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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neunundzwanzigstes Kapitel

(Auf der Wanderschaft. Bruder scheint das Hospiz des Sankt Bernhard kennen gelernt zu haben)

Unsere nächsten Schritte gingen durch Finsternis. Regen träufelte. Ich hielt mich dicht neben meinem geliebten Herrn.

Allmählich kam Teilung, Umriß, Klarheit, ein neuer Morgen.

Wir schritten durch stummen Wald. Keine Spur war zu wittern. Keine Schnauze hatte hier schon geschnüffelt. Nichts lockte mich von der Seite meines geliebten Herrn.

Es wurde wieder dunkel, es wurde wieder licht. Wir wanderten.

Berge legten sich uns in den Weg. Wir überschritten sie. Über allzu schmale Stege zog ich meinen geliebten Herrn hinüber. Wenn wir rasteten, teilte mein geliebter Herr die Bissen zwischen uns. Durst löschten wir an Quellen oder schmelzendem Schnee.

Viele dieser Tage sind mir jetzt dunkler Traum. Im Schlaf erwacht manches davon. Im Wachen sind sie verschwunden.

Einer Stunde jedoch erinnre ich mich stark. Wo mir der Wind die Ohren steif hielt und nicht mehr der eigne Wille.

Wir waren weit über jedem Laut. Mein geliebter Herr schlug nieder in hohen Schnee. Ich leckte seine Hände. Sie schmeckten Stein. Ich bellte in sein Ohr. Er hörte mich nicht. Ich bellte ohne Unterlaß. Er mußte begreifen, daß wir vorwärts mußten. Unwiderstehlich trieb es mich weiter. Mir grauste vor dem Ausruhen hier. Ich schleifte meinen geliebten Herrn mit mir. Ohne seine Blicke aber wußte ich keinen Weg. Ich mußte halt machen.

Ich legte mich auf seine Brust und bellte ohne Aufhören.

Endlich spürte Achim meine Wärme. Er taumelte auf. Ich zog ihn vorwärts. Die Luft schnitt wie ein Messer in Schnauze und Fell. Wir schienen durch eine blaue Glaskugel zu laufen. Grauen strich über mich. Blindlings zerrte und jagte ich vorwärts.

Plötzlich stutzte ich. Ich spitzte die Ohren.

Mein geliebter Herr fragte leise, was ich erforsche? Ob ich, wie er, das Weltall surren höre? Hier an dieser stillsten Stelle zwischen Himmel und Erde?

Ich hatte Glockengeläut vernommen, Hundegebell. Ich witterte Menschendunst.

Ich bellte, bellte, bellte. Ich hörte Antwort. Ich blickte freudig zu meinem geliebten Herrn auf.

Er hörte nichts, als das Sausen des Windes. Aber er vertraute mir.

Erst als wir auf der Höhe das Licht schimmern sahen, wußte er, daß wir auf dem rechten Wege waren.

Wärme nahm uns auf. Jetzt erst spürte ich, wie sich der Frost in meine Pfoten gebissen. Ich wußte nicht mehr viel von mir. Ich straffte meinen vereisten Leib zusammen. Ich mußte wach bleiben, bis ich ausgewittert hatte, zwischen wem wir uns befanden.

Viele Männer zeigten sich uns. Ich bemerkte an ihren Gewändern die gütige Farbe, die Onkel Toms Rock gezeigt hatte. Hier war kein Katzendunst. Viele Hunde bellten. Ich kroch matt an meinen geliebten Herrn heran. In schwachen Stunden fürchtet man seinesgleichen. Mein geliebter Herr war eingeschlafen. Das Stück Decke, das man neben ihm für mich ausgebreitet hatte, zeigte dieselbe Farbe wie die Gewänder der vielen Männer. Ich wagte, mich darauf auszustrecken.

Ich ließ es zu, daß man meine verletzten Pfoten verband. Es waren gute Hände, die mich angriffen. Ich ließ sie auch meinen geliebten Herrn berühren ...

Wir wurden wieder kräftig und aufrecht.

Ich machte die Bekanntschaft der andern Hunde. Es waren große, breitschultrige Gesellen. Sie waren herzlich gut untereinander. Gegen mich aber bissig und stolz. Ich meinte, Rasse wäre Rasse. Sie blieben hochmütig.

Ich berichtete von meinen Erfahrungen. Sie verachteten alles, was sich unter einer Höhe von zweitausend Metern ereignet hatte.

Hans Leinstein sagte einmal zu meinem geliebten Herrn, die Abneigung beginne, sobald der eine merke, daß sich der andre für gescheiter halte. Daher sich eigentlich alle Menschen untereinander nicht ausstehen könnten. Das Verhältnis hier zwischen meinen Hundekameraden und mir schien mir sehr menschlich.

Ich versuchte von Lord und Rex, von Maxl zu berichten. Sie fanden einem einzigen Herrn zu dienen zu wenig. Sie kehrten sich ab von mir oder knurrten bedrohlich.

Nur einige ganz Junge sprangen manchmal um die Wette mit mir.

Ich zog es vor, bei meinem geliebten Herrn zu sein.

Er saß in der Sonne vor dem Tor, wo der Blick weit gehen konnte, wie nirgends wo anders. Er duldete nicht, daß ich bellte. Er sagte, er wolle die Minuten tropfen hören durch die weite Stille

Oft saß Pater Bernhard neben ihm. Auch dann störten nicht viele Worte das Schweigen.

Der Pater strich gern über mein Fell. Er sagte, wir hätten es besser. Der Instinkt irre nie. Erst der Verstand bringe den Irrtum.

Ein einziges Mal sprach mein geliebter Herr sehr viel. Es war etwas in seiner Stimme, das mich dicht unter seine Füße rücken ließ.

Pater Bernhard strich meinem geliebten Herrn sanft den Haarbusch zurück, der über seine helle Stirn bis in seine blitzenden Augen gesprungen war.

Er sagte, niemand dürfe seine eigne Jugend verfluchen. Beweinen könne man sie oder belächeln, und beides hieß, sie segnen. Aber verfluchen wäre, sich selbst verdammen.

Nicht jedes Wortes erinnre ich mich mehr.

Nur weiß ich noch, daß Pater Bernhard meinem geliebten Herrn nicht zugeben wollte, daß das Elend der Welt heute größer wäre, als zu anderer Zeit. Er glaubte an keinen großen Wandel der Zeit, solange die gleiche Sonne sie schaffe und in Hell und Dunkel teile.

Ein rosiger Schein legte sich über uns. Kälte strich aus ihm.

Pater Bernhard legte die Hände ineinander. Er sagte, daß jeder Abend dem Tag zu danken hätte. Die Erde sei unerschöpflich herrlich.

Mein geliebter Herr widersprach nicht. Nur meinte er, gerade darum glaube er, weiter wandern zu müssen. Unbeirrt von irgend jemand.

Eines blanken Morgens waren wir wieder unterwegs.

Ehe wir Pater Bernhard verließen, hatte er uns an eine Stelle geführt, wo ein Hund unbeweglich saß. Ich umwitterte ihn. Er rührte sich nicht. Er war aus Stein. Ich bellte ihn an. Ich mag es nicht, daß man mich zu täuschen versucht.

Mein geliebter Herr befahl mir, das Maul zu halten. Er wünschte mir die Worte vorzulesen, die unter dem Steinernen eingehauen waren.

Mein geliebter Herr las mir vor: »Vierzig Menschen rettete ich das Leben. Vom einundvierzigsten wurde ich getötet.«

Ich bellte doch wieder. Diese Unbewegtheit ängstigte mich ...

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