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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Zweites Kapitel

(Die Stätte einer Kindheit wird uns vorgestellt)

Man sagt, daß Steine nicht reden können. Blumen stumm sind. Baum und Sträucher nichts sagen. Ich glaube das nicht. Wer sommertags vom Staub der Landstraße durch das schmiedeiserne Gitter auf die weiten Rasenflächen sah, wo ich meine ersten Tage vertummelte, mußte denken, daß man es hier gut hatte. Hier im grünen Schatten kühlatmender Stille.

Schmale Wege durchschnitten den samtnen Grasteppich. Jeden Morgen frisch geharkt, befreit von jedem spitzen Stein. Umrahmt von Blumen und Gesträuch. Die nicht der wehende Wind aus Laune oder Zufall dorthin gebracht. Sie waren von Rang und hohem Geblüt. Trugen ihre Visitenkarte im Knopfloch ihres Blütenrocks. Mit Unbekannten verkehrte man hier nicht.

Alle diese Wege, einen Stern in den Erdboden schneidend, führten zu einem weißen Haus. Mondkühl silberte es aus dunklem Grün. Am heißen Mittag wie vor Sonnenaufgang. Seine Schattenseite umrankten Rosen. Neben dem großen Portal standen blühende Oleander in Reih und Glied wie Soldaten.

Vorübergehende nannten dies Haus: Die Schachtel der Geborgenheit. Wer es nicht wußte, konnte von einem kleinen Kupferschild ablesen, daß hier Senator Eberhaus wohnte. Ein andres Schild gab kund, daß man hier Mitglied des Armenvereins war. Es ersuchte Bettler, sich nicht unnütz zu bemühen und warnte vor den Hunden.

Diese Hunde waren meine Mutter und ich.

Meine Mutter hieß Lonni. Sie stammte aus dem Geschlecht der Dobermann. Ihr Stammbaum hing eingerahmt im Jagdzimmer des Herrn Senators. Es gab niemanden in ihrer Familie, der nicht öffentliche Auszeichnungen aufzuweisen hatte.

Auch meine Mutter selbst trug mehrere Medaillen am Halsband. Darunter die Rettungsmedaille. Sie hatte eines Vormittags einen kleinen Knaben aus dem Strom geholt. Während der Herr Senator auf dem Wege zu seinem Bureau schnell einige Austern mit einem Glas Sekt im »Pavillon« hinunterspülte. Er hatte von dem Vorgang nichts bemerkt. Erst aus der Zeitung davon erfahren. Doch erhielt er bald darauf selber eine Auszeichnung. Der Gerettete war der Sohn eines hochgestellten Mannes gewesen. Meine Mutter hatte dies natürlich nicht gewußt. Wir Dobermanns kennen da keinen Unterschied. Kind ist Kind. Und hilflos hilflos.

Ob den Herrn Senator seine Auszeichnung freute, weiß ich nicht. Er trug sie bei allen Festen. Uns Dobermanns ist unverdientes Lob ebenso beleidigend, wie ungerechter Tadel.

Die Hütte meiner Mutter stand zwischen den Oleandern. Sie war das Werk eines Künstlers. Ich hörte die Frau Senator häufig ihren Gästen erklären, daß das kleine Bauwerk etwas Hervorragendes wäre. Eine kühne Stilmischung von Indianerhütte und altdeutscher Gotik. Die gnädige Frau verfehlte dann auch selten, auf den hohen Stammbaum meiner Mutter hinzuweisen.

Trotzdem durfte meine Mutter das weiße Senatorhaus nie betreten. Bis zur Terrasse durfte sie hinauf. Nicht weiter. Auch dazu war Frau Senator die Ursache. Die gnädige Frau war der Ansicht, daß kein Hund ohne Ungeziefer sei. Vor diesem aber fürchtete sie sich, wie sie sagte, mehr als vor Dieben und Räubern.

