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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

(Bruder ahnt die Macht der Musik, und daß das Leben unter Menschen Schwierigkeiten birgt. Begleitet seinen Herrn auf ersten Herzensfahrten. Wobei wir ein niedliches Mädchen kennen lernen)

Ich hieß nun Bruder. Onkel Toms Kopfschütteln hatte ich vergessen. Alle waren mit meinem Namen zufrieden. Bald wußte ich selbst nicht mehr, daß ich einmal anders geheißen hatte.

Ich wurde der ständige Begleiter meines geliebten Herrn. Es war dies die Zeit, wo ich auch an seinen Unterrichtsstunden teilnahm und gebildet wurde, ohne es zu wissen und zu wollen.

Es war nun Winter. Es war behaglich im warmen Zimmer. Man konnte nicht begreifen, daß mein geliebter Herr und ich trotzdem nur darauf warteten, hinausspringen zu können. Wir wußten, was für Freuden draußen unsrer warteten. Über das gefrorene Wasser glitt mein geliebter Herr auf Eisenschienen. Mich hatte er angeseilt und so zog ich ihn blitzschnell vorwärts. Zuerst brannte der Frost meine Pfoten, als lief ich durch Flammen. Der bissige Wind stach mich durchs Fell hindurch, als hätte ich eine Schar Igel aufgebuckelt. Ich hielt mich tapfer. Es galt, das Vertrauen meines geliebten Herrn zu erhalten.

Meine Pfoten heilte Onkel Tom. Er sah alles. Vor ihm half kein Verstecken. Mein geliebter Herr hatte die Gedanken schnell wieder wo anders.

Er gefiel mir geradeso, wie er war. Er trug damals eine wollene Jacke, die seine ganze Brust freiließ. Er sagte, auch die Wintersonne wäre Sonne.

Nicht allein mir gefiel er. Da war noch jemand mit uns. Eine jemandin. Mit weißer Pelzmütze und weißem Flatterpelz um Hals und Schultern. Dazu ein kleines, weißrotes Gesicht, wie bei den feinen Figürchen, die im besten Zimmer der Schachtel der Geborgenheit unter Glas standen. Deretwegen ich stets hinausgeschickt wurde, damit kein ungeschickter Sprung ihnen Schaden zufügte.

Diese hier durfte ich umspringen, soviel ich wollte. Sie hatte stets Zuckerzeug oder Schokolade bei sich, von denen ich meinen Anteil bekam. Sie streichelte mich. Mein geliebter Herr befahl, daß ich mir diese Annäherung gefallen lassen müsse. Einmal küßte sie mich sogar auf die Schnauze, wobei sie aber meinen geliebten Herrn ansah. Hete hieß sie.

Oft zog ich beide, Achim und Hete. Das war ein Lachen, in das sich mein Bellen mischte. Ein Spektakel der Freude, durch den der Wind sauste.

Wenn wir verschnauften, rief mein geliebter Herr »Wie bist du schön, kleine Hete.«

Sie lachte und rief: »Wie bist du häßlich, großer Achim.«

Dann sausten sie aufs neue über die blanke Fläche.

Irr ich nicht, war es damals, wo sich mein geliebter Herr daran zu gewöhnen begann, mir seine Gedanken mitzuteilen. Wenn das Dunkel vor den Fenstern stand.

Er steckte sein Gesicht in mein Fell und sagte: »Nun denken wir an unser liebes kleines Mädchen.«

Er fragte mich, ob ich sie auch schön fände, die kleine Hete? Ob ich auch verstände, wie blau ihre Augen? Ob mir auch schwindlig würde, sobald ich einmal wirklich hineinsehen wollte?

Oft wurde er traurig. Er fragte mich, ob ich ihn auch wirklich lieb habe? Ihn hätte keiner lieb. Wohin sollte er mit all seiner Zärtlichkeit? Keiner wollte sie. Keiner brauchte sie. Oder weißt du doch jemand, der mich mag?

Ich vermochte ihm nur mit den Augen zu antworten. Es genügte ihm.

»Nicht die Worte machen das Verständnis aus,« rief er und pustete mich lachend auf die Schnauze.

Ernst und Scherz saßen ihm damals noch dicht nebeneinander.

Unzertrennlich war ich von meinem geliebten Herrn. Des Nachts schlief ich vor seiner Tür. Jeden hätte ich zerrissen, der sich ihm im Bösen hätte nahen wollen. Im festen Schlaf hätte ich gespürt, wenn sich einer solchen Sinnes weit draußen dem Gitter des Gartentors genähert hätte.

Angeborne Gaben werden in der feinen Gesellschaft weniger geschätzt als erworbene Kenntnisse. Ich hörte immer häufiger davon sprechen, daß ich nun bald einer gehörigen Dressur benötigte. Ich wäre im richtigen Alter dazu.

Das sollte Trennung von meinem geliebten Herrn bedeuten. Ich merkte dies daraus, daß sich mein geliebter Herr dagegen sträubte.

Er sagte, daß er nicht begreife, was ich noch zulernen solle. Ich wäre doch schon klüger, als sie alle miteinander.

Im Lob des Freundes soll man nicht zu weit gehen. Es schadet ihm sonst nicht weniger, als Tadel des Feindes. Der Herr Senator wurde heftig. Er verbot diese unehrbietige Ausdrucksweise aufs strengste.

Der Ton seiner Stimme verriet meinen gespitzten Ohren, daß mein baldiges Fortgebrachtwerden Gewißheit geworden.

Doch vielleicht fall ich hier in den menschlichen Fehler, andern zuschieben zu wollen, was man selbst verschuldet. Wahrscheinlich beschleunigte mein eignes Betragen diesen Entschluß.

Es war im Salon gewesen. Ich hatte mich eingeschlichen, obwohl mein geliebter Herr nicht dort war. Fräulein Angelika hatte mich angelockt. In Tönen, die mir ungemein gefielen, rief sie durchs Zimmer: »Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?« Wie sie den Mund öffnete, die Töne herauskamen, lautgedehnt und dann wieder leise und schnell, alles aufs Schönste zueinander passend, das spornte mich zur Nachahmung an. Unbezwinglich.

Aber schon bei dem zweiten Ton, den ich sang, trat mir Herr Harald mit ganzer Wucht auf den Schwanz. Herrn Haralds Katzengeruch war mir längst zuwider.

Ich biß in seinen Lackschuh, daß er sich öffnete, wie ein Geldbeutel.

Die schönen zusammengehörigen Töne verstummten. Schrilles Durcheinander hatte sie abgelöst.

Herr Harald schrie, es wäre höchste Zeit, daß mir Mores gelehrt werde mit einer Stachelpeitsche. Er sah wutentstellt aus. Aber beinah im gleichen Augenblick lächelte er wieder und sagte zu Fräulein Angelika und der gnädigen Frau, daß man einem unvernünftigen Tier nichts nachtragen dürfe. Dabei bückte er sich, um mich zu streicheln. Mit der andern Hand aber kniff er mich unter den Bauch.

Ich schnappte aufs neue nach Herrn Harald. Das Streicheln war mir genau so widrig, wie das heimliche Kneifen. Vor allem aber wünschte ich, den lächelnden Damen zu verraten, in wessen Nähe sie sich befanden. Doch wurde ich mißverstanden.

Man war empört. Man schrie nach der Peitsche. Ich wurde hinausgezerrt. Ich konnte nur gerade noch sehen, wie Fräulein Angelika Herrn Haralds Finger zu verbinden suchte.

Vom übrigen will ich schweigen. Ungerecht erhaltne Demütigungen soll man aus dem Gedächtnis streichen ...

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