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Bruders Bekenntnis

Alice Berend: Bruders Bekenntnis - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorAlice Berend
titleBruders Bekenntnis
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1922
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090221
projectidcf846003
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

(Bruder begibt sich auf Abwege. Tummelt sich zwischen eigner und andrer Bedrängnis. Versucht ein Rettungswerk an Mensch und Hund, und muß begreifen, daß manches stärker ist, als unser bester Wille)

Schritte kamen, Schritte gingen. Horchen, schnuppern, wittern war meine Beschäftigung. Mein geliebter Herr war nicht aufzuspüren.

Rex lag zusammengerollt, die Schnauze auf dem Lackschuh seines Herrn. Kam er in seinem langen, lockigen Wollfell einmal an mich herangewackelt, forschte er, was ich nun zu tun hätte? Der ich nur da sein wollte, um meinen geliebten Herrn zu beschützen? Er stellte sich dicht vor meiner Schnauze auf die Hinterbeine und prahlte, daß ihn sein Herr nicht aus den Augen lasse. Geld müsse man einbringen, wolle man unentbehrlich sein.

Ich biß ihn in den hellrosa Wanst, der durch das Wollfell schimmerte. Ohne lange Vorbereitung.

Er heulte auf und rannte zu seinem Herrn.

Er wurde gestreichelt und ausgefragt. Er bellte und wendete den Kopf nach mir.

Man verstand ihn nicht. Ich hatte schon unter das Sofa kriechen wollen. Ich kehrte um.

Augustus Augustinus fürchtete, daß Erkältung Rexens Leib gezwickt hätte. Rex wurde in eine Leibbinde gewickelt und mußte still liegen.

Ich betrachtete ihn unverwandt.

Er ärgerte sich und wälzte sich hin und her.

Augustus Augustinus' Besorgnis stieg. Er glaubte, Schmerzen plagten seinen Künstler. Er wickelte ihn noch fester ein ...-

Bewegung bringt Mucken und Jucken aus dem Fell. Bald darauf jagte ich Wette mit den Autoreifen. Ich gewann. Ich stand früher wie der Wagen vor der erleuchteten Tür.

Als ich hinter Hete und Konstantin heimlich in die warme Helle schlüpfen wollte, lehrte mich ein Fußtritt Konstantins, draußen zu bleiben.

Ich setzte mich abseits, vor die Tür. Das peinlichste war mir, daß dieser Nichtachtungsbeweis eines Dobermanns vor aller Augen geschehen war.

Eine beleidigte Schnauze wirkt komisch. Die Diener der andern Wagen, die hier, ebenso wie ich, warten mußten, lehrten mich dies. Sie belustigten sich über mich im höchsten Grad.

Besonders einer störte meine Ruhe. Er verbeugte sich wieder und wieder vor mir. Er zog den Hut und fragte, warum der hohe Herr so grimmig dreinschaue? Ob er auch lieber Absinth saufen oder Sorbet schlürfen möchte? Musik und Wärme zu genießen wünsche? Für uns wäre das nun einmal nichts. Da hälfe kein Schnauze verziehen und kein Gebell.

Dabei zog er beständig den hohen Hut ab und hatte alle andern Diener und manchen Vorübergehenden als Lacher auf seiner Seite.

Meine Wut sammelte sich. Ich knurrte heftig, schnappte mehrmals nach dem hohen Hut. Er gab sein Spiel nicht auf. Spott macht uns Dobermanns gefährlich. Ich stellte mich auf. Zum Äußersten bereit.

Hinterlist rettete die Nasenspitze des Flegels. Ich sah plötzlich nichts mehr. Irgend jemand hatte mir etwas entsetzlich Scharfes, Beißendes in die Augen geworfen.

Ein Freund in der Not war neben mir. Maxl umfauchte mich lahmend. Er zeigte mir den Weg aus dem Geschrei, Gewühl, Getöse.

Wir waren durch manche Straße geschlichen, ehe Maxls Herr bemerkte, daß ihm zwei Hunde folgten. Beide nicht so viel sehend, wie ein gesunder, aber immer noch mehr, als er selbst.