Die gnädige Frau war nicht bewandert in Zoologie und Menschenkunde. Darum nahm meine Mutter, und später auch ich, ihr niemals etwas übel.

Das Gesinde beurteilte die gnädige Frau strenger. Da war die dicke Lina, die in ihrer blauen Schürze immer ein junges Tier streichelte. War ich es nicht, so war es ein Kätzchen, ein Kücken oder Kaninchen. Sie hörte ich sagen, die Gnädige hätte alle ihre Weisheit erschöpft bei der Wahl ihres Eheherrn. Sie sähe das Leben nur durch einen Goldvorhang. Alle Dienstboten waren sich darin einig, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch es zu gut habe.

Herrschaft und Gesinde fand ich selten gleicher Meinung. Hier stimmten sie überein. Auch die gnädige Frau war immer besorgt, daß ihre Dienstboten ein zu gutes Leben führten. Müßiggang bei andern hielt sie für den Anfang aller Laster. Sie klingelte ihre Untergebenen darum von früh bis abends im Haus und Garten umher.

Doch wünschte sie niemandem etwas Schlechtes, sie weinte bei jeder traurigen Nachricht. Ich erinnre mich, wie bitterlich sie schluchzte, als sie eines Morgens ein totes Rotkehlchen fand, das von der Katze gewürgt worden war. Man mußte der gnädigen Frau stärkende Essenzen bringen. Sie bedeckte die Augen, als man den Vogelleichnam davontrug. Sie selbst graute sich, ihn zu berühren. Sie wollte alle Katzen des Hauses vernichten lassen. Aber dann taten ihr auch diese leid. Hübsch und graziös, wie sie waren. Es schien ihr unbegreiflich, daß diese eleganten Tiere vom Schöpfer selbst zum Morden vorausbestimmt wären. Sie klagte einmal über das andre, wie gräßlich kompliziert das Leben eingerichtet.

Schließlich fand sich ein Ausweg aus dieser Komplikation. Der Gärtner wurde entlassen. Er hatte für die Sauberkeit des Gartens zu sorgen. Seine Pflicht wäre es gewesen, die Vogelleiche zu entfernen, bevor die Gnädige ihren Spaziergang unternahm.

Die gnädige Frau wußte nicht, wie man das Leben ertragen sollte, wenn man nicht einmal im eignen Garten vor schaurigen Eindrücken bewahrt werde.

Der Gärtner glaubte sich ungerecht behandelt. Er lief zum Hafen, verdingte sich als Seemann. Unglücklicherweise auf einem Schiff, das nie wieder einen Hafen erreichen sollte. Ein Mädchen, jung, fröhlich, hübsch und hundelieb, das ihm nahegestanden, verschwand im Strom, als sie davon erfahren hatte.

Alles dies, weil eine wohlgenährte Katze zu faul gewesen war, ihre Beute aufzufressen. Darin allein fand ich das Verbrechen.

So viel ich zu verstehen vermag. Wozu man geboren, darin kann man nicht widerstehen. Aber Fressen wäre hier Pflicht gewesen.

Ich bin kein Mensch. Geschweige ein Gelehrter. Sie vielleicht verstehen mittels ihrer Bücher, Tintenfässer und Schreibtische die Gründe solcher Zusammenhänge aufzuklären ...

Die gnädige Frau erfuhr nichts von diesen Geschehnissen. Es hätte ihre Nerven angegriffen, hörte ich sagen. Daß auch dem Herrn Senator nichts davon bekannt wurde, war selbstverständlich. Er schien ein Gast in seinem Hause zu sein. In den ersten Tagen meines Lebens passierte mir daher das Ungeschick, ihn heftig anzubellen. Ich hielt ihn für einen Eindringling und wollte meine Kenntnisse beweisen. Im nächsten Augenblick hatte ich den ersten Fußtritt meines Lebens erhalten.

