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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Dreißigstes Kapitel

(Südliche Sonne wärmt Bruders Schnauze. Er glaubt sich in glücklichen Tagen)

Freiheit, Wärme, Licht, Bewegung. Und überall mein geliebter Herr. Wir wanderten auf grüner Ebene unter tiefblauem Himmel. Der Duft frischer Blätter umstrich uns. Die Luft schmeckte süß. Wie Honig rieselten schwere Sonnenstrahlen um meine Schnauze, über unsern Weg.

Der Boden blieb warm. Wir entbehrten keine Decken, wenn wir uns zur Ruhe niederlegten unter den Bäumen. Mein geliebter Herr stützte sein Haupt auf meinen Rücken.

Er fragte mich, warum er an meiner Seite friedlicher schlafe, wie irgendwo anders. Ich blickte ihn an. Ich wußte es.

Auf einem Hügel über duftendem Land fuhr ich eines Morgens auf. Schritte näherten sich uns durch die feuchte Morgenfrische, die schrägen Frühstreifen der Sonne.

Ein Mann kam näher. Ich bellte und sprang ihn an.

Er wich nicht zurück. Das machte mich ruhiger. Wer nicht vor mir zurückschreckt, den brauche auch ich nicht zu fürchten.

Der Fremde setzte sich nicht weit von uns nieder. Er blickte über die Gräser. Dann putzte er seine Mütze. Zuletzt seine Stiefel.

Ich sah ihm zu. Er blickte mich an und lobte mich. Weil ich jetzt das Maul hielt. Schweigen können ist das Wichtigste im Leben, sagte er. Zu bellen wäre kein Kunststück.

Dann streckte er sich aus und schlief ein.

Die Morgensonne schien ihm auf die geschlossenen Augen. Ich setzte mich neben ihn. Schweißgeruch lockt Fliegen. Ich fing sie eine nach der andern. Bevor sie den Schläfer kosten konnten.

Mein geliebter Herr pfiff mir leise.

Ich stellte mich an, als hörte ich es nicht. Ich schnappte die Summenden aus den schrägen Goldstreifen und wendete den Kopf zur Seite.

Mein geliebter Herr pfiff schärfer.

Langsam erhob ich mich und folgte dem Befehl. Was sein muß, muß sein.

Mein geliebter Herr lachte und zupfte mich am Ohr.

Er fragte, ob ich den Schlafenden, sich den Sonnenstrahlen Anvertrauenden beschützen zu müssen glaubte? Ich hätte vielleicht nicht unrecht. Nirgends warte jemand auf uns. Blieben wir.

Er begann, sich aus einem Baumrohr eine Pfeife zu schnitzen.

Ich setzte mich zwischen meinen geliebten Herrn und den Schlafenden.

Die Sonnenstrahlen wurden breiter. Der Fliegenschwarm dichter. Kaum kam ich zurecht mit meiner einzigen Schnauze.

Der Fremde erwachte. Er lachte hell auf, als er mich neben sich bemerkte. Dann richtete er sich auf, wurde ernst.

Er fragte, ob ich ihm angemerkt, daß er von seiner Mutter geträumt hätte? Von der stillen Frau, die einstmals erzählt hatte, daß über jedes Kindes Schlaf ein Schutzengel wache?

Er blickte in meine Augen, streckte die Hand aus und zog sie wieder zurück.

»Gestreichelt wollen ja auch unter euch die Anständigen nicht werden,« knurrte er.

Seine Augen gingen zu meinem geliebten Herrn hinüber. Er bemerkte die Pfeife und fragte nach Tabak.

Mein geliebter Herr gestand ein, daß er Weinblätter und Rosenstiele rauche.

Der Fremde lachte.

Er blickte auf die schmalen Hände meines geliebten Herrn.

Der fühlte den Blick. Er sah auf. Beider Augen begegneten sich. Der andre stand auf und band sein Bündel um.

Er sagte, daß man sich einander nicht zu fragen brauche, warum man unterwegs wäre. Auch sich zu schämen nicht nötig hätte. Es wären nicht die Schlechtesten, die Heimatlosen. Vielleicht wären sie die Lieblinge des Weltenmeisters. Weil sie überall auf seinem Meisterwerk zu Hause wären.

Er ging schnell davon. Nach einigen Schritten wendete er noch einmal den Kopf und fragte meinen geliebten Herrn, wie ich gerufen werde.

Der nannte meinen Namen.

»Ich danke dir, Bruder,« rief er mir zu. Er verschwand hinter dem nächsten Hügel ...

Wir wanderten weiter. Mein geliebter Herr schritt schweigend.

Wir kamen zwischen Mauern. Ich hielt die Ohren steif. Überall raschelte es. Die Blicke meines geliebten Herrn aber waren nicht wach. Sie waren nach innen gerichtet.

Ich spürte Menschennähe. Auf dem Rand einer Mauer lag etwas ausgestreckt. Unbeweglich im Sonnenlicht, wie eine Eidechse.

Wir machten halt. Es duftete nach Rosen, nach Blumen. Als wäre Hete hier.

Eine Rose wuchs aus dem Mund eines schlafenden Mädchens.

Mein geliebter Herr lachte leise und zog an dem Rosenstiel.

Die Schlummernde rief: »Schäm' dich, Carlo.« Und schlug mit der Rose nach meinem geliebten Herrn.

Ich bellte. Niemand hatte nach meinem geliebten Herrn zu schlagen.

Die Ruhende fuhr auf und schrie.

Als sie meinen geliebten Herrn sah, lachte sie, zeigte weiße Zähne und sagte, daß sie jemand andern vermutet hätte.

Mein geliebter Herr fragte, ob Carlo gewohnt wäre, mit Rosen geschlagen zu werden? Auch wünsche er zu wissen, wie Carlos Freundin gerufen würde.

Sie antwortete, daß sie Lavinia heiße. Wollte nun den Namen meines geliebten Herrn wissen, ob er ein Fremder wäre und was er wolle in diesem Lande?

Er antwortete, daß er sich verheiraten wolle. Mit der Erde. Er wolle pflanzen und ernten.

Lavinia sagte, daß er am rechten Ort wäre. Ihr Vater brauche Hilfe, mehr als er finden könne. Für den Mais, die Trauben, Feigen, Kürbisse. Eine Ernte überstürze die andere. Man brauchte soviel Hände, wie die Tausendfüßler Beine.

Mein geliebter Herr fragte: »Und Carlo?«

Lavinia reckte sich und antwortete, daß Carlo zu vornehm dazu wäre.

Carlo säße an einem Schreibtisch, im Rathaus, und schreibe auf feinem weißen Papier, vom Morgen bis zum Abend.

Wir begleiteten Lavinia. Sie fand mich abscheulich. Sie hatte Furcht vor mir.

Ich wurde ihretwegen angeseilt. Das erste Mal wieder seit langer, langer Zeit ....

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