümmel. Vergebens suchte meine Schnauze nach Erde unter dem schmelzenden Schnee. Sie rieb sich wund an Sand und Stein. Nur die Peitsche war die gleiche geblieben.

Sie mahnte mich, Haltung zu bewahren. Wer Rasse hat, behält Sehnsucht und Kummer für sich.

Begann ich zu winseln, kam die Peitsche von der Wand. Ein derber Mann führte sie. Er roch nach Schweiß und Kaffee und wurde Robert gerufen.

Später, als ich mit dem Herrn Senator Rundgänge durch sein Reich machen mußte, erkannte ich, daß Robert zu seinen Untergebenen gehörte.

Während meines Aufenthaltes bei Robert konnte ich das nicht erraten. Ich wurde die Bestie des Kaffeekönigs genannt. Das Wort Bruder wurde stets mit einem Peitschenhieb begleitet. Alle Tiere und Kinder, es gab hier viel davon, wurden ebenso mit Hieb und Knuff behandelt.

Viel später erfuhr ich durch ein Gespräch meines geliebten Herrn, daß unterdrückter Wille sich an Wehrlosen, Schwachen austoben müsse, um zu seinem verzweifelten Recht zu gelangen.

Damals verstanden, hätte dies meine Prügel erträglicher gemacht. Mit seinem Peiniger Mitleid zu haben, anstatt mit sich selbst, erleichtert das Leben. Ist Dobermannmoral.

Ich war also zu meiner Ausbildung hier. Ich mußte vollständig umlernen. Erst als mir der Magen hohl geworden war, daß er beim Laufen schlotterte, begriff ich, daß hier die Untersuchung des Abfalleimers Pflicht war.

Kam Robert von der Arbeit, schalt er die Frau meines magern Aussehens wegen.

Sie antwortete: Erst die Kinder, dann die Bestien.

Robert riet ihr, nicht verächtlich von mir zu sprechen. Ich würde ihnen zu manchem Braten verhelfen.

Ich erschrak. Ähnliche Worte hatte ich von der dicken Lina gehört. Bei Betrachtung eines fetten Huhns, eines Ferkels, einer Sau. Die ich dann bluten, prutzeln, anrichten gesehn hatte. Bis ich mich selbst an ihren Knochen freute.

Entsetzen packte mich.

Lebensunkundig, wußte ich nicht, daß Robert damals von dem hohen Pensionspreis sprach, den der Herr Senator für mich zahlte. Später erst hörte ich Robert einmal sagen, daß man für mich nicht weniger zahlte, als eine reiche Miß in einem vornehmen Hotel für ihre Verpflegung anzulegen hätte.

Robert galt als unübertrefflicher Fachmann in Hundedressur. Das Geheimnis seines Talents war uns Hunden nicht schwer zu erraten. Es war die Peitsche, skrupellos gebraucht. Robert hatte nie Zeit gehabt, mit Tieren und Kindern zu spielen. Der Unglückliche dachte, daß man mit Güte nichts erreichen könne auf dieser Welt.

Das mißverstandene Sonntagsgespräch brachte mich in unvergeßliche Berührung mit der Peitsche. Kaum, daß ich es erlauscht, hatte ich die Flucht ergriffen. Mit schnellen Sprüngen war ich davongejagt. Eine lange Pappelallee entlang. Dann trieb ich mich am Hafen herum. Dort gab es allerlei zu knabbern. Hunger schädigt den Charakter. Ein vorzüglicher Knochen nahm mich mehr in Anspruch, als es die einfachste Dobermannbildung verlangt hätte. Die Strafe folgte sofort. Ich fühlte einen Strick um meinen Hals. Man zog mich auf ein Schiff, dessen Anker gerade klirrend hochgezogen wurden. Kaum, daß man mich freigab, sprang ich ins Wasser und schwamm. Es war eine weitere Strecke geworden, als ich geglaubt hatte. Vollkommen erschöpft erreichte ich das Ufer. Auf den Steinstufen saß eine Gestalt, die wir Dobermanns anbellen, ohne daß uns jemand irgend etwas gelehrt hätte. Lumpen und Gestank verrieten Blick und Schnauze alles, was nötig war. Aber ich hatte nicht mehr die Kraft, meiner Bestimmung zu folgen. Nicht nur das. Ich kauerte mich sogar daneben. Weil sich dort Wärme und ein Streifchen Sonne ausbreiteten.

