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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Drittes Kapitel

(Man erhält den Namen Bärchen. Fühlt des Menschen Macht und Launenhaftigkeit. Und muß schon Liebesgeschichten mit anhören)

Die Leute sagten, daß Achim seinem Vater gleiche.

Des Menschen Urteil geht vom Auge aus. Wer mit der Schnauze zu wittern vermag, wußte vom ersten Augenblick der Annäherung, daß jeder von ihnen von ganz andrer Art war. Daß sie verschiedner waren, als Katze und Hund. So war es auch. Das Leben zeigte es.

Aber eh' ich mir dies alles zurückrufe, muß ich von meinen ersten schönsten Lebenstagen erzählen. Mir scheint, ich bin in meinem Bericht noch gar nicht auf die Welt gekommen.

Natürlich kam ich das nicht in dem feinen stilisierten Kunstwerk zwischen den Oleandern. Schon längere Zeit vorher war meine Mutter weit davon in den Gemüsegarten verbracht worden. Frau Alwine sah, wie jede feine Dame, in solchen natürlichen Vorgängen, wie sie meiner Mutter bevorstanden, unnatürliche, zu versteckende Schrecklichkeiten.

Erst eine Woche nach meiner Ankunft wurde ich der gnädigen Frau gezeigt. Sie ließ Angelika herbeirufen und rief ihr zu: »Sieh nur, Kind, was sich bei unsrer Lonni angefunden.«

Daran erinnre ich mich genau, weil meine Mutter bei diesen Worten heftig über meine Schnauze leckte. Wie wenn sie ihr Besitzrecht an mich geltend machen wollte, das vielleicht doch nicht ganz mühelos erworben war. Sie wendete dabei den Kopf unruhig hin und her, als suche sie etwas, das man ihr genommen hatte. Seit ich weiß, daß ein Hund selten allein auf die Welt kommt, nehm ich an, daß ich Geschwister gehabt, die man sogleich fortgebracht hatte. Ich habe nie darüber nachgedacht. Bestimmt dazu, mit all unsern Fähigkeiten nur für den Menschen da zu sein, sein Freund und Beschützer zu werden, bis zum letzten Atemzug, haben wir den Sinn für die eigne Familie verloren. Nur der einzelne wagt für andre etwas zu wagen. Die Menschen sind meist stolz auf ihren Familiensinn. Mein geliebter Herr jedoch sagte einmal, daß gerade diese Eigenschaft sie hartherzig mache und zugleich schwach. Ihre Liebe wäre nur Eigenliebe. Sie liebten auch in ihren Kindern nur sich selbst. Aber mein geliebter Herr war damals noch sehr jung ...

Fräulein Angelika kam herbeigesprungen. Der Gärtner mußte mich ihr reichen. Meine Mutter winselte. Ich sah in ihren blanken, klugen Augen etwas aufblinken, das ich nie vergaß. Das mich mein ganzes Leben hindurch ermahnte, wenn mein Gehorsam Furcht zu überwinden hatte.

Angelika war entzückt von mir. Sie fand, ich gliche einem kleinen Bären und wünschte, daß ich Bärchen genannt werden sollte. Sogleich rief alles Bärchen. Mein Name war entschieden.

Angelika zog ein Seidenband aus ihrem Haar und wünschte es mir um den Hals zu binden. Meine Mutter richtete sich auf, leckte Angelikas Hände und zugleich mich, der ich mich zwischen ihnen befand.

»Sie ist eifersüchtig,« rief Angelika und lachte.

Das Band würgte mich fürchterlich. Meine Mutter begann stark zu knurren.

Nun wollte der Gärtner nicht feiger sein, als ein Tier. Er nahm höflich die Mütze ab und erlaubte sich, das gnädige Fräulein darauf aufmerksam zu machen, daß das Band mich jungen Hund erwürgte. Er fügte höflich hinzu, daß das gnädige Fräulein schon in wenigen Tagen unbeschadet solche Späße mit mir treiben können würde.