Er stand still und überlegte.

Er kicherte und sagte, ob wir glaubten, daß er ein Fürst wäre, der sich ein Gefolge leisten könne? Und warf einen Stein nach mir. Er hatte die Tasche stets voll Steine, zur Abwehr der Gassenbuben. Ich sagte es schon einmal, tausendfach sind die Waffen der Menschen. Jeder Stand hat seine eignen.

Ich blieb neben Maxl allen Steinwürfen zum Trotz.

Ich folgte beiden in den stinkenden Keller. Furcht vor dem Alleinsein bringt leichter in schlechte Gesellschaft, als Übermut.

Meine Augen waren geschlossen und brannten.

Auch noch, als Wintersonne am neugekommenen Tag freundlich mein Fell wärmte. Ich fühlte mich in Schweiß, wie auf gehetzter Spur. Ich dachte an Onkel Tom, seine gütigen Hände, seine heilende Arznei.

Maxl war gewohnt, sich allein zu helfen. Er riet mir, mit der Zunge die Augen auszuschlecken. Es schien unmöglich. Dann gelang es. Nach und nach hatte ich wieder Licht um mich.

Der Alte hatte sich auch in die Sonne gesetzt. Neben einer Kasse, wo viele Menschen hin und her gingen und Geld klirrte.

Maxl und ich schnupperten umher. Es gab keinen Ort, wo nicht meine Schnauze versuchte, die verlorene Spur meines geliebten Herrn zu finden.

Der Alte pfiff nach Maxl. Er streichelte ihn, schluchzte und gab ihm von seinem Käse diesmal nicht nur die Rinde, sondern ein großes Stück vom Käse selbst.

Er sagte, heut wäre der schönste Tag seines Lebens. Er habe seine Mutter reden gehört. Maxl mußte eine Münze beschnuppern. Die hätte ihm ein Kind gegeben. Ein feines Kind. Es habe ihn lange angesehen und dann habe es gesagt: »Putz dir mal die Nase.«

»Putz dir mal die Nase.« Wie oft hatte das seine Mutter gesagt. Damals, als alles noch schön und gut gewesen war.

Maxl kaute den Käse. Der Alte schwatzte weiter. Daß nicht einer mehr mit ihm spräche. Von weitem würfe man ihm die Pfennige zu. Der aber, der Kleine wäre ganz nahe gekommen. »Putz dir die Nase.« Laut und deutlich hatte er es gesagt. Und richtig freundlich.

Der Alte drehte sich zu Maxl, der sich kratzte, Maxl kratzte sich immer. Das Leben auf der Straße brachte dies mit sich.

Heute war der Alte ärgerlich darüber. Er fand den Tag zu schön dazu. Man rieche schon Frühling durch den schmelzenden Schnee. Und außerdem wären wir hier in vornehmer Stadtgegend.

Das schien richtig zu sein. Hier war gefegte Sauberkeit. Maxl hatte gemurrt, daß kein Abfall zu finden wäre. Für mich selbst existierte damals noch nichts, das nicht in meinem Futternapf lag.

Maxl verachtete mich deshalb. Wir mochten uns gegenseitig nicht leiden. Satt und hungrig verträgt sich schlecht. Aber ich lief doch hinterdrein. Und wenn ich nicht folgte, wartete Maxl auf mich.

An einer Wegecke hörte ich Maxls heiseres Bellen. Ich sprang ihm nach. Ein Schutzmann hatte sich einem Herrn in den Weg gestellt. Er zerrte Maxl, unbesorgt um sein Gekläff, am Halsstrick und untersuchte, ob er Medaillen trage. Er sprach von einer Geldsumme, die zu entrichten wäre.

Der Alte zeterte. Er hätte nichts zum Zahlen. Er lebe nur vom Hunger. Und Maxl auch.

Der Schutzmann antwortete, daß man diesen Kniff kenne. Die Bettler wären die reichsten Leute von der Welt. Keine Steuern, keine Berufsunkosten. Erst vorige Woche habe man bei einer Alten die Matratze mit Gold gepolstert gefunden. Mit Gold, das andre nur vom Hörensagen kannten.

