Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alice Berend >

Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/berend/brudersb/brudersb.xml
typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
Schließen

Navigation:

Achtundzwanzigstes Kapitel

(Bruder und sein geliebter Herr kehren an ihre Geburtsstätte zurück. Gute Tage wechseln mit bösen. Ratlos stößt sich Bruders Schnauze an der Mauer zwischen Mensch und Mensch)

Wir waren wieder in der Schachtel der Geborgenheit. Der Boden pochte wieder. Die Schnauze in Fäulnis wühlend, jagte ich Lebendiges, Zappelndes, Zuckendes auf.

Meine vornehme Hütte roch nach Lack. Ich trieb mich in allen Teilen des Gartens herum. In jenen vielen Stunden, die mein geliebter Herr abwesend war. Jeden Morgen fuhr er an der Seite des Herrn Senators fort.

Die dicke Lina sagte: »Der große und der kleine Herr Senator.«

Von den breiten, schweren Zweigen des großen Apfelbaums sickerte Feuchtigkeit. Tropfen auf Tropfen fielen auf den Platz von Onkel Tom. Ich suchte Onkel Tom. Ich schnüffelte um alle Stätten, wo er sonst zu finden gewesen war. Ich bellte schließlich geärgert zum Geäst des alten Baumes hinauf, unter dem ich blind geboren und schnell sehend geworden war. Er tropfte weiter. Onkel Toms Spur war nicht zu erwittern. Frau Alwine beobachtete mich. Ich wandte den Kopf nach ihr. In der Erregung wählt man nicht lange, um Rat und Erklärung zu suchen.

Frau Alwine hatte ein Taschentuch an die Augen gedrückt. Sie war gerührt.

Sie rief: »Er sucht ihn, wahrhaftig, er sucht ihn, fürchterlich.« Sie schluchzte auf.

Der Herr Senator bat seine Gattin, sich nicht zu alterieren. Und ebenso auch nicht ihn. Sie wären nun in den Jahren, wo man mit seinen physischen und psychischen Kräften haushalten müsse.

Er fügte dann hinzu, wenn ich Frau Alwine unangenehm wäre, könne man mich jetzt in irgendeinem Kaffeelager unterbringen. Achim wäre nun wohl aus den Jahren der Spielerei heraus.

Wie Winterwind strich seine Stimme über mein heißgetummeltes Fell.

Frau Alwines Stimme blieb warm. Sie sagte, daß sie mich manierlicher fände als je. Wie der Herr, so der Diener. Achimchen wäre nun auch lieb und normal geworden.

Der Herr Senator gab ihr recht. Er vermutete, daß eine kleine Enttäuschung auf Achim eingewirkt hätte. Wohltuend, wie bittre Medizin.

Frau Alwine hielt sich die Ohren zu. Sie sagte, der Herr Senator solle ihr nichts von Jungmännergeschichten erzählen. Genug, daß alles wieder so wunderhübsch und behaglich geworden wäre. Alles. Denn auch Angelika schreibe so reizend und zufrieden von der Hochzeitsreise. Nun wußte sie, daß sie den rechten Mann bekommen habe. Das hatte sie nicht einmal geschrieben. Das schrieb sie täglich. Und der Feudale schien aufzutauen an Angelikas Seite. Seine letzten Briefe waren geradezu geistreich zu nennen. Besonders sein Geplauder über Rom. Er hatte vergebens die dortigen Flöhe zu zählen gesucht, aber dabei die Weisheit des Schöpfers bewundert. Der alles voraus wußte und die Flöhe darum nicht mit Hufeisen versehen hätte.

Die letzten Worte hatte Frau Alwine aus einem Briefblatt vorgelesen.

Als sie das Blatt wieder zusammenfaltete, sagte sie: »Liebe veredelt. Man wußte es. Aber es ist schön, wenn die eigne Familie uns dies bestätigt.«

Der Herr Senator blickte auf seine Fingernägel.