Man sagt, der erste Eindruck bei neuer Bekanntschaft sei ausschlaggebend. Ich glaube, die Menschen haben recht mit dieser Behauptung. Verwischt sich dieses erste Empfinden auch im Lauf der Zeit, in Augenblicken der Entscheidung wittert es wieder auf.

Der Herr Senator und ich wurden nie wahre Freunde. Obwohl ich ihn, als ich größer geworden, häufig in die Bureaus, die großen Lagerstätten und die Verpackungsräume zwischen Hafen und Eisenbahn begleitet habe. Ich folgte ihm aus Gehorsam. Nicht aus Zuneigung. Die Augen der Arbeiter, an denen wir vorüberschritten, funkelten wie die unsern, wenn wir einen Fußtritt erhalten haben, unsre Zähne aber nicht brauchen, weil es unser Herr gewesen ist, der uns diese Schmach angetan hat.

Man nannte Herrn Senator Eberhaus den Kaffeekönig. Wegen seiner Machtstellung im Kaffeeimport. Später erfuhr ich dies, von meinem geliebten Herrn. Als er in schlaflosen Nächten Erinnerungen in mein struppiges Fell murmelte. Er hatte in seiner Kindheit immer nach der Krone seines Vaters gesucht.

Pflicht ist Pflicht. Ob sie Spaß macht oder nicht. Ich gehorchte auch dem Herrn Senator auf dem ersten Pfiff. Aber mir war nie leicht und sprunglustig in seiner Nähe. Sein Veränderungsvermögen erschreckte mich. Es erinnerte mich an die Schilderung meiner ersten Vorfahren, von denen ich durch die Übersetzung einer griechischen Fabel erfuhr, die meinem geliebten Herrn viel Mühe gemacht und oft hatte wiederholt werden müssen. Von dieser unheimlichen Raubtierart, die untereinander sanft und heiter waren, aber furchtbar und grausam dem Schwächeren gegenüber.

In seinem Hause lächelte der Herr Senator manchmal. In den Arbeitsräumen nie.

Hatte ihn sein Automobil nach der Schachtel der Geborgenheit gebracht, begrüßte er Frau Alwine mit einem Handkuß. Fand er sie bunte Seidenfäden durch eine Stickerei ziehen, bat er sie dringend, sich nicht zu überanstrengen. Als er sie einmal im Garten mit einer Gießkanne in der Hand antraf, hörte ich ihn sagen: »Liebste, arbeitest du wieder wie ein Neger?«

Unerfahren wie ich damals war, hielt ich demzufolge Blumengießen für bedeutend schwieriger, als zentnerschwere Kaffeesäcke tragen. Denn ich war kurz zuvor Zeuge gewesen, wie streng ein Arbeiter angefahren worden war, weil er sich eine Ruhepause von der bezahlten Stunde gegönnt hatte.

Die Zeit läßt uns manches anders auffassen ...

Hatte der Herr Senator die gnädige Frau begrüßt, kam Fräulein Angelika herzugesprungen. Bänder und blonde Locken flatterten ihr um Schläfen und Stirn. Sie lachte stets. Sie streichelte den Papa genau so, wie sie mir und den Katzen das Fell strich. Sie glich sehr der gnädigen Frau. Nur daß alles noch neu an ihr war.

Ihr gegenüber klang die scharfe Stimme des Herrn Senator am süßesten.

Die dicke Lina, in voller Tätigkeit zwischen Kochlöffeln und Kupferschüsseln, brummte dann: »Wie er zwitschern kann, der Menschenfresser.«

War Fräulein Angelika des Streichelns müde und mit einem Geschenk davongesprungen, das sich in des Herrn Papas Rocktasche gefunden hatte, fragte der Herr Senator, wo eigentlich Achim wieder stecke?

Da hieß es wohlerzogen sein. Mit einem Satz kamen mein geliebter Herr und ich aus dem Busch hervorgesprungen, hinter dem wir, im Grase liegend, alles belauscht hatten ...

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