Der Alte schnaufelte, daß dies schon möglich wäre. Weibern wäre alles zuzutrauen. Der Schutzmann habe gewiß auch ein böses Weib. Wäre er glücklich, würde er keinen armen, alten Mann schikanieren. Dann wüßte er bessere Späße. Das wäre es. Sie verstehen alle nicht glücklich zu sein, die Menschen. Darin liegt der ganze Fehler der Weltordnung.

Der Schutzmann schnarrte, daß der Alte die Weltordnung aus dem Spiel lassen solle. Es genüge, wenn er sich um die städtischen Gesetze kümmre. Dreißig Mark wären für Maxl zu zahlen. Er schrieb sich den Namen und den Keller des Alten auf.

Ich langweilte mich. Ich bellte den Schutzmann an. Zur Zerstreuung.

Er machte drei Schritte zurück. Er hörte meine Medaillen klappern, bemerkte Zunge und Zähne und bog in eine Seitengasse ab. Ich folgte ihm ein tüchtiges Stück.

Der Alte war mit Maxl weitergelahmt. Als ich sie eingeholt hatte, saßen sie bei einem Gebüsch, neben dem ein Wasser hinfloß. Weiter drüben war es Eis, war es stumm, hier rauschte es. Man hörte hier keine Schritte, keine Räder, keine Stimmen.

Ich sauste hin und her. Die Erde begann wieder weich zu werden. Sie roch vortrefflich.

Maxl versuchte zu scharren. Er witterte einen Mäusebau. Wir scharrten, daß die Erde flog.

Der Alte sah uns zu. Er murmelte, scharre man wenig, gäbe es nur ein schwarzes Loch. Wer tief zu graben verstehe, käme auf Feuer. Er fragte Maxl, ob er nicht wisse, wer das einmal zu ihm gesagt hätte und wann? Dann stöhnte er wieder: »Zehn mal drei, das ist nicht möglich, zu bezahlen.«

Maxl scharrte und trennte seine Schnauze nicht aus dem Erdloch. So wenig, wie ich die meine.

Der Alte hatte einen Strick aus der Tasche geholt, er knotete ihn um Maxls Hals. Wieder murmelnd, daß zehn mal drei zu viel wäre. Dabei knotete er Steine an den Strick.

Er kramte alles Essen aus den Taschen und teilte es mit Maxl. Er redete fortwährend.

Ich sprang hin und her. Überall war mir seine rauhe Stimme in den Ohren. Einmal hörte ich, wie er sich bei Maxl bedankte, daß er sich nie seiner geschämt und immer zu ihm gehalten hätte. Er müsse ihm nun auch vergeben, wenn er sein Henker werde. Es müsse nun so sein. Dabei knotete er und knotete er. Maxl leckte die Krumen ab, die an den alten, knochigen Fingern kleben geblieben waren.

Ich jagte ein großes Stück fort, einem schnellen Rascheln nachsausend. Es war ein Wiesel gewesen. Wir liefen ein weites Stück Wette. Ich geriet tüchtig in Schweiß. Vielleicht hätte ich es erjagt. Ich habe nie in meinem Leben ein Wiesel fangen können. Aber plötzlich spitzte ich die Ohren. Maxl hatte heulend gebellt, es war etwas im Wasser aufgeschlagen.

Ich jagte zurück. Der Alte und Maxl trieben im Wasser.

Ich sprang ihnen nach. Ich erreichte sie und zerrte aus allen Kräften. Des Alten Rock hielt nicht stand. Ich behielt einen Fetzen im Maul. Ich packte aufs neue zu. Die Kräfte von Steinen und Wasser waren stärker, als die meinen. Ich schluckte Wasser. Angst überfiel mich. Pfiff nicht in weiter Ferne mein geliebter Herr? Ich ließ das schwere Stück aus den Zähnen, es blieb versunken. Ich erreichte wieder festen Boden. Ich jagte naß und heulend durch die Straßen. Man lachte, man schrie hinter mir her. Man fand mich urkomisch.

Sie wittern zu wenig, die Menschen ...

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