Fräulein Angelika ließ mich los. Ich paddelte rasch unter meine Mutter. Sie legte sich über mich wie ein festes, schweres Gewölbe. Solche Empfindungen des Geborgenseins kommen nicht wieder im Leben. Darum vergaß ich niemals diesen Vorgang. Und nie sprang ich toller und fröhlicher, als wenn ich irgendwo Mutter und Kind beisammen sah. Gleichviel ob Mensch oder Tier.

Bald tummelte ich mich auf dem grünen Rasen. Sah ich sich etwas vorwärtsbewegen, sprang ich nach. Ich machte keinen Unterschied zwischen einem windgetriebenen Blatt, einer Eidechse, einer Henne oder einem Ball. Ich knurrte ärgerlich, als sich ein Papierblatt nicht weiterbewegen wollte, obwohl ich es mit der Pfote dazu antrieb. Ich wußte noch nichts davon, daß der freie Wille nicht all und jedem gegeben!

Ich trug nun eine Schleife hinter dem Ohr, die mich wütend ärgerte. Ich zerrte und biß beständig daran herum. Was Fräulein Angelika das größte Vergnügen bereitete.

Allen Gästen wurde ich gezeigt. Jeder machte Komplimente über mich, als wäre ich das Werk der gnädigen Frau oder des gnädigen Fräuleins.

Mich beleidigte dies, denn meine Mutter hatte mir schon die Würde unseres Geschlechtes erklärt. Mir an den Medaillen ihres Halsbands die Pflichten der Tradition erläutert.

Pflicht will gelernt sein. Ihr Studium ist eine harte Sache. Immer wieder fiel ich in den Fehler zurück, meine Zähne zu gebrauchen, wenn mir etwas gefiel oder auch wenn es mir nicht gefiel. Wie kleine Kinder hatt' ich den unzähmbaren Trieb, alles ins Maul stecken zu wollen. Mit dem gleichen Genuß, wie ich Frau Alwina und Fräulein Angelika Konfekt knabbern sah, mußte ich unbezwingbar Stiefel, Stuhlbeine, Strümpfe und Schirmstöcke benagen. Ein paar seidne Pantöffelchen wären beinah mein Tod geworden. Nicht, daß ich daran zu ersticken gedroht. Sie waren mir vorzüglich bekommen. Aber sie waren ein kostbares Geschenk des Herrn Senators gewesen und noch niemals benutzt worden. Es war ein Glück, daß mich Frau Alwine nie in den Arm nahm, aus ihrer schon erwähnten Furcht. Sie hätte mich sonst, wie ich sie rufen hörte, mit eignen Händen erwürgt.

Die Bestrafung, die folgte, haftete mir besonders im Gedächtnis. Ich danke ihr die erste Erinnerung an meinen geliebten Herrn.

Ich hatte mich plötzlich in feuchtem Dunkel gefühlt. Man hatte mich in ein zur Hälfte gefülltes Wasserfaß geworfen. Ich versuchte vergeblich, an den nassen Wänden emporzuklimmen.

Da mischte sich in mein Winseln der gleiche Angstton einer menschlichen Stimme. Eine Hand packte mich. Eine knochige Knabenhand mit einem Tintenfleck am Zeigefinger, den ich sofort zu belecken begann. Es kommt bei allen Dingen darauf an, in welchem Moment unseres Lebens wir ihre Bekanntschaft machen. Ich behielt zeitlebens eine Vorliebe für Tinte. –

Achim streichelte mich, steckte mir Zucker zu und sprach zu mir, wie wenn er ein echter Dobermann wäre. Ich leckte ihm Rock und Hände und schließlich einige salzige Tropfen aus dem Gesicht, die seinen Augen enttropften. Ich hörte kein Pfui. Ich wurde warm und trocken an seiner Wärme. Ich fühlte mich überglücklich. Ich begann herumzuspringen in aller Tollheit. Meine Freude dämpfte endlich Achims Hauslehrer, der ihn zur Mathematikstunde ins Haus holte. Grade als ich mit einem Knochen im Maul kam, der mein Dank hatte sein sollen.

