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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 32
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Einunddreißigstes Kapitel

(Bruder und sein Herr sind nicht gleicher Meinung. Was Bruders Treue nicht schmälert)

Wir lebten zwischen fremden Menschen und Tieren. Mir wurde das nicht leicht. Rasse und Erziehung erschwerten mir die Annäherung an Unbekannte. Ich mißtraute jedem.

Mein geliebter Herr lächelte jeden an. Ihm gefiel alles hier. Ich umbellte alles. Ich umsprang jeden Schritt meines geliebten Herrn. Ich nahm auch kein Fressen aus anderer Hand, als der seinen.

Niemandem gefiel ich. Man versteckte seine Furcht in Spott.

Nur die Kinder mochten mich. Wir verstanden uns. Ich trug sie auf dem Rücken. Ich paßte auf, wenn sie dem Wasser zu nahe kamen. Es war ein kleiner Strom, der sich krumm durch das hohe Gras flocht. Außer meinem geliebten Herrn, den Sonnenstrahlen und den Kindern wurde er mir das Vertrauteste dort. Zu jederzeit war es bereit, mich von allem Kribbelnden zu befreien, das mich quälte.

Mein geliebter Herr grub, schaufelte, schnitt, säte. Ähnlich wie ich in der Schachtel der Geborgenheit den Gärtner hantieren gesehen hatte.

Mein geliebter Herr nahm keine Bezahlung dafür. Man hielt ihn daher für einen Verbrecher.

Es war Carlo, den ich sagen hörte, daß ein anständiger Mensch nichts umsonst tue.

Man sprach viel von meinem geliebten Herrn. Zwischen dem Rauch der Pfeifen und dem Hauch des weichen Windes wehte dann Katzendunst.

Mein geliebter Herr merkte nichts davon. Nach der Arbeit legte er sich auf den Rücken und sah in den tiefblauen Himmel. Ich zerrte ihn am Ärmel, um ihn dorthin zu ziehen, wo die Worte fielen.

Das machte ihn oft ungeduldig. Er meinte, das Klima bekäme mir nicht gut. Ich sollte gescheit sein und mich eingewöhnen.

Hatte er seine Augen in den Ruhestunden nicht am Himmel, starrte er auf Lavinia.

Lavinia war anders wie Hete. Aber meines geliebten Herrn Augen lagen mit den gleichen Blicken über ihr.

Ich knurrte, sobald ich Lavinia sah.

Mein geliebter Herr schalt mich eifersüchtig.

Gewiß hätte mir Lavinia in vielen Dingen gefallen können. Sie scheute sich so wenig wie ich, Insekten zu schmausen. Sie schüttelte die Maikäfer von den Bäumen, biß ihnen den Kopf ab, verzehrte sie und sagte, daß sie genau wie Nußkern schmeckten.

Ich wußte dies. Mein geliebter Herr bestaunte es. Lavinia nahm auch Ameisen zwischen die Zähne. Von ihnen bevorzugte sie das Hinterteil. Sie meinte, daß sie den Geschmack von Gurken hätten.

Carlo hatte herausgefunden, daß man meinen geliebten Herrn zwingen müsse, Geld für seine Arbeit anzunehmen. Man dürfe sich nichts schenken lassen von solchem Hergelaufenen.

Mein geliebter Herr lächelte dazu. Er betrachtete gerade Lavinia, die sich am Brunnen die Füße wusch.

Er nahm das Geld und steckte es in die Tasche.

Man verachtete ihn jetzt.

Carlo fragte Lavinia, ob ihr mein geliebter Herr gefalle? Sie sagte, daß solche Frage eine Beleidigung wäre. Ein Kerl mit solch geringem Verdienst. Sie rümpfte die Nase und lachte. Und Carlo lachte auch.

Carlo hatte stets einen Bleistift hinter dem Ohr. Lavinia konnte nicht oft genug sehen, daß er seine Kunst zeigte. Sie konnte weder lesen noch schreiben. Aber sie kannte nichts Schöneres, als Carlo Buchstaben schreiben zu sehen. Sie fand, Buchstaben glichen drolligen Gebilden aus Fliegenbeinen und Flöhen. Sie begriff nicht, wie jemand aus diesem Gekrümel einen Sinn herausfinden konnte. Sie würde das nie lernen.

Dann reckte sich Carlo. Er steckte den Bleistift in Lavinias Ohr und sagte, daß er von seiner künftigen Frau bessere Dinge erwarte, als Schriftzeichen ....

Unruhe trieb mich, jedes Wort mit anzuhören, zerrte mich wieder zurück zu meinem geliebten Herrn.

Er ruhte auf dem warm gebliebenen Boden und sah zu, wie dort oben große nahe Lichter aufblinkten.

Ich ruhte kaum noch im Schlaf. Niemals im Wachen. Magerkeit stellte sich ein. Ich wurde grau um die Schnauze.

Nur einer war noch magerer als ich, und war grau überall. Der Esel Niccolo. Er drehte sich den ganzen Tageslauf hindurch im Kreis, um die Ölpresse in Gang zu halten. Lockten ihn Laune oder Müdigkeit, einmal stillzustehen, half ihm ein Peitschenhieb weiter. In dem offenen Fleisch seiner Wunden schmarotzten die Fliegen.

Ich war viel neben ihm. Der Fliegen wegen.

Er schlug mit dem Hinterfuß nach mir aus. Er wünschte keine Hilfe von meinesgleichen.

Ich blieb. Ich gab ihm zu verstehen, daß ich nicht seinetwegen dem Fliegenfang nachginge.

Bei jeder Runde stierte er mich an. Er fauchte mir zu, er habe seinen Herrn sagen gehört, daß sich auch die Sonne beständig drehe. Er halte die Sonne für das Vornehmste.

Sein Herr war Petruccio, Lavinias Bruder. Mein Fell sträubte sich schon bei seinem Namen. Er machte stets einen Bogen um mich. Trotzdem spürte ich den Katzendunst. Sprach er des Abends mit Carlo, schwieg sein Mund sofort, sobald ich beide umwitterte.

Ich bellte wütend, als Niccolo mich an seinen Herrn erinnerte. Ich schnaubte wütend die Schmeißfliegen in seinen Wunden durcheinander und davon.

Niccolo kümmerte sich mit keinem Blick mehr um mich.

Tagsüber hörte man keinen Laut von ihm.

Abends, wenn die Menschen in der Kühle und Stille beieinander saßen, begann er im Stall zu brüllen. Mit fürchterlichen, schneidenden Tönen. Sie schienen aus einer Höhle tief unter der Erde zu kommen. Mein Fell sträubte sich. Ich verkroch mich unter meinen geliebten Herrn.

Mancher lachte dann auf.

Nur der alte Großvater reckte sich hoch und horchte. Er schlürfte tagsüber schweigend dem Schatten nach, in dem er sich ausstreckte und einschlummerte. Seine Stimme kannte ich kaum.

Nur wenn Niccolo schrie, sagte er jedesmal, daß er wissen möge, woher dieser Esel seine Seele gestohlen hätte ...

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