Frau Alwine holte tief Atem. Sie faßte den Arm des Herrn Senators, lehnte den Kopf an des Herrn Senators Schulter und sagte: »Ein herrliches Frühlingchen diesmal.«

Der Herr Senator klopfte sich die Schulter von dem weißen Streu frei, das von Frau Alwines Gesicht zurückgeblieben war, und bat, ins Haus gehen zu dürfen. Er hatte einen Vortrag auszuarbeiten ...

Am Abend lag ich stets zu Füßen meines geliebten Herrn. Vor uns flackerte ein Feuer. Mein geliebter Herr sah in die Flammen. Das vermochte ich nicht. Darin ist uns das Menschenauge über.

Ich hob oft den Kopf. Mein geliebter Herr sprach gar nicht mit mir.

Nur einmal zupfte er mich am Ohr und sagte: »Nein, Bruder, wir sprechen nicht von ihr. Mir denken nicht einmal an sie, verstanden?«

Ich leckte seine Stiefel, durch die seine Lebenswärme zu mir drang. Alles war mir recht, durfte ich bei ihm sein.

Doch wieder änderte sich alles.

Ich knabberte schon erste Keime von den Rinden, die gut tun gegen Magengrimmen. Die Sonne wärmte den Boden, soweit die Schnauze schnüffeln konnte. In der Schachtel der Geborgenheit witterte ich plötzlich kribbelnde Kühle. Wieder Katzendunst, überall, wo mein geliebter Herr und der Herr Senator sich gegenüber waren.

Ich bemerkte dies zum ersten Mal, als Hans Leinsteins lauter Schritt durch den stillen Garten gekommen war. Ich hatte den Schnellgehenden heftig angebellt. Er roch nach Teer und Öl. Der Diener rief ihm barsch zu, daß dies der Eingang für Herrschaften wäre.

Mein geliebter Herr trat aus dem Haus. Er rief mir lachend zu, daß ich mich schämen solle, nicht die Freunde meines Herrn sofort herausschnüffeln zu können. Dem Diener befahl er, die Tür zu öffnen. Und ging hinter Hans Leinstein ins Haus.

Ich folgte ihnen.

Leinstein blickte mich ernst an und sagte, ich müsse ein guter Kamerad sein. Er starrte mir so fest in die Augen, daß ich blinzeln mußte. Er lachte und sagte: »Auge in Auge, kann er auch nicht vertragen. Wir sind alle von der gleichen Sorte.«

Hier rief der Herr Senator meinen geliebten Herrn hinaus. Ich folgte ihm. Es trieb mich stets, dabei zu sein, wenn sich Vater und Sohn gegenübertraten.

Der Herr Senator lächelte. Er sagte, daß er seinen Werkmeister Leinstein zwar eben sagen gehört, daß alles von gleicher Sorte wäre, daß ihn sein Kaffeeimport aber doch Qualitätsunterschiede gelehrt hätte.

Achim fragte, wohinaus die Reden des Vaters gehen sollten?

Der Herr Senator rief, daß Achim selber wissen müsse, wie sie gemeint wären. Es gäbe Dinge, die nirgends gelehrt werden könnten.

Achim wollte sprechen.

Der Herr Senator widersprach ihm. Er wünschte keine neuen Weisheiten durch seinen Sohn zu erfahren.

Achim antwortete, daß der Herr Senator nichts andres zu tun brauche, als alte Vorurteile abzuwerfen Das wäre mehr wert, als neue Weisheit.

Er sagte es bittend wie ein Kind. Ich leckte ihm die Füße. Der starke Katzengeruch zwang mich zum Winseln.

Der Herr Senator hatte uns beide stehen gelassen und war fortgeschritten ...