Wo ich nun Achim sah, umkreiste ich ihn. Stets suchte ich seine Spur. Immer wieder rief man mir Achim fort zum Studieren. Lange wußte ich nicht, was dies Wort bedeutete. Bevor ich mich schließlich entschloß, mitzustudieren. Lange Zeit hatte ich geglaubt, es sei gleichbedeutend mit Schlafen. Ein Irrtum, der durch Achims Hauslehrer entstanden war. Der sich nach Tisch stets auf sein Zimmer zurückzog, um, wie ich ihn sagen hörte, seinen Privatstudien obzuliegen. Mich nahm er mit sich. Damit Achim inzwischen auch fleißig wäre und sich nicht mit mir herumtummelte.

In sein Zimmer angelangt, legte sich der Herr Hauslehrer aber sofort fest schlafen. Ich durfte weder winseln noch kratzen. So blieb mir nichts andres übrig, als mich dem gleichen Privatstudium hinzugeben, wie der gelehrte Mann ...

Es war dies noch immer günstiger für mich, als wenn sich mir das Interesse Fräulein Angelikas zuwendete. Besonders wenn sie in der Jelängerjelieber-Laube saß, neben einem jungen Herrn, den ich Harald nennen hörte. Ich wurde dann auf Fräulein Angelikas Schoß gezogen und vier heiße Hände strählten ruhelos mein junges Fell. Oft aber faßten sich die vier glühenden Hände gegenseitig und ich lag wie in einem Backofen. Einmal ließ mich Fräulein Angelika wohl zehn Minuten lang an einem Bein mit dem Kopf nach unten hängen. Ohne es zu bemerken. Ihre Augen hatten sich ganz in denen Haralds verloren.

Endlich wurde ich wieder auf ihren Schoß gezogen. Ich hörte zu meinem Staunen, daß ich selbst Veranlassung zu dem Gespräch gegeben hatte, das Fräulein Angelika so blind gegen mich gemacht hatte. Oder vielmehr mein Name war es gewesen.

Herr Harald erzählte von einem alten Bären, der von dem merkwürdigen Wunsch besessen gewesen, Menschenvater zu werden.

»Oh,« sagte Fräulein Angelika und hielt mich vor ihr Gesicht, wie ein Taschentuch. Kein Zappeln half.

Herr Harald erzählte weiter. Eines Vorfrühlingstages suchte eine Prinzessin im Wald nach Veilchen. Der Bär stürzte hervor und schleppte sie ins Dickicht. Er muß sich ganz menschlich benommen haben. Die Prinzessin kehrte ohne Kratzwunden zurück. Ehe jedoch ein Jahr zu Ende ging, hatte sie plötzlich einen kleinen Knaben im Arm. Schön und wohlgebildet, aber mit einer Bärenhaut. Er wurde der Stammvater eines weitverzweigten Geschlechtes. Noch heute gäbe es Nachkommen genug von ihm. Große Städte führten ihn noch heute im Wappen.

Fräulein Angelika rieb ihre kurze Nase in meinem Fell, und sagte, es wäre schauderhaft zu denken, daß man Menschen mit solchem Urgroßpapa begegnen könne.

Herr Harald lachte. Er sagte, wer könne wissen, wieviel Raubtierblut in andern stecke und griff nach einer blonden Locke.

Hier hob für mich ein Pflichtgebot das andre auf. Gehorsam war gut. Aber wo jemand nach dem Besitz deiner Herrschaft greift, ist zuzubeißen. Dessen hatte mich meine Mutter belehrt, noch als ich blind gewesen.

Ich biß kräftig in die räuberischen Finger.

Auch Pflicht kann Vergnügen sein. Ich spürte es. Nur einen Augenblick lang. Im nächsten schon hatte ich solchen Faustschlag auf meine junge Schnauze erhalten, daß meine Erinnerung erst wieder wach wurde, als die dicke Lina mir einen Napf voll süßer Milch vor das mißhandelte Organ hielt.

Sie brummte, daß nicht alles schön sei, was Verliebtheit mit sich brächte.

Der Sinn dieser Worte war mir dunkel. Ich dachte nur an meine brennende Schnauze. Ich glaubte zu verstehen, daß Verliebtheit eine schmerzliche Angelegenheit sei.

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