Mein Nachbar begann sofort mit mir zu reden. Mich zu krauen. Der Schwache ist jedermanns Spielzeug. Ich versuchte, zu schnappen, aber ich vermochte kaum, den Kopf zu heben. Er lachte. Er hielt mich für alt. Weil er es selber war.

Er sagte, daß man im Alter das Beißen verlernen müsse. Ob man wolle oder nicht.

Er betrachtete mich genau und kam zu der Überzeugung, daß ich jung ein hübsches Stück Geld wert gewesen sein mochte. Dann spuckte er ins Wasser und meinte, daß er auch einmal mehr getaugt hätte. Fürs Gewesne aber zahle niemand etwas.

Immer, wenn er etwas gesprochen, nahm er einen Schluck aus einer Flasche.

Er lobte mich, daß ich mich ins Wasser gewagt hätte. Das wäre gut für die Flöhe. Er selber litte leider an unüberwindlicher Abneigung gegen jegliches Wasser. Innerlich und äußerlich. Das wäre ihm das Verteufeltste am ins Gefängnis geschickt werden, daß man vorher ein Bad bekäme. Auch wieder, ob man wolle oder nicht.

Das wäre es überhaupt, der ganze durstige Spaziergang durchs Dasein, ein Müssen, ob man wolle oder nicht.

Er nahm einen sehr langen Schluck und begann zu winseln wie der Kater, den man mit zusammengebundenen Beinen ins Wasser geworfen hatte. Mein Mitleid überwog. Ich leckte ihm mit matter Zunge die salzigen Hände.

Er winselte stärker und redete mit heiserer Stimme in mein Fell hinein. Ich mußte an meinen geliebten Herrn denken. An seinen frischen Atem, seine blanken Augen, den hellen Klang seiner Stimme. Unter allen Stimmen aller Menschen hätte ich seine Stimme herausgehört. Warum kam er nirgends mehr, wo ich auch war? Ich wußte nicht, daß es zur Dressur gehörte, daß niemand aus der Schachtel der Geborgenheit mich sehen durfte während dieser Lehrzeit. Daß man meinem geliebten Herrn streng verborgen hatte, wohin ich gebracht worden.

Schmerz übermannte mich. Ich winselte leise.

Der Alte übertrumpfte mich noch. Es mag ein klägliches Konzert gewesen sein.

Der Alte schluchzte, daß endlich ihn einer verstände. Wir müßten zusammen bleiben.

Er entkorkte wieder die Flasche, holte ein Näpfchen aus seiner Mütze, goß darin ein und setzte es mir vor.

»Trinken wir Brüderschaft,« sagte er. Ich schnüffelte. Er brockte Brot dazu. Ich fraß und schleckte. Wie ein gewöhnlicher Kettenhund. Nicht wie ein Dobermann. Auch mit leerem Magen vornehm zu bleiben, hatte ich in der Schachtel der Geborgenheit nicht gelernt.

Der Alte fingerte an meinem Halsband. Meine Kräfte kehrten zurück. Ich witterte Gefahr. Ich fühlte den Strick, ohne daß ich ihn sah. Mit einem Satz war ich hoch. Ich bellte wütend. Ich zeigte, daß ich noch keineswegs zahnlos war.

Der Alte torkelte auf.

»Igittegitt,« rief er. »Dich hat der Branntwein tüchtig auf die Beine gebracht.«

Was er sonst noch sprach, hörte ich nicht mehr, ich vernahm nur noch meine eigne Stimme. Ich wollte nichts andres hören. Ich bellte wie rasend. Ich sprang hin und her, um meine gestärkten Glieder zu fühlen. Immer brüllender bellte ich. Vielleicht würde mein geliebter Herr mich hören.

Es kam anders. Wer mich hörte, war Robert. Der mich gesucht mit Wut und Übung. Bald fühlte ich die Leine am Hals. Die peitsche bis aufs Blut.

Nach einem allzu heftig geratenen Schlag versuchte ich, Robert mit meiner Schnauze nahe zu kommen.

»Ich glaub, der Kerl hat Schnaps gesoffen,« schrie Robert, als er meinen Atem spürte. Er wiederholte es in heftigem Neid.

Während nun Hieb auf Hieb fiel, schrie er, daß man in der Schachtel der Geborgenheit also auch nicht feiner geartet scheine als anderswo. Bekäme man keinen Wein, nähme man mit Schnaps vorlieb. Man müsse diesen vornehmen Bestien nur einmal Hunger und Durst zu schmecken geben. Dann würde sich zeigen, daß der Herr da oben keinen Unterschied vorgesehen zwischen seinen Ebenbildern ...

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