Wir gingen nun des Abends stets aus dem Haus. Wir machten lange Spaziergänge auf stillgewordenen Straßen und Wegen, zusammen mit Hans Leinstein. Wir schritten am Fluß entlang, wo wir früher mit Hete gesprungen waren. Der Atem des Bodens überströmte alles.

Mein geliebter Herr und sein Freund achteten auf nichts, als auf ihre Reden. Ihre Stimmen klangen ineinander. Ich hatte keine Besorgnis. Ich tummelte mich weite Strecken von ihnen durch die Abendfeuchte. Auch zu manchem kurzen Augenblick der Freude fand sich Gelegenheit.

Am Morgen verließ Achim jetzt zu Fuß das Haus. Der Herr Senator fuhr wieder allein.

Meist begleitete ich meinen geliebten Herrn. Ich lag dann unter seinem Schreibtisch. Oft schlief ich fest und ruhig. Die Schnauze auf seinem Fuß. Ich wußte, da konnte ihm nichts geschehen.

Die Stimme des Herrn Senators schreckte mich eines Tages hoch. Er hatte an der anderen Seite des Pultes gesessen. Jetzt war er aufgestanden. Ich weiß nicht, was er von meinem geliebten Herrn gefordert hatte.

Ich hörte meinen geliebten Herrn antworten, daß er sich noch keinen unabweichbaren Weg vorzeichnen möchte. Daß er es dem Leben noch eine Weile überlassen möchte, sein Spiel mit ihm zu treiben.

Der Herr Senator lachte. Eiskörner prickelten über mein Fell, das die mildere Jahreszeit zu lichten begonnen hatte. Ich schüttelte mich.

Der Herr Senator sagte, daß er Achims Pläne durchschaue. Weltbeglückung zu wollen, halte er für lächerlich. Jede Statistik beweise, daß jährlich eine bestimmte Anzahl Menschen bestimmt wäre, zugrunde zu gehen. Ungleichheit wäre unvermeidlich. Ein großer Teil der Menschheit wäre nur glücklich in der Unterwerfung, im Gehorsam.

Mein geliebter Herr erwiderte etwas, dessen ich mich nicht erinnere. Meine Aufmerksamkeit galt dem Herrn Senator. Ich stand bereit.

Der Herr Senator rief, daß er hier der Vater wäre.

Mein geliebter Herr rief zurück, daß man Väter nach altem Muster nicht mehr gebrauchen könne. Gütige Versteher wären notwendig. Die ihren Kindern den Weg frei gäben. Mit einem Lächeln und nicht mit einem Fluch.

Der Herr Senator wiederholte, daß Achim sein unmündiges Kind wäre. Und nichts anderes zu tun habe, als zu gehorchen. Mein geliebter Herr straffte sich hoch, die Schultern zurückgestemmt, das Kinn erhoben, das Haar weit in der Stirn.

Er rief, daß jeder das Kind seiner Werke wäre. Er wäre also leider noch niemandes Kind.

Es mag mehr gesprochen worden sein. Ich weiß nichts mehr, als daß plötzlich der Ring an der Hand des Herrn Senators dicht am Antlitz meines geliebten Herrn aufblitzte. Daß mein geliebter Herr aufschrie, als habe man ihm ein Leid getan.

Rasend sprang ich gegen den Herrn Senator. Meine Zähne schlugen tief in seinen Hals.

Ein schwerer Schlag nahm mir weiteres Wissen und Fühlen.

Ich hatte mich nicht vorsehen können. Der schwere Schlag war von meinem geliebten Herrn gekommen. – Unter den gleichen Händen, unter denen meines geliebten Herrn, kam ich wieder zum Bewußtsein.

Mein geliebter Herr preßte seine nassen Augen fest in mein Fell.

Er sagte, daß ich gescheit sein müsse und ein guter Kerl. Jetzt brauche er seinen Bruder.

Ich stand auf, schüttelte mich und blickte ihm fest in die Augen.

Ich wußte, alles, was man getan, mußte man tun